| Zu Laurent Veryckens ‚Formen
der Wirklichkeit: Die Logik’
von Markus Eichelhardt
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| Herr Verycken vertritt in seinem Aufsatz die These, dass die Logik, weil sie
stets zu Abstraktionen genötigt ist (bzw. immer nur mit Abstraktionen zu tun
hat), die Wirklichkeit (bzw. die Dinge und Ereignisse derselben) sich aber
stets in konkretem raum-zeitlichem Fluss vollziehe, diese nicht wirklich
fassen könne, d.i. diese, durch eben diese Abstraktion, notwendigerweise in
ihrer Wirklichkeit verfehle. Insbesondere bezieht sich der Vorwurf darauf,
dass man aus ursprünglich Individuellem eine künstliche Gleichheit mache,
als welcher in der Wirklichkeit aber allenfalls eine Ähnlichkeit entspreche.
Verycken spricht hier davon, dass der Grundfehler der Logik darin bestünde,
den Unterschied zwischen Ähnlichkeit und Gleichheit nicht zu
berücksichtigen. Bereits die Rede von einem ‚Grundfehler der Logik’
deutet an, worauf der Aufsatz hinausläuft. Nämlich auf eine grundsätzliche
Infragestellung der ‚objektiven’ Geltung der Logik und d.h. zumindest auf
einen diesbezüglichen Relativismus.
So liest man: " Es ist deshalb ein verhängnisvoller Fehler, das Denken als ein Mittel anzusehen, ‚objektive’ Erkenntnis zu gewinnen. Es gibt kein Wissen, das immer und überall unbedingte Geltung haben müsste." Und: "Der zwingende Schluss ist ein Irrtum und Allgemeingültigkeit immer ein Fehlschluss." Demgegenüber möchte ich hier eine Verteidigung der Logik zu versuchen. (1) Beginnen möchte ich mit dem allgemeinen, aber m.E. entscheidenden Einwand, wie er in der Tradition von Aristoteles bis Hösle vertreten wird. (2) Nämlich dem, dass die Geltung der Logik nicht logisch in Frage gestellt werden kann. (3) Denn auch Herr Verycken kommt ja vermittelst einer Schlussfolgerung zu seiner Diagnose und ist somit, sofern er überhaupt etwas (Verständliches) sagen möchte, dazu genötigt, die verwandten Schlussregeln anzuerkennen. Dass dies zusammen mit seinem Ergebnis ein Paradoxon, genauer einen performativen Widerspruch darstellt, braucht wohl kaum weiter ausgeführt zu werden. Und im Grunde bin ich hiermit schon am Ende. Aber, so wird man einwenden, dies ist natürlich ein pauschaler Einwand, der sich gar nicht erst mit den angeführten Argumenten auseinandersetzen zu müssen vermeint und sich somit gegenüber denselben gewissermaßen immunisiert, indem er sie ignoriert und es damit schließlich auch nicht zu erwarten ist, dass er ihre vermeintlich positiven Anstöße in den Blick bekommt. Und tatsächlich können sie doch auch eine gewisse unmittelbare und intuitive Plausibilität beanspruchen. Stimmt es denn nicht, dass es die Logik stets mit abstrakten Begriffen zu tun hat, die gerade insofern abstrakt zu nennen sind, als sie von dem Konkreten der wirklichen Gegenstände abstrahieren? Und sind denn die Gegenstände und Ereignisse der Wirklichkeit denn nicht wirklich gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie eben dieses Konkrete auf sich vereinen? Muss dann nicht tatsächlich auf eine Diskrepanz zwischen Logik und Wirklichkeit geschlossen und der Schluss gezogen werden, dass jene eben hierdurch diese prinzipiell in ihrem eigentlichen Sein verfehle? Um auf diese Argumente einzugehen, möchte ich meinerseits zwei Fragen stellen: I. Womit hat es die Logik zu tun? Und II. Welches erkenntnistheoretische Konzept wird hier vorausgesetzt? I. Verycken unterstellt bei seiner Diagnose der Diskrepanz zwischen den Begriffen der Logik und den Dingen, bzw. Objekten und Ereignissen der Wirklichkeit, dass die Logik auf die Erfassung dieser Entitäten abziele. Dies kann auch in gewisser Weise sicher nicht bestritten werden. In welcher Weise aber zielt die Logik auf die Erfassung der