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Dialog
mit Karl-Otto Apel
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(c) Sic et Non 1997 - Dialog mit Karl-Otto Apel - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/aktuelles/apel.htm
| Sic et Non: Herr
Apel, in seiner Laudatio auf Sie hat Jürgen Habermas gesagt, daß
Ihr Tonfall in den Auseinandersetzungen mit dem Historismus und mit den
relativistischen Gegenwartstendenzen der Philosophie etwas „schriller"
geworden sei ...
Apel: Wann hat er denn das gesagt? Er hat so manches gesagt ... daran kann ich mich allerdings im Moment nicht erinnern. Welche Laudatio war das? Sic et Non: Das war die Laudatio zu Ihrer Emeritierung, die jetzt erschienen ist.(1) Apel: Ja, das stimmt, das ist gut. Der Tonfall zu Historismus und Relativismus ist schriller geworden. Sic et Non: In dem Aufsatz z. B., der in der Habermas-Festschrift erschienen ist, sprachen Sie im Kontext der gegenwärtigen, relativistisch orientierten Theorien davon, daß die Gefahr drohe, in eine „Barbarei der Reflexion" (2) zurückzufallen oder zurückfallen zu können. Apel: Das ist nun allerdings sehr vieldeutig, denn dieser Vicosche Ausdruck könnte falsch verstanden werden, da ich selbst auch ein Mann der Reflexion bin, mehr sogar als Habermas. Habermas hat gegen mich schon den Vorwurf erhoben, daß ich ein Moment, das zum Zweiten Paradigma gehöre, nämlich zur Bewußtseinsphilosophie, kultivieren wollte, was aber nicht mehr ginge. Das könne man nicht mehr, man könne nicht mehr – bei der Letztbegründung zum Beispiel – mit der Reflexion arbeiten. Ich halte es für ganz absurd zu glauben, daß Reflexion etwas sei, was paradigmenabhängig keine Bedeutung mehr haben könne. Jede Fragestellung bedient sich der Reflexion, und es geht nur auf diesem Weg weiter. Wenn ich bspw. das Wort „nichthintergehbar" verwende – wirklich ein Schlüsselwort für das, was ich mit Letztbegründung und Transzendentalpragmatik meine – dann meine ich damit immer nichthintergehbar für die Reflexion. Insofern ist es etwas zweideutig ... ich weiß nicht, wieso ich das gesagt haben soll, es drohe die „Barbarei der Reflexion". Sic et Non: Wir haben es so verstanden ... Apel: Da denkt man an Vico, und wenn man an Vico denkt, so meinte dieser wirklich, der äußerste Fortschritt im philosophischen Denken und Reflektieren würde dahin führen, daß die Kultur nicht mehr lebensfähig ist und daß man wieder von vorne anfangen müsse, sonst könnten die Menschen nicht mehr leben. Sic et Non: Wir haben es in dem Sinne verstanden, daß pragmatische oder historisierende philosophische Theorien gewisse Formen von Reflexion anwenden, die uns in vergangene Zeiten zurückfallen lassen. Apel: Aber die reflektieren gerade nicht zu Ende, das würde ich ihnen vorwerfen. Ich werfe solchen Theorien wie dem extremen Relativismus, Historismus oder Kontextualismus à la Rorty vor, daß sie sich alle, samt und sonders, in einen performativen Selbstwiderspruch [= p.S.] hineinmanövrieren und auch dort verbleiben, was für mich natürlich eine Sackgasse ist, das Ende der Philosophie. Bei Rorty ist das ganz klar, das ist das Ende der Philosophie. Man hat das vor einigen Jahren schon gesehen, als in Amerika das Buch After philosophy: end or transformation (3) erschien. Das Wort ‘transformation’ bezog sich auf meinen Titel, Transformation, und in diesem Buch war ich der eine Flügel, Rorty war der andere. Es war allen klar, daß er den extremen Pol auf der anderen Seite darstellt, nämlich das Ende der Philosophie, oder „After(-)Philosophy" ... [lacht] Sic et Non: Wieso stimmen sie dem denn zu, was Habermas sagte, daß Ihr Tonfall schriller geworden sei? Apel: Ja, das finde
ich wirklich gut. Deswegen, weil ich empfindlicher geworden bin hinsichtlich
dieser Richtungen. Ich muß das vielleicht etwas ausführlicher
beschreiben: Zunächst wollte ich Historiker werden und habe im Hauptfach
Geschichte studiert. Über die Geistesgeschichte bin ich allmählich
zur Philosophie gekommen und war auch dort zuerst sehr historisch gesonnen,
sehr hermeneutisch. Man hat mich Hermeneutiker genannt, vor allem die Kritischen
Rationalisten, Popperianer wie z. B. Hans Albert – die denken das heute
noch. Aber sie haben es nie ganz begriffen, sie haben nie ganz verstanden,
daß meine eine ganz andere Hermeneutik ist, als die bspw. von Gadamer.
