Zweifelhafte Freiheiten -  

Frau Wildenburg im Reich der
Zwecke  
Replik auf Dorothea Wildenburg "Gentechnologie und Freiheit. Versuch einer ethischen Ortsbestimmung" 
von Hans-Joachim Niemann 
 
Genforschung an sich sei nicht verwerflicher als z.B. Mathematik. Es komme auf die Einzelfälle an. Darin kann ich Dorothea Wildenburg zustimmen. Und es komme auf die Folgen einer neuen Technologie an, also nicht auf die gute Absicht, nicht auf die Übereinstimmung mit religiösen Vorstellungen usw., was andere Philosophen vielleicht als entscheidendes Kriterium wählen würden. Auch darin besteht noch Einigkeit, daß man die Folgen unter bestimmten Gesichtspunkten zu beurteilen hat, und daß diese Gesichtspunkte ihrerseits nicht kritiklos akzeptiert werden dürfen. Deren Kritik orientiert sich wiederum an weiteren Grundsätzen, die man in dieser Weise ad infinitum in Frage stellen kann.  

Wildenburg behauptet nun, in dieser Kette das letzte Glied nicht finden zu müssen, was auch kaum gelingen dürfte, da sie grundsätzlich kein Ende hat. Vielmehr gebe es einen "konstituierenden Grund" der ganzen Kette. Diesen habe Fichte entdeckt, und er sei der letzte Zweck, "auf den alle Handlungen hinauslaufen", nämlich die "Freiheit des Menschen unter Achtung des für alle gültigen ... Gesetzes". Das sind zwei unverträgliche Aussagen. Ist die Freiheit nun der konstituierende Grund der endlosen Kette von hierarchischen Zwecken? Oder ist sie das letzte Glied in der Kette, das es, wie Wildenburg einräumt, nicht geben kann? Der konstituierende Grund der Kette liegt aber, wenn man die ganze Diskussion seit Hans Alberts Münchhausen-Trilemma verfolgt, offen zutage: es ist das klassische Begründungsdenken, demgemäß eine zureichende Begründung nur dann zustandegekommen ist, wenn man die Begründung wiederum zureichend begründet. Wer an diesem Ideal festhält, "konstituiert" eben die unendliche "Rechtfertigungskette" oder er verfängt sich in zirkulären Begründungen, in denen er das Zu-Begründende voraussetzt oder er das tut, was Wildenburg tut, er bricht die Kette ab, indem er eine angeblich letzte Begründung, hier einen letzten Zweck, setzt. Damit ist das Begründungsverfahren willkürlich aufgegeben. 

Die "letzte" Begründung ist die, die man nicht mehr begründen möchte. Der "letzte" Zweck ist der, den man nicht mehr im Rahmen weiterer Zwecke sehen möchte. Der Hinweis auf einen konstituierenden Grund, der "logisch bereits vorausgesetzt" sei, der an ähnliche und vergebliche Denkübungen der Apel-Schule erinnert, ist also irreführend. Hier wird ganz offensichtlich ein letzter Zweck "gesetzt". Das wird auch explizit gesagt: es ist von einem "apriori gesetztem Zweck" die Rede, von einer "höchste[n] Zwecksetzung". Woher dieser letzte Zweck seine höhere Weihe erhält, erfahren wir nicht. Wildenburg beruft sich auf Fichte, dem eine "Deduktion" dieses letzten Zweckes gelungen sei. Näheres sei aber "Aufgabe einer anderen Diskussion". Schade, denn bisher ist keine Widerlegung des Albertschen Münchhausen-Trilemmas bekannt geworden. Gäbe es sie, würde das die Philosophen in ähnliche Aufregung versetzen wie eine Widerlegung des Energieerhaltungssatzes die Physiker. 

Vielleicht darf man das hier einmal einfügen, daß auch die Philosophie ihre kleinen Fortschritte und "Wahrheiten" kennt, nämlich Sätze, deren Widerlegung bisher nicht gelungen ist, obgleich darauf hohe gesellschaftlich Prämien in Form von Anerkennung gesetzt sind. Die viel gepriesene Objektivität der Physiker kommt nicht anders zustande als durch diese Spielregeln der scientific community: Grundlagenwissen ist nicht gesicherte Wahrheit, sondern Wissen, dessen Widerlegung höchste Aufmerksamkeit auf sich lenken würde. Nun würde aber in der Physik niemand so ganz nebenher behaupten, das perpetuum mobile sei ja längst erfunden, ohne wei-ter darauf einzugehen, wie er diese überraschende Meinung rechtfertigen kann. Entsprechende Äußerungen sind in der Philosophie aber gang und gebe. Philosophie kann keine Wissenschaft sein, solange sie nicht diesen "Spielregeln" der anderen Wissenschaften folgt. Dieser Vorwurf richtet sich freilich nicht speziell gegen Wildenburg, sondern betrifft ein weitverbreitetes Phänomen. 

