Replik zu Konrad Schludes Anmerkungen 
von Joachim Landkammer 
 
Das Bemerkenswerteste an Konrad Schludes Kritik an meinem Aufsatz zur Pornographie ist, daß sie in ihrem Scheitern doch noch erfolgreich ist, weil sie mir mit dieser Replik erlaubt, meine eigene Position zu präzisieren und zu festigen... 

Ich bin zunächst einmal ehrlich dankbar für jede Art von Reaktion; vor allem im Hinblick darauf wurde dieser Text ja verfasst und veröffentlicht. Daß er schon so lange im Netz steht (und offensichtlich von vielen gelesen oder immerhin „angeklickt" wurde) und bisher noch keinerlei Reaktion provoziert hatte, hätte mich beinahe in eine Frustration gestürzt, die der eines Exhibitionisten vergleichbar wäre, der sich nackt auf den Marktplatz stellt und von keinem/keiner beachtet wird... Kritik war also nicht nur erwartet, sondern sogar heftigst erwünscht, weil nur sie mir, wie eben jetzt, den nötigen und willkommenen Anstoß gibt, zu dem Dauer-Provisorium dieses Texts und damit zu einer mir sonst gezwungenermaßen eher (und leider) fern liegenden Thematik zurückzukehren. Und richtiggehend „erfreulich" ist eine solche Kritik, wenn sie, wie die vorliegende, mit relativ einfachen Mitteln zurückgewiesen werden kann, z.B. mit der Aufforderung, doch (noch) einmal genau zu lesen, was ich geschrieben habe. 

Meine These vom Fortschrittscharakter der „Übertragung von eigenen Handlungsbedürfnissen auf andere, darauf spezialisierte ‘Agenten’" sprach nämlich, wie man sieht, von Handlungsbedürfnissen und eben nicht vom „Denken" (zumindest nicht in dieser allgemeinen Formulierung; daß die These aber für viele spezifische Bereiche des „Denkens" sogar ebenfalls unwiderlegbar richtig ist, ist schon fast banal: eine Katastrophe wäre die sofortige Folge, wenn uns heute das „Denken" plötzlich nicht mehr von Experten und von Computern abgenommen würde). Und auch die erwähnte sogenannte „demokratische Mitbestimmung" ist ja viel eher ein Beweis für als ein Argument gegen diese These: denn moderne Demokratie (also funktionsfähige politische Alltags-Massendemokratie) ist immer repräsentative Demokratie, bei der eben gewählte Stellvertreter uns die leidig-lästige Arbeit der dauernden Entscheidungen abnehmen. Das Delegieren von Handlungen und Aufgaben bedeutet ja nicht die Aufgabe „eigenen" Denkens und den Verzicht auf Selbstbestimmung, sondern nur den Verzicht auf das primitiv-unkultivierte Alles-Selbermachen(-Müssen): freilich bestimme ich aber dann, wer was wie wann für mich „macht".  

Von den anderen Kritikpunkten lohnt es sich vielleicht nur kurz auf den folgenden einzugehen: ich bin überzeugt, daß bei der Herstellung der großen Mehrzahl pornographischer Produkte keine reale Gewalt ausgeübt wird; das Arbeitsethos der Porno-Industrie ist sachlich, effizient, professionell und kann sich reale Exzesse gar nicht leisten. Die „Brutalität" der Pornographie ist reine Fiktion und erschöpft sich meist in verbaler Kraftmeierei („dirty talking") und vorgetäuschten sadistischen Spielchen im schwarzen Lederdress (auch der reale Sado-Masochismus lebt wahrscheinlich viel mehr von symbolischen Gewalt- und Unterdrückungshandlungen als von wirklich schmerzhafter Grausamkeit). Und natürlich „werden in der Pornographie die Darsteller zu reinen Sexualobjekten": aber doch nur in dem Sinne, wie jeder abhängig Arbeitende bei der Ausübung seiner bezahlten Tätigkeit zu einem „Objekt des Willens" der ihn bezahlenden Instanz wird.  

Daß die „Frage, ob der Konsum pornographischen Materials die "Bauernlümmel"-Sexualität nicht fördert" „ungestellt und somit unbeantwortet" blieb, war insofern beabsichtigt, als ihre eindeutige Beantwortung höchst strittig und eben nicht „durch Erfahrungswerte berechtigt" (sic) ist: gerade empirische Untersuchungen haben bisher nie einen eindeutigen Zusammenhang von Pornographiekonsum und sexueller Gewalt nachweisen können. Viel plausibler scheint mir jedenfalls (obwohl das natürlich nur eine Hypothese ist) die Kompensationsfunktion der Pornographie. Aber wie gesagt: der Streit ist so alt wie der entsprechende zwischen Platon und Aristoteles... 