Gadamers Buch Wahrheit und Methode hat mich eigentlich auf einen
neuen Weg gebracht, aber nicht auf den Weg Gadamers. Ich hatte vorher eine
recht ähnliche Position wie Gadamer, z. B. die meiner Habilitationsschrift
(4). Gadamer war davon sehr angetan, und heute kann ich
mir auch sehr gut vorstellen, warum er angetan war. Ich dagegen meine,
daß an dieser Stelle etwas falsch war, das korrigiert werden mußte
– in der Einleitung zu dem Buch. Diesen Weg durfte ich nicht fortsetzen,
den Weg nämlich in den absoluten Historismus.
Sic et Non: Was meinen Sie mit „überholen"? Apel: Irgendwo sagt Gadamer,
daß er Hegels Theorie des Verstehens als Selbstdurchdringung des
Geistes dem Verständnis Schleiermachers, der Verstehen als identisches
Nachverstehen bezeichnet, für überlegen hält. Aber warum
ist das denn so? Wenn es nach Gadamer so ist, warum sperrt er sich denn
gegen Besser-Verstehen, gegen das Besser-Verstehen eines anderen, als er
sich selbst versteht. Und das andere Motiv, das romantische, daß
Verstehen etwas zu tun hat mit dem Bewußtmachen des Unbewußten,
auch das halte ich für sehr plausibel. Ich finde absolut nicht, daß
Gadamer gezeigt hat, warum diese beiden Motive haltlos seien, das Motiv
nämlich, daß man in der Sache weitergekommen ist, und das Motiv,
daß man Unbewußtes bewußt machen kann – was auch noch
Hand in Hand geht. Ich habe das jetzt dramatisiert, aber es war tatsächlich
einer der Punkte, durch die ich dem Relativismus und Historismus gegenüber
ein neues Verhältnis gewonnen habe, das ich mehr und mehr radikalisiert
habe, besonders angesichts dessen, was man in unserer Zeit erleben kann.
Bei uns ist der Historismus und Relativismus im 19. Jahrhundert aufgekommen,
bei Dilthey zum Beispiel, den ich ziemlich genau kenne. Der arme Dilthey
hat sich über den Historismus noch schlaflose Nächte gemacht.
Er hat nicht den Gordischen Knoten durchgeschlagen, indem er z. B. sagte,
man sollte ihn nicht vermeiden wollen, es sei einfach die Bedingung des
Verstehens, daß man völlig geschichtsabhängig ist. Für
Dilthey war das noch ein großes Problem, und ich denke zu recht.
Das Interessante ist, daß wir dieses Historismus-Relativismus-Problem
jetzt weltweit haben. Die meisten anglo-amerikanischen Denker unserer Zeit
– alle Kommunitaristen – sind mehr oder weniger Relativisten, und das geht
auch gar nicht anders, wenn die moralischen Normen abhängig sind von
der Tradition der starken Werte einer partikularen Gemeinschaft – was McIntyre,
Rorty übrigens auch, Charles Taylor, Sandel, auch Walzer, den ich
in Paris kennengelernt habe (seitdem weiß ich, daß es auch
auf ihn zutrifft), behaupten. Daran kann man sehen, wie der deutsche Historismus
in diesem Jahrhundert Schule gemacht hat. Unglaublich! Alle sind Historisten
geworden.
Sic et Non: Etwa weil Sie glauben, daß es gewisse Konsequenzen für unsere Zeit oder für unsere Bewußtseinslage hat? Apel: Ich denke schon,
es hat Konsequenzen. Gestern habe ich nur auf die Konsequenzen im Rahmen
der theoretischen Philosophie aufmerksam gemacht (5),
die natürlich viele kalt lassen könnten – obwohl es für
einen Menschen, der logisch sensibel ist, schon schlimm genug ist, mit
dem p.S. leben zu müssen. Für mich jedenfalls ist das schlimm
– für Nietzsche war das nun gar nichts (... oder doch, es war wohl
schlimm für ihn, vielleicht ist er deswegen wahnsinnig geworden).
