"Sie hatte nur einen rein weiblichen Verstand ..." 

Bedingt die sexuelle Identität den Erkenntniszugang?

 

 von Claudia Altmeyer
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2003) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/aktuelles/weiblichkeit.htm

Zum Thema sexuelle Identität und Erkenntniszugang gibt es eine lange Tradition von Vorstellungen, die beides in einen direkten Zusammenhang stellen. Es fällt dabei auf, dass dieser Zusammenhang, zumindest was die Frau betrifft, meist recht ungünstig ausfällt. Sowohl in populären Vorurteilen – „Frauen und Logik“ – als auch im Denken klassischer Philosophen ist oft eine kategorische Gleichsetzung von Weiblichkeit und mangelhafter Erkenntnis festzustellen. Woher kommt aber diese Geringschätzung, der wir immer wieder begegnen? Es wäre vorschnell und auch sachlich unzutreffend, sie als nur subjektiv oder biografisch motiviert zu verstehen. Damit würden wir etwas verpassen, was eigentlich sehr spannend ist: die philosophische Diskussion von Verstand im Hinblick auf die sexuelle Identität. Denken Männer und Frauen wirklich so unterschiedlich oder interpretieren wir nicht vielmehr Männlichkeit und Weiblichkeit in das Denken hinein?

 

Zwei Frauen, zwei Erkenntniszugänge

 

In den Upanishaden, den Texten der indischen Weisheitslehre, begegnet uns ein Sprecher namens Yajnavalkya, von dem berichtet wird, dass er zwei sehr verschiedene Frauen hat. Sie unterscheiden sich nicht so sehr in Bezug auf ihr Aussehen, ihr Alter, ihre Herkunft oder ihr Temperament, sondern vor allem in Bezug auf ihren Verstand. Nicht, dass die eine dumm wäre und die andere klug – es wird feiner differenziert. Die eine, Maitreyi, „wusste über das Brahman zu reden“, die andere, Katyayani, „hatte rein weiblichen Verstand“.

 

Was bedeutet es, einen rein weiblichen Verstand zu haben? Gehen wir zurück zu dieser Unterscheidung. Es wird klar, dass der rein weibliche Verstand die Kenntnis vom Brahman ausschließt, denn genau dadurch zeichnet sich ja die andere Frau im Gegensatz aus. Brahman aber bedeutet Weltseele, Urgrund, Sein. Das Wissen von und Sprechen über das Sein wird also als Fähigkeit beschrieben, die über den rein weiblichen Verstand hinausgeht. Da die Reflexion über das Sein aber nach Sokrates das erklärte Ziel der Philosophen ist, wäre der rein weibliche Verstand, dem solches verschlossen bleibt, nur zu außerphilosophischen Betrachtungen fähig. Diese Zuordnung bleibt natürlich nicht ohne Folge, denn sie definiert das Philosophieren unmissverständlich als eine Tätigkeit, zu der nur der männliche Verstand fähig ist. Muss die Frau also, jener Aussage nach, in der Philosophie schweigen? Wäre diese Zuordnung gültig, könnte man das natürlich folgern. Ich möchte jedoch zeigen, dass diese Zuordnung bei genauerer Betrachtung tatsächlich keine solche Folgerung zulässt. 

 

Indessen habe ich eine kleine Manipulation des Argumentationsganges unternommen. Von der Bedeutung des Brahman, von der Weltseele, kam ich auf eine allgemein verständlichere Begrifflichkeit wie das Sein zu sprechen und habe es im platonischen Sinne ausgelegt. Das ist nun etwas gewaltsam, denn Platonismus und Brahman-Philosophie stimmen nur teilweise überein und interpretieren sich durchaus nicht gegenseitig. Der Schritt ist dennoch zulässig, wenn man in der Kürze der Darstellung in beide Bereiche nicht allzu tief einsteigen kann, denn als idealistische Weltanschauungen besitzen sie trotz aller Unterschiede eine wichtige Gemeinsamkeit. Idealistische Weltanschauungen gehen von einem überindividuellen Sein aus, das das individuelle zeitigt, sich aber nicht in der Gesamtheit der Individuen erschöpft.

