Jeanne
Hersch:
Gut,
also fangen wir an.
Sic
et Non:
Zunächst
vielen Dank dafür, daß Sie sich Zeit nehmen, mit uns zu sprechen.
Wir würden gerne, wenn Sie damit einverstanden sind, zunächst
mit Ihnen über Karl Jaspers diskutieren, anschließend über
die Bereiche Existentialismus/Idealismus, über praktische Freiheit
oder gegenwärtige philosophische Strömungen und zuletzt über
gegenwärtige gesellschaftliche, politische oder rechtliche Probleme.
Stört
es Sie, daß Sie immer als Jaspers- "Schülerin" bezeichnet werden?.
Jeanne
Hersch:
Das
stört mich überhaupt nicht. Ich hoffe, daß ich eine
treue Jaspers-Schülerin bin, das heißt jemand, der durch Jaspers
zur echten philosophischen Kommunikation geweckt wurde. Ich bin dafür
dankbar, daß es bei ihm nicht nur eine objektive, sachliche, gegenständliche
Sicherheit gibt, sondern auch eine existenzielle, die darin beruht, daß
der Mensch sich ihr verpflichtet und von ihr verändert und getragen
wird. Eigentlich bedeutet es, daß Existenz Klarheit liebt, als Gegenwart
des Seins. Leute verstehen mehr oder weniger, man versteht selbst immer
relativ wenig, und man freut sich über das, was man versteht, denn
es könnte sein, daß man überhaupt nichts versteht. Es ist
sehr kompliziert, sich ein Bild von dem Menschen in seiner Wirklichkeit
zu machen, adäquat zur Wirklichkeit. - Es stört mich keineswegs.
Außerdem
bin ich sehr froh, daß Sie Jaspers erwähnen, denn Jaspers ist
jemand, der für mich die Klarheit bedeutet. Jaspers ist wirklich ein
Philosoph, der restlos klar ist. Hannah Arendt schreibt einmal in
einem ihrer Bücher, daß Jaspers eigentlich die Helle selbst
war, und das stimmt. Er ist nicht jemand, der nachträglich sein Denken
mit einer bestimmten Helle schmückt. Vielmehr ist er jemand, der die
Klarheit so liebt, daß er sich keiner Illusion hingibt. Klarheit
ist Vorbedingung für Wahrheit und Ehrlichkeit. Es ist die Evidenz
der Klarheit, und diese Erfahrung der Klarheit hat man immer wieder gemacht,
wenn man bei Jaspers studierte. Es ist nicht eine Magie oder so etwas,
sondern einfach die Sache selbst in ihrer Nacktheit.
Als
Sie vor diesem Gespräch von Kant gesprochen haben, hat mir das sehr
gut gefallen, denn über Kant sagte Jaspers dasselbe. Er sagte, daß
man bei Kant die Klarheit selbst habe. Sie ist da, vor dem denkenden Geist;
man sieht sie. Man braucht keinen Beweis zu führen, den Beweis
sieht man, er ist da..
Sic
et Non:
Würden
Sie denn sagen, daß das ...
Jeanne
Hersch:
...
durchsichtig ...
Sic
et Non:
...
daß das für den Begriff der Schülerin schon ausreicht,
wenn Sie die Klarheit an Jaspers fasziniert? Andere Philosophen könnten
Sie faszinieren, und trotzdem würden Sie sich nicht deren "Schülerin"
nennen. Was macht das Spezifische der Schülerin aus?
Jeanne
Hersch:
Die
Klarheit ist nicht der Grund des Schülersein - aber sie bewirkt ein
Zutrauen, ein restloses Mitdenken. Das klare Denken verpflichtet. Es ist
auch nicht begrenzend. Ich kenne auch dank Werken der großen Tradition
diese Art des wunderbaren Mit-denkens in den Tiefen - solche Lehrer sind
uns von der Tradition geschenkt. Wir bemühen uns weiter mit ihnen
um den philosophischen, klaren Sinn.
Ich
glaube, daß man in der Philosophie keine andere Waffe hat als die
Klarheit. Die Klarheit ist die einzige, wortwörtliche Lösung
für alles, was in der Philosophie nie ganz klar wird. Man weiß
aus Erfahrung, wenn man philosophiert hat, daß man nicht alles sagen,
nicht alles verstehen, nicht allem bis auf den Grund gehen konnte, daß
irgendwo wieder die Nacht herrschte. Aber die großen Philosophen,
die ganz großen - und von denen ist, glaube ich, Kant wirklich der
größte - dulden das nicht passiv. Sie bemühen sich weiter
um den philosophischen Sinn, der da verborgen bleibt.
Sic
et Non:
Was
verstehen Sie unter Klarheit? Gerade Kant ist zum Teil auch Dunkelheit
vorgeworfen worden, schon von seinen Zeitgenossen.
Jeanne
Hersch:
Die
Dunkelheit ist nicht das Gegenteil der Klarheit, glaube ich. Wenn man die
schwierigen Philosophen studiert, entdeckt man immer mehr, daß sie
gerade mehr Klarheit dorthin bringen, wo man dachte, vor der Dunkelheit
zurückzuschrecken. Die Nacht hat eine Tiefe.