[alle lachen] Ja! Ich habe diesen Verdacht ernsthaft. Heute abend
(6) stehe ich vor der Aufgabe, etwas genauer zu
zeigen, daß für die praktische Philosophie, für die uns
jetzt bevorstehende Aufgabe einer globalen und universal-gültigen
Ethik (früher habe ich gesagt Makroethik im Unterschied zu Meso- und
Mikroethik, ich habe die Globalisierung schon 1970 thematisiert), der Relativismus,
den die Kommunitaristen alle bejahen, ein ungeheueres Hindernis ist. Auf
dieser Basis kann man nicht mit Leuten aus Singapur, die die „Asian Values"
in den Vordergrund stellen, oder etwa mit Fundamentalisten islamischer
Spielart diskutieren. Man kann nicht im Weltmaßstab diskutieren,
wenn man – etwa mit Rorty – annimmt, die Konsensbasis für einen Diskurs
sei immer nur die konkrete Tradition, der man angehört. Rorty hat
ausdrücklich behauptet, man könne mit den anderen nur so Gespräche
führen, persuasiv auf sie einwirken, gewissermaßen Propaganda
machen für den ‘american way of life’. Wenn diese aber wegen anderer
Grundeinstellungen nicht mitwollen, kann man sich nach Rorty nur abwenden
und sagen: „they are just mad". Das hat er mehrfach gesagt, weil der einzige
Maßstab, den man hat, eben der der eigenen Tradition sei. Das finde
ich fürchterlich, zu einem solchen Schluß zu kommen, das ist
absoluter Unsinn. Natürlich haben wir einen Maßstab,
der für alle gilt – dazu muß man sich aber zu transzendentaler
Reflexion entschließen, und dies wäre dann für mich ein
Maßstab, der es möglich macht, wenn der andere nur etwas gutwillig
ist, auch einmal mit Chomeini ... naja, ich will nicht sagen, wie weit
das empirisch laufen könnte – aber immer hin, ich will bereit sein,
mit allen möglichen Leuten aus anderen Kulturen zu diskutieren. Daß
es Schwierigkeiten geben wird, darüber bin ich mir als historisch-hermeneutisch
geschulter Mensch natürlich im Klaren. Aber ich von mir aus
würde nicht aufgeben mit dem Satz „they are just mad".
Sic et Non: Nochmals zurück zu Ihrer Theorie. Wir haben da vor allem zwei Probleme mit dem theoretischen Kern Ihrer Philosophie. Eines dieser beiden ist im Grunde genommen die Frage, wie denn die Präsuppositionen und Idealisierungen, die man immer schon anerkannt hat, sobald man einen Diskurs beginnt, „mit der Sprache verwoben" sein sollen, wie Sie schreiben. Wie finden ... Apel: Mich wundert es, daß sie das von mir sagen, eigentlich ist das doch eher die Theorie von Habermas? Sic et Non: Der sagt immer „von Haus aus sprachlich", das hört sich so ähnlich an. Apel: Es gibt einen Unterschied zwischen uns. Daß die Sprache sehr wichtig ist, ist charakteristisch für uns beide, aber ich sage da nicht mehr „Sprachethik", oder „mit der Sprache verwoben" ... Sic et Non: Das ist ein wörtliches Zitat von Ihnen ... (8) Apel: ‘Verwoben’ sage ich oft, aber nicht in dem Zusammenhang, in dem es um Letztbegründung geht. Sic et Non: Aber im Zusammenhang mit den Präsuppositionen. Die transzendentale Funktion der Vernunft als Inbegriff aller Präsuppositionen sei eben nicht präkommunikativ einholbar, sondern ... Apel: Das ist m.E. richtig. Aber lassen Sie mich erläutern, warum ich nicht einfach auf die Sprache zurückgehe. Habermas bringt in den Notizen zum Begründungsprogramm erstens das Argument vom Skeptiker, der den Diskurs verweigert, das angeblich so relevant sein soll, daß wir deswegen die Letztbegründung aufgeben müßten. Zweitens behauptet er, daß Letzbegründung nicht nötig ist. Dann erfolgt schließlich die Wendung zurück zur Lebenswelt, in der schon alles in Ordnung ist. Ein Philosoph muß nur seinen eigenen Unsinn beseitigen, dann ist in der Lebenswelt alles in Ordnung, denn, so ist sein