Soweit die Erinnerung in Betracht kommt

Bemerkungen zur pragmatischen Orientierung 

 

 von Klaus Peter Müller
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2003) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/historie/erinnerung.htm

  1. Vor dem Verlust der Erinnerung steht, wenn die Zeit noch bleibt, der Schrecken vor der Vorstellung, was dann kommen mag.

Vorausgesetzt, man gehört nicht zu denen, die vergessen wollen.

Wie will man sich noch orientieren, wenn man sich nicht mehr erinnern kann? Was passiert, wenn der eigene Namen mit einem Mal vergessen wird, man nicht weiß, wer man ist, wo man wohnt, usw.?

Wer sich erinnert, kann auf seine Erfahrungen zurückgreifen, auf einen Schatz an Orientierungen, der sich bewährt hat. Allerdings gibt es auch Situationen, wo man an seinen Erinnerungen festhält, sich an ihnen klammert. Wer kennt nicht den Spruch: Früher war alles besser. Ein solcher Spruch ist wohl der Ausdruck dafür, dass man auch im Denken in Traditionen unbeweglich verharren kann.

Für Friedrich Nietzsche wäre dies wohl ein Versuch gewesen, die Vergangenheit zu mumisieren, ein Ausdruck der antiquarischen Art – so wie er sie bezeichnet – die Geschichte zu betrachten. In seiner Schrift 'Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben' geht es um die Bedeutung des historischen Sinns. Umfasst diese Bedeutung nicht auch den Sinn für die Erinnerung?

Friedrich Nietzsche stellt der Kraft des Erinnerns die Kraft des Vergessens gegenüber. Seine Frage ist, wie sieht die Grenze aus, an der das Vergangene vergessen werden muss: "Dass das Leben aber den Dienst der Historie brauche, muss ebenso deutlich begriffen werden als der Satz, der später zu beweisen sein wird – dass ein Übermaß der Historie dem Lebendigen schade."

Die Kunst besteht darin, eine Grenze im Verneinen des Vergangenen zu finden und das ist nach Friedrich Nietzsche eine durchaus gefährliche Sache. Wer nach ihm z.B. die Kraft des Vergessens nicht besäße, der wäre verurteilt, "...überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinander fließen und verliert sich in diesem Strom des Werdens: er wird wie der rechte Schüler Heraklits zuletzt kaum mehr wagen, den Finger zu heben." Man kann in diesem Sinne zwar glücklich wie ein Tier ohne Erinnerung leben, aber es ist nach ihm unmöglich ohne Vergessen zu leben. Das schreibt - wohlgemerkt - der Friedrich Nietzsche der 'Unzeitgemäßen Betrachtungen'. Nun kennt Friedrich Nietzsche auch noch eine 'kritische Art' die Vergangenheit zu betrachten, die nicht mit dem Vergessen-Können zu verwechseln ist. Der Mensch muss nach ihm diese 'kritische Art' verwenden, um eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können. Vorausgesetzt wird von ihm: "...jede Vergangenheit aber ist wert, verurteilt zu werden...". Wenn dem aber so ist, wird die Kunst, eine Grenze im Verneinen des Vergangenen zu finden, nur unter Vorbehalt geschehen können. Merkwürdig an dieser Stelle ist, wie er zu der Begründung kommt, dass jede Vergangenheit es wert ist, verurteilt zu werden. Dieses Urteil – wie er es nennt – wird vom Leben selbst verkündet, "...jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht." Was er jedoch als Spruch des Lebens bezeichnet, ist identisch mit den Worten Mephistos in Goethes 'Faust': "Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht..". In den 'Unzeitgemäßen Betrachtungen' steht jedoch kein Hinweis auf den Urheber dieses Satzes. Ist der Spruch des Lebens vom Sinn her aber identisch mit Mephistos Satz?

  2. Für die pragmatische Philosophie wird es zur Aufgabe, die Fassung des Begriffs der Erinnerung selbst zu verändern, sie den neuen Gegebenheiten anzupassen. Ein Begriff der Erinnerung wird entwickelt, der sich in der veränderten Wirklichkeit bewähren kann. Diese Wirklichkeit selbst steht dabei für das pragmatische Denken nicht in Frage.

Wem die Vergangenheit ein unverrückbarer Maßstab der Orientierung ist, – und das gilt z.B. für die traditionelle platonische Philosophie und ihre Nachfolger -, dem ist die Erinnerung unerlässlich. Die Erinnerung ist hier wie ein Organ der Tradition.

Anders sieht es im Kontext eines Denkens aus, für dass die Zukunft der Maßstab der Orientierung ist, das sich auf eine Odyssee in die Zukunft begibt und das in einem bestimmten Sinne 'heimatlos' ist? Ist die pragmatische Philosophie nicht wie ein Reiseführer auf einer solchen Odyssee in die Zukunft? Oder anders ausgedrückt: Wie sich orientieren, wenn das feste Land für immer verlassen wurde und man sich auf das feste Treiben auf dem Meer einzurichten hat? Wenn von einem sicheren Hafen nicht mehr die Rede ist? Unter dieser Voraussetzung, wird es philosophisch zur Aufgabe, sich in einer Wirklichkeit zurecht zu finden, für die – wie es Hans Blumenberg ausdrückte - Realität immer das Resultat einer Realisierung ist, aber nie definitive Verlässlichkeit. (1) Die Möglichkeit scheint unverständlich geworden zu sein, dass etwas Gegebenes gültig sein könnte und als das 'eigentlich Seiende' wahrgenommen werden kann. Platon ging noch davon aus, dass sich das Gegebene als solches von sich her darbietet. (2) Nach John Dewey hingegen, nimmt nur der Wilde' die Dinge so 'wie sie sind', wie er in 'Die Erneuerung der Philosophie' schreibt. Auch wenn er bei diesem Satz sicher nicht unmittelbar an Platon gedacht hat, wird der Unterschied in der Sache deutlich. Die Kritik zielt bei John Dewey auf ein Denken – wie das platonische -, dass noch die Betrachtung der Dinge in den Mittelpunkt der Bemühungen stellt.

  3. In der Odyssee des Homer ist die Spur der Erinnerung noch wie ein Leitfaden, der eine sichere Heimfahrt verspricht. Dieser Spur zu folgen, ist allerdings, wie die einzelnen Episoden zeigen, alles andere als leicht. Wer von den Lotusfrüchten kostete, der dachte z.B. nicht mehr an Kundschaft oder an Heimkehr, der wollte die Lotophagen nicht mehr verlassen, sondern der Heimat entsagen. So steht es im Neunten Gesang der Odyssee. Als Odysseus es bemerkt, fesselt er diejenigen, die davon probiert hatten. Was ihm bleibt, ist: "...von dannen zu fliehen und sich in die Schiffe zu retten,...". Die Auflösung der Erinnerung bedeutet in dieser Geschichte: das Ziel, die Heimat, vergessen. Lotos ist eine orientalische Speise.

