Vergebliche Belehrung eines kleinen Jungen 

Replik auf die zweiten Anmerkungen von Herrn Konrad Schlude 

von Joachim Landkammer 
 
(Hinweis: Der vorliegende Text stellt die zweite Fassung eines nach Rücksprache mit der Redaktion selbstzensierten und um einige polemische Akzente und gekürzten Originaltexts dar, J.L.) 

Es ist natürlich etwas mißlich (wenn auch äußerst aufschlußreich), wenn man sich erst eine Definition von "Ironie" aus einem "zufällig ausgewählten Lexikon" holen muß, um zu wissen, was sie denn sei und um dann eventuell auch noch (un-)fähig zu sein, sie irgendwo festzustellen. Da kann man dann natürlich kaum verlangen, außerdem auch noch zu bemerken, daß man auf eine überaus enge und höchstens halbwahre Definition gestoßen ist: denn mit einer "Denk- und Sprechweise, die mit verstelltem Ernst und verstecktem Spott das Gegenteil von dem sagt, was sie meint" hat man eben nur die plumpste und primitivste Art der Ironie beschrieben (vom Typ: "der elegante Stil und die tiefsinnige Kritik von Herrn Schlude stellt ein höchst aufregendes Beispiel zeitgenössischer Philosophie dar"). Subtil wird Ironie aber erst, wenn weder das Gesagte noch das exakte "Gegenteil" gemeint ist (vom Typ: "Ich halte die überaus originellen Ausführungen meines hintergründigen Essays für unwiderlegbar"). Ironie blüht und wuchert nämlich genau in diesem Zwischenreich zwischen dem Gesagten und dessen Gegenteil, sie läßt sich nicht ein und nicht festlegen auf die über-trennscharfe Alternative Ja - Nein, Aut-Aut. "Sic et Non" ist meine Devise wie die der Ironie, und sie sollte ja gerade hier keiner expliziten Legitimation bedürfen. Oder, wenn man philosophiehistorisches name-dropping vorzieht: ich ziehe eindeutig das "sowohl - als auch" eines Hegel und eines Georg Simmel dem rigiden "entweder-oder" Kierkegaards und anderer philosophischer Fundamentalisten vor (Anmerkung für Herrn Schlude: der Terminus "Fundamentalisten" ist ironisch gemeint).  

Wenn ich noch einmal auf jenen Satz eingehe, der meinem Kritiker offensichtlich so übel aufgestoßen ist, dann erstens, um Herrn Schlude jetzt, beim zweiten Mal, dann doch daran zu erinnern, daß man "dilettieren" nur mit einem "l" schreibt und zweitens, um ganz speziell ihn noch einmal auf die "Ironie" hinzuweisen - natürlich wird sie damit so schal wie die Pointe von Witzen, die man erklären muß... - , die Ironie, die darin liegen soll, daß im Kontext jenes Satzes zu einem generellen Verzicht auf aktiven Sex aufgefordert wird: kann man das "ernst" nehmen? Muß man wirklich die "Pointe" erklären, die hier in der aus zahlreichen Komödienhandlungen vertrauten ironischen Methode liegt, daß eine mehr oder weniger kontraintuitive bzw. absurde Hypothese kontrafaktisch in all ihren Konsequenzen durchgespielt wird ("was wäre eigentlich wenn...?"). Damit ist natürlich in Wirklichkeit intendiert, den Zuschauer/Leser und die Zuschauerin/Leserin zur individuellen philosophischen Meditation zu motivieren über Fragen wie: warum eigentlich nicht? und: warum eigentlich? So stelle ich mir wirklich oft die Frage - um wieder zum inkriminierten Satz zurückzukommen - warum ich mich eigentlich als Dilettant meinen lächerlichen, stümperhaften hausmusikalischen Aktivitäten hingeben und nicht, eine CD einlegend, dieselbe Musik viel besser hören und mich ihr viel tiefer hingeben will.  