Argument, in der Sprache sei die von ihm entwickelte Universalpragmatik schon angelegt. Das sage ich zwar auch, aber doch nicht in dem Sinne, daß man, wenn die Letztbegründung nicht möglich wäre, jetzt in einem Zirkel zu dem zurückkehren könnte, was man kritisieren wollte und immer noch will. So verstehe ich kritische Theorie: Man war doch aufgebrochen, um die verschiedenen Spielarten der Moral in der Lebenswelt unter Umständen auch kritisieren zu können. Natürlich ist „in" der Sprache richtig, in der Sprache ist das alles angelegt. Aber das ist zweideutig. Es ist doch nicht in dem Sinne angelegt, daß ich dies nun in quasi sozio-linguistischer Weise beschreiben könnte. Das würde zu ganz anderen Ergebnissen führen, in keinem Falle aber zu den idealisierten Strukturen, die Habermas in der Universalpragmatik entwickelt hat. Diese muß man transzendentalpragmatisch auffassen. Inzwischen spricht er nur noch von Formalpragmatik. Und das ist nun von ihm weit gefaßt, als ob man das quasi- deskriptiv aus der Lebenswelt herausfiltern könnte. In der Lebenswelt treffen wir aber auf verschiedene Lebensformen, dort gibt es keine idealisierten Strukturen, es gibt da kein rein strategisches oder rein verständnisorientiertes Handeln. Außerdem hat er auch den riesigen Bereich der Verhandlungen in seinem Buch zum kommunikativen Handeln (9) nicht berücksichtigt. Sic et Non: Die methodische Frage an Sie ist aber doch die: wie finden wir die Präsuppositionen und Idealisierungen, wenn Sie einerseits zwar sagen, daß sie nicht deskriptiv ... Apel: Ja! So eben nicht! Nicht quasi-soziologisch! Sic et Non: Sie behaupten, um sie aufzuzeigen, müssen wir uns zur transzendentalen Reflexion entschließen. Unsere Frage ist, ob diese Präsuppositionen und Idealisierung nicht präkommunikativ, und das heißt bewußtseinstheoretisch eingeholt werden müssen? Diskursiv können wir sie nicht finden, weil man sie in jedem Diskurs, den man über sie führen wollte, schon wieder voraussetzen muß. Anders gesagt: Bedingung und Bedingtes kann nicht ineins, hier in der Sprache, gedacht werden. Es stellt sich dann aber die Frage, woher und wie wir von diesen Präsuppositionen und Idealisierungen wissen? Apel: Wir können im Dritten Paradigma durchaus im Diskurs auf die Strukturen des Diskurses reflektieren. Sie haben es jetzt so gesagt, wie Habermas es sagen würde. Bei Habermas wäre das ein Ausweichen ins Prädiskursive, und dazu würde er sagen, daß das ein Rückfall in die bewußtseinstheoretische Philosophie wäre, so wie bei Fichte oder anderen. Und Sie würden das sogar bejahen? Sic et Non: Ja, wir würden das sogar bejahen. Apel: Und ich sage „Nein"! Das ist ein Mißverständnis, das braucht man nicht, man muß nicht aus dem Diskurszusammenhang heraus, sondern das ist gerade das Dritte Paradigma, die Selbstaufstufung des Diskurses. Die Sprache erlaubt eine Selbstaufstufung, das hat Theodor Litt schon sehr frühzeitig gezeigt. Die Sprache erlaubt, daß man das im performativen Teil der Sätze liegende Handlungswissen (das man explizit machen kann, indem man sagt, ‘ich frage hiermit’, oder ‘ich behaupte hiermit’ etc.) weiterhin explizit machen kann, indem man sagt: ‘dies war eine Frage’, ‘dies war eine Behauptung’. Die Sprache läßt das zu, es gehört zu einer vollständigen Sprache, daß man in propositionale Rede überführen kann, was durch Reflexion auf die eigene Performanz ermittelt wurde. Sic et Non Wenn ich aber sage, ‘dies ist eine Idealisierung", oder ‘dies ist eine Präsupposition’ – worauf reflektiere ich denn, wenn ich dieses herausfinde? Apel: Ich bleibe immer
in der Selbstaufstufung des Diskurses, in dem ich gerade begriffen bin.
