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Verstand und Glauben ohne Widerspruch!

von Erhard Fechner
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - http://www.sicetnon.cogito.de/artikel/disk/fechner.htm (1998)

Aufklärung durch Vernunft. Ist das Projekt der Moderne gescheitert?

Meiner Meinung nach ist der Prozeß der Aufklärung keineswegs abgeschlossen und es hängt von der weiteren Entwicklung der Menschheit ab, wie die endgültige Antwort lauten wird.

Ich glaube, es ist eine psychologische Notwendigkeit für den Menschen, an etwas zu glauben. Wie könnten wir sonst erklären, daß es in der Geschichte der Menschheit keine Gesellschaft gibt, die nicht in der einen oder anderen Form einen religiösen Glauben entwickelt hat. Seit Descartes sein Cogito proklamiert hat, haben mehr und mehr Philosophen versucht, die Wirklichkeit mit Hilfe des Verstandes zu erklären, anstatt sich auf Offenbarungen zu verlassen. Als Folge davon hat die Metaphysik einen schlechten Ruf bekommen, da sie nicht mit dem Verstand bewiesen werden kann. William James hat in seinem Buch The Will to Belief jede metaphysische Idee als eine Hypothese erklärt, die unserer Glaubensfähigkeit angeboten wird. Er unterscheidet dabei zwischen toten und lebendigen Hypothesen und vergleicht diese mit dem kalten und heißen Draht, von dem die Elektriker sprechen. Eine lebendige Hypothese ist eine solche, welche der individuelle Denker als eine mögliche Darstellung der Wirklichkeit, die ihm zusagt, annehmen kann, während die tote Hypothese außerhalb seiner Vorstellungskraft liegt. Meiner Meinung nach haben die Philosophen der Moderne keine Hypothese aufgestellt, die einerseits das Bedürfnis zu glauben befriedigt und andererseits einer scharfen Kritik des Verstandes standhält. Sie versuchen entweder die unbesehene Gültigkeit der Offenbarungen wieder herzustellen und gehen damit zurück zum Denken der Vor-Aufklärungszeit, sie verlaufen sich in Sackgassen wie die Existentialisten oder philosophieren im luftleeren Raum ohne Gewinn für den Einzelnen oder die Gesellschaft wie die ordinary language Philosophen.

Um eine Hypothese aufzustellen, welche die oben erwähnten Voraussetzungen erfüllt, möchte ich zwei Prinzipien einführen.

Wir wissen heute, daß die Wirklichkeit der materiellen Welt nicht das ist, was sie zu sein scheint. Die materiellen Objekte dieser Welt bestehen nicht, wie man bisher glaubte, aus festen Bausteinen, sondern das ganze materielle Universum ist eine Manifestation von Energie. Materie ist Energie: Diese Energie ist das Einzige, was wirklich ist, sie ist ewig und unvergänglich. Da wir diese Attribute gewöhnlich nur in Verbindung mit dem Göttlichen benutzen, möchte ich als erstes Prinzip meiner Hypothese die Feststellung einführen: Die Energie, welche die Grundlage alles Seins ist, ist das Göttliche. Es ist das formlos Göttliche, mit dem wir bereits vertraut sind, denn wir sagen: Gott ist allgegenwärtig.

Der zweite und ebenso wichtige Teil meiner Hypothese ist die Feststellung, daß es neben der absoluten Wirklichkeit des Göttlichen eine andere individuelle, relative Wirklichkeit gibt. Das ist die Wirklichkeit unseres täglichen Lebens. Das ist die Welt wie wir sie sehen und erfahren. Diese Wirklichkeit ist für jedermann verschieden, denn sie wird durch unsere Erbanlage, Erziehung, Umwelt und durch unsere persönlichen Erfahrungen gebildet.

Diese relative Wirklichkeit ist der Grund dafür, daß es—obwohl es nur eine göttliche Wirklichkeit gibt—so viele Wege gibt, sie auszudrücken und zu interpretieren.

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Enlightenment by reason
Has the project of modernity failed?

That is the question you ask on top of your home page. I will try to answer it from my point of view.

In my opinion the process of enlightenment is still in progress and it depends on the development of humanity what the final answer will be.

I believe that it is a psychological need of the human being to believe in something. How else could we explain that there is nowhere in the history of mankind a society that has not, in one form or another, developed a religious faith. Since Descartes has stated his Cogito, more and more philosophers have turned to reason instead of revelation to explain the reality of this world. As a consequence metaphysics, which cannot be proven by reason, got a bad name.

William James in The Will to Belief has defined any metaphysical idea to be a hypothesis proposed to our belief. He distinguishes between dead and live hypotheses, comparing them to the dead and live wires of which electricians speak. The live hypothesis is the one that individual thinkers consider to be a possible representation of the truth, which appeals to them, while dead ones lie outside the scope of their horizon. In my opinion the philosophers of the post-enlightenment era have not come up with a live hypothesis that satisfies the need to believe on one hand and does on the other hand hold its ground against scrutiny by reason. They either try to restore the validity of the revelations, thereby going back to almost pre-enlightenment thinking, end up in deaden streets like the existentialists or philosophy without any benefit for the individual and society as the ordinary language philosophers do.

There are two principles I would like to introduce to form a hypothesis that satisfies the above mentioned requirements for a live hypothesis. The first is the knowledge we have nowadays that the material reality of this world is not what it seems to be. Instead of consisting of solid building blocks that form the various material objects, the material universe is nothing but a manifestation of energy. Matter is another form of energy: .This energy is the only thing that really is, the only thing that is eternal and imperishable. Since these are attributes that we usually use only in conjunction with Divinity, I want to introduce as the first principle of my hypothesis the statement: The energy which is the basis of all being is the Divine. It is the formless Divinity which we are already used to, because we say: God is omnipresent. The second and equally important part of my hypothesis is that in addition to the absolute reality of the Divine there exist other individual, relative realities. These are the realities we live our daily lives in. They are the way we see and experience the world. These realities are different for everybody, because they are formed by our inheritance, upbringing, environment and personal experiences.

That is the reason that—while there is only one Divine truth—there are many ways to express and interpret it.

 

To my person:

Erhard Fechner, born 1922 in Germany, studied mechanical engineering in Darmstadt, since 1968 living in U.S.A. At the present time I am working on a book exploring the view points of this essay in more depth. Therefore I would like to hear comments, critique and opinions.