Sic
et Non::
Sie
meinen Klarheit in Bezug auf den Gedankengang?
Jeanne
Hersch:
Ja,
ich meine die Gedankengänge, die philosophischen Gedankengänge,
die verschiedene Formen haben, die sich manchmal am Ende selbst fressen,
nicht wahr, sich selbst schlucken. Wenn man sieht, wie sie sich selbst
schlucken, wie sie in ihrer Suche verschwinden, entdeckt man manchmal,
was wirklich darin passiert. Es ist nicht so, daß man sagen
könnte, dies oder jenes sei eine klare Entwicklung. Nein. Das versteht
man, kann man manchmal sagen, wenn man sehr Acht gibt und merkt, was man
durchläßt. Man versteht, warum man das durchlassen muß
und warum das auch zur Klarheit gehört. Warum man es nicht greifen
kann, wenn man es nicht offen und klar am Anfang oder am Ende entdeckt.
Es gibt verschiedene Sorten von Klarheit in der Philosophie. Es gibt in
der Philosophie manchmal Dinge, die einem - wie die Nacht in der Malerei
- etwas zeigen, woran Sie zwar nicht zweifeln können, woran Sie die
Artikulationen genau sehen, die aber trotzdem verborgen sind. Es liegt
nicht immer auf dem Tisch ...
Sic
et Non:
...
bewiesen oder argumentiert ...
Jeanne
Hersch:
...
bewiesen oder gezeigt oder gesehen, nicht wahr? Aber man muß wissen:
Ist das so ein Fall, wo das so bleiben soll und wo man das als solches
begreifen muß? Philosophie hat wirklich etwas mit Dunkelheit zu tun.
Sic
et Non:
Meinen
Sie mit Dunkelheit die unmittelbare Evidenz, eine Evidenz, die nicht mehr
demonstriert werden kann?
Jeanne
Hersch:
Ich
meine mit Dunkelheit eine erlebte Evidenz, eine Denkerfahrung, die
zur Philosophie gehört, und die uns etwas über unsere eigene
Gegenwart in unserem Denken zeigt.
Sic
et Non:
Das
ist Dunkelheit? Dunkelheit ist die unmittelbare Evidenz? Im Gegensatz
zu dem, was demonstriert werden kann?
Jeanne
Hersch:
Sie
kann das sein. Es kann sein, daß das Logische, die logische Evidenz,
in eine Richtung geht, und daß eine andere Evidenz, die auch mitspielt
und wodurch man versteht, warum sie so ist und nicht anders, die Nacht
in einem bestimmten Sinn wiederholt.
Sic
et Non:
Wieder
- holt?
Jeanne
Hersch:
Wiederholt.
Répéter.
Sic
et Non:
Man
kann wiederholen auch als zurückholen verstehen.
Jeanne
Hersch:
Ja
natürlich. Es gibt alle möglichen Weisen.
Sic
et Non:
Also
glauben Sie, daß nicht der Gedankengang von Jaspers die Klarheit
war, sondern das, was die großen Philosophen oder Jaspers zu denken
versuchten? Was dunkel ist. Die Sache also, die gedacht werden soll,
ist dunkel.
Jeanne
Hersch:
Je
nachdem. Ich kann dafür keine Regel angeben. Es kann eine Stelle im
Werk sein, die begünstigt worden ist, an der Jaspers etwas sehr Wesentliches
beobachten und wo er ins Dunkle hineingehen konnte, so daß das eine
der schönsten Stellen ist, die es bei ihm gibt, nicht wahr? Das kann
sein. Aber es ist immer ein Plus an Klarheit. Ein Plus an Klarheit - das
bedeutet nicht, daß man die Freiheit verliert abzulehnen. Man kann
ablehnen. Aber man hat einen Weg verstanden, den Jaspers erhellt.
Er braucht dieses Wort, das für ihn sehr wichtig ist: Erhellen.
Sic
et Non:
Ist
das z.B. bei Heidegger auch der Fall? Konnte man Heidegger ablehnen?
Jeanne
Hersch:
Ja
natürlich kann man Heidegger ablehnen.
Sic
et Non:
Wenn
wir Sie richtig verstanden haben, sagten sie doch, daß gerade das
an Jaspers besonders ist, daß man "ja" oder "nein" sagen kann, daß
man dieses Dunkle immer noch ablehnen kann. Es soll keine Suggestion sein,
sondern ...
Jeanne
Hersch:
...
es kann beides sein. Bei Heidegger haben Sie beides.
Sic
et Non:
Bei
Jaspers nicht?
Jeanne
Hersch:
Bei
Jaspers ... ich glaube nicht. Ich kann mich jetzt im Moment nicht erinnern,
daß er irgendwo in der Dunkelheit des Verstehens einen Vorwand gebraucht
hätte, um ein Entgegenkommen von dem anderen zu bewirken. Das ist
gerade keine Technik des Verstehens oder des Unterrichtes bei ihm. Er bemüht
sich immer um Klarheit.
Sic
et Non:
Aufrichtig
und nicht strategisch.