Ich muß nicht aus ihm herauszustreten. Es geht nur darum zu sehen,
daß Reflexion nicht herausführt aus dem Diskurs. Natürlich
führt Reflexion zu einer Selbstaufstufung des Diskurses selbst. Ich
war gerade dabei zu erklären, wieso es zu dieser Selbstaufstufung
kommt. Wir bleiben immer in dem Diskurs, in dem wir sind. Ich erkläre
dem Anderen nur, z. B., daß wir zuerst ermittelt haben, daß
er dies oder jenes nicht sagen kann. Er muß erst einmal verstehen,
daß etwas ein p.S. ist. Viele werden das nie zugeben, wenn sie z.
B. sagen, ‘ich habe keinen Geltungsanspruch’ oder ‘ich strebe Dissenz an,
keinen Konsens’. Zumal wenn einer etwas zu seiner These gemacht hat, hält
er eisern daran fest, empirisch ist das meist aussichtslos. Manchmal geht’s
aber auch gut, manchmal ist einer noch offen genug, noch jung genug, und
dann können Sie auch im Diskurs sagen: ‘Das kannst Du nicht sagen.’
Warum nicht? Weil es ein p.S. ist, durch den man aufhebt, was man gerade
behauptet. Wenn ich nun den Gewinn einer solchen Analyse des p.S.s sozusagen
‘heimbringen’ will, dann muß ich eine Aufstufung vornehmen, die so
vorgeht, daß das, was der andere durch blitzartiges Reflektieren
auf seine Performanz eingesehen hat, expliziert wird, und zwar in einer
Weise, die jetzt propositional ist und die höhere Ebenen einnimmt,
von wo aus ich mir dann klarwerde, was ich eben als nichtbestreitbar festgestellt
habe. Das ist deshalb nicht bestreitbar, weil es Präsuppositionen
der Argumentation betrifft, und sowohl die Argumentation als auch die Präsuppositionen
sind nichthintergehbar. Wenn Sie nicht beachtet werden, führt dies
in den p.S. – aber dies alles sage ich schon auf einer sehr viel höheren
Reflexionsebene, ohne dabei jedoch die Selbstaufstufung des Diskurses verlassen
zu haben. Ich habe keinen Rückgang gemacht auf eine Philosophie, die
ich methodisch-solipsistisch nenne. – (Übrigens muß ich nicht
alles verdammen, was aus der Philosophie Fichtes oder Hegels kommt, das
wäre Unsinn.)
Sic et Non: Wir stimmen Ihnen zu. Aber die Frage ... Apel: Das ist für mich der methodische Solipsismus. Den brauche ich nicht wieder einzuführen. Sic et Non: ... die Frage ist dennoch die, wie Sie selber – nähmen wir an, Sie wären der erste gewesen, der die Präsuppositionen und Idealisierungen entdeckt hat – ohne einmal den methodischen Solipsismus vollzogen zu haben, d. h. zumindest einmal von konkreten Diskursen abstrahiert zu haben, auf diese Präsuppositionen und Idealisierungen gekommen sind? Apel: Das tun wir
natürlich immer, wenn wir verallgemeinern! Das ist gerade die Reflexionsaufstufung.
Philosophie tut das immer! Philosophie spricht immer über Sprachspiele
überhaupt oder Sprache überhaupt usw. Das ist ihr
Charakteristikum und zeichnet sie aus vor den anderen Wissenschaften. Dies
ist auch das Problem, was mich am meisten fasziniert: Warum muß die
Philosophie diesen Geltungsanspruch, der sich in solchen „Überhaupt-Sätzen"
ausdrückt, rechtfertigen und wie kann sie das? Diese Reflexionsbewegung
ist für mich zentral. Aber das alles gehört mit zur Selbstaufstufung
des sprachlich-konkreten, argumentativen Diskurses. Ich brauche nie mehr
zurück in die Bewußtseinsphilosophie. Auch nicht zu Fichte.
Sie arbeiten vielleicht über Fichte?