Wirklichkeit? Hat es die Logik tatsächlich mit diesen Objekten selbst zu tun? Nein. Die Logik untersucht, wie dies etwa in der kantischen Unterscheidung von reiner und transzendentaler Logik in der KdrV sehr gut zum Ausdruck kommt, nicht die Relation ‚Begriff – Objekt’, sondern lediglich die Beziehung der Begriffe untereinander. Eben hierin unterscheidet sie sich nach Kant ja von der transzendentalen Logik, die die formale Beziehung zwischen Begriff und Gegenstand thematisiert. Als erstes möchte ich also so etwas wie eine Äquivokation des Begriffs ‚objektiv’ bei Verycken konstatieren, wie sie m.E. in dem bereits zitierten Satz zum Ausdruck kommt: "Es ist deshalb ein verhängnisvoller Fehler, das Denken als ein Mittel anzusehen, ‚objektive’ Erkenntnis zu gewinnen." ‚Objektiv’ im Sinne von ‚notwenig’ und ‚allgemeingültig’ darf nicht mit ‚objektiv’ im Sinne von ‚auf ein Objekt bezogen’ verwechselt werden. Ist dies aber wirklich ein Einwand gegen Verycken? Konstatiert er nicht gerade eine Diskrepanz zwischen der Objektivität, wie sie die Logik beansprucht und der Objektivität der Gegenstände der Wirklichkeit? Doch, aber eine Diskrepanz im Sinne Veryckens, dass nämlich der eine Begriff der Objektivität notwendig den anderen verfehle, kann ja nur dann konstatiert werden, wenn beide Begriffe zusammengedacht, d.i. nicht sauber geschieden werden. Trotzdem muss nochmals zurückgefragt werden: wenn diese Begriffe tatsächlich so strikt zu trennen sind, hat dann Verycken nicht recht? Hat dann die Logik nicht wirklich nichts mehr mit der Wirklichkeit zu schaffen? Und geht sie dann nicht wirklich an letzterer vorbei? Hierzu möchte ich zu meiner zweiten Frage überleiten: Welches erkenntnistheoretische Konzept wird hier vorausgesetzt? II. Veryckens gesamten Aufsatz durchzieht m.E. eine merkwürdige Zwiespalt, die bereits mit dem Titel anhebt: ‚Formen der Wirklichkeit: Die Logik’ (4). Die Logik ist hier als ‚Form’ der Wirklichkeit konzipiert. Demgegenüber entwickelt Verycken im Laufe seines Aufsatzes eine primär realistische Tendenz (wobei nicht bestritten werden soll, dass auch die scheinbar gegenteilige Position zuweilen im Text anklingt), die sich etwa in Sätzen ausdrückt wie: "Der Satz ‚A’ ist ‚A’ ist zwar die Grundlage allen Erkennens, aber selbst keine Erkenntnis, sondern eine Tat des Geistes, ein Akt ursprünglicher Synthesis, durch welchen als notwendiger Anfang allen Denkens eine Gleichheit oder ein Beharren gesetzt werden, die sich in der Natur nur vergleichsweise und annähernd, niemals (Hervorhebung vom Autor) aber absolut und vollkommen vorfinden." Gefragt werden muss hier: Wie soll denn Natur unabhängig von Erkenntnis erkannt werden können? Denn dies wird doch hier offenbar vorausgesetzt, wenn Verycken (wenn auch negativ) etwas über die Natur, wie sie wirklich ist und sofern sie mit der ‚Grundlage alles Erkennens’ divergiert, prädiziert? Woher weiß er, wie die Natur ‚wirklich’ ist? Woher schöpft er, so möchte man fragen, diese ‚Erkenntnis’? Er erhebt also den Anspruch adäquater Erkenntnis, traut aber gleichzeitig der ‚Grundlage aller Erkenntnis’ (und damit jedweder Erkenntnis – denn was sollte sonst ‚Grundlage’ heißen?) keine Adäquatheit zu. So taucht also der Eingangs erhobene Einwand hier auf der Ebene einzelner Argumente erneut auf. Auf den Titel bezogen: Die Logik soll zwar die Form der Wirklichkeit sein, trotzdem soll sie diese prinzipiell verfehlen. Wie ist das zu denken? Eine mögliche Antwort, die der Text nahezulegen scheint, könnte in einem Verweis auf die Empirie gesehen werden. Neben Veryckens ständiger Betonung des Unmittelbaren scheint dies durch so harsche realistische Bemerkungen wie: "Kategoriale Verarbeitung der Empfindung heißt immer Vereinheitlichung