Vitamin C als Lebens-MITTEL, nicht als Lebens-ZWECK 
von Dorothea Wildenburg 
 
 
 
 
Das Problem, welches dieser Diskussion offenbar zugrunde liegt, ist ein unterschiedliches Verständnis von Freiheit. Dies möchte ich an zwei verschiedenen Zitaten aus der letzten Replik von Hans-Joachim Niemann deutlich machen.Einerseits heißt es: „Ohne Freiheit keine Wahl und ohne Wahl keine Moral (...)." Automaten oder instinktgesteuerte Tiere, wie Niemann ausführt, „haben" keine Moral. Andererseits aber heißt es im Anschluß daran: „Und wer uns in der Gentechnologie die Freiheit nimmt auszuwählen, indem er z.B. gentechnisch veränderte Nahrungsmittel nicht als solche kenntlich macht, zerstört die Grundlagen der Moral. Er handelt unmoralisch; denn wenn ich nicht wählen kann, schädigt er mich möglicherweise mit seinem Produkt, oder er zwingt mich, wenn ich ein schädliches Nahrungsmittel weiterverwende, etwas zu tun, was anderen Menschen schaden könnte." 

Hier, im letzten Zitat, wird ein anderer Freiheitsbegriff zugrundegelegt als derjenige, von dem im ersten Zitat die Rede war. Die Freiheit auszuwählen, die Wahlfreiheit also, und die Freiheit, die die Grundlage der Moral ist, sind zwar miteinander „verwandt", aber dennoch voneinander zu unterscheiden. Ich möchte letztere die „transzendentale", erstere die „konkrete" Freiheit des Individuums nennen. Die konkrete Freiheit, die im genannten Beispiel darin besteht, wählen zu können zwischen einem gentechnisch veränderten Nahrungsmittel und einem solchen, welches nicht verändert ist, kann uns nur dann als wertvoll erschienen, wenn uns die Möglichkeit der Wahl überhaupt wertvoll erscheint. Negativ gewendet kann es mir auch nur aufgrund dieser ursprünglichen Freiheit ungerecht bzw. unmoralisch erscheinen, im Konkreten nicht wählen zu können. Dadurch also, daß meine konkrete Freiheit als Individuum eingeschränkt wird, wird nicht die Grundlage der Moral, die transzendentale Freiheit zerstört, denn nur anhand dieser grundlegenden Freiheit ist es mir überhaupt möglich, die Einschränkung meiner konkreten Freiheit als unmoralisch zu kritisieren. Wenn die Freiheit (als Grundlage der Moral) dadurch zerstört würde, daß ich nicht mehr wählen kann, dies oder jenes zu tun, dies oder jenes zu wählen, könnte ich diese Einschränkung nicht mehr als Einschränkung wahrnehmen.Was also ist es, so die Frage an Niemann, was mir die Beurteilung der Einschränkung der konkreten Freiheit als unmoralisch ermöglicht? 

Bezüglich des Vitamin C: „Genauso könnte man diesen Schluß ziehen: Ohne Vitamin C können Menschen nicht leben und ohne Menschen gibt es keine Moral, also ist Vitamin C der höchste Wert." Meines Erachtens muß man unterscheiden - und dies führte wieder zu meinem ursprünglichen Artikel zurück - zwischen Mittel und Zweck. Vitamin C ist zwar ein notwendiges Mittel, den Menschen Leben zu ermöglichen. Ein wertvolles Mittel wird es jedoch nur dann, wenn das Leben, dem es dient, als wertvoll erachtet wird. Wenn uns das Leben nicht wertvoll erschiene, wäre tatsächlich auch Vitamin C ohne jegliche (werthafte) Bedeutung. Schon daran wird klar, daß es hier eine Wertabstufung gibt. Nur unter der Voraussetzung, daß wir menschliches Leben als wertvoll erachten, d.h. menschliches Leben erhalten wollen, wird auch Vitamin C - als Mittel, dieses Leben zu erhalten - zu einem Wert. Aber eben nicht zum höchsten, denn niemand würde sagen, daß Vitamin C - ohne Bezug auf seine Funktion für den Menschen - wertvoll sei. 

Niemann fährt fort: „Oder um direkter bei der Moral zu bleiben: ohne Verstand gäbe es keine Moral, also ist Verstand zu haben der höchste Wert (etwas ähnliches behauptet Karl-Otto Apel). Hier wird, was eine wichtige Voraussetzung ist, mit dem höchsten Wert verwechselt." Wenn dies tatsächlich die Argumentation von Apel wiedergibt, so kann ich Niemann an dieser Stelle nur zustimmen, denn dieselbe Kritik liegt der oben angeführten Unterscheidung zugrunde: Verstand "an sich" wird nur dann zu einem Wert, wenn er als ein Mittel verstanden wird, z.B. moralisch handeln zu können, und wenn es weiterhin als ein Wert verstanden wird, moralisch zu handeln. Die wichtige (und unabdingliche) Voraussetzung, moralisch handeln zu können, ist der Verstand, d.h. Verstand ist - wie das Vitamin C - ein Mittel zum Zweck, und kann daher gerade nicht höchster Wert sein. Alle Mittel erscheinen nur im Lichte einer höheren Wert-, und das heißt einer höheren Zwecksetzung, als wertvoll, und können ihrerseits nicht zum Selbstzweck erhoben werden.  