Jeanne
Hersch:
Aufrichtig,
genau. Das ist wichtig. Aufrichtig und nicht strategisch.
Sic
et Non:
Würden
Sie Heidegger vorwerfen, daß er strategisch war?
Jeanne
Hersch:
Strategisch
... ich glaube, er ist es manchmal. Heidegger ist strategisch. Ich habe
einmal geschrieben und würde es wieder schreiben, daß Heidegger
jemand ist, der die Macht genießt. Er liebt die Macht, er liebt zu
zwingen. Ich habe mehrmals erlebt, wie er sich mehr Mühe gemacht hat
zu zwingen, als zu überzeugen. Er will nicht Recht haben, er will
der Sieger sein. Das gehört zu seiner Wahrheit. Seine Wahrheit soll
meine Wahrheit werden.
Sic
et Non:
Will
er unterwerfen?
Jeanne
Hersch:
Ja!
Sic
et Non:
Also
ist Heidegger jemand, der nicht aufrichtig ist, weil er die Philosophie
zu seinen eigenen Zwecken strategisch einsetzt.
Jeanne
Hersch:
Meiner
Ansicht ja. Kierkegaard, nein, Heidegger ist sehr verschieden, je nach
den Situationen und Dingen, die er sagt. Immerhin: Er hat manche Gewohnheiten.
Die Gewohnheit zu zwingen, die Erfahrung des Zwingens durch einen Gedanken
oder durch eine Erfindung seines Geistes ist für ihn viel, viel tiefer,
als die Erfahrung eines wirklich reinen Gedankens. Er hat kein reines
Denken.
Sic
et Non:
Sie
würden ihm vorwerfen, daß es ihm nicht wirklich um die Sache
geht in dem, wie er spricht.
Jeanne
Hersch:
Ja,
das würde ich ihm vorwerfen.
Sic
et Non:
Und
damit würde er im Gespräch auch die Freiheit des Gegenüber
nicht gelten lassen - das, was Sie an Jaspers so schätzen?
Jeanne
Hersch:
Natürlich.
Diese Art Durchsichtigkeit, die Jaspers instinktiv sucht wie die Luft der
Vernunft, die größte Durchsichtigkeit, die man erfahren kann.
Man macht bei Jaspers die Erfahrung, die Hannah Arendt beschreibt. Jaspers
war die Helle selbst.
Sic
et Non:
Aber
ist diese Helle - oder die Wahrheit - ist sie nicht selbst auch zwingend?
Könnte es nicht sein, daß Heidegger auf der einen Seite die
Erfahrung gemacht hat, gezwungen zu werden von dem, was er versucht zu
sagen, und dabei die Freiheit nicht mehr bedenkt, hingegen Jaspers die
Freiheit eher ...
Jeanne
Hersch:
Sie
berühren hier einen ganz wichtigen Punkt, besonders für die Existenzphilosophie.
Sie wollen in der Philosophie die Wahrheit als eine Notwendigkeit ihrer
Freiheit erfahren, und nicht als Zwang oder als Macht ihrer Ausdrucksbegabung.
Es ist möglich, daß die Erfahrung des Unterrichts der Philosophie
bei Heidegger so ist, wie Sie sagen. Wenn es aber so ist, wie Sie sagen,
erfährt man dabei gar nicht dieselbe Helligkeit, wie bei Jaspers.
Es sind nicht alle Philosophen gleich. Heidegger ist begabt, Formeln zu
finden, die unerwartet sind, die plötzlich erwecken und etwas schauen
lassen, das man sonst nicht gesehen hätte. Das gibt es auch bei Heidegger.
Ich sage nicht, daß seine Worte nichts schöpferisches haben.
Sie haben etwas schöpferisches, aber nicht die Helle der Wahrheit
für die Freiheit.
Sic
et Non:
Ähnlich
also, wie Jaspers später an Heidegger geschrieben hat, daß Heidegger
nicht die Freiheit bedenkt, sondern ein ästhetisches Empfinden im
Leser hervorrufen will, und nicht zum Selbstdenken, zur Freiheit anleitet?
Jeanne
Hersch:
Ja.
Ich habe Kierkegaard, ... ach, Heidegger gehört, und das war immer
auch mein Eindruck.
Sic
et Non:
Wäre
der Gegenbegriff zu Klarheit dann Suggestion? Oder Vieldeutigkeit?
Jeanne
Hersch:
Ich
zögere, es so zu reduzieren, denn wie sie es sagen, wäre es reduzierend,
nicht wahr? Es ist reduziert auf Suggestion. Ich neige dazu, das zu glauben,
aber ... man könnte netter sein. Man könnte annehmen, daß
da ein anderer Geist wirkt, eine andere Möglichkeit. Er kann jemandem
durch sein Talent in Erfindung von Ausdrucksweisen philosophische Erfahrung
verschaffen. Er kann auch verführen. Ich bin überzeugt, daß
Heidegger Macht lieber hat als Wahrheit für Freiheit.
Sic
et Non:
Glauben
Sie das auch unabhängig von Ihrer Erfahrung sagen zu können?
Müßte das also auch für uns, die Heidegger nur noch lesen
können, erkennbar sein? Müßte das auch in den Schriften
zum Vorschein kommen?