Meiner Apologie der Pornographie ist auch mit dem Reizwort „Kinderpornographie" nicht beizukommen, weil es der Zielrichtung und der Tragweite meiner Argumentation keinerlei Abbruch tut, wenn zugestanden wird, daß es weiterhin Grenzen dessen geben soll, was pornographisch darstellbar sein darf. Diese legalen Grenzen zu bestimmen, ist Aufgabe des Gesetzgebers. Daß die moralischen Grenzen der Akzeptabilität von Pornographie viel offener und weniger eindeutig sind, als gemeinhin angenommen wird, war alles, was behauptet und begründet werden sollte. 

Ein Mißverständnis liegt auch vor, wenn die Rede ist von dem „hohen Wert, den er [Landkammer] der Triebbefriedigung zuschreibt". Welcher „Wert" hier „zugeschrieben" werden soll, ist überhaupt nicht mein Problem; ich sage nur: wenn überhaupt „Triebbefriedigung", dann gibt es zur „realen", mit „echten Partnern" die ebenso legitime fiktionale Alternative durch Pornographiekonsum. Wer darüberhinaus (wie offensichtlich Schlude) sich dazu berufen fühlt, „Triebbeherrschung" zu predigen, dazu aber außerdem noch sagen kann, wie das gehen soll ohne „Verdrängung", und ferner überzeugendere Motivationen vorlegt als die naiv-vage Beteuerung, „der Mensch ist mehr" als sein Sexualtrieb (wo hätte ich das bestritten?), der mag das immerhin tun; seine/ihre Ausführungen werden aber kaum Berührungspunkte mit meinem „Lob der Pornographie" haben, höchstens insofern, als ich gerade beweisen will, daß „der Mensch" soweit „über" seinem Sexualtrieb steht, daß er ihn auch auf andere als auf animalisch-direkte, selbstagierende Weise ausleben kann. Und daß „die Pornographie den Menschen nur als Träger eines Sexualtriebs sieht", ist m.E. ebenso wenig bemerkenswert wie der Fakt, daß die Geographie den Menschen nur als Träger eines Fortbewegungstriebs, die Dietetik den Menschen nur als Träger eines Stoffwechseltriebs, und die Philosophie den Menschen (fast immer) nur als Träger eines Erkenntnistriebs sieht ... usw. Und: alle haben gleich Recht und gleich Unrecht. Alles zu seiner Zeit und im Rahmen der je spezifischen arbeitsteiligen Zuständigkeit. 

Was schließlich und endlich die Bemerkungen zum „Stil" angeht, so steht es jedem frei, den meinigen „schlecht" zu finden; besser zu Gesicht stünde eine solche Äußerung jedoch jemandem, der seinerseits eine mustergültige Probe des eigenen stilistischen Könnens vorgelegt hätte, was offensichtlich von seiten Schludes bisher nicht geschehen ist (ich will es jedenfalls für ihn hoffen...); wenn damit jedoch der Mangel an argumentativer Stringenz kritisiert werden soll, darf geltend gemacht werden, daß man mit einer gewissen (stilistischen?) Sensibilität hätte spüren können, wo der Text willentlich und bewußt die Ebene der streng wissenschaftlichen Argumentation verläßt (wenn er sich denn überhaupt auf diese je einlassen wollte ...), um sich dem (Stil-?)Mittel der aufklärerischen Distanzierung durch Ironie anzuvertrauen (muß man wirklich hinzufügen, daß der Autor selbst „schlecht und recht auf <nicht nur> einem Instrument dilettiert", um die betreffende Passage als ironisch gemeint zu kennzeichnen?). Ob man diesen „Stil" gleich als „unphilosophisch", „demagogisch" und als „Selbstbeweihräucherung" disqualifizieren muß, weil er einem anscheinend fundamentalistisch verstandenen „Ringen um die Wahrheit" (angeblich) widerspricht, sollten wir vielleicht die heute darüber weniger engstirnig denkenden philosophischen Zeitgenossen entscheiden lassen. In diesem Sinn hoffe ich auf weitere und gewichtigere Reaktionen. 

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