Nach Horkheimer und Adorno ist es kein Zufall, dass die Odyssee die Vorstellung des Schlaraffenlebens an das Essen von Blumen heftet. Die Blumen versprechen einen Zustand, in dem die Reproduktion des Lebens von der bewussten Selbsterhaltung unabhängig erscheint. Was als Drohung erscheint, ist ein Urzustand ohne Arbeit und Kampf in der 'fruchtbaren Flur'. Für die selbsterhaltende Vernunft gilt: es gibt kein Glück an den Rändern der Welt. (3)

  4. Ohne die Erinnerung findet Odysseus den Weg nicht zurück. Auf sie scheint Verlass. Sie ist wie eine Macht, die von der Voraussetzung ausgeht: Nichts geht verloren. Wie sollte auch etwas verloren gehen können, wo doch die Alten davon ausgingen, dass der Kosmos eine ewige Selbstwiederholung des Seins ist.

Aber was bedeutet das für die Erfahrung?

In der Odyssee gibt es allerdings Situationen, wo auch die Erinnerung nicht mehr weiterhilft, z.B. dann, wenn man an einen Ort gelangt, an dem man vorher noch nicht war. Odysseus, in einer solchen Schwierigkeit, er bedarf der Hilfe von Kalypso. Es sind nach dieser Geschichte die griechischen Götter, die in einer solchen Ausweglosigkeit weiterhelfen. Sie wissen den Weg – so scheint die Geschichte zu sagen – auch dann, wenn man mittels eigener Erfahrung nicht mehr weiter weiß.

  5. Die Philosophie kann als eine Kunst der Orientierung beschrieben werden. So entwickelt schon der Platonismus die Mittel, die diesem Zweck dienen. In diesem Sinne kann man auch seinen Begriff der Erinnerung lesen. Erinnerung ist im Platonismus Wiedererinnerung und ein Vermögen. Sie ist der Maßstab der Orientierung. Das 'wahre' Wissen ist in diesem philosophischen Zusammenhang Erinnerung und nicht etwa Erfahrung. Im Dialog 'Phaidros' wird die Erinnerung als eine besondere Fähigkeit beschrieben. Ist das Auge auch das schärfste der Sinne, so wird doch damit die 'Weisheit' nicht erblickt. Es ist nach Platon der Philosoph, der ununterbrochen in der 'Wiedererinnerung' verweilt, um göttlich zu sein. Die Erinnerung 'befiedert' den Geist.

Nach dieser Vorstellung ist und bleibt die Welt der Erfahrung eine Irrwelt und die Erinnerung das Mittel, um sich hier zu orientieren, d.h. die Erfahrung ist lediglich eine Durchgangsstation. Die Kunst besteht demnach darin, 'Zurück-zu-finden'.  Auch die Philosophie Platons beschreibt auf ihre Weise eine Heimfahrt, die eine Irrfahrt ist, eine Reise, für die die Zeitdimension der Vergangenheit von besonderer Bedeutung ist

Bei Sören Kierkegaard heißt es in den 'Philosophischen Brosamen': Das griechische Pathos konzentriert sich auf die Erinnerung. Die sokratische Frage war, wie kann die Wahrheit gelernt werden und die Antwort war, dass alles Lernen und Suchen nur ein Erinnern sei. Der Einzelne hatte in diesem Sinne die Wahrheit schon immer, er hatte sie nur noch nicht entdeckt.

Die Erinnerung ist in diesem Sinne ein Vermögen. Durch sie erschließt sich das, was letztlich als wirklich gilt.

So kann auch die Suche nach Wahrheit als eine bestimmte Art von Odyssee verstanden werden, die ihre Wege und Versuchungen hat.

  6. Der Begriff der Erinnerung steht in einer Beziehung zum Begriff der Wirklichkeit. Bei Plato ist es die Vorstellung einer Wirklichkeit, die 'momentan evident' ist, d.h. nach Hans Blumenberg, dass Platon davon ausgeht, das der menschliche Geist beim Anblick der Ideen sofort klar ist, dass er es hier mit einer letztgültigen und unüberschreitbaren Wirklichkeit zu tun hat. Das Wirkliche präsentiert sich in diesem Sinne von selbst. Im Augenblick seiner Präsenz ist es in seiner Überzeugungskraft unwidersprechlich da. Sehr gut passt in eine solche Vorstellungswelt die Metaphorik des Lichtes. Man denke etwa auch an die biblischen und anderen Berichte von der Erscheinung Gottes. In solchen Berichten ist für die Vermutung oder Befürchtung einer Illusion kein Platz. (4)

Die Wirklichkeit ist in diesem Sinne immer schon da, man muss sie nur wieder entdecken. Die Wirklichkeit im letzten Sinne ist vorgegeben und nicht etwas, was sich ändern könnte.

  7. Zu unterscheiden ist dieser platonische Begriff der Erinnerung von einem Begriff, der sich auf eine vergangene und erlebte Erfahrung bezieht.

In der Erinnerung gefangen sein. Wann sagt man so etwas? Sagt man das nicht von einem Trauernden, der z.B. durch einen Unglücksfall jemanden verloren hat? Er kann sich nicht von seinen Erinnerungen lösen. So kann u.U. der Verlust psychisch nicht bewältigt werden. Vielleicht baut man dann sogar die Erinnerung zu einer Art Gegenwart auf. Das ist wohlgemerkt die psychologische Sicht eines Problems.

Aber der platonische Begriff bezieht sich nicht auf den Verlust einer Gegenwart, die droht in der Erinnerung zu verschwinden, sondern um eine Erinnerung, die noch nicht Gegenwart war.

Die Erinnerung ist in diesem Sinne ein Vermögen. Sie ist der Ausdruck einer möglichen Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart.

  8. "Die Zukunft feiern, nicht die Vergangenheit. Den Mythos der Zukunft dichten!..." (5) Diese Überlegungen von Nietzsche in seinen Vorarbeiten zu 'Also sprach Zarathustra' beschreiben eine andere Position des Denkens.

Denken wird zu einer Art Fest, zu einer Siegesfeier über eine Vorstellungswelt, die ehemals gültig war und nicht mehr gültig sein darf. Es ist die Geschichte einer Gefangenschaft, deren Ende verkündet wird. Es geht um eine neue Freiheit, um eine Freiheit auch von einem bestimmten Begriff der Erinnerung.

Auch der Begriff der Wirklichkeit hat sich entscheidend verändert. Es gibt keine Wirklichkeit mehr, die momentan 'evident' ist. Wie kann man diese Vorstellung von Wirklichkeit beschreiben? Die Wirklichkeit, um die es nun geht, die liegt in der Zukunft. Sie ist eine, die nicht vorgegeben ist, sondern, die noch erst hergestellt werden muss. In seiner Schrift 'Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit der Romans' spricht Hans Blumenberg von einem Wirklichkeitsbegriff, der sich auf die Realisierung eines in sich einstimmigen Kontextes bezieht.