Jeanne
Hersch:
Ich
glaube, daß Sie, wenn Sie aufmerksam lesen, die Tricks erkennen werden.
Denn es gibt Tricks darin.
Sic
et Non:
Aber
es ist eigentlich keine Kritik am Inhalt, sondern an Heideggers Auftreten,
sei es authentisch oder in Büchern, also eine Kritik an der Form,
an seiner Intoleranz?
Jeanne
Hersch:
Nicht
nur. Ich glaube, er hat eine Liebe für eine bestimmte Art von Walpurgisnacht,
wo die Gewitter die Dinge schmücken. Das gibt es bei ihm. Diese Kürzungen,
diese Vergewaltigungen fast. Während Jaspers ruhig erklärt und
vorschlägt. Jaspers war heiter, weil er zur Freiheit sprach. Wissen
Sie, wie ich zu Jaspers kam? Ich begegnete einem Mädchen in der Mensa,
und sie fragte mich, ob ich bei Jaspers war: Gehen sie mal hin, das ist
interessant. Ich war 20 Jahre alt, konnte schlecht Deutsch. Am Nachmittag
bin ich hingegangen, setzte mich in dieser alten Aula, wo er las, in der
alten Universität, in einem Fenster, und wartete. Und er kam. Und
dann machte er die Geste, mit der er an die Freiheit appelierte [Segnungsgeste].
Das ist für mich immer wie ein Zeichen der Klarheit geblieben.
Sic
et Non:
Diese
Handbewegung? |
 |
Jeanne
Hersch:
Ja.
Und was dazu gehörte.
Sic
et Non:
Sie
haben ein paar Mal versehentlich Kierkegaard erwähnt statt Heidegger.
Bevor wir vielleicht auf den Idealismus und den Unterschied von Existentialismus
und Idealismus zu sprechen kommen: Wie stehen Sie zu Kierkegaard? Eher
negativ?
Jeanne
Hersch:
Ich
glaube das ist eine einfache "Ansteckung" von "k". Für mich im französischen
Sprachgefühl gibt es „Heidekker" und Kierkegaard - das ist irgendwie
akkustisch bedingt. [lacht]
Sic
et Non:
Sie
haben die Unterschiede aufgezeigt zwischen Heidegger und Jaspers - aber
sie sind doch alle, auch Kierkegaard, als Existentialisten bezeichnet worden.
Was halten Sie von diesem Begriff? Heidegger, Jaspers, Kierkegaard - sind
das Existentialisten?
Jeanne
Hersch:
Existentialismus
- das ist ein sehr ungenauer, kein klarer Begriff. Aber es gibt einen Kern
des Begriffs, und der Kern des Begriffs ist derjenige, glaube ich, den
ich beibehalten habe in einem Buch über die Geschichte der Philosophie,
eine Einführung ...
Sic
et Non:
„Das
philosophische Staunen"?
Jeanne
Hersch:
Philosophisches
Staunen, ja, danke. „Das Philosophische Staunen". Warum habe ich das Buch
„Das Philosophische Staunen" geschrieben? Im Grunde ist das eine Einführung
in die Philosophie. Was mir wichtig war, war nicht die Lehre der verschiedenen
Philosophen, sondern ich war vielmehr fest davon überzeugt, daß
das Wichtigste bei jedem Philosophen - umso größer er war, desto
wahrer war er - seine Fähigkeit ist, sich selbst und seiner Welt im
Denken treu zu bleiben. Es hat mir Freiheit und Sinn des Lebens
und der Welt zu tun. Ich glaube nicht, daß die Philosophen
im großen Ganzen sich auf etwas Sachliches verlassen können,
wie etwa Chemiker. Philosophen arbeiten gar nicht auf dieselbe Art und
Weise. Was sie suchen, ist eine bestimmte Treue des Gedankens. Und die
bestimmte Treue des Gedankens ist nicht dasselbe wie die Treue des Verstehens
im sachlichen Sinn. Ich glaube, jeder Philosoph, der wirklich ein Philosoph
ist, läßt seinen Leser manche Gedanken und Haltungen versuchen
und vollziehen, die seine Freiheit vervielfältigen und vertiefen.
Er zwingt sie zu einem bestimmten Tanz, wenn Sie wollen. Er zwingt Sie,
geistig etwas zu vertiefen. Die Philosophen sind so. Sich vorzustellen,
sie seien Tänzer, scheint wenig seriös, aber sie sind seriös.
Ich glaube z.B., der Unterschied zwischen Plato und Aristoteles - die Differenz
zwischen den beiden - ist etwas sehr Wesentliches. Es ist eine andere Weise,
Mensch zu sein. Ich glaube, daß die Philosophien dies ausdrücken.
Sic
et Non:
Die
jeweilige Existenzweise?
Jeanne
Hersch:
Die
jeweilige Existenzweise. Die Art, wie sich das vertieft und wie man dem
treu bleibt. Wie man einem Gedanken treu bleibt. Es hat viel mehr mit Ehrlichkeit
im Sinne der Treue zu tun, als mit der Art von Ehrlichkeit, die ein Botaniker
hat. Das ist eine andere Art des Arbeitens.
