Weitere Anmerkungen zum "Lob der Pornographie"
von Konrad Schlude
 
    Joachim Landkammer glaubt, meine Argumente mit einfachen Mittel widerlegt zu haben. Ich bin da anderer Ansicht. Deshalb habe ich noch ein paar Anmerkungen zum Stil und zum Inhalt des "Lobs der Pornographie" gemacht.

    Zum Stil:
    Tasächlich habe ich nicht bemerkt, daß im "Lob der Pornographie" mit Ironie gearbeitet wird; mein Verständnis von Ironie orientiert sich an der Charakterisierung eines zufällig ausgewählten Lexikons (ein Brockhaus).Unter dem Stichwort "Ironie" steht dort: " (...) eine Denk- und Sprechweise, die mit verstelltem Ernst und verstecktem Spott das Gegenteil von dem sagt, was sie meint." Und wo steckt nun die Ironie in dem von mir kritisierten Beispiel "Ganz zu recht wird heute derjenige mitleidig belächelt, der (...) noch selber schlecht und recht auf einem Instrument dilletiert (...)"? Meint Landkammer hier tatsächlich das Gegenteil von dem, was er behauptet? Wohl kaum! Eine Ironie, die der zitierten geläufigen Charakterisierung entspricht, gibt es hier nicht! Aber vielleicht verwendet Landkammer eine eigene Definition von Ironie? Das ist natürlich zulässig, allerdings ist es genauso zulässig, die Verwendung solcher "Ironie" mit entsprechender Begründung zu kritisieren. Die Ironie, die Landkammer verwendet, ist eine sehr gefährliche Waffe; Gefahr droht auch dem, der sie benutzt: Es kann nämlich passieren, daß der Benutzer den von ihm gerufenen Geist auch dort sieht, wo er gar nicht ist. Wenn ich beispielsweise schreibe, daß man mit der Waffe höchstens eine Selbstbeweihräucherung erreichen kann, dann muß man bei mir keine Unterschwelligkeiten suchen; es ist so gemeint, wie es aufgeschrieben wurde. Ich sage nur, daß man mehr nicht erreichen kann. Es ist ein begründeter Vorwurf an den Stil, nicht eine Pauschalverurteilung einer Person.

    Zum Inhalt:
    Meine Argumente zur Landkammerschen "These vom Fortschrittscharakter der Übertragung von eigenen Handlungsbedürfnissen auf andere, darauf spezialisierte Agenten" sehe ich in keiner Weise widerlegt. Denn wieso soll das Denken denn kein Handlungsbedürfnis des Menschen sein? Wie viel mehr ist das Denken ein Handlungsbedürfnis gegenüber der von Landkammer erwähnten Musik. Auch wenn wir Aufgaben an Computer delegieren, das Denken an sich geben wir damit noch lange nicht auf. Formulieren wir doch einmal die Ausführungen Landkammers ein klein wenig um: "Ganz zu recht wird heute derjenige mitleidig belächelt, der (...) noch selber schlecht und recht mit seinem eigenen Denken dilletiert." Auch die indirekte Demokratie ist kein Beleg für diese These, denn der Fortschritt hätte sein absolutes Ziel erreicht, wenn es keine weiteren Aufgaben auf Spezialisten zu übertragen gäbe; der höchste erreichbare Fortschritt wäre irgendein totalitäres Regime. Das "Lob der Pornographie" beruht zu einem großen Teil auf dieser These, aber wo wird sie wirklich untermauert? Gehört das vielleicht zu den Stellen, "wo der Text willentlich und bewußt die Ebene der streng wissenschaftlichen Argumentation verläßt"? Das mag sein, aber damit würde eine wichtige Begründung des "Lobs" sowieso wegfallen. Allgemein ausgedrückt, die Stellen, "wo der Text willentlich und bewußt die Ebene der streng wissenschaftlichen Argumentation verläßt" sind überflüssig, denn mit diesen Stellen kann man Wichtiges nicht begründen, und Unwichtiges braucht keine Begründung.

    Und welche "Experten", welche Spezialisten sind denn in der Pornographie tätig? Immer wieder wird in den Medien von unter Vorwänden aus ihrer armen Heimat (ehemaliger Ostblock, Asien usw.) gelockten Frauen und jeder Menge schwarzer Schafe im Umfeld der Pornographie berichtet. Ich halte es daher für ziemlich unvorsichtig, in diesem Zusammenhang von "Arbeitsethos der Porno-Industrie" zu sprechen; denn auch wenn wirklich ein großer Teil der Pornohersteller nicht so sein sollte, in einem Lob der Pornographie sind halt auch die anderen enthalten. 

    Der Film ist ein sehr mächtiges Medium; Filme, die handwerklich gut genug gemacht sind, fesseln die Zuschauer, während der Laufzeit des Films fühlt sich der Zuschauer fast schon als Teil der Handlung. Filme können aber auch eine große Nachwirkung haben. So beklagte sich jüngst eine amerikanischer Historiker darüber, daß im Nixon-Film von Oliver Stone ein sehr eingeschränktes Bild von Nixon gezeichnet wird, welches später praktisch nicht mehr zu revidieren sei. Filme haben sehr wohl einen Einfluß auf das Realitätsverständnis der Zuschauer, Berichte über Amokläufe nach dem Konsum von Horrorvideos bestätigen das. Und wenn man jüngsten Presseberichten glauben darf, werden im Pornobereich immer mehr brutalere Filme verlangt. Die Vermutung, daß die Pornographie brutale Aspekte der Sexualität fördert, ist also so unbegründet nicht; für das von Landkammer gezeichnete Idyll von Triebbefriedigung durch Pornographie steht hingegen noch die Begründung aus. Und was der Streit zwischen Platon und Aristoteles angeht, mit dem Wissen über das Medium Film wäre dieser Streit wohl ganz anders verlaufen.

    Landkammer ist für eine gesetzliche Regelung des Problems der Kinderpornographie; für Pädophile ist das natürlich eineTriebunterdrückung, denn an Kindern dürfen sie ihre Neigungen ja sowieso nicht ausleben. Somit muß sich die Sexualität auch nach Landkammer immer in einem ausgegrenzten Bereich (dessen Größe wohl umstritten ist) bewegen: Alles, was aus diesem Bereich hinausragt, darf nicht ausgelebt werden! In seinem "Lob der Pornographie" wendet sich Landkammer aber gegen eine solche "Triebunterdrückung": "Nachdem wir spätestens seit Freud wissen, daß die Triebunterdrückung keine Lösung sein kann (...) " Es stellt sich schon die Frage, ob die menschliche Sexualität tatsächlich aus sich heraus die (wenn auch nur gespielte) Brutalität, "dirty talking" usw. der Pornographie braucht? Nun, ich brauche das nicht! Und da ich auch ein Mensch bin, ist das für mich Grund genug zu bezweifeln, daß die menschliche Sexualität aus sich heraus die brutalen Komponenten braucht. Somit zerbröselt das Fundament des "Lob der Pornographie" immer mehr.

    Landkammer zieht einen Fast-Vergleich zu einem Exhibitionisten, der nackt und unbeachtet auf einem Marktplatz steht. So sehe ich mich halt als den kleinen Jungen, der in seiner ganzen Unbekümmertheit zu dem großen Mann hingeht und ihm sagt, er solle sich besser wieder anziehen, weil er sich bei dem Winterwetter sonst nur erkältet. 


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