Realität wird zum Resultat einer Realisierung. Hier gibt es keine 'momentane Evidenz' mehr. Die sich konstituierende Verlässlichkeit ist niemals endgültig. Wirklichkeit wird zum Grenzbegriff, zu einem Bestätigungswert der Erfahrung. (6)

  9. Der Bruch mit dem traditionellen platonischen Begriff der Erinnerung wird deutlich im Denken von Gilbert Ryle hervorgehoben. Nach ihm ist das Gedächtnis kein Vermögen oder eine Fähigkeit der Erkenntnis. Falsch ist nach ihm auch, das 'sich an etwas erinnern' neben der Wahrnehmung und der Deduktion als ein Erkenntnisakt oder -vorgang zu betrachten. In 'Der Begriff des Geistes' schreibt er: "Wenn ein Zeuge gefragt wird, woher er weiß, dass sich etwas zugetragen hat, dann wird er vielleicht antworten, er habe es gesehen oder es sei ihm erzählt worden... . Er könne nicht erwidern, er habe dadurch entdeckt, was sich zutrug... . Die Erinnerung und das Nichtvergessen sind weder 'Quellen' des Wissens noch, wenn das etwas anderes ist, Arten in denen wir Wissen erwerben." (7) Das Kriterium ist, die Erinnerung ist kein Lernen, Entdecken oder Beweisen. Das Erinnern ist nach ihm wie das Wiederholen von etwas schon Gelerntem: "Es ist wie erzählen, nicht wie nachforschen." Wer noch davon ausgeht, dass die Erinnerung eine 'Quelle' der Erkenntnis ist, der befindet sich nach ihm im Irrtum.

Interessant ist, zum Vergleich, sich die klassische griechische Position in dieser Frage vor Augen zu führen. Die Wiederholung ist bei den Griechen ein Ausdruck für Erinnerung und insofern ist auch Erkennen ein Erinnern.

  10. Gleich zu Anfang seines Buchs "Die Erneuerung der Philosophie" hebt John Dewey den Begriff der Erinnerung hervor. Nach ihm ist Erinnerung etwas, was den Mensch vom Tier unterscheidet: "Bei den Tieren vergeht eine Erfahrung, sowie sie gemacht wird, und jedes neue Tun oder Leiden steht für sich allein." (8) Der Mensch hingegen kann nach ihm in der Erinnerung die Vergangenheit noch einmal erleben.

Die Tiere leben danach lediglich in einer Welt physischer Gegenstände, der Mensch hingegen zusätzlich in einer Welt der Zeichen und Symbole. In diesem Sinne ist eine Flamme "... nicht lediglich etwas, das wärmt oder versengt, sondern ein Symbol des fortdauernden Lebens des Haushalts.... sie ist der Herd, an dem man die Gottheit verehrt und für den man kämpft."

Der Unterschied zwischen Tierheit und Menschheit, zwischen Kultur und bloß physischer Natur besteht nach John Dewey nur deshalb, weil sich der Mensch erinnern kann. (9)

Aber, und das ist wichtig für seine weiteren Überlegungen: Erinnern ist nicht gleich Erinnern. Es kommt auf das 'wie' der Erinnerung an. Die Fähigkeit der Erinnerung wird nochmals unterteilt.

John Dewey nimmt an, das die Wiedererinnerungen in der Frühzeit selten buchstabengetreu waren. Das primäre Leben des Gedächtnisses ist daher eher emotional als intellektuell und praktisch. Man interessierte sich für die Geschichte, für das Drama. Was das Gedächtnis betraf, so ging es um Phantasie und Imagination und nicht um eine genaue Erinnerung. (10)

Der Urmensch lebt danach in einer Welt der Erinnerungen, die eine Welt der Gedankenanklänge (suggestions) war: "Ein Gedankenanklang unterscheidet sich von einer Erinnerung dadurch, dass kein Versuch gemacht wird, seine Korrektheit zu überprüfen." (11) Tiererzählungen, Mythen und Kulte gehören demnach zu einer Welt der Gedankenanklänge.

Unverkennbar ist das Schema dieser Überlegungen, die den Logos dem Mythos entgegenstellt, den Mythos zur Vorgeschichte des Logos macht, in diesem Falle dem Logos des naturwissenschaftlichen Denkens. Das Vorbild der exakten Erfahrung wird in die Vergangenheit projiziert.

Das menschliche Gedächtnis ist begrenzt, aber nach John Dewey ist diese Begrenzung auch eine qualitative. In der Regel besteht nach ihm das Gedächtnis nicht aus Erinnerungen an wirkliche Tatsachen, sondern aus Assoziation, Gedankenanklang, dramatischer Phantasie. Nur in einer Zeit der wirklichen Arbeit und des Kampfes ist danach die Welt der Träume zurückgedrängt.

Die Welt der Tatsachen ist aus dieser Sicht – und das ist eine Konsequenz - ein Gegensatz zu der Welt des Traums.

Das heißt nicht, das nach dieser Vorstellung nicht auch eine persönliche Hingabe an die Welt der Phantasie möglich ist – so wie das John Dewey formuliert – aber man sollte diese Hingabe nicht mit dem Resultat einer objektiven Erfahrung verwechseln. (12) Das Ideal des naturwissenschaftlichen Denkens ist hier im Hintergrund das Modell der Erfahrung.

  11. Was hat die Naturwissenschaften verbindlich gemacht, fragt Hans Blumenberg in seinem Aufsatz 'Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos'?

Es ist eine Vorgehensweise in denen jedes Resultat über einen Gegenstand seine Vorgänger verdrängt und einem 'nur noch' historischen  Interesse überliefert. Damit stellt sich die Frage, welcher Wert die Vergangenheit in einem solchen Denken noch beigemessen werden kann. (13) 

Wenn John Dewey davon spricht, dass eine neue Richtung des Denkens möglich sei, dann bezieht er das auf ein solches Modell des naturwissenschaftlichen Denkens. Das Alte und Neue sind danach unverträglich. Der kosmologische und ontologische Schutt des Denkens ist nach ihm beiseite zu kehren, sonst gibt es in diesem Sinne keinen Fortschritt. (14)

Der Erfolg der naturwissenschaftlichen Methode der Erkenntnis vor Augen behauptet er, dass die Aufdeckung des Neuen und das Zurücklassen des Alten als selbstverständlich hingenommen wird. (15) Eine Selbstverständlichkeit, die er sich wohl eher herbeiwünscht, denn im nächsten Satz korrigiert er sich, wenn er  diese Art des Denkens als noch weit davon entfernt sieht, sich allgemeiner Anerkennung zu erfreuen.