Sic
et Non:
Meinen
Sie, daß die Existentialisten darin übereinkommen, eine bestimmte
Exitenzweise beachtet zu haben.?
Jeanne
Hersch:
Ja,
einen Modus, könnte man sagen. Das war meine Antwort auf Ihre Frage.
Ich glaube wirklich, daß Existentialisten, die wirklichen Existentialisten,
Leute sind, die für eine Art des Lebens ansteckend sind.
Sic
et Non:
Ansteckend
für eine Art des Lebens?
Jeanne
Hersch:
Ansteckend
für die anderen, für die Leser, für die Schüler. Damit
der Leser ernster selbst mit auf dem Spiel steht. Wenn Sie z.B. die Plato-
und die Aristotelestexte lesen - dort fällt es auf, wie sehr sie Nachdruck
darauf legen, daß man so antworten soll. Es ist nicht eine bestimmte
Antwort, es ist diese Antwort.
Sic
et Non:
Da
legt sich eine Identifikation nahe: Sie unterscheiden die Philosophie in
Ihrem Sinne, die Existenzphilosophie, von der Botanik oder der Chemie,
insofern die Botanik oder Chemie Faktenwissen produziert, oder allgemein
gesagt, überhaupt auf Fakten geht, und die Philosophie nicht. Es gibt
aber auch eine andere Tendenz in der Philosophie, die idealistische. Hat
nicht die idealistische Philosophie denselben Anspruch wie der soverstandene
Existentialismus, nämlich nicht auf Fakten zu gehen, sondern normativ
auf Ideale zu reflektieren? Worin besteht der Unterschied zwischen dem
sogenannten Idealismus - als Strömung - und dem von Ihnen dargestellten
Existentialismus?
Jeanne
Hersch:
Ich
möchte zunächst eine Antwort haben. Was nennen Sie Idealismus?
Sic
et Non:
Idealismus
als die Philosophie, die die Position zu dem ist, worauf der Existentialismus
die Negation ist. Die Philosophie, die auf Ideale reflektiert, aber diese
Ideale nicht in der faktischen Existenz, sondern als normativ zu entwerfen
gesehen hat. Die Namen von Kant bis Hegel.
Jeanne
Hersch:
Wäre
das also nur eine Moral?
Sic
et Non:
Nein.
Diese Philosophien implizieren auch, daß die theoretische Philosophie
auf dieselbe Weise entworfen werden muß - also auch idealistisch
-, und nicht ausgegangen werden kann vom aposteriori, sondern vom apriori.
Nicht nur die Moralphilosophie, sondern auch die Erkenntnistheorie oder
andere Teile der Philosophie. Im Sinne der Idealisten.
Jeanne
Hersch:
Was
wäre das: „im Sinne der Idealisten"? Das verstehe ich jetzt im Moment
nicht. Sie haben gesagt, nicht werten...?
Sic
et Non:
Doch,
wertend. Im Gegensatz zu dem, was Sie abgegrenzt hatten von der Existenzphilosophie,
nämlich den Faktenwissenschaften, also Botanik, Chemie usw. Davon
haben Sie die Philosophie im Ganzen abgegrenzt, und diese haben sie im
Besonderen als Existenzphilosophie qualifiziert. Diejenige, die nicht auf
das Faktische oder auf das Objektive reflektiert, sondern auf den Vollzug
der Existenz. Ist nicht die idealistische Philosophie dem Anspruch nach
diesem Existentialismus vergleichbar? Worin besteht für Sie der Unterschied
zwischen diesem Idealismus, der als Chiffre genannt werden kann für
die Zeit zwischen Kant und Hegel, und dem Existentialismus?
Jeanne
Hersch:
Ich
glaube, daß der Existentialismus im Sinne von Jaspers nicht nur in
dieser Zeit existiert. Es ist nicht eine Neuigkeit dieser Zeit - deswegen
habe ich plötzlich z.B. von Plato gesprochen -, sondern Philosophie
überhaupt .
Sic
et Non:
Existentialismus
ist keine historische Epoche? Also ist es auch möglich, das, was Sie
als Existentialismus bezeichnen, in anderen Epochen wiederzufinden, wo
sich der Philosophiehistoriker allerdings scheuen würde, bspw. einen
Platon als Existentialisten zu bezeichnen.
Jeanne
Hersch:
Ja
- das ist keine Epoche. Davon bin ich überzeugt. Wenn Sie an irgendeinen
Philosophen denken, den Sie studiert haben und den Sie gelesen haben, und
wenn er eine bestimmte Art von Präsenz bei Ihnen gewonnen hat, dann
ist er wie ein Musikinstrument von einer bestimmten Art, die nicht eine
andere ist.
Sic
et Non:
Meinen
Sie damit, daß man lernt, in seinem Geiste zu denken.
Jeanne
Hersch:
Ja.
Wenn es so ist, dann kann es überall in der Geschichte der Philosophie
gegenwärtig sein, nicht wahr? Bei Platon, bei ganz alten, oder ich
kann sogar sagen, diesen oder diesen habe ich nicht durchschaut. Ich sehe
nicht, was er in dieser Richtung hat, aber ich bin sicher, er hat etwas.
