Braucht die Gentechnologie
den Deutschen Idealismus?

von Hans-Joachim Niemann 

 

Der Deutsche Idealismus, der mit dem häufigen Gebrauch des Wortes "transzendental" glauben machen will, er habe etwas mit Kant zu tun, beginnt mit Fichte und endet nie. Neuerdings mischt er sich in die Gentechnolgie-Debatte ein und gibt unseren Landwirten guten Rat, was sie im Fall der Matschtomate oder der Schiege, die Wolle gibt und Ziegenkäse, zu tun und zu lassen haben.

"Nur mittels der Forderung, daß konkrete Freiheit sein soll, kann ich Einschränkungen dieser konkreten Freiheit negativ beurteilen", so wird Fichte nach einigen transzendentalen Ableitungen (s. die zur Diskussion stehenden Artikel von D. Wildenburg) auf ein kurzes, allerdings, wie wir gleich sehen werden, ein keineswegs bündiges Prinzip reduziert. Die Wahrung der Freiheit wird als notwendig und ausreichend für moralische Urteile der Kategorie 'gut' angesehen; denn Freiheit ist nicht Mittel zu etwas, sondern ist das Ziel selbst, wie wir erfahren haben, sogar der höchste Zweck. Wenn der erreicht ist, bleiben keine Wünsche offen.

Greifen wir einen konkreten Fall auf, der bei der Einführung der Gentechnologie eine Quelle der Beunruhigung darstellt, dann stoßen wir auf Ungereimtheiten. Ein Produzent z.B. täuscht uns mit einem nicht gekennzeichneten Kunstprodukt, das natürlich und harmlos aussieht, in Wirklichkeit aber schädliche Substanzen enthält (das sei hier unterstellt, es muß keineswegs so sein). Beiden Verbrauchertypen ist die konkrete Freiheit der Wahl genommen. Weil aber solche Produkte seit der gentechnologischen Konkurrenz billiger geworden sind, werden manche das erhöhte Risiko in Kauf nehmen wollen; andere nicht.

Was sagt der neueste Deutsche Idealismus dazu? Aufgrund des transzendentalen Freiheitsbegriffs, der Freiheit als Möglichkeit der Moral überhaupt und letztem Wert, weiß er, daß Freiheit sein soll. Es ist also moralisch schlecht, daß sie in diesem konkreten Fall jemandem genommen wurde, denn ohne Freiheit ist überhaupt keine Moral möglich. Und keine Moral zu haben, ist sicher noch schlechter als eine schlechte Moral zu haben. Die Anwendung dieses ethischen Prinzips führt dann zu zwei Schwierigkeiten:

(1) Beiden Verbrauchern, auch dem, der das Risiko nicht gekennzeichneter Ware in Kauf nehmen wollte, ist unrecht getan. Selbst dann, wenn keine Schädigung droht, z.B. weil durch staatliche geprüfte Kontrolleure eine Schädigung ausgeschlossen wurde, ist ihm immer noch die Freiheit der Wahl genommen und das höchste ethische Prinzip verletzt worden. Dieses ethische Prinzip führt also dazu, daß unproblematische Fälle problematisch werden; es schafft Schwierigkeiten, wo vorher keine waren.

(2) Das Unrecht ergibt sich nicht aus der drohenden Schädigung des Verbrauchers, sondern allein aus der Freiheitsverletzung; denn es heißt: "Nur [sic!] mittels der Forderung, daß konkrete Freiheit sein soll, kann ich Einschränkungen dieser konkreten Freiheit negativ beurteilen." Vom Schaden abzusehen, nur den Freiheitsentzug zu beklagen, scheint aber recht absurd zu sein. Nehmen wir an, die Waren wurden als 'gentechnisch verändert' ausgezeichnet, die Freiheit der Wahl war dann gegeben. Dennoch entstand ein Schaden dadurch, daß jemand ein gekennzeichnetes Produkt wählte und schwer daran erkrankte.

Jeder würde wohl sagen, daß der Fall (1) entgegen der transzendendal-idealistischen Lösung moralisch unbedenklich, der Fall (2) aber entgegen der transzendendal-idealistischen Lösung moralisch unerträglich ist. Vielleicht werden Gegner der Gentechnologie geneigt sein, im Fall (2) "selber schuld!" zu sagen. Dann muß man auf krassere Fälle verweisen, wo jemand in freier Wahl durch Trinken oder Spielen seine Familie ruiniert, was kaum jemand als moralisch gut akzeptieren wird.

Das Freiheitsprinzip des Deutsches Idealismus führt uns also zu Ergebnissen, die den Alltagsanforderungen nicht gerecht werden. Nun werden Idealist und Idealistin uns erklären: Wieso "Alltagsanforderungen", wieso "bedenklich", wieso "unerträglich", nach welchen Kriterien denn? Wir haben nur das Freiheitsprinzip als "höchsten Wert der Moral" und Maßstab für alles und nicht die Moral noch außerdem. Ja, ja, das ist wohl so. Im Deutschen Idealismus.