  Die Idee des Menschseins etwa verwirklicht sich in jedem einzelnen Menschen, wird aber nicht durch ihn allein, noch durch die Gesamtzahl der Menschen vollends ausgedrückt. In der Hindu-Philosophie wäre dieses überindividuelle Sein mit dem Brahman assoziierbar, im Platonismus mit der Ideenwelt, der nichtkörperlichen, unbewegten Vollkommenheit der Urbilder, von denen ausgehend alles Vergängliche nur ein Abbild ist. In diesem Verständnis liegt die Zuordnung nahe: der rein weibliche Verstand begreift nicht das Sein im Sinne der Urbilder, sondern kann nur das Vergängliche erfassen. Sowohl in der indischen, als auch in der oder platonischen Aussage wird klar, dass der rein weibliche Verstand nur auf die Kenntnisnahme eines Teils beschränkt ist: den des Abgeleiteten, Vergänglichen, Materiellen.

  

Was ist spezifisch weiblich an einer Erkenntnisart?

 

Es geht auch in der Philosophie nichts über ein gutes altes Vorurteil. Sei es Sokrates über die Jugend – sie ist respektlos und frech und ehrt die ältere Generation nicht – oder der anonyme Hindu-Autor über die Frauen – sie sind oberflächlich, begriffsstutzig und unlogisch.

  Ich habe absichtlich so weit ausgeholt und den Leser nach Indien und in die Antike geführt, um zu zeigen, dass es sich auch bei der Einschätzung des rein weiblichen Verstandes um eine kulturübergreifende und über die Epochen hinweg bestehende Vorstellung handelt. Das tue ich nicht, um dieser Vorstellung Nahrung zu geben und sie voreilig als durch die Geschichte hindurch begründet anzusehen. Wir wissen, Geschichte allein begründet nicht, und es sind oft gerade die schlechtesten Ideen, Denkfehler, Vorurteile und dergleichen, die sich als erstaunlich dauerhaft beweisen. Schopenhauer etwa geht noch weiter und bezeichnet die Geschichte, gewohnt polemisch, als mit Lügen und Irrmeinungen infiziert wie eine „Gassenhure mit der Syphilis“. Keine Meinung könne nur deswegen als begründet angesehen werden, weil sie immer bestand, vielmehr müsse oft das Gegenteil der Fall sein.

 

Dieser kritische Standpunkt gegenüber einer vorschnellen Rechtfertigung von Inhalten, die durch die Geschichte tradiert werden, mag berechtigt sein, doch ist er es gegenüber den Methoden, die zur Inhaltsgenerierung führen, auch? Wir wissen andererseits sehr wohl, dass Vorstellungen, die unabhängig von Kultur und Epoche immer wieder auftreten, gerade durch ihre offensichtliche Zeitlosigkeit etwas über die Art, wie Menschen grundsätzlich denken, aussagen. Und als eine solche Art, wie Menschen über Menschen denken, ist auch die Vorstellung vom rein weiblichen Verstand zu verstehen. Wenn wir die traditionsreiche Vorstellung vom weiblichen Verstand untersuchen, lernen wir dabei, gleichsam als Nebeneffekt, auch etwas über die allgemeine Art, wie Menschen über sich selbst denken. 

  Bevor wir also über die Frage reden können, was spezifisch weiblich an einer Erkenntnisart ist, stellt sich eine allgemeinere Frage: weshalb glauben wir offensichtlich, dass es überhaupt geschlechtsspezifische Unterschiede im Hinblick auf das Erkennen gibt? Was ich eben als Ergebnis der platonischen und indischen Aussage anführte, war doch, dass der weibliche Verstand mit der Erkenntnis des Vergänglichen gleichgesetzt wird. Ist das aber nicht vielmehr ein spezifisch menschlicher Erkenntniszugang? Unsere Alltagswahrnehmung befasst sich doch fast durchgängig mit dem Unbeständigen und Vergänglichen und somit, im idealistischen Sinn, folgerichtig mit außerphilosophischen Fragen. Benutzt man also das Prädikat „weiblich“, um diese im Grunde gar nicht weibliche, sondern allgemein menschliche Erfahrung herabzusetzen? Dieses würde zweierlei voraussetzen: einerseits die Abwertung des Vergänglichen als solchen, andererseits die Abwertung des Weiblichen.