Die Einführung der naturwissenschaftlichen Methode wird zur Revolution des Denkens, dazu passt auch der Traum eines "Ministeriums für Ruhestörung". Fortschritt des Denkens setzt in diesem Sinne immer die Destruktion oder Desintegration des alten Wissens voraus, bevor das neue geschaffen werden kann. (16)

Das es sich hier um einen permanenten Prozess handeln soll, wird deutlich, wenn John Dewey behauptet, dass nur dann auch Sicherheit erreicht werden kann, wenn der Fortschritt der Erkenntnis kontinuierlich ist. Nur das sei eine Möglichkeit altes Wissen vor dem Verfall in dogmatische, auf Autorität hin übernommene Lehren oder vor einem unmerklichen Abgleiten in Aberglauben und Alt-Weiber-Geschichten zu sichern. (17)

Aber geht es überhaupt um den Schutz alten Wissens?

Francis Bacon ist Vorbild dieses Denkens. Der Satz 'Wissen ist Macht' beinhaltet das Ziel einer fortschreitende Herrschaft über die Naturkräfte. John Dewey schreibt: "Die Zukunft beherrscht jetzt die Vorstellungen, nicht mehr die Vergangenheit." (18) Und das ist eine Zukunft, die als eine lediglich vom Menschen Gemachte verstanden wird. Das Programm beinhaltet nichts weniger als die 'Neuerschaffung' der Welt. Wie soll dies möglich sein? Indem die Welt in ein Werkzeug und Besitztum der Intelligenz umgewandelt wird. (19) Der Mensch ist nach John Dewey verantwortlich für diese 'Neuerschaffung' der Welt. (20) Wird damit nicht die zweite Natur zu einem Prototyp der Welt. Wieso benutzt er an dieser Stelle den Begriff der 'Neuerschaffung' der Welt? Ist nicht dieser Anspruch der unbedingten Herrschaft über die Natur ein Versuch, sich absolut zu setzen?

  12. Ich hatte nur ein Thema vor Augen, schreibt John Dewey in 'Die Erneuerung der Philosophie'. Es ist sein Ziel, die Auffassung von der Natur zu revolutionieren. (21)

Dazu gehört auch, was die Sache betrifft, eine Veränderung des Begriffs der Potentialität.

Was ist möglich? Kann ich mich daran erinnern? Aber was soll diese Frage? Nun, diese Frage macht Sinn, wenn das Mögliche durch das Vergangene bestimmt wird, wenn es z.B. einer zyklischen Bewegung untergeordnet ist.

Etwas kann zum Fall der Vergangenheit werden, z.B. als Fall ewiger Formen. So bedeutet nach John Dewey Potentialität bei den Griechen, die Leichtigkeit, mit der ein bestimmtes Ding die wiederkehrenden Prozesse seiner Art wiederholt. (22)

Der Begriff Potentialität drückte für ihn hier eine geschlossene Welt aus, ein Reich in der jede Veränderung nur innerhalb unwandelbarer Grenzen stattfand. So hatte jede Art von Materie ihre 'eigentümliche' Bewegung: "Nur Veränderungen, die zu einem definierten oder fixierten Ergebnis, also einer Form führen, sind bedeutsam und der Erklärung fähig – nur von ihnen kann es einen logos oder Vernunftgrund geben." (23) Die Bewegung von der Eichel zum Eichenbaum ist in diesem Sinne vorherbestimmt. Der Begriff der finalen Ursache drückt diesen Sachverhalt aus.

Der moderne Begriff der Potentialität kennt nach John Dewey hingegen die Möglichkeit der Neuheit, der Erfindung, der radikalen Abweichung, der Mutation. Es ist nach ihm ein Begriff, der im Kontext der modernen Wissenschaft bestimmt wird.

Eine Potentialität nicht nur neben der Natur, sondern der Natur entgegengesetzt, wird denkbar.

Es ist die Potentialität einer mechanischen Welt, die hier  Vorrang hat. Die Begriff der Qualität soll seine Relevanz verlieren. Was zählt in bezug auf die Natur, ist Quantität. Und das ist eine Machtfrage.

Die Natur und ihre "...Herrlichkeit war dahin." Ein Umstand, der den Einzelnen nach John Dewey – wie er in 'Die Erneuerung der Philosophie' schreibt – deshalb nicht zu quälen hat, weil es um die mechanischen Kontrolle natürlicher Energien geht.

Ziel ist es, die Natur in mechanischen Begriffen zu konstruieren. Nur so soll die Natur menschlichen Zwecken zu unterwerfen sein. Mechanische Potentialität gewinnt ihren Spielraum aus dem Angriff auf die Natur. Unter dieser Voraussetzung macht die Suche nach einem konstanten Faktor in einer Veränderung keinen Sinn mehr, eine Vorstellung, die davon ausgeht, dass es etwas Festes gibt, das im Wechsel unverrückbar ist. Vielmehr geht es nach John Dewey darum eine konstante Ordnung des Wechsels zu bestimmen.

Alles wird zum Fall der Veränderung, des Wechsels.

Nicht das 'Erinnern können' ist in diesem Zusammenhang eine Fähigkeit, sondern das 'Vergessen können'. Zum Problem wird die Anpassung an Prozesse, die sich beschleunigt verändern. Die Erinnerung an eine 'eigentümliche' Bewegung wird zu einem altertümlichen Relikt. Jeder Stillstand wird als definitiver Anspruch verdächtig. Bedeutet Potentialität gar aus pragmatischer Sicht die Potenz zur Aufhebung der Natur ? Wird die Natur nicht zu einem bloßen Rohstoff der 'ars humana'?

Potentialität der Natur und mechanische Potentialität sind entgegengesetzt. Folgt man dem pragmatischen Denken, so steht man vor der Frage, ob nicht das eine auf die Auflösung des anderen hinstreben muss.

  13. Wer zurück blickt, der kann sich täuschen. Aus pragmatischer Sicht sind solche Täuschungen nichts Ungewöhnliches. Die Erinnerungen werden durch das Sieb der Phantasie gefiltert, um den Forderungen der Emotionen zu genügen.

Nach John Dewey ist es daher kein Wunder, das die Poesie der Prosa vorausging. Vergangene Erfahrungen werden in diesem Sinne überarbeitet, "....um zu glätten, was sie an Unannehmbaren, und zu vergrößern, was sie an Erfreulichem enthalten." (24)

'Spontan erweckte Gedanken sollen die Tendenz beinhalten, die Erfahrung zu idealisieren. Der Erfahrung wird Qualitäten verliehen, die sie in Wirklichkeit nicht hat: "Zeit und Gedächtnis sind wahre Künstler: sie formen die Realität nach Herzenslust um." (25)

Vorausgesetzt, und das betont John Dewey, die Imagination wird nicht durch die 'Zügel der prosaischen Welt' daran gehindert.

Erfahrungen werden in diesem Sinne durch die Imagination umgeformt und das betrifft vor allem Dinge, die in Wirklichkeit fehlen. Luftschlösser werden erbaut. Was in Wirklichkeit schwierig und enttäuschend ist, wird von der Phantasie zu einem positiven Bild gemalt.