Weise ich einen höchsten, letzten Zweck ab, so wird es völlig unverständlich, warum z.B. Schmerzfreiheit ein „ziemlich hoher Wert" sein soll. Schmerzfreiheit, Gesundheit etc. sind nur dann wertvoll, wenn sie verstanden werden als "Mittel zu" etwas anderem. Es ist möglich, daß wir, hätten wir „eine andere Natur", andere konkrete Werte setzen würden. Dies aber ist nicht das Problem, denn auch wenn wir eine andere Natur hätten und andere konkrete Bewertungen vornehmen würden, heißt das nicht, daß wir nicht überhaupt wertsetzend tätig sind. Sobald wir aber wertsetzend tätig sind, befinden wir uns in einer Mittel-Zweck-Relation, die auf einen höchsten Zweck hinauslaufen muß. Und dieser Zweck ist die Freiheit, die konkrete Freiheit des Menschen, d.h. die Realisierung meines ursprünglichen Wollens, die Realisierung der „transzendentalen" Freiheit. Insofern gebe ich Niemann wiederum Recht: Natürlich "soll" diese Freiheit sein und muß täglich realisiert werden können - daher sprach ich in der letzten Replik vom Vollzug der Freiheit. Man "ist" nicht ein für allemal konkret frei, sondern konkrete Freiheit soll in jedem Augenblick realisiert werden. 

„Liebe zu anderen, von anderen, Anerkennung bekommen, Arbeit haben, gesund sein, satt werden, genügend Abwechslung haben, Wirkung haben, in Frieden leben, Kunst genießen, Hobbys nachgehen können usw. Schon dann, wenn andere uns den Zugang zu diesen selbstgesetzten Zwecken versperren oder erschweren, tritt ein moralisches Problem auf, und nicht erst dann, wenn unsere Freiheit verletzt wird." Dies erscheint mir nun etwas unverständlich: „und nicht erst dann, wenn unsere Freiheit verletzt wird". Wird denn nicht unsere Freiheit eben dadurch verletzt, wenn uns der „Zugang zu diesen selbstgesetzen Zwecken" versperrt oder erschwert wird? Nur dann nämlich, wenn Freiheit als Wert gesetzt wird, kann überhaupt ein „Versperren" oder „Erschweren" (dieser Realisierung der Freiheit) als negativ empfunden werden. Nur mittels der Forderung, daß konkrete Freiheit sein soll, kann ich Einschränkungen dieser konkreten Freiheit negativ beurteilen. All die Beispiele, die Niemann hier anführt, sind Beispiele für die Realisierung und Achtung der Freiheit: Liebe zu anderen und von anderen geliebt werden zu wollen heißt nichts anderes als wollen, daß meine Freiheit geachtet werden soll, Arbeit haben wollen heißt nichts anderes, als frei dem nachgehen zu wollen, was ich als wertvoll erachte, gesund sein wollen heißt nichts anderes, als wollen, ungehindert meine Freiheit vollziehen zu können, in Frieden leben zu wollen heißt nichts anderes, als die Bedingungen dafür haben zu wollen, konkrete Freiheit ealisieren zu können, etc. etc. Das hat nichts mit verbalen Kunstgriffen zu tun, sondern mit philosophischer Analyse dessen, was unseren konkreten Wertsetzungen zugrundeliegt und zugrundegelegt werden muß.  

Bezüglich der Anmerkungen von Joachim Landkammer: 

Zunächst zu folgendem Punkt: "Dorothea Wildenburg hat unrecht, wenn sie meint, daß „Freiheit" ein „Off limits"-Begriff, ein „Vade retro, satana!" für die Gentechnologie darstellt, vor dem sie haltmachen und stehenbleiben muß." 