 

Das erste ist in idealistischen Weltanschauungen mit ihrer Höherschätzung des Unvergänglichen grundsätzlich miteinbeschlossen, das andere mag vielfältige persönliche, religiöse oder soziale Ursachen haben. Ich komme noch darauf zu sprechen, doch zuerst will ich wissen, inwiefern die Gegenseite ihre Position behaupten kann. Anders gefragt: können nur Männer  schlüssig über das Brahman oder die Ideenwelt sprechen? 

   Das ist natürlich unbegründet, nicht zuletzt auch mit Blick auf das Beispiel, weil die Fähigkeit der Maitreyi, philosophischen Betrachtungen zu folgen, diesem deutlich widerspricht. Auch Sokrates wird im philosophischen Duell von der weisen Diotima besiegt. Idealistische Weltanschauungen billigen der Frau also die Fähigkeit, zu philosophieren, durchaus zu, doch mit dieser Einschränkung: sie nutzt hierbei nicht den sogenannten weiblichen Verstand. Daraus lässt sich wiederum schließen, dass es mindestens zwei Arten von Verstand gibt, wenn man so möchte: männlichen und weiblichen, der dem Menschen freisteht. Wir sehen auch, dass die Aussage vom weiblichen Verstand lediglich eine Metapher ist und keine direkte, eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht. Nun stellt sich aber die Frage, welchen Sinn die Rede von männlichem und weiblichem Verstand, wenn es keine pauschale Zuordnung ist, überhaupt hat und was genau damit gemeint ist.

 

Weiblichkeit als Metapher für sinnliche Wahrnehmung

 

Wie Menschen über Menschen denken, wird selten so deutlich, wie wenn das Denken selbst Gegenstand der Untersuchung ist. Einige Vorstellungen sind hierbei fast zeitlos, und dazu gehört auch die von einem grundsätzlich geteilten, uneinheitlichen Bewusstsein.

  Sie ist so verbreitet, dass wir ihr in den verschiedensten Bereichen begegnen: in Mystik und Philosophie, in der Psychologie und auch immer wieder in der Poesie. Goethe spricht von den „zwei Seelen“ in seiner Brust, die ihn zu momenthafter Befriedigung einerseits und zu persönlicher Weiterentwicklung andererseits antreiben. Dante unterscheidet zwei Erkenntnisvermögen, ein bewegtes, das nach dem Augenschein urteilt, und ein unbewegtes, das Objektivität fordert. Ob nun auf die Handlungsabsicht bezogen wie bei Goethe oder auf die Wahrnehmung wie bei Dante, deutlich wird überall die Grundaussage: der Mensch ist gespalten, wenn nicht zwiespältig in seiner Art, seine Umwelt zu erfassen und zu gestalten.

 

Diese dichterischen Aussagen stehen jedoch, gewollt oder ungewollt, auf einem philosophischen Grund. Die Vorstellung von einem geteilten Bewusstsein ist primär eine philosophische, um erst später eine dichterische, mystische, psychologische zu werden, denn diese Disziplinen kommentieren oft Philosophie. Die Tiefenpsychologie etwa unterscheidet Animus und Anima in der Seele, Verdichtungen männlicher und weiblicher Eigenschaften mit ihrem ganz eigenen Ausdruck und Erkenntnisvermögen. Diese Ansicht ist jedoch nicht wirklich originell, sondern wurde schon von mittelalterlichen Philosophen vorgedacht.