des sinnlichen Stoffes und ist damit aber schon eine substantialisierende Verfälschung der gegebenen Wirklichkeit" (Hervorhebungen vom Autor). Andererseits finden sich dann aber auch wieder Bemerkungen, die m.E. mit vollem Recht die konstitutive Leistung des Denkens für jedwede Erkenntnis einklagen. So wird etwa Heinrich Rickerts Satz zitiert, dass "niemand auch nur damit ‚beginnen’ (kann), dass er das Unmittelbare unmittelbar ‚schaut’. Er muss sogleich über das Unmittelbare logisch ‚denken’, und sobald er das tut, nimmt er es nicht mehr ‚als’ Unmittelbares, sondern als irgendwie begrifflich geformtes in sein Denken auf. Jede solche Formung stört die Unmittelbarkeit des Unmittelbaren. Jede Erkenntnis, die wahr sein will, bedarf irgendeiner Vermittlung. Unmittelbare Erkenntnis des Unmittelbaren gibt es nicht. Unser Denken kann sich gewiss auf die Anschauung als unmittelbar gegeben stützen, ja es muss das vielleicht mehr oder weniger überall. Aber sobald wir ‚Gedanken’ davon bilden, gehen wir über das Unmittelbare hinaus." Man fragt sich, warum Verycken diesen Satz Rickerts zitiert, scheint er doch eine genaue Gegenposition zu formulieren. Vermutlich sieht Verycken hierin eine Bestätigung seiner These, dass das Denken das Unmittelbare als Unmittelbares zerstört und dieses somit notwenig verfälscht, bzw. an ihm vorbeigeht. Allein, Verycken verkennt hier m.E., dass Rickert hier jedwede Möglichkeit der Erfassung des Unmittelbaren bestreitet (es kann nicht unmittelbar geschaut werden und sobald es gedacht wird, ist es eben nicht mehr unmittelbar) und dass damit der Begriff des Unmittelbaren zu einem Unbegriff wird. Hier sind noch klar die Wurzeln des Kantianers Rickerts zu erkennen ("Unser Denken kann sich gewiss auf die Anschauung als unmittelbar gegeben stützen, ja es muß das vielleicht mehr oder weniger überall") (5). Damit gerät er aber auch in die gleiche Aporie wie Kant mit dem Begriff des Dinges an sich. Weder von Dingen an sich, noch von der Unmittelbarkeit lässt sich konsistent konstatieren, man könne nichts über sie wissen, oder gar dies oder jenes käme ihr nicht zu (bzw. in diesem oder jenem unterscheide sie sich vom Denken). Hie wie da handelt es sich, wenn auch um negative, Aussagen über Dinge an sich, bzw. die Unmittelbarkeit. Noch wunderlicher wird es, wenn Verycken selbst schreibt: " Es wurde allgemein vorausgesetzt, dass der Ausdruck ‚Ding’ im Gegensatz zur ‚Idee’ etwas bezeichnet, das außerhalb unseres Denkens existiert. Das war ein großer Irrtum: Unsere ganze Erkenntnis bezieht sich auf eine ‚kategorial’ geformte Wirklichkeit." Ob dieser Einsicht, findet man dann aber auch wieder Äußerungen wie: "’Begriff’ und ‚Wirklichkeit’ sind etwas ‚grundsätzlich’ verschiedenes." (6) Zusammenfassung: Abgesehen davon, dass das Projekt einer logischen Infragestellung der Geltung der Logik von vornherein zum scheitern verurteilt ist, setzt die Konstatierung einer prinzipiellen Unzulänglichkeit der Logik zur Erfassung der Wirklichkeit voraus, dass sich prinzipiell eine Divergenz zwischen Denken und Wirklichkeit feststellen lässt (zumindest bis hierhin scheint mir Verycken zu folgen), was wiederum die Möglichkeit einer vom Denken unabhängigen Erfassung der Wirklichkeit (was dann wiederum voraussetzt, dass es überhaupt eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit gibt) voraussetzt. Eine solche Möglichkeit einer von den Bedingungen jedweden Erfassens unabhängige Erfassung der Wirklichkeit (sowie auch eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit) ist jedoch ein von vornherein unsinniges Konzept. Man fühlt sich unmittelbar an die provokante Aufforderung Berkeleys erinnert, man solle nur einmal versuchen, eine vom Denken unabhängige Welt zu denken.