Aus der Sicht des Pragmatismus ist diese Tendenz zur Idealisierung nicht nur eine Frage der individuellen Psychologie, sondern stellt einen der ausgeprägtesten Züge der klassischen Philosophie dar. Das gilt für die Auffassung einer letzten, höchsten Realität, die ihrem Wesen nach idealer Natur ist: "Die Götter waren wie Sterbliche, aber Sterbliche, die ausschließlich das Leben führten, das Menschen gerne führen würden... ." (26)

Aber werden hier nicht Maßstäbe des pragmatischen Denkens in die Vergangenheit projiziert? Ist die Phantasie, was die kulturellen klassischen Institutionen betrifft, lediglich eine Fälscherwerkstatt? Sind ihre Produkte eine Art 'Likör', um die Realität zu verschönern, indem man die Sorgen vergisst? War das Gedächtnis in diesem Sinne wirklich ein 'wahrer' Künstler?

Reine Fakten der Erinnerung gibt es nicht. Das kann zu dem Schluss führen, das dasjenige, was kein Faktum ist und nicht der exakten Messung unterliegt in den Bereich des Narrativen gehört.

Damit scheint die Frage auch über den Standard der Wirklichkeit entschieden, wenn da nicht der Zweifel sich melden würde, ob das Faktische selbst diesem Anspruch genügen kann.

Die Möglichkeit, die Vergangenheit zu idealisieren, besteht. Aber trifft diese Möglichkeit nicht auch für ein Denken zu, das die Zukunft zum Mittelpunkt des Interesses macht? Ist z.B. nicht die Idee des Neuen die Idealisierung der Moderne?

So idealisiert das pragmatische Denken zwar nicht die Erfahrung, die sich auf die Vergangenheit bezieht, wohl aber die zukünftige Erfahrung. Im pragmatischen Denken wird die Zukunft gefeiert, wie schon in Friedrich Nietzsches 'Morgenröte'.

  14. Die Erinnerung, der Blick zurück, was zählt er auf dieser Odyssee in die Zukunft, die das pragmatische Denken auszeichnet?

Gibt es für dieses Denken einen Verlust, den man in der menschlichen Geschichte zu beklagen hätte? Oder befindet sich die Geschichte seit ihren Anfängen auf einen Weg ins Bessere?

Wird Geschichte als Fortschritt idealisiert? Was wären die Folgen einer solchen Idealisierung? Diese Fragen sind interessant im Zusammenhang mit dem Erfahrungsbegriff.

In 'Der Pragmatismus' beschreibt William James den Prozess der subjektiven Erfahrung als einen Lernvorgang. Der Einzelne hat danach einen Vorrat an alten Ansichten. Dann stößt er auf eine neue Erfahrung, die das vorhandene Wissen in Bewegung setzt, vielleicht, weil ein Widerspruch existiert: "Das Resultat ist eine Verwirrung in unserem Innern, die unserm Geiste bis jetzt fremd war, von dem wir uns nun befreien wollen, indem wir unsere früheren Meinungen modifizieren. Wir retten davon, soviel wir können, denn in solchen Glaubenssachen sind wir alle extrem konservativ." (27)

Was er damit sagen möchte, ist, das selbst größte Umwälzungen in unseren Überzeugungen, den größten Teil des  alten Wissen bestehen lässt. Die Rolle der alten Wahrheiten ist danach maßgebend für neue Erfahrungen. Wenn Phänomene auftreten, die eine Neugestaltung unserer Auffassungen erfordern, kann es daher passieren, dass der Einzelne seine Vorurteile ignoriert oder gar denjenigen schlecht behandelt, der für diese drohende Veränderung verantwortlich scheint.

Was die subjektive Perspektive betrifft, so wird eine neue Ansicht erst dann akzeptiert, wenn sie sich an die alten Vorstellungen anlehnt als auch neue Tatsachen in sich begreift.

Der Erfolg einer neuen Wahrheit ist von einer subjektiven Bewertung abhängig. Diese Hervorhebung des Subjektiven in bezug auf den Wahrheitsbegriff heißt bei Schiller 'Humanismus', ein Begriff, dem später das Wort 'Pragmatismus' folgte. (28)

Aber wird die Vergangenheit immer berücksichtigt bei der Verarbeitung der Erfahrung, so wie es nach diesen Sätzen von William James nahe liegt? Ist die Rolle der alten Wahrheiten gar maßgebend?

Es gibt für das pragmatische Denken ein entscheidendes Kriterium für die Bedeutung der Vergangenheit.

"Soweit die Vergangenheit in Betracht kommt.." schreibt William James in 'Der Pragmatismus', "...ist kein Unterschied." D.h. es macht danach keinen Unterschied, ob man die Welt als ein Produkt der Materie oder als eine Schöpfung Gottes betrachtet. Schon anders sieht es aus, wenn man die Dimension der Zukunft in die Betrachtungen einbezieht. Denken ist in dieser Perspektive nur relevant, wenn es auch praktische Konsequenzen hat. In diesem Sinne ist auch der Begriff 'Gott' für William James noch von Bedeutung. 'Gott' ist ein Wort der Verheißung: "Kehren wir damit zur Erfahrung zurück, so können wir vertrauensvoller in die Zukunft blicken. Wenn eine sehende und nicht eine blinde Kraft den Lauf der Welt bestimmt, so können wir vernünftigerweise einen besseren Endausgang erwarten." (29) Das Vertrauen zur Welt hat eine praktische Bedeutung.

Aber für wen gilt diese praktische Bedeutung? Wohl kaum für den Pragmatisten selbst. Nicht jeder braucht daher diese Medizin. Der Pragmatiker  hat seine eigene Religion: Gott ist für ihn in seinem Himmel, eine Voraussetzung dafür, das alles in der Welt in Ordnung ist. (30)

Für das wissenschaftliche Denken ist die Vergangenheit noch etwas anderes, etwas, das man zurücklässt. In 'Die Erneuerung der Philosophie' schreibt John Dewey: "Erfahrung bedeutet das Neue, das, was uns von dem Festhalten an der Vergangenheit wegreißt, das, was neue Tatsachen und Wahrheiten enthüllt. Vertrauen in die Erfahrung erzeugt nicht Hingabe an den Brauch, sondern Fortschrittseifer."

Aber nicht jede Erfahrung führt zu diesem Resultat. Das pragmatische Denken unterscheidet daher zwischen der empirischen und der experimentellen Erfahrung. Erst die experimentelle Erfahrung – die Wissenschaft – verwendet die alte Erfahrung, um Ziele und Methoden einer verbesserten Erfahrung vorzuschlagen.

Die Erfahrung wird zu einem Gegenstand 'experimenteller Intelligenz'. (31) Wenn man also danach fragt, was zählt der 'Blick zurück' für diesen modernen Odysseus, dessen Reise in die Zukunft geht, so ist dieser bestimmte Begriff der Erfahrung von besonderer Bedeutung.