  Lange vor C. G. Jung unterscheidet Dietrich von Freiberg männliches und weibliches Erkenntnisvermögen und konstruiert daraus eine Einheit, die in der Seele jedes Menschen vorkommen soll. Auch Meister Eckhart spricht vom „Mann in der Seele“ und der „Frau in der Seele“ und meint damit einerseits Vernunfterkenntnis, andererseits sinnliche Wahrnehmung. Im mystisch-scholastischen Verständnis ist die Vernunfterkenntnis das machtvollste Vermögen im menschlichen Bewusstsein, denn hiermit kann Gott erkannt werden. Wenn es also in der biblischen Aussage heißt, die Frauen müssten dem Mann untertan sein, legt Eckhart das in diesem Sinne aus. Die Frauen, sagt er, bedeuten in der gleichnishaften Sprache der Bibel niedere Erkenntniskräfte, und die müssen der Vernunfterkenntnis untergeordnet werden. Die rein an Sinneseindrücke gebundene, oberflächliche Anschauung der „Frau in der Seele“ ist der tieferen Vernunfteinsicht, die der „Mann in der Seele“ bewirkt, an Abstraktion und Reichweite unterlegen und wird deshalb geringer geschätzt. Wir sehen also, auch hier wird eine Gleichsetzung von als männlich bezeichneter Vernunft und der Erkenntnis der Wahrheit, sei sie im Erkennen von Gott, Ideenwelt oder Brahman verwirklicht, vollzogen.

 

Dem liegt ein typisch idealistischer Gedankengang zugrunde, wie ihn auch Platon formuliert: erkennen kann man nur das, was einem ähnlich ist, weil es einem ähnlich ist.

  Die christliche Theologie – und Mystik – zieht eine direkte Verbindungslinie zwischen dem männlich gedachten Schöpfergott und der männlich benannten Vernunft, die ihn erkennen kann. Die weibliche Erkenntniskraft ist also nicht gottähnlich in dem Sinne, dass sie Gott erkennen könnte. „Daz niht waz gôt“, das Gottunähnliche, wie Eckhart sagt, wird vor allem aufgrund seiner mutmaßlichen Verschiedenheit vom göttlichen Ursprung als minderwertiges Sein verstanden. Da dieser Ursprung nicht nur als allmächtig, sondern auch als allwissend gedacht wurde, war das ihm Unähnliche natürlich auch entsprechend erkenntnisschwach. Auch in außerchristlichen Systemen wird Schöpfertum, Vernunft und Männlichkeit oft verbunden und mit Zerstörung, Irrationalität und Weiblichkeit konterkariert

 

Empirische Gegebenheit oder metaphysische Spekulation?

 

Hierin liegt auch die Wurzel der Abwertung der Frau, die im Denken vieler Philosophen auftritt, und deswegen sind gegenwärtige Versuche, den sogenannten weiblichen Verstand aufzuwerten, oft zu vordergründig. Metaphysiker und Empiriker reden, wie so oft, aneinander vorbei: ein Schöpfungsgleichnis ist keine soziale Realität, eine poetische Redeweise keine politische. Machen wir uns nochmals bewusst, dass diese Redekonvention nur vor einem idealistischen Hintergrund denkbar ist. Es gibt kaum eine außeridealistische Abwertung eines Geschlechtes, oder eines angenommenen Geschlechtscharakters als solchem.

  Selbst Nietzsches spöttische Ausbrüche gegen den intellektfernen Charakter der Frau tragen, so ungern er das als Nihilist hören würde, einen idealistischen Zug, denn er betrachtet sie als stabile Grundeigenschaft des Weiblichen überhaupt. Diese Auffassung ist in ihrem Anspruch auf Allgemeinheit und zeitlose Gültigkeit aber keine empirische, sondern eine metaphysische und reicht demnach bis zur Diskussion des Ursprungs des Seins zurück. Wird dieser Ursprung nun als männlich verstanden oder mit männlicher Erkenntniskraft assoziiert, was bleibt dann für das Weibliche anderes als die zweite Rolle, das Abgeleitete, Unähnliche, Mindere? 