(1) Die große zeitliche Verzögerung dieser Antwort ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass erst unlängst auf Sic et Non aufmerksam geworden bin. Da die Themen der Philosophie allgemein und insbesondere die Logik ja zeitlos sind (eben hierin sieht Herr Verycken ja ihren entscheidenden Mangel), lässt sich diese vielleicht entschuldigen. (zurück) (2) Als weitere bedeutende Vertreter dieser Position sind etwa Husserl und K.-O. Apel zu nennen. Anzumerken ist allerdings, dass Aristoteles in dieser Reihe eine Sonderstellung einnimmt, da er, im Gegensatz zu den anderen genannten Vertretern, das Argument nicht als explizit reflexives noch als eigentlichen Beweis anführt. Vgl. Metaphysik G. Hamburg 1995; sowie: Husserl, E.: Logische Untersuchungen Bd.1 Prolegomena zur reinen Logik. Hamburg 1992; Apel, K.-O.: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft. In: Transformation der Philosophie. Bd.2. Ffm 1994; Hösle, V.: Die Krise der Gegenwart. München 1997. (zurück) (3) Bemerkenswert ist, dass die Geltung dieses Argumentes auch (zumindest von einigen) Vertretern einer vermeintlich eher relativistischen Richtung anerkannt wird. Dies gilt etwa für Heidegger, dessen historischer Relativismus, wie C.F. Gethmann zeigt (vgl.: Gethmann, C.F.: Heideggers Wahrheitsbegriff in den Marburger Vorlesungen. In: Dasein: Erkennen und Handeln. Heidegger im phänomenologischen Kontext. Berlin/New York 1993) sich nicht auf die prädikative (logische) Ebene des apophantischen Als, sondern vielmehr auf die vor-prädikative, pragmatische Ebene des hermeneutisch Als bezieht, so dass er das Argument, als welches sich auf die logische Ebene bezieht, trotz dieses historischen Relativismus ausdrücklich anerkennen kann. "Wenn nun eine bestimmte Theorie und Wissenschaft gegen diese Bedingungen einer Theorie überhaupt verstößt, dann verstößt sie selbst gegen das, was sie möglich machen soll. Die bestimmte Theorie streitet wider den Sinn, den sie als Theorie überhaupt haben soll. Sie verliert jeden vernünftigen – Husserl sagt: >konsistenten< Sinn. Gehört es aber nun gar ausdrücklich zum theoretischen Aussagegehalt einer Theorie die Bedingungen der Möglichkeit einer Theorie überhaupt zu leugnen, dann ist sie im Kern absolut widersinnig, total inkonsistent." GA 20: Logik. S.44 (zurück) (4) Warum an dieser Stelle ein Plural steht, ist mir nicht ganz klar. Sind hier die Begriffe der Logik gemeint? Oder ist vielmehr eine Pluralität von Logiken angesprochen? Für die Zwecke dieser Antwort kann es aber unterbleiben dieser Frage weiter nachzugehen. (zurück) (5) Die Vorstellung eines zunächst unmittelbaren Erfassens der Wirklichkeit, auf der unser Denken basiert herrscht in Form ‚einfacher Akte’ auch noch bei Husserl vor und wir entgültig erst mit Heideggers Begriff der ‚Auslegung’ überwunden. Vgl. Gethmann, C.F.: Das Problem der Außenwelt. Ein Skandal der Philosophie. In: ders. 1993. (zurück) (6) Die Reihenfolge der Zitate folgt nicht dem Verlauf des Textes. Es geht mir hier nur darum beispielhaft auszuzeigen, dass sich im Text zwei ganz unterschiedliche Tendenzen finden. (zurück) |