Und vielleicht suche ich dort noch einmal. Ich glaube, es gibt viele Philosophen,
die wir gar nicht durchschaut haben - existentialistisch gesprochen.
Sic
et Non:
Kann
man den Begriff "Existentialismus" nicht einfach wegfallen lassen? Wäre
der Existentialismus eine bestimmte Art und Weise, sich zur Wahrheit zu
verhalten ...
Jeanne
Hersch:
Aber
schauen Sie. Es gibt eines: Wenn Sie Existentialist sind - das ist kein
sehr wichtiges Wort übrigens - aber wenn Sie eine Zeitlang Existentialist
sind - nehmen wir an, Sie brauchen diese Etikette - bedeutet das noch lange
nicht, daß Sie überhaupt alle Philosophen unter diesem Gesichtspunkt
betrachten. Das ist nur eine Möglichkeit. Und diese Möglichkeit
ist wichtiger als andere. Warum? Weil, wenn diese Möglichkeit da ist,
vorausgesetzt ist, daß dieser Punkt das Absolute berührt in
diesem betreffenden Menschen. Er ist nicht zufällig Existentialist,
sondern es ist für ihn etwas ganz zentrales, so Existentialist
zu sein, wie er ist. Andere sind es ganz anders. Ich möchte nicht,
daß sich dieser Begriff versteift und die Konsistenz einer Objektivität
annehmen würde, denn dann verwirrt man die Freiheit.
Sic
et Non:
Existentialismus
ist in Ihrem Sinne also eher ein Vollzug als eine objektive Epoche oder
ein objektives Etikett? Vollzug der Freiheit vielleicht?
Jeanne
Hersch:
Ja,
das ist ein Vollzug der Freiheit. Aber es kann auch anders sein.
Sic
et Non:
Sie
sagten gerade eben, wenn jemand in diesem Sinne philosophiert, sei es nicht
zufällig, daß jemand so oder so philosophiert, wie Sie gesagt
haben, es spricht ihn das Absolute an. Sprechen Sie damit einem Determinismus
das Wort? Wo bleibt die Freiheit, auch in der Entscheidung zur Philosophie?
Wo verorten Sie die Freiheit?
Jeanne
Hersch:
Ob
das in der Freiheit ist?
Sic
et Non:
Es
tangiert doch das Menschenbild, wie man zur Philosphie kommt, und
was man in der Philosophie zu seinem Anliegen macht.
Jeanne
Hersch:
Wenn
ich sage, daß Heidegger die Macht lieber hat als die philosophische
Wahrheit, sage ich etwas ganz Schlimmes. Verstehen Sie das?
Sic
et Non:
Nein.
Was ist schlimm an dieser Aussage?
Jeanne
Hersch:
Sie
ist böse! Aber sie ist wahr. Der Philosoph sucht die Wahrheit. Wenn
er in Wirklichkeit gar nicht die Wahrheit sucht, sondern die Macht mit
der Hilfe von Scheinwahrheit, dann lügt er und tut das Gegenteil von
dem, was er sagt. Er lügt in dem Moment, wo er so tut, als suche er
die Wahrheit. Es ist Verrat. Wenn man kein Philosoph ist und keinen Anspruch
hat, dann kann ich es noch annehmen. Wenn man aber für die ganze Welt
den Philosophen auf dem Theater der Welt spielt und doch nur Macht anstrebt,
dann ist es schlimm. Das ist eine Lüge.
Sic
et Non:
Aber
das ist doch eher für die Philosophie von Herrn Heidegger schlimm,
aber nicht schlimm von Ihnen, dies zu sagen.
Jeanne
Hersch:
Wenn
wir nicht dasselbe machen, nein, glaube ich nicht.
Sic
et non:
Wo
wir gerade ...
Jeanne
Hersch:
...
also das habe ich nicht verstanden ...
Sic
et non:
...
wir auch nicht ... [alle lachen]
Wo
wir gerade bei der Freiheit sind. Sie haben einmal gesagt, daß der
Mensch dazu neigt, lieber sich selbst zum Roboter zu machen oder selber
ein Roboter zu sein, statt seine Freiheit zu ergreifen. Dagegen würde
möglicherweise eine kritische Strömung sagen, daß nicht
der Mensch sich zum Roboter macht, sondern daß er, wenn man z.B.
an Fabriken denkt, zum Roboter gemacht wird. - Nicht der Mensch
flieht vor seiner Freiheit, sondern ihm wird die Freiheit in bestimmten
Gesellschaften genommen. So würde möglicherweise der Marxist
sagen: Der Mensch wird ausgebeutet, ihm wird die Freiheit versagt. Im Grunde
genommen ist dann doch auch der Marxismus eine Freiheitsphilosophie? Was
würden Sie dazu sagen?
Jeanne
Hersch:
Ich
glaube nicht, daß der Marxismus eine Freiheitsphilosophie ist. Er
beschreibt ... also es ist die Frage, wie Sie es einschätzen. Aber
der Marxismus an sich versucht zu beschreiben, wie es geschieht, daß
ein Teil der Menschen nicht zu ihrer Freiheit kommen.