 

Ein altes Vorurteil, sei es Sokrates´ Meinung über die Jugend oder jene verbreitete Meinung über den weiblichen Verstand mag jedoch noch so griffig sein, es hält sich nicht, wenn es in unserer Erfahrungswelt keine Bestätigung findet. Obwohl wir inzwischen etwa wissen, dass männliche und weibliche Gehirne strukturell und funktionell grundsätzlich gleich sind, stellen wir im Alltag doch auch oft fest, dass Männer und Frauen ihre Erkenntniskraft unterschiedlich benutzen. Diese Tatsache nährt natürlich eine pauschalisierende Auffassung und lässt die Frage aufkommen, inwiefern nicht doch ein bestimmter Erkenntniszugang direkt der sexuellen Identität entspricht. Eine Übereinstimmung bedeutet jedoch noch keine Verursachung: es mag zutreffen, dass viele Frauen gewohnheitsmäßig anders denken als Männer, doch das muss nicht (allein) durch ihr biologisches Geschlecht verursacht sein.

  Die heutige Gender-Debatte betont genau diese Problematik: Geschlecht ist weniger eine biologische Gegebenheit, als vielmehr ein kulturelles Konstrukt. Man wird von der Kultur zu Mann oder Frau gemacht – und gedacht – und viel weniger durch die Biologie. Eine philosophische Tradition sagt hierzu, dass es sich bei den feststellbaren Unterschieden im Denken um Tendenzen handelt, die in erster Linie durch die Erziehung bedingt sind.

 

Schon die Scholastiker Dietrich von Freiberg und Eckhart verstehen, wie erwähnt, Männlichkeit und Weiblichkeit als Metaphern für verschiedene Erkenntniszugänge, die in jedem Menschen wirksam sind. Der Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Verstand liegt für sie lediglich in der Gewichtung der beiden Zugänge. Sie gehen davon aus, dass die Frau den weiblichen Verstand gewohnheitsmäßig stärker gewichtet, ebenso wie der Mann den männlichen, dass beide jedoch grundsätzlich über beides verfügen.

  Da nun beide Erkenntniszugänge in jedem Menschen, unabhängig von seinem Geschlecht, vorhanden sind, was ist über ihr Zusammenwirken gesagt? Kann man es willentlich beeinflussen? Die letzte Frage ist natürlich interessant für jeden, der sich im Philosophieren übt. Die genannten Beispiele zeigen ja gerade nicht, dass Philosophie eine Männerdomäne, sondern eine Domäne für „männlich“ Denkende ist, was wiederum die Frage aufwirft, inwiefern jeder von seiner Vernunfterkenntnis stärkeren Gebrauch machen kann.

 

Die politische Bedeutung „weiblichen“ Denkens

 

Eine Antwort hierauf ist mehr als zweitausend Jahre alt, klingt aber recht modern. Platons Idealstaat sieht eine Kollektiverziehung vor, die Jungen und Mädchen sehr früh von ihrem Elternhaus trennt und ihnen ohne Hinsicht auf das Geschlecht dieselbe Erziehung und Bildung zukommen lässt. Die besonders Begabten sollen später gleichberechtigt zu Würden und Ämtern, in alle Berufe und in die Politik zugelassen werden. Hiermit macht er aber auch die politische Aussage, dass ohne Koedukation und familiäre Unabhängigkeit sowie konsequente Begabtenförderung die Frauen nicht über das sinngebundene, asynchrone weibliche Denken hinauswachsen und Bürger im vollen Rechtssinne werden können.    

  Außerhalb von Platons Idealstaat erzogen und ausgebildet, können wir natürlich nicht den Beweis erbringen, ob und inwiefern die Zuordnung von Erkenntniszugängen und sexuellen Identitäten tatsächlich kulturell bedingt ist. Wir führen heute einen Grabenkrieg auf nur oberflächlich ergründetem Gebiet: die einen polemisieren über den weiblichen, die anderen, zahlreicher werdenden, über den männlichen Verstand und seine Auswirkungen.

