Eine Bemerkung über transzendentale Wertschöpfung  

oder: 

Warum nicht Vitamin C als höchsten Wert? 
von Hans-Joachim Niemann 
 
Ohne Freiheit keine Wahl und ohne Wahl keine Moral, so glaube ich jetzt Dorothea Wildenburgs Artikel samt neuester Erläuterung (1verstehen zu dürfen; vorausgesetzt der Verzicht auf die Verwendung technischen Vokabulars und die Verlegung des Schauplatzes in die Welt der Sachverhalte ist tolerabel. Wenn wir Automaten wären oder instinktgesteuert wie die Tiere, dann gäbe es keine Moral. Und wer uns in der Gentechnologie die Freiheit nimmt auszuwählen, indem er z.B. gentechnisch veränderte Nahrungsmittel nicht als solche kenntlich macht, zerstört die Grundlagen der Moral. Er handelt unmoralisch; denn wenn ich nicht wählen kann, schädigt er mich möglicherweise mit seinem Produkt, oder er zwingt mich, wenn ich ein schädliches Nahrungsmittel weiterverwende, etwas zu tun, was anderen Menschen schaden könnte. 

Das ist alles richtig. Aber der Schluß, Freiheit sei höchster Wert, weil es ohne sie keine Moral gäbe, ist ziemlich irreführend. Genauso könnte man diesen Schluß ziehen: Ohne Vitamin C können Menschen nicht leben und ohne Menschen gibt es keine Moral, also ist Vitamin C der höchste Wert. Oder um direkter bei der Moral zu bleiben: ohne Verstand gäbe es keine Moral, also ist Verstand zu haben der höchste Wert (etwas ähnliches behauptet Karl-Otto Apel (2)). Hier wird, was eine wichtige Voraussetzung ist, mit dem höchsten Wert verwechselt. So etwas liegt auf der Hand, denn wenn die Verfassung die Voraussetzung unserer Demokratie ist, dann wird man sie als höchsten Wert verteidigen wollen. Dieser Fehler ist keineswegs ein lapsus wildenburgensis; denn viele Philosophen von Apel bis Zimmerli (3) haben diesen Fehler begangen, selbst Karl Popper (4) ist hier keine Ausnahme. Man könnte von einer transzendentalen Wertschöpfung sprechen; denn die Bedingung der Möglichkeit von Moral, das Transzendentale der Moral, wird hier zum Wert an sich erhoben. 

Das Irreführende liegt darin, daß man vom "höchsten Wert" in der Moral einiges mehr verlangt, als daß er nur die Bedingung für Moral ist. Die Suche nach dem "höchsten Wert" oder höchsten Zweck in der Moral hat ihren Grund darin, daß jeder Wert oder Zweck durch einen noch höheren relativiert werden kann. Z.B. ist Schmerzfreiheit ein ziemlich hoher Wert. Ein Arzt aber darf uns Schmerzen zufügen, weil Gesundheit ein noch höherer Wert ist. Die Gesundheit wiederum darf aufs Spiel gesetzt werden, wenn Demokratie und Verfassung als noch höhere Werte geschützt werden müssen. So kommt es zur Frage, ob es einen höchsten Wert gibt, der nicht mehr relativiert werden kann und den letzten Maßstab für alle anderen Werte liefert. Lebensqualität oder Gemeinwohl könnten z.B. solche Werte sein, wenn sie nicht zu vage wären. 

Natürlich werden solche Werte "gesetzt", wie Wildenburg mit Fichte und anderen Philosophen sagt. "Natürlich" sage ich, denn wenn wir eine andere Natur hätten, würden wir andere Werte schätzen. Gesundheit "setzen" wir, weil es zufällig Viren und Bakterien gibt und die Natur uns ungenügend gegen solche Organismen schützt. "Freiheit" setzen wir, weil die meisten Menschen sich naturgegebenerweise außerhalb des Gefängnisses wohler fühlen als in der Zelle. Deshalb ist es noch ein zweites Mal irreführend, wenn solche Werte, bloß weil sie notwendige Bedingung für Moral sind, eine höhere Weihe erfahren und als "konstituierend" oder andernorts "strikt reflexiv" oder "transzendental" in einer scheinbar endgültigen Weise begründet werden. 