Zu diesen wie zu allen anderen aufgeworfenen Problemen habe ich für hörende Ohren bereits alles Notwendige gesagt. Nur für Herrn Schlude wiederhole ich daher noch einmal kurz und knapp: ich habe nie behauptet, daß wir das "Denken" aufgeben und den Computern überlassen (sollen), im Gegenteil: nur dadurch, daß wir Computern das (heute oft: nur) von ihnen bewältigbare Denken übertragen, werden wir frei zum eigentlichen "menschlichen" Denken. Es geht also um Aufgabenteilung und -trennung. Deswegen ist es natürlich auch Unsinn, wenn aus meinen Thesen gefolgert wird, "der Fortschritt hätte sein absolutes Ziel erreicht, wenn es keine weiteren Aufgaben auf Spezialisten zu übertragen gäbe": es gibt kein "absolutes Ziel", sondern nur immer neue Aufgaben-Umverteilungen und dadurch neu zu schaffende und zu sichernde menschliche Freiheitsräume. Und diese wachsen nach meinem Befund eben durch Experteneinsatz gerade an.  

Falsch ist ebenfalls, daß in meinem "Lob der Pornographie" "halt auch die anderen (nämlich die sog. schwarzen Schafe der Pornoindustrie, J.L.) enthalten" wären. Mein Lob "enthält" ursprünglich nämlich die Pornoindustrie überhaupt nicht, sondern untersucht den möglichen Sinn des pornographischen Produkts vom ausschließlichen Standpunkt des Konsumenten. Dieses Produkt ist hier also zunächst etwas Gegebenes, Vorliegendes: denn es wäre lächerlich, zu leugnen, daß Pornographie heutzutage ziemlich massiv präsent ist. Wer aus einer vollkommen anderen (moralischen, legalen) Fragestellung heraus die Machenschaften und Hintergründe der Pornoindustrie (aber bitte: genau und unvoreingenommen) untersuchen, anprangern und evtl. bekämpfen oder unterbinden will, mag das immerhin tun und hätte ggf. sogar meine Unterstützung. Daß es aber unmöglich sein wird, sie je gänzlich "abzuschaffen", würde ich in aller Bescheidenheit als zumindest partielle Bestätigung meiner konsumorientierten Thesen vom "Sinn" der Pornographie auffassen wollen.  

Bezüglich der "schädigenden" Wirkung von Pornofilmen (ich habe nicht von Horror- und Brutalo-Videos gesprochen!) möchte ich, diesen Problemkomplex endgültig abschließend, nur auf die umfangreiche entsprechende Forschungsliteratur verweisen. Falls Herr Schlude wirklich an einschlägiger Aufklärung gelegen ist, bin ich gern bereit, ihm eine enstprechende Bibliographieliste zusammenzustellen; seine pessimistische Einschätzung wird sich nach entsprechender Lektüre wahrscheinlich kaum ändern, allerdings wird er dann zumindest zugeben müssen, wissenschaftlich nachweisbare "Fakten" nicht auf seiner Seite zu haben.  

Keinerlei Schwierigkeit bereitet es mir auch, zuzugestehen, daß "die Sexualität sich auch nach Landkammer immer in einem abgeschränkten Bereich (dessen Größe wohl umstritten ist) bewegen" muß: mein "Lob" will lediglich als ein Plädoyer für die vollwertige Einbeziehung bisher ausgegrenzter Bereiche verstanden sein. Daß es daneben immer auch gesellschaftlich und moralisch notwendige und legitime "Triebunterdrückung" geben wird, will ich gar nicht bestreiten; anzweifeln möchte ich jedoch die Selbstgerechtigkeit einer Haltung, die "anderen" Gebieten der Sexualität mit Herrn Schludes entrüstetem "Das brauche ich nicht!" gegenübersteht und dabei geflissentlich verkennt, wie sehr die eigene Sexualität schon geprägt ist von eben dem so entrüstet von sich Gewiesenen. Jeder moderne Sexualforscher betont die Rolle, die auch (und gerade) in jeder sog. "normalen" und "gesunden" (also reziproken) Sexualität Verhaltensweisen spielen wie Dominanz, Unterwerfung, verbale Aggressivität bzw. die Androhung, das Ausüben und das Erleiden von (phyischer, psychischer, fiktiver) "Gewalt", sowie die ansatzweise Praktizierung sämtlicher sog. "Perversionen".  

Es tut mir leid, die SicetNon-Leser mit derartigen Banalitäten langweilen zu müssen, aber so muß man wohl mit "kleinen Jungen" reden, die "in ihrer ganzen Unbekümmertheit" nur einen (ja gar nicht frierenden!) nackten Mann sehen und nichts vom leidenschaftlichen Abenteuer, dem gewollten Risiko und der provokanten Ironie des Exhibitionismus wissen (können). 



© 1997 Sic et Non 
 

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