Das Problem ist hier, daß ich eine solche These an keiner Stelle vertreten habe. Meine bisher vertretene These ist lediglich die, daß - unabhängig davon, ob es sich um Gentechnologie oder andere Problembereiche der Gesellschaft handelt, die Freiheit der oberste Wert sein muß, an dem sich das, was Gentechnolgie leisten darf, orientieren muß. Ich erinnere an eine vorgängige Replik, in der ich ausdrücklich betonte: " (...) solange Gentechnologie zum 'Wohle der Menschheit' eingesetzt wird (...), habe ich absolut nichts dagegen, im Gegenteil: begrüße sie sogar." Solange das, was Gentechnologie erreichen kann, nicht dem widerstreitet, was der Realisierung von konkreter Freiheit dient, d.h., solange sie als Mittel zum Zwecke der Realisierung der Freiheit eingesetzt wird (vgl. oben), ist sie durchaus akzeptabel und wünschenswert. Es ging mir keinesfalls darum, Gentechnologie "an sich" dogmatisch abzulehnen, sondern lediglich um den Versuch, die Grenzen dessen aufzuzeigen, war moralisch legitimierbar sein kann. Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob, und wenn ja welche Kriterien Joachim Landkammer nennen würde, um Gentechnologie in ihre Schranken zu weisen. Darf Gentechnolgie alles, und wenn nein, warum nicht? 

Weiter heißt es: "Im Gegenteil: Freiheit heißt, die körperlich-organisch gesetzten Einschränkungen überschreiten zu können." Auch an dieser Stelle kann ich nur auf das oben dargestellte verweisen: Ohne die (moralische) Forderung der Möglichkeit von Realisierung konkreter Freiheit, kann ich eine Einschränkung nicht als Einschränkung erfahren. Die traditionelle Medizin dient genau diesem Zweck und sollte daher gutgeheißen werden. Wenn die Gentechnologie ebenfalls diesem Zweck dient, sehe ich keinen Grund, sie abzulehnen.  

"Ein gentechnologischer Eingriff", so Landkammer, "der z.B. (...) den Essens- und Schlaftrieb reduzieren oder abschaffen würde, macht frei. In diesem Zusammenhang spielt die Freiheit also keine Rolle als „transzendentales Apriori", sondern als Beschreibung der dem Menschen immer möglichen Transzendierung der Unfreiheit, die in dem Apriori seiner Körperlichkeit liegt." Wie ebenfalls oben erläutert, liegt hier ein anderes Verständnis von Freiheit zugrunde. Wenn der Essens- und Schlaftrieb reduziert oder abgeschafft werden könnte, wäre dies möglicherweise eine Schritt, um die Realisierung konkreter Freiheit zu befördern. Die "Transzendierung der Unfreiheit" heißt dann ja wohl nichts anderes, als die Überwindung solcher Beschränkung, die der Realisierung konkreter Freiheit im Wege stehen. Wenn ich die Notwendigkeit zu essen oder zu schlafen als Beschränkung meiner Freiheit empfinde und als Beschränkung negativ bewerte, ist auch dies (vgl. oben) nur möglich, wenn ich die Nichtbeschränkung, und das heißt nichts anderes als die Möglichkeit zur unbeschränkten Realisierung von konkreter Freiheit, positiv bewerte. 

"Freiheit ist nicht oberster 'Zweck', sondern oberste Freiheit ist es, keinen festgelegten 'Zweck' zu haben." Anscheinend, so unterstelle ich hier einmal, heißt dies wiederum nichts anderes, als daß Landkammer es als den eigentlichen Zweck des Daseins betrachtet, keine Zwecke zu haben. Heißt das aber nicht, Zweckfreiheit als eine Form der konkreten Realisierung von Freiheit zu betrachten? Abgesehen von der Zirkularität dieser Behauptung, bzw. von der Tatsache, daß in diesem Falle eben die Zweckfreiheit als oberster Zweck angesehen wird, bleibt also zu fragen: Wieso soll Zweckfreiheit sein? Anscheinend ja wohl nur deshalb, weil Landkammer darin, keinen festgelegten Zweck zu haben, die "oberste Freiheit" (?) als den absoluten Zweck setzt. Davon abgesehen: Zwecke werden nicht vorgeschrieben, in dem Sinne, wie es Gesetze gibt, die festgelegt werden und vorschreiben. Zwecke werden von jedem einzelnen Individuum selbsttätig gesetzt. 

Und schließlich heißt es: "Das transzendentalphilosophische Problem hat seine politologische Parallele in der Frage, ob die politischen Freiheitsrechte es zulassen dürfen, daß auf 'demokratische' Weise eine Diktatur errichtet und die Abschaffung dieser Rechte erreicht wird." Zunächst: Was ist "das transzendentalphilosophische Problem"? Abgesehen davon, daß ich anhand des bisher Gesagten kein transzendentalphilosophisches Problem erkennen kann, und bevor ich mich in eine Debatte über Möglichkeiten und Grenzen eines demokratischen Rechtsstaates einlassen will: Was hat das mit der Diskussion um die Gentechnologie zu tun? 


Erneute Replik von J. Landkammer: Königin oder Magd, Frau Wildenburg? 
Kommentar von Hans-Joachim Niemann: Braucht die Gentechnologie den Deutschen Idealismus ?