Hier, meine ich, liegt im Falle Wildenburg der Widerspruch: "Zwecke werden gesetzt" heißt es richtig und "Freiheit ist ... letzter Zweck zugleich". "Ist" sie das? Sie soll es sein, ist so gesetzt. Gut, setzen darf man. Als ein solche höchster Wert muß nur moraltauglich sein, d.h. uns dann wirklich in jeder moralisch schwierigen Situation weiterhelfen. Das tut die Freiheit nicht. Freiheit ist nur ein Wert unter anderen. Ähnlich steht es um Apels transzendentales Immer-schon-argumentiert-haben, das uns gar nicht weiterhilft (5), um die Wahrheit bei Popper, der im moralischen Diskurs nur eine Hilfsfunktionen zukommt, und die Humanität bei Zimmerli, die nicht viel mehr sagt als "tue Gutes!". Andere ebenso wichtige Werte können transzendental erschlossene Werte nicht begründen, die müssen für sich "gesetzt" werden: Liebe zu anderen, von anderen, Anerkennung bekommen, Arbeit haben, gesund sein, satt werden, genügend Abwechslung haben, Wirkung haben, in Frieden leben, Kunst genießen, Hobbys nachgehen können usw. Schon dann, wenn andere uns den Zugang zu diesen selbstgesetzten Zwecken versperren oder erschweren, tritt ein moralisches Problem auf, und nicht erst dann, wenn unsere Freiheit verletzt wird. 

Es ist nichts als ein verbaler Kunstgriff, die Freiheit als höchsten Wert zu retten, indem man sagt: Wir streben nicht nach Liebe, sondern wollen die Freiheit haben, lieben zu können, und die Freiheit, geliebt zu werden, und die Freiheit, in Frieden zu leben, usw.. Jede unmoralische Handlung beraubt uns in dieser Sichtweise irgendeiner Freiheit, ein selbstgesetztes Ziel (Liebe, Arbeit, Gesundheit, Anerkennung, ...) zu erreichen. Ohne Freiheit geht dann nichts mehr. "Ohne Wahl kein Wert in der Moral, doch diese Freiheit ist trivial", möchte man da reimen.  




Anmerkungen 

1) Dorothea Wildenburg: Gentechnologie und Freiheit. Versuch einer ethischen Ortsbestimmung. In: Philosophia Perennis/Sic et Non 1994; sowie dies.: Zweifellose Freiheit - Herr Niemann im Niemandsland, ibid. Nov. 1996. (back) 

2 Karl-Otto Apel kommt mit den Ergebnissen seiner "reflexiven Letztbegründung" (Das Problem der philosophischen Letztbegründung... . In: Kanitscheider (Hg): Sprache und Erkenntnis. Innsbruck, 1976) zu einem "fundamentalen Gebot der Kommunikationsethik" (K.-O. Apel: Transformation. Bd. 2, Frankfurt a. M., 1973. S. 427.) (back) 

3 Ch. W. Zimmerli: Einmischungen. Darmstadt 1993, S. 63-64. Dort wird die Humanität als transzendentale Voraussetzung aller Ethik erkannt und daher zum "obersten Wert" erhoben.(back) 

4 Die Wahrheitsfrage gehe der Beurteilung aller anderen Werte voran, und Wahrheit sei mithin der höchste aller Werte (vgl.: Karl R. Popper: Ausgangspunkte. Hamburg, 1979. S. 284).(back) 

5 Wenn jemand sagt "ich lehne Argumentationsregeln ab", dann widerspricht er sich zwar performativ, indem er gerade eine Argumentationsregel aufgestellt hat, aber es ist doch klar, daß er trotzdem als Gesprächspartner ausfällt. (back) 




Replik von Dorothea Wildenburg: Vitamin C als Lebens-MITTEL, nicht als Lebens-ZWECK