 

Über die (Dis-)Qualifikation des weiblichen Verstandes haben wir schon viel gesprochen. Was ist aber dem männlichen vorzuwerfen? Der männliche Verstand, sagen seine Kritiker, ist logosnah, zweckrational, linear, technisch orientiert. Das sind seine Stärken und gleichfalls auch seine Schwächen. Eine hochtechnologisierte Kultur wie unsere ist demnach vom männlichen Verstand dominiert; ein Monopol, das verheerende Auswirkungen auf die Umwelt, die sozialen Bezüge und den Einzelnen haben kann. Dieses moderne Verständnis von Männlichkeit kommt unscheinbar daher und ist doch eigentlich hochinteressant. Philosophiegeschichtlich betrachtet, ist sie eine unerhörte, eine ganz spannende Neuerung.  

  Der männliche Verstand wurde jahrtausendelang als übergeordnet, umfassend und wertiger angesehen, weil sein Abstraktionsgrad als höher angesehen wurde. Nun ist die technische Vernunft, wie sie Aristoteles nennt, aber gerade nicht umfassend und abstrakt, sondern im Gegenteil detailorientiert und konkret. Sie ermöglicht die Erörterung von Funktionsfragen: wie funktioniert es? Ihr Gegenpart, die praktische Vernunft, ermöglicht die Erörterung von Sinnfragen: warum ist es da? Die technische Vernunft wäre nur in der Lage, zu verstehen, wie etwa ein Krieg entsteht, aber nicht, den moralischen Sinn des Krieges zu erörtern. Sie ist der Wegbereiter der Wissenschaften, die praktische Vernunft aber ist parawissenschaftlich, technologiekritisch, philosophisch. Aristoteles schätzt die praktische Vernunft natürlich höher, denn die großen Fragen der Philosophie, wie die nach Sein, Sinn, Recht und Verantwortung, können nicht aus einem rein funktionellen Verständnis heraus beantwortet werden. Jene philosophischen Fragen und die praktische Vernunft als das sie erschließende Vermögen wurden jedoch, wie wir gesehen haben, traditionell männlich assoziiert.

 

Wenn ein Gegenwartsphilosoph wie Mittelstrass nun dazu auffordert, das Monopol der technischen Vernunft zu kritisieren, wendet er sich dadurch eben nicht gegen die Vormachtsstellung dessen, was traditionell als männlich bezeichnet wurde. Entgegen einer geläufigen feministischen Ansicht krankt die Gesellschaft heute richtiggesehen nicht an zuwenig, sondern an zuviel so verstandenem weiblichen Verstand: die technische Vernunft hat die praktische vielerorts in die Schranken gewiesen, und nicht, wie es Aristoteles gern sehen wollte, umgekehrt. Dabei wird ein systematischer Zusammenhang deutlich, der die Zuordnung von Männlichkeit und Weiblichkeit zu Erkenntniszugängen bestimmt.

  Männlichkeit im Denken ist, wie es die heutige Auslegung als zweckrationale Pragmatik und damit der Bruch mit einer langen Deutungstradition nahelegt, offensichtlich keine Konstante. Wenn Männlichkeit sogar radikal umgedeutet werden kann – von praktischer zu technischer Vernunft – dann ist sie eine Variable. Wie diese Variable nun aber inhaltlich gefüllt wird, lässt einen provokanten Schluss zu. Als männlich scheint grundsätzlich das zu gelten, was innerhalb einer Gesellschaft den höchsten Status besitzt: früher künstlerische Produktion, Sinnfragen und Gesinnungsethik, heute Technik, Funktionsfragen und Zweckrationalität. Als weiblich wird im Gegensatz dazu das bezeichnet, was weniger anerkannt wird. Wird also ein bestimmter Erkenntniszugang nicht deshalb kulturell tonangebend, weil er als männlich interpretiert wird, sondern wird er als männlich interpretiert, weil er kulturell tonangebend ist?

 

Weiterführende Literatur

  ·        Hans-Georg Gadamer (Hrsg.): Aristoteles, Nikomachische Ethik VI. Klostermann Texte Philosophie Frankfurt 1998

  ·        Jürgen Mittelstrass: Die Leonardo-Welt. Über Wissenschaft, Forschung und Verantwortung. Suhrkamp Frankfurt 1996

  ·        Gerhard Wehr: Meister Eckehart mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Hamburg 1989