Gegen Freiheit als "Zweck, auf den alle Handlungen hinauslaufen", wäre nichts einzuwenden, wenn sie (A) uns tatsächlich in die Lage setzte, alle Handlungen auf ihre moralische Richtigkeit hin beurteilen zu können. Und wenn "logisch bereits apriori vorausgesetzt" (B) nicht heißen soll, daß an Freiheit als letztem Zweck nicht gezweifelt werden dürfe oder könne. Denn ein Ausschluß von Kritik ist nirgendwo von Vorteil. Je sicherer jemand glaubt, daß zwei mal zwei vier ist, um so widersinniger wäre es, wenn er verlangte, daß man diesen Satz nicht kritisieren dürfte. Nur wer Schwächen zu verbergen hat, wird seine Aussagen als unhintergehbar darzustellen versuchen. 

Gesetzt also, es ist erlaubt, Freiheit als höchsten Wert zu kritisieren, dann darf man fragen: Leistet die Freiheit als letzter Zweck das, was Wildenburg von ihr erhofft? Kann sie z.B. bei der Anwendung einer bestimmten Gentechnologie sagen, ob diese moralisch erlaubt oder verboten sein soll? In der Praxis dürfte ein solches Prinzip z.B. den Landwirten kaum weiterhelfen, die vor der Frage stehen, ob sie die Flavr-Savr-Tomate ("Antimatschtomate") anbauen sollen oder nicht. Aber auch, daß die Freiheit höchster Wert sein soll, läßt sich leicht widerlegen. Alle Moral tritt nämlich als gesellschaftliches Phänomen dadurch auf, daß die Freiheiten, die Einzelwesen haben, eingeschränkt werden müssen, sobald sie mit anderen zusammenleben möchten, die die gleichen Freiheiten beanspruchen. Aus rein physischen Gründen ist es nicht möglich, daß jeder die maximal mögliche Bewegungsfreiheit oder Verfügungsfreiheit über Güter besitzen kann. 

Ganz offensichtlich reguliert Moral die Freiheit aller. Sie muß also Zwecke anerkennen, die höher sind als die Freiheit. Und der Zweck ist schon genannt, nämlich ein Zusammenleben, das nicht darin besteht, das man sich fortwährend um die maximale Freiheit streitet, die man als Einzelwesen genießen konnte. Kurzum, es handelt es sich um den Frieden. Keineswegs will ich behaupten, daß der Frieden der höchste Wert der Moral ist. Ich habe nur an einem Beispiel gezeigt, was wahrscheinlich ganz allgemein gelten dürfte: immer wenn jemand glaubt, einen höchsten Wert gefunden zu haben, kann man mit ein wenig Anstrengung einen noch höheren Wert finden. Die Suche nach höchsten Werten taugt nicht allzu viel. 

Vielleicht kann diese Überlegung eine Motivation sein, es aufzugeben, nach absoluten Werten zu suchen, die aus logischen oder sonstigen Gründen für alle Zeiten und alle Menschen gelten müssen. Wir wissen doch, daß die menschlichen Gesellschaften sich schnell verändern. Und hätte jemand vor 40 Jahren den Kuppelei-Paragraphen apriori und logisch konstituiert, er stünde jetzt dumm da. Wir haben heute Angst, gentechnisch das Erbgut des Menschen zu verän-dern, weil wir nicht wissen, welche ungeahnten bösen Folgen das haben kann. Ist die Wissen-schaft einmal so weit, daß sie diese Sorgen ausräumen kann, wäre es also genügend gesichert, daß ungewünschte Folgen vermieden werden, dann würde man sicher gern Erbkrankheiten wie die Mukoviszidose für immer beseitigen. Es wäre gar nicht gut, wenn ein moralisches Prinzip unhinterfragbar und gültig für alle Zeiten uns Vorschriften machen würde, die wir nicht länger einhalten möchten. Eine solche logisch einzementierte Freiheit könnte das Ende der moralischen Freiheit des Menschen sein.  

Replik von Dorothea Wildenburg: "Zweifellose Freiheit - Herr Niemann im Niemandsland?"