Es gibt für den Pragmatismus die Erfahrung des 'gesunden Menschenverstands' (common sense), eine Erfahrung, die sich auf das Wissen von Generationen bezieht und das naturwissenschaftliche Wissen. In der Regel denkt man in Methoden, die ein kulturelles Erbe sind. Das Neue wird '...in der Brühe des Alten gekocht..'. Sinneseindrücke werden so in Begriffsysteme eingeordnet und wenn dies an einer bestimmten Stelle geschieht, eben verstanden. Sie liegen dann in einer bestimmten 'Schublade'. William James zählt eine Reihe solcher Begriffe auf, die der gesunde Menschenverstand, diese Erfahrung mit 'Mutterwitz' regelmäßig anwendet. Dazu gehören Begriffe wie 'Ding', Identität und Verschiedenheit', 'Geister', 'Körper', 'Eine Zeit', 'Ein Raum', usw... (32)

Verlässt man jedoch den Boden des gesunden Menschenverstands, dann verändert sich mit einem Male die Sichtweise. So wird nach William James der Begriff 'Ding' z.B. in den Naturwissenschaften überflüssig und das Wort 'Ding' bedeutet dann nur das Gesetz und die Regel der Verbindung, nach der gewisse Gruppen von Empfindungen nebeneinander auftreten. Das 'Ding' wird zu einem Objekt der Naturwissenschaften oder 'kritischen Philosophie'.

Mit einem Male bedeuten die Kategorien des gesunden Menschenverstands nichts Wirkliches mehr: "Sie sind nichts als schlaue Maßnahmen des menschlichen Denkens, sie sind unser einziges Mittel, um der Unruhe zu entgehen, in die uns der unaufhörliche Strom der Empfindungen versetzt." (33)

Zu vermuten ist, dass William James die pragmatische Philosophie als eine 'kritische Philosophie' in diesem Sinne betrachtet. Allerdings, Kritik bezieht sich hier auf naturwissenschaftliche Maßstäbe und eben nicht auf die Wissenschaft im Allgemeinen, wie viele Bemerkungen von ihm nahe legen.  

15. Soweit die Vergangenheit in Betracht kommt. Die  Einschränkung in diesem Satz fordert zu einer weiteren Frage heraus. Was ist unter diesem "soweit" zu verstehen, wenn aus pragmatischer Perspektive die Welt vorrangig als Material für Veränderungen akzeptiert und hingenommen wird?

"Sie wird genau so akzeptiert, wie etwa ein Zimmermann Dinge, die er vorfindet akzeptiert." (34)

Der Zimmermann wird danach dadurch zum Handwerker, dass er die Dinge nicht als Objekte an sich wahrnimmt, sondern mit Bezug auf das, was er mit ihnen tun will.

Die Frage nach den Dingen ist in diesem Sinne nicht nur überflüssig, sondern sie wird auch ausgeschlossen. Nur indirekt, durch den Prozess aktiver Manipulation der Dinge, mit dem Ziel, eine Absicht zu verwirklichen, entdeckt er die Eigenschaften der Dinge. Was die Dinge selbst sind, das versucht er nicht zu erfahren. (35) Die Frage ist, interessiert er sich überhaupt noch für die Dinge, muss er sich diesen Gedanken nicht verbieten?

Ist die Perspektive der Macher hier nicht als eine Entgegensetzung zu einer Perspektive zu verstehen, die das Nichtgemachte zu berücksichtigen versucht? So kann man danach fragen, was durch das pragmatische Denken überwunden werden soll? Es versteht sich durchaus nicht von selbst, dass das, was man nie kennen lernen wird, deshalb auch ohne Bedeutung für das eigene Denken sein soll.

  16. Das Axiom der Erinnerung heißt: Nichts geht verloren. Wer kennt nicht den Satz: "Was bleibt, ist die Erinnerung". Und das ist ein Satz, der wie ein Trost klingt, gerade dann, wenn etwas  unwiderruflich verloren wurde.

In 'Das Drama im Kinematographen' von 1911 entwickelt Alfred Polgar eine Metapher der Spurlosigkeit in bezug auf die Rezeptivität – ein Bild für die Krise des Selbstbewusstseins.

Er schreibt: "Ich kann nicht umhin, den Kinomatographen mit dem Leben zu vergleichen... Nämlich: Da ist, im dunklen Saal, eine weiße Leinwand oder ein Stück eingerahmter, glatt getünchter Mauer. Und aus eigener mystischen, unsichtbar regierten Lichtquelle quillt, unter bescheidenem Geräusch, eine Fülle von Lebendigkeit auf diese Leinwand, graue Lebendigkeit oder kolorierte Lebendigkeit, Dinge und Menschen, Stadt und Land, Vergangenheit und Gegenwart und sogar Zukunft, Phantastereien und sogenannte Wirklichkeit, ungeheuere Schicksale und ungeheure Lächerlichkeiten... Kurz: Die Welt! Oder das, was wir so nennen. Wenn es aber wieder hell im Saale wird, so sieht man, dass all dieses graue und kolorierte Leben nicht die geringste Spur auf der Leinwand zurück gelassen hat. Rührend weiß und ganz unberührt erscheint sie nach wie vor... So spurlos, o Freunde, wischt unsere Existenz über die Zeit hinweg!" (36)

Das erinnert an die Metapher der Spurlosigkeit von Johann Wolfgang Goethe gegen Ende des fünfzehnten Buchs von 'Dichtung und Wahrheit', die sich von dem Geschichtsstolz der Aufklärung distanziert. Für die Erfahrung, als sei etwas nicht geschehen, findet er die Metapher der 'Spurlosigkeit' der auf dem Meer gezogenen Bahnen. Nach Hans Blumenberg ist das die kürzeste Formel für den Sachverhalt, dass das Absurde eigentlich die Welt erfülle: "Fortschritte wie Untergänge hinterlassen dieselbe unberührte Oberfläche." (37)

Stellt sich auch für das pragmatische Denken die Frage nach  Vergänglichkeit und Sinn? Welche Bedeutung hat dieser 'Blick zurück', den Polgar und Goethe andeuten?

Solche Perspektiven zielen jedoch auf Einsicht in das Leben, gehen an eine Grenze, aus der Sinnsuche wird das Ende allen Sinns. Für den Pragmatismus sind solche Reisen an die Grenzen des Sinns überflüssig, ja schlechtweg falsch. Aus der Behauptung von William James in 'Das pluralistische Universum' folgt, dass die Begriffe für die Zwecke der Praxis gemacht sind, aber nicht für die der tieferen Einsicht.

Polgars Vergleich des Lebens mit einem Kinematographen wird aus dieser Sicht zu einem Resultat der Einsicht, einer Einsicht, die nicht weiterführt.