Sic
et Non:
Steckt
nicht aber dahinter eine Forderung? Wenn der Marxismus beschreibt, ist
dies keine bloße Beschreibung, sondern er kritisiert, daß den
Menschen die Freiheit genommen wird ...
Jeanne
Hersch:
Er
beschreibt und er kritisiert, Sie haben Recht. Da, wo er aber geherrscht
hat, hat er die Menschen nicht befreit..
Sic
et Non:
Er
fordert aber doch. Auch der Marxismus fordert doch letztlich durch seine
Kritik, daß der Mensch frei sein soll. Deswegen: Könnte
man nicht den Marxismus als Freiheitsphilosophie bezeichnen? Der Marxismus
hat doch auch die Utopie, daß der Mensch nicht mehr ausgenutzt wird.
Jeanne
Hersch:
Ja
- man weiß nicht mehr, wovon man spricht, nicht wahr? Das Komische
ist, daß man wissen will, wovon man spricht. Der Marxismus ist in
einem ungeheuren Reich wie Rußland, die Beschreibung des Regimes
gewesen. Er ist nicht nur im Westen die Beschreibung gewesen.
Sic
et Non:
Wieso
sagen Sie hier „Beschreibung"?.
Jeanne
Hersch:
Ja
natürlich. Die Gesellschaft in Rußland war marxistisch aufgebaut.
Und man kann nicht sagen, daß dort die Freiheit herrschte. Verstehen
Sie was ich meine?
Sic
et Non:
Kann
man nicht zwischen der Lehre von Marx, seiner Forderung, daß der
Mensch nicht ausgebeutet werden soll usw., von dem Marxismus, wie er sich
geschichtlich ausgeprägt hat, unterscheiden?
Jeanne
Hersch:
Warum
wollen Sie die Theorie von der Praxis trennen? Wer hat die Theorie gemacht?
Sic
et Non:
Marx
hat die Theorie gemacht. - Sie meinen, man sollte beides nicht voneinander
trennen?
Jeanne
Hersch:
Sie
können es trennen. Aber das ist nicht die Frage, meiner Ansicht nach.
Es ist nicht wichtig zu wissen, wie das kommt, daß es schließlich
in jeder Gesellschaft ausgebeutete Leute gibt. Es gibt in jeder Gesellschaft
ausgebeutete Leute. Ich bin fest davon überzeugt davon, das ist sicher.
Aber was ergibt sich daraus? Was soll man unternehmen, damit es nicht so
ist? Und die Frage ist: In welcher Gesellschaft ist der Mensch überhaupt
besser gegen Ausbeutung geschützt? In der marxistischen?
Sic
et Non:
Der
Marxismus wollte aber mehr. Als philosophisches Problem stellt sich doch
auch im Marxismus oder in der Auseinandersetzung mit ihm das Problem der
Abhängigkeit in der Geschichte auf der einen, und dem freien Handeln
in der Geschichte auf der anderen Seite. Wie würden Sie an dieses
Paradox oder an diesen Widerspruch herangehen? So etwas muß doch
vermittelt werden, wenn einerseits die historische Abhängigkeit nicht
geleugnet werden kann, andererseits aber auch niemand sagen würde,
der Mensch sei durchgängig bestimmt durch die Geschichte. Wie bringt
man die Abhängigkeit und die Freiheit zusammen? Im Menschen muß
sie ja zusammenkommen.
Jeanne
Hersch:
Sie
fragen mich jetzt im Moment. Ich würde sagen, es ist immer
so. Sie fragen wie - aber es kann nicht anders sein. Und es gibt
verschieden entwickelte Gesellschaften, und in diesen Gesellschaften haben
Sie jene Möglichkeiten, die von dem Aufbau dieser Gesellschaft und
von den Möglichkeiten der Ausbeutung bestehen. Es gibt Zeiten, in
denen diese Gesellschaften normaler oder abnormaler sind, man leidet mehr
oder man leidet weniger. Im Grunde gibt es nur bessere oder schlechtere
Möglichkeiten. Die Marxisten haben immer behauptet, daß sie
für die Gerechtigkeit seien - natürlich -, und der Antimarxismus
sei gegen die Gerechtigkeit. Das ist klar. Das ist kein Problem. Es ist
nur die Frage, wie und wo und wann. Solange die Welt Welt ist, wird man
versuchen es besser und besser und besser zu machen, und dann wieder schlimmer,
und dann wieder besser.
Sic
et Non:
Sie
schreiben an einer Stelle selbst von einer Alternative, die es in Ihrem
Sinne dann doch gäbe, dann nämlich, wenn die Abhängigkeit
zumindest eingeschränkt wäre, und zwar in bezug auf die Abschaffung
von Nationalstaaten. Die Freiheit, von der Sie gerade sprechen, die geschichtlichen
Freiheit, soll im sogenannten weltbürgerlichen Zustand verwirklicht
werden - Sie sprechen vom Föderalismus und von einem supranationalen
Recht. Die Freiheit soll nicht mehr national garantiert werden, wodurch
internationale Abhängigkeit entstünde, sondern die Freiheit soll
supranational garantiert werden können.