Sic et Non: Wir würden gerne mit einer Frage nach der „faktischen Notwendigkeit", d. h. der Nichthintergehbarkeit der Präsuppositionen, anschließen. Sie sagen, daß man, sobald man einen Diskurs beginnt, diese Präsuppositionen faktisch bereits als anerkannt voraussetze und voraussetzen muß ... Apel: Ich würde – noch radikaler – sagen, daß ich schon das Denken immer als Argumentieren verstehe. Denken ist Denken mit Gültigkeitsanspruch, sonst ist es kein ernsthaftes Denken. Und das hat dieselben Strukturen wie die Argumentation. Wenn ich ernsthaft denke, argumentiere ich schon. Dann teile ich schon diese Strukturen und muß sie auch respektieren. Sic et Non: Soweit würden wir auch zunächst noch mitgehen – wir setzen diese Strukturen faktisch als gültig voraus. Wenn Sie aber diese Strukturen oder Voraussetzungen als „faktische Notwendigkeit" bezeichnen ... Apel: ... das Faktische würde ich hier etwas einklammern. Denn sonst könnte es einer so verstehen, daß auch Hänschen und Frau Müller es faktisch voraussetzen, d. h. daß man es zu empiristisch versteht. Da würden Sie aber Ihr blaues Wunder erleben. Das ist eigentlich eigenartig: sie setzen es voraus. Sie müssen es voraussetzen, wenn sie ordentlich argumentieren. Aber wer argumentiert denn schon ordentlich? [lacht] An diesem Punkt gibt es übrigens riesige Schwierigkeiten. Sie sind hier alle so nett zu sagen, daß Sie da mitgehen, aber das erlebe ich nur selten. Sic et Non: Wir sehen ein – das mit dem ordentlichen Argumentieren ist allerdings ein Problem ... Unseres ist aber noch etwas anders gelagert. Wir stimmen Ihnen insofern zu, als wir zugeben, daß man, sobald man einen Diskurs beginnt, diese Voraussetzungen anerkennen bzw. schon anerkannt haben muß, und erkennen sie auch an. Kann aber daraus, wenn dies als faktische Notwendigkeit bezeichnet wird, ein Sollensanspruch abgeleitet werden? Sobald man einen Diskurs beginnt, muß man die Voraussetzungen schon anerkannt haben, aber wie kommt man von dort zu der Forderung, daß sie auch anerkannt werden sollen? Sie formulieren das immer so schön, wenn Sie von der „Strafe" des p.S. sprechen. Apel: Darin steckt schon die Antwort auf Ihre Frage. Sic et Non: Wie kommt es dazu, daß Sie sagen können, 'Du sollst keinen performativen Widerspruch begehen'? Apel: Ich will das mal dramatisieren. Leute aus der Ecke des Postmodernismus haben oft eine schicke Art, diese Dinge heutzutage anzugehen. Die haben mir den Vorwurf gemacht: „Sehen Sie, Herr Apel, Sie üben Gewalt aus. Sie wollen die anderen zwingen, jetzt danach zu argumentieren. Aber wir sind Lyotard-Leute, wir argumentieren ganz anders. Da gibt es eine Differenz, und die wollen Sie mit Gewalt beseitigen. Sie üben Gewalt auf die anderen aus, wie können Sie denen den Vorwurf machen, daß sie einen p.S. praktizieren? Na und?" Das ist natürlich ein fürchterliches Mißverständnis. Sic et Non: Wir wollen gar nicht aus der Ecke des Postmodernismus argumentieren – da haben wir uns wohl mißverständlich ausgedrückt. Vielmehr geht unsere Frage wieder in die eben schon thematisierte Richtung der Bewußtseinsphilosophie. Diese Präsuppositionen sind doch präkommunikative Ansprüche. Sobald man sagt bzw. fordert, daß man sich nicht performativ selbstwidersprechen soll, ist darin eine Wertsetzung impliziert, ein Wollen. Wir bewerten es positiv, uns nicht performativ selbstzuwidersprechen, und diese Wertsetzung impliziert in sich-nicht-performativ-widersprechen-Wollen. Und dieses Wollen ist doch wohl etwas, das der Sprache vorausgedacht werden muß. Apel: Letztenendes könnte man das schon mit Wert bezeichen ... Sic et Non: Wo kommt dieser Wert her? Apel: Diesen Wert sollte wohl jeder anerkennen, wenn es denn ein Wert ist. Sic et Non: Hier haben
wir es schon wieder: sollte doch jeder anerkennen: woher nehmen Sie das
Sollen?
FORTSETZUNG
(1) Jürgen
Habermas: Ein Baumeister mit hermeneutischem Gespür. Der Weg des
Philosophien Karl-Otto Apel. In: Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen
Ausdruck. Frankfurt/Main 1997, 84-97, hier 96. (zurück)
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