William James dagegen vergleicht die Begriffe mit Momentphotographien von einem Leben, das in ununterbrochenen Wandel emporquillt. Sie sind nützlich als Proben, um sich in den Strom der zeitlichen Veränderungen wieder hinein zu versetzen. (38)

Nach dem Selbstverständnis des pragmatischen Denkens ist das Programm einer 'Rückkehr zum Leben' durchaus als eine Abkehr von dem zu verstehen, was sie als einen falschen Gebrauch der Begriffe bezeichnen. Der Auftritt der Sinnlosigkeit, des Nichts, ist zu verhindern, Leben ist kein Reden und Denken, sondern eine Tat. Der Blick geht nach vorne in die Zukunft. Wer falsch zurück blickt, läuft in Gefahr dem Gespenst des Nichts zu begegnen. Das Problem der Erfahrung der Vergänglichkeit wird zu einer Sache der Einstellung.

  17. Der Vorrang der Zukunft für das pragmatische Denken steht in einem Kontext zum Begriff des Willens. Hannah Arendt schreibt in 'Vom Leben des Geistes', dass die Griechen noch keine Vorstellung von einem Vermögen des Willens hatten. Es gab für sie noch kein Organ für eine Zukunft, die grundsätzlich unbestimmbar ist und daher Neues bringen kann. (39)

Es gibt verschiedene Auffassungen von einem Willen als Vermögen. Einmal kann man den Willen als ein Wahlvermögen zwischen Gegenständen und Zielen verstehen oder als ein Vermögen 'eine Reihe in der Zeit selbst anzufangen' (Kant). Für Augustinus war es das Vermögen des Menschen zum Anfangen, weil er selbst ein Anfang ist.

Nach Hannah Arendt hat sich mit dem modernen Begriff des Fortschritts auch ein bestimmter Begriff des Willens durchgesetzt. Die Zukunft erscheint als etwas, was durch die Pläne des Willens bestimmbar erscheint. (40)

In 'Der Pragmatismus' schreibt William James: "Die meisten Menschen, die an einen freien Willen glauben, tun dies nach der Art der Rationalisten. Der freie Wille soll ein Prinzip, ein reales Vermögen eine Kraft sein, wodurch seine Würde in rätselhafter Weise erhöht wird. Aus diesem Grunde sollen wir daran glauben." (41)

Ein Pragmatist fragt nach der praktischen Bedeutung des Begriffs der Willensfreiheit. In diesem Sinne ist 'Willensfreiheit' so etwas wie Gott, Geist, das Absolute, usw., d.h. dieser Begriff gehört zu einer Theorie 'kosmologischer Verheißung', er gehört in den Bereich der religiösen Lehren: "Intellektualistisch gefasst, sind sie an sich vollkommen dunkel, aber wenn wir sie in das Dickicht des Lebens hineintragen, so wird die Finsternis um uns zu hellem Licht." Wenn ein Begriff nützlich ist, so hat er in dieser Hinsicht auch eine Bedeutung.

Zwar ist der Wille für das pragmatische Denken kein Vermögen, dennoch wird der Begriff 'Wille' ständig durch die Zeitdimension der Zukunft ins Spiel gebracht.

Aus pragmatischer Sicht bedeutet der freie Wille nichts anderes, als das in der Welt Neues entsteht, "...er bedeutet unser Recht zu erwarten, dass die Zukunft in ihren letzten Elementen sowohl als auch in den auf der Oberfläche liegenden Erscheinungen nicht eine bloße Wiederholung und Nachahmung der Vergangenheit sein wird." (42)

Charles S. Peirce betont z.B. in einer Diskussion über die Sprache, dass die Bedeutung jeden Satzes in der Zukunft liegt. Und die Bedeutung liegt deshalb in der Zukunft, weil zukünftiges Verhalten das einzige Verhalten ist, das der Selbstkontrolle unterworfen ist. Es geht zu wie in einem Experiment. Durch ein Satz wird in diesem Sinne eine Tatsache behauptet, d.h. es wird eine Handlung in einer bestimmten Form beschrieben, die ein bestimmtes experimentelles Ergebnis haben wird. Nur in diesem Rahmen hat die Sprache hier Bedeutung. Immer geht es um die 'zweckbezogene Tragweite' eines Wortes.

Charles S. Peirce gibt zu, dass mit dieser experimentellen Methode die Bedeutung eines Eigennamens oder eines individuellen Gegenstandes nicht ermittelt werden kann. Auf der anderen Seite gibt es für ihn durchaus den Begriff 'individuell'. Etwas weiter schreibt er: "Was immer existiert, genauer: ex-sistiert, d.h. auf anderes Existierendes wirklich einwirkt, verschafft sich so eine Identität mit sich selbst und ist definitiv individuell." (43) Individualität ist hier keine Sache einer Eigenart, eines Wesens, sondern vielmehr Ausdruck einer Handlung. Bedeutungen werden gemacht, gestaltet, eine Philosophie der Macher schafft sich ihre eigene Identität in der Zukunft. Wobei allerdings offen bleibt, wann eine solche Identität erreicht wird. Im Grunde wird ja eine Wirklichkeit als Maßstab vorausgesetzt, die zwar angestrebt, aber niemals erreicht wird. Nicht die Zukunft als solche ist dabei das Problem, sondern die Zukunft als ein Plan des Willens.

  18. Im Rahmen der 'kritischen Art' die Geschichte zu betrachten, steht in den 'Unzeitgemäßen Betrachtungen' – wie erwähnt – das Zitat: "Denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Drum besser wärs, wenn nichts entstünde." Dieses Zitat, das Nietzsche an dieser Stelle als Spruch des Lebens identifiziert und dass wörtlich einen Satz von Mephisto in Goethes Faust wiedergibt, wird für ihn selbst später zu einer Schlüsselstelle seiner Philosophie werden. Für den Autor der 'Unzeitgemäßen Betrachtungen' ist das Leben die sich selbst begehrende Macht, Leben und ungerecht sein, sind Eins. Das kann als eine Rechtfertigung gelesen werden, warum keine Vergangenheit ein Recht auf Bestand hat. Nun ist interessant, dass der spätere Nietzsche diesem Spruch widerspricht und ihn zum Problem seiner Philosophie erklärt. Aus dem Spruch des Lebens in den 'Unzeitgemäßen Betrachtungen' wird im 'Zarathustra' ein Spruch des Wahnsinns und der Rache, in dem Kapitel, wo es um 'die Erlösung' geht. Friedrich Nietzsche entdeckt im Willen einen Widerwillen gegen die Zeit und ihr 'Es war'. Es entsteht ein Hass gegen alles, was entsteht und sich wandelt. Nach Friedrich Nietzsche gibt es in dieser Zivilisation einen 'Widerwillen gegen das Leben' wie es in der 'Genealogie der Moral' heißt.

