Anmerkungen zu Joachim Landkammers "Lob der Pornographie"

von Konrad Schlude
 
Das Bemerkenswerteste an Joachim Landkammers "Lob der Pornographie" ist, daß es in seinem Scheitern doch noch erfolgreich ist: Das Lob mißlingt, aber dadurch wird die "Einladung zur kritischen Dikussion" nur zu gerne angenommen.

Ein wichtiges Argument Landkammers ist die These: "Die selbstentfremdende und -distanzierende Übertragung von eigenen Handlungsbedürfnissen auf andere, darauf spezialisierte 'Agenten' ist - universalhistorisch gesehen - generell ein Kennzeichen des kulturellen Fortschritts." Diese These mag für viele Gebiete stimmen, etwa im Handwerk und der Industrie, allgemeingültig ist sie jedoch sicherlich nicht. Denn sonst wäre ja jeder Ansatz einer demokratischen Mitbestimmung der Rückfall in diesbezügliche prähistorische Dunkelheit, das Denken müßten wir auch an die entsprechenden Experten übertragen: Der Mensch als ein Experte für einen Spezialfall und sonst ein Nichts! 

Und wie sieht es denn mit den "Experten" bei der Herstellung von Pornographie aus? Welche besondere Ausbildung oder welche besonderen Fähigkeiten haben die denn? Darf man den Berichten in den Medien glauben, besteht die besondere Fähigkeit oft darin, einen gewissen Durst oder Bedarf an Geld zu haben; von anderen Möglichkeiten wie Zwang, Drogeneinfluß und Kinderpornographie ganz zu schweigen. Landkammer glaubt, daß Pornographie die Menschen vor einer "verletzenden und gewalttätigen Grundkonstante der Sexualität" schützen kann. Dabei übersieht er jedoch, daß bei der Herstellung der Pornographie eben diese von ihm ungewollte brutale Sexualität durchgeführt wird: In der Pornographie werden die Darsteller zu reinen Sexualobjekten. Unklar bleibt somit, wie man etwas tut, um dieses etwas zu verhindern. 

Landkammer zeichnet ein idyllisches Bild von der Sexualtriebsemanzipation durch Pornographie; ungestellt und somit unbeantwortet bleibt jedoch die durch Erfahrungswerte berechtigte Frage, ob der Konsum pornographischen Materials die "Bauernlümmel"-Sexualität nicht fördert? Erinnert sei hier nur an Kinderpornographie, wo die Neigungen nur noch verstärkt werden. 

Die Grundlage der Argumentation Landkammers ist der hohe Wert, den er der Triebbefriedigung zuschreibt; in diesem Sinne erfolgt auch ein Hinweis auf Freud. Aber so unbestritten, wie das im "Lob der Pornographie" dargestellt wird, ist Freud nun auch wieder nicht! Auch wenn Landkammer das einfach als "Einzäunung, Moderation und Kastration der (...) Sexualität" oder als "christlich-allzu-christliches Vorverständnis der Beziehung von Liebe und Sexualität" abtut, sollte man sich doch fragen, ob nicht eine Triebbeherrschung (nicht Verdrängung) angebrachter wäre? Denn der Mensch definiert sich nicht durch seinen Sexualtrieb; ansonsten hätte der Mensch nicht mehr Wert als eine Fliege mit Sexualtrieb, der wir keinen Wert beimessen. Da wir aber dem Menschen einen Wert beimessen, gibt es also etwas im Menschen, das einen höheren Wert als die bloße Triebbefriedungen hat. Da nützt dann auch kein Rückgriff auf Kant mehr, das "Lob der Pornographie" ist mißlungen, weil die Pornographie den Menschen nur als Träger eines Sexualtriebs sieht. Aber der Mensch ist mehr! 

Zum Schluß muß ich noch bemerken, daß ich den Stil des "Lobs" ausgesprochen schlecht finde; allzu oft wird hier mit Unterschwelligkeiten argumentiert, ein kleines Beispiel: "Ganz zu Recht wird heute derjenige mitleidig belächelt, der im Zeitalter der ubiquitär und billig verfügbaren elektronischen Musikkonserven noch selber schlecht und recht auf einem Instrument dilletiert (...)." Hier werden Menschen als lächerlich dargestellt, auf Argumente wird nicht eingegangen. Solchen Stil des billigen Abtuns möchte ich geradezu als "unphilosophisch" bezeichnen, Unterschwelligkeiten gehören zur Demagogie und nicht in die Philosophie, einem "Ringen um die Wahrheit" (Karl Jaspers). Was man zu sagen hat, das soll man auch sagen; jedes andere Diskussionsverhalten dient nicht der Wahrheitsfindung, sondern höchstens der Selbstbeweihräucherung.


Replik zu Konrad Schludes Anmerkungen von Joachim Landkammer