Jeanne
Hersch:
Das
ist in welchem Werk?
Sic
et Non:
„Die
Ideologie und die Wirklichkeit", im Schlußkapitel.
Jeanne
Hersch:
Die
Ideologie und die Wirklichkeit ... und das ist ein Buch vom Jahr ...
Sic
et Non:
1973.
Jeanne
Hersch:
1973,
ja ... . Ja, es ist mehr oder weniger meine Meinung, oder sagen wir: meine
Hoffnung.
Sic
et Non:
In
diesem Zusammenhang interessiert uns besonders eine Frage, auch weil diese
aktuell stark diskutiert wird ...
Jeanne
Hersch:
Ich
bin überzeugt, daß es überhaupt immer diskutiert wird.
Sic
et Non:
Die
Tendenz zur Föderalisierung ...
Jeanne
Hersch:
Die
Tendenz zur Föderalisierung, die Tendenz zur Harmonisierung, die Tendenz
zur mehr Gerechtigkeit.
Sic
et Non:
...
zu Globalisierung ...
Jeanne
Hersch:
...
zu Begrenzung der Mißbräuche usw.
Sic
et Non:
Würden
Sie sagen, daß man zu diesem supranationalen Recht eine Weltregierung
braucht? Kant spricht von der Weltrepublik, von der Idee einer Weltrepublik.
Wer legitimiert dieses supranationale Recht? Ist nicht erforderlich, daß
die weltbürgerliche Idee sozusagen manifest werden muß, daß
ein Weltstaat entstehen muß.
Jeanne
Hersch:
Ich
bin mehr und mehr überzeugt, daß es eine sehr, sehr große
Schwierigkeit ist, diesen Weg zu gehen, denn ich sehe, mit welchen Schwierigkeiten
die Völker eine übergeordnete Struktur annehmen und mit welcher
Schwierigkeit sie sich begrenzen können. Und wenn sie sich nicht mehr
begrenzen, dann ist es besser, schlafen zu gehen. Nicht wahr? Also ich
bin jetzt viel pessimistischer, als ich es damals war. Das bedeutet
aber nichts. Denn das sind Details, wie man versucht, die Dinge einzurichten.
Ich glaube nicht, daß man sich einfach auf einen Tisch stützen
kann, und da einen Traktat redigieren kann. Daran glaube ich nicht mehr.
Sic
et Non:
Aber
Sie glauben an die Tendenz?
Jeanne
Hersch:
Wir
können nicht anders. Wir können weder "nein" noch "ja" sagen,
denn "ja" wird zuviel und "nein" wird zuwenig sein. Das ist das Problem:
die Organisation des Zusammenlebens der Menschen. Ich glaube nicht an ein
Paradies auf Erden, aber die menschliche Pflicht besteht.
Sic
et Non:
Aber
die UNO muß handeln, hier und jetzt.
Jeanne
Hersch:
Die
UNO muß handeln, solange sie da ist. Niemand weiß, wie lange
sie dasein wird. Das steht alles in Frage. Wir sind in der Geschichte,
wir sind der Geschichte ausgeliefert ... nicht ganz ausgeliefert, Gott
sei Dank. Denn wir hoffen. Und wir bleiben in der Geschichte, mit allem,
was aus ihr droht - und hoffen läßt.
Sic
et Non:
Dann
kommen wir jetzt allmählich zum Ende?
Herr
Gadamer ist in einem ZEIT-Interview gefragt worden, ob er Talkshows schaut.
Jeanne
Hersch:
Talkshows?
Was ist das?
[alle
lachen]
Sic
et Non:
Dasselbe
hat er auch gefragt. ... Das sind Sendungen im Fernsehen, in denen man
sich miteinander unterhält, in denen man Diskussionen führt.
Schauen Sie Fernsehen?
Jeanne
Hersch:
Ja.
Sic
et Non:
Was
schauen Sie am liebsten?
Jeanne
Hersch:
Derrick.
[alle
lachen]
Sic
et Non:
Dasselbe
hat Gadamer auch geantwortet, er schaut auch am liebsten Derrick.
Jeanne
Hersch:
Ja,
wirklich?
Sic
et Non:
Und
er kannte auch keine Talkshows.Sie sollten mal zusammen schaun.
Jeanne
Hersch:
Das
ist lustig. Hat er auch Derrick gesagt?
Sic
et Non:
Ja...!
Herzlichen
Dank für dieses Gespräch!
Jeanne
Hersch:
War
das schon alles mit Derrick? Schade, ich dachte ich könnte noch eine
Folge haben [lacht]. Nein, also das ist wirklich lustig.
Sic
et Non:
Sie
haben sich aber nicht abgesprochen, oder? Haben Sie sich mit Gadamer abgesprochen?
Jeanne
Hersch:
Nein.
Niemals! Ich habe niemals mit ihm über sein TV gesprochen.
Sic
et Non:
Er
hat dieselben Fragen bekommen und dieselben Antworten gegeben.
Jeanne
Hersch:
Also
das müssen Sie ihm sagen.
Sic
et Non:
Wenn
wir ihn sehen, sagen wir es ihm. |