Die Ähnlichkeit zur pragmatischen Intention ist nicht zu übersehen. Auch für den Pragmatismus ist die Unterdrückung des Lebens, des Vergänglichen, das zentrale Problem, wobei allerdings die Lösungsansätze wesentlich verschieden sind.

Aber was wird aus diesem Anspruch im Pragmatismus, das Vergängliche wieder in seine Rechte einzusetzen? Wird die Entwertung des Vergänglichen in der pragmatischen Philosophie aufgehoben? Nach John Dewey ist Erfahrung eine befreiende Macht und das Vertrauen in die Erfahrung erzeugt - wie erwähnt - das, was er den 'Fortschrittseifer' nennt. Dieses Ideal der Erfahrung ist am Neuen interessiert, an dem, was uns von dem Festhalten am Vergangenen losreißt, an den neuen Tatsachen und Wahrheiten.

Gilt nicht für dieses Ideal der Erfahrung auch der Spruch, den Nietzsche anführt, dass alles Vergangene es wert ist, verurteilt zu werden? Wird dadurch nicht auch das Dasein als Vergänglichkeit entwertet? Sollte der 'Fortschrittseifer' vielleicht den Gedanke übersehen, dass es  auch eine Gegenwart gibt, in dem der Mensch lebt, dass heißt auch, das seine zeitlichen Möglichkeiten begrenzt sind?

Das Gegenbild zum pragmatischen Denken stellt wohl der Engel der Geschichte, Angelus Novus, des Paul Klee dar. Er symbolisiert zwar nicht den 'Fortschrittseifer', wohl aber den Fortschritt. Nach einer Interpretation von Walter Benjamin wird dieser Engel vom Sturmwind der Geschichte in die Zukunft geschleudert. Sein Blick geht zurück in die Vergangenheit und die ist nicht Ausdruck einer Kontinuität zum Besseren, sondern ein Trümmerfeld. Bedeutsam erscheint mit einem Mal die Erinnerung an das, was man nicht vermochte. Die Vergangenheit entzieht sich, lässt sich nicht ändern. Aber wer möchte schon an sie erinnert werden, wenn der Schein herrscht, dass man alles vermag. Wo alles möglich und planbar erscheint, ist die Vergangenheit wie ein Stachel, den man nicht ziehen kann.

 

Anmerkungen

(1)  Blumenberg, Hans, Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos, in:

                               ders., Ästhetische und metaphorologische Schriften,

                               Frankfurt 2001, S. 362 (zurück)

(2)  Vgl. Ebd. S.363 (zurück)

(3)  Horkheimer, Max, Adorno, Th. W., Dialektik der Aufklärung,

                                 Frankfurt am Main 1969, S.70 ff. (zurück)

(4)  Blumenberg, Hans, Ästhetische und metaphorologische Schriften, 1. Aufl.,

                              Frankfurt am Main 2001, S.49 (zurück)

(5)  Nietzsche, Friedrich, in: Heidegger, Martin, Was heißt Denken? Tübingen 1984, S. 46 (zurück)

(6)  Blumenberg, Hans,  Wirklichkeitsbegriff und Möglichkeit des Romans, in: ders.,

                                 Ästhetische und metaphorologische Schriften, a.a.O., S. 52 (zurück)

(7)  Ryle, Gilbert, Der Begriff des Geistes, Stuttgart 1997, S. 375 (zurück)

(8)  Dewey, John, Die Erneuerung der Philosophie, Hamburg 1989, S. 49 (zurück)

(9)  Vgl. Ebd., S. 50 (zurück)

(10)  Vgl. Ebd., S. 51 (zurück)

(11)  Ebd., S.51 ff. (zurück)

(12)  Vgl. Ebd., S.54 (zurück)

(13)   Vgl. Blumenberg, Hans, Wirklichkeitsbegriff und  Wirkungspotential des Mythos, in:

                                    ders., Ästhetische und metaphorologische Schriften, a.a.O.,  S.351 (zurück)

(14)  Vgl. Dewey, John,  Die Erneuerung der Philosophie, a.a.O., S.38 ff. (zurück)

(15)  Vgl. Ebd., S. 33 (zurück)

(16)  Vgl. Ebd., S. 20 (zurück)

(17)  Vgl., Ebd., S.81 f. (zurück)

(18)  Ebd., S. 95 (zurück)

(19)  Vgl. Ebd., S. 97 (zurück)

(20)  Vgl. Ebd., S. 97 (zurück)

(21)  Vgl. Ebd., S. 118 (zurück)

(22)   Vgl. Ebd., S.104 (zurück)

(23)   Ebd., S. 103 (zurück)

(24)   Ebd., S.149 (zurück)

(25)   Ebd., S. 150 (zurück)

(26)   Ebd., S. 151 (zurück)

(27)   James, William, Der Pragmatismus, a.a.O., S. 38 (zurück)

(28)   Vgl. Ebd., S. 41 (zurück)

(29)   Ebd., S. 72 (zurück)

(30)   Vgl. Ebd., S. 77 (zurück)

(31)   Vgl. Dewey, John, Die Erneuerung der Philosophie, S. 141 (zurück)

(32)   Vgl. James, William, Der Pragmatismus, a.a.O., S. 117 (zurück)

(33)    Ebd., S.117 (zurück)

(34)   Dewey, John, Die Erneuerung der Philosophie, a.a.O., S. 160 (zurück)

(35)   Vgl. Ebd., S.161 (zurück)

(36)  Polgar, Alfred, Literatur, Kleine Schriften Band 4, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 337 (zurück)

(37)  Vgl. Blumenberg, Hans, Schiffbruch mit Zuschauer, Frankfurt am Main 1979, S.56 ff. (zurück)

(38)  Vgl. James, William, Das pluralistische Universum, a.a.O., S. 149 (zurück)

(39) Arendt, Hannah, Vom Leben des Geistes, Band 2, Das Wollen, 

          München, Zürich 1989,  S. 21 (zurück)

(40) Vgl. Ebd., S. 150 (zurück)

(41)  Ebd., S. 72 (zurück)

(42)  Ebd., S. 75 (zurück)

(43)  Peirce, Charles S.,  Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus,

           Frankfurt am Main 1991, S. 445 (zurück

 

Angaben zum Autor:


Geb.1945. Kfm. Lehre und Ausbildung (Betriebswirt grad.)
Studium der Sozialwissenschaften und Philosophie in Bochum.
Promotion. Dissertation: Niklas Luhmann. Zur Konstruktion der Selektivität.
Pädagogische Mitarbeit in der außerschulischen Jugendbildung (Literatur und Film)
Mitarbeit an einem Forschungsprojekt der FU-Berlin (Historische Anthropologie): 'Logik und Leidenschaften' (Prof. Dietmar Kamper).
Lehraufträge am Institut für Soziologie der FU-Berlin: 'Minima Moralia'. Forschung in der Sozialphilosophie zum Thema: Angst und Differenz. Zur Zeit: Arbeiten an einem Projekt über die Philosophie des Pragmatismus.