Am Anfang war das
Wort
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zur Erstveröffentlichung zur Verfügung gestellt. Er wurde im Frühjahr 96, zusammen mit anderen Aufsätzen des Verfassers beim Passagen-Verlag veröffentlicht. Die Red.) Ich muß vorausschicken, daß ich seit Jahren keine Kommentare zum Johannesprolog mehr gelesen habe, von den Resultaten historisch-kritischer Analysen wenig weiß und dies hier auch nicht zu berücksichtigen habe. Einige Erinnerungen sind geblieben, so etwa die Auffassung, der Prolog sei ein Gegentext zum gnostisch-dualistischen Weltbild und zum spiritualisierenden Christusverständnis konzipiert. Meine lange, in der rituellen Wiederholung verwurzelte Vertrautheit mit dem Text hat mich bewogen, dieses berühmte Textstück zu analysieren. Auch eine hier nicht weiter zu begründende Distanznahme spielte entscheidend mit. Als Paralleltext wählte ich ein modernes Vorwort. Es stammt von Jacques Derrida und ist die Einleitung zur Abhandlung von Nicolas Abraham und Maria Torok: Kryptonymie. Das Verbarium des Wolfsmanns. Fünf Jahre lang haben sich Abraham und Torok mit dem Bericht von Sigmund Freud über seinen Patienten, den 'Wolfsmann', beschäftigt. 'Wolfsmann' ist eine Fiktion. Der Mann hatte eine infantile Anglophonie; Anlaß war (vermutlich) die englische Gouvernante. Freud soll 17 Jahre gebraucht haben, um darauf aufmerksam zu werden. Dank der Entdeckung des Englischen als kryptischer Sprache gelang es Abraham und Torok, die im Diskurs des 'Wolfsmanns' verborgenen Worte zu identifizieren. 'Kryptonyme' sind Wörter, die verbergen und im Verbergen auf eine fremde und dunkle Bedeutung 'zeigen'. Kryptonymie nennt das Verfahren des Verbergens von Wörtern durch Wörter. Psychoanalytisch kodiert: Das Unbewußte verbarg eine Sprache und funktionierte mithin wie eine Krypta im Ich. Auf den ersten zwei Seiten seines Vorworts entwickelt Derrida seine Prologtheorie. Das brachte mich darauf, im Anschluß an Derridas Verfahren ein unvergleichlich bekannteres Vorwort, eben den Johannesprolog, zu lesen. Zuerst wende ich mich also dem 'Vorwort', dann dem 'Prolog' zu. Dazu vorweg erst einige, wie mir scheint, unerläßliche methodische überlegungen. Alter und moderner Text gleichzeitig Der hier vorgelegte Textvergleich mag sich gekünstelt und erzwungen ausnehmen. Folgende Gründe scheinen mir das Unterfangen indes zu rechtfertigen. Es handelt sich formal und funktional um die gleiche Textsorte. Prolog wie Vorwort sind als Auftakt konstruierte Texte für einen kommenden Text. Die Vorkehrungen, die Derrida trifft, damit sein eigenes Vorwort zustande kommt, treffen auf überraschende Weise auf den Johannesprolog zu. Ein weiterer Rechtfertigungsgrund ist die im Vergleich zutage tretende Differenz zweier Texte. Sie vermag die innere Gestalt einer solchen Textsorte sichtbar zu machen. Diese wiederum tritt erst dann heraus, wenn wir die gegenseitige, allerdings latente, potentiell symmetrische Verweisstruktur der beiden Texte aktivieren. Derrida macht in seiner Vorworttheorie schließlich Merkmale geltend, die auch den Johannesprolog auszeichnen, bisweilen freilich in umgekehrter, asymmetrischer Bedeutung. Was Derrida über die 'Metaphysik', die Geschlossenheit (cl“ture), die Differänz (diff‚rance) und die Präsenz sagt, bestätigt bzw. dementiert die Konstruktion des Johannesprologs. Auf diese Einsicht in die Struktur zweier Metaphysikauffassungen zielt letztlich mein Vergleich ab. Das hier gewählte Arrangement möchte ich noch unter einer anderen Perspektive erläutern und rechtfertigen. Der Vergleich erzeugt und verschärft die Spannung zwischem 'altem' und 'neuem' Text, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese Konfrontation zweier ungleichzeitiger Texte ermöglicht das, was R. Kosellek "die Grunderfahrung aller Geschichte" nennt, nmlich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen(1). Mein Vorschlag, zwei ungleichzeitige Texte miteinander zu lesen, scheint mir ein Weg zu sein, eine neue Texterfahrung zu machen. Sie wird jedoch erst dank der Reflexion darüber möglich, welche Produktionsregeln den hier zu untersuchenden Texten vorgeschaltet sind. Für die Produktion 'alter' Texte galt die Regel, daß sich im Begriff die bisher gesammelten Erfahrungen bündeln. Der Begriff, so lehrte die Logik, unterhält zum Begriffenen ein positives Verhältnis. Für 'moderne' Texte gilt die Regel auch, aber nicht im gleichen Sinn: das Begriffene verharrt im Zustand des erst noch zu Begreifenden. Der verwendete Begriff funktioniert höchstens als Vorgriff. Mit dieser Begriffskonstellation ist der gegenwärtig allerorten konstatierbare Erfahrungsschwund streng gekoppelt. Er hat Sogwirkung und beschleunigt zusätzlich die Sinnentleerung. Kants Kritik des bildhaft-räumlichen Zeitverständnisses Der eben formulierte Gegensatz von 'alt' und 'modern' läßt sich im Anschluß an Kant auch mit den Kategorien von 'vorkritisch' und 'nachkritisch' plausibel machen. Das vorkritische Denken stand unter der Vorherrschaft der Anschauung.(2) Das machte sich besonders im Zeitverständnis bemerkbar. Die metrischen Begriffe des Zeitmaßes wurden als "innere Realität", als Substanz aufgefaßt. Die vorkantische Zeitauffassung war entsprechend bildhaft-räumlich. Sie schuf den Begriff Epoche (epoche: anhalten, hemmen, unterbrechen) als Voraussetzung dafür, den Strom der Zeit adäquat zu begreifen. Der Zeitbegriff der vorkritischen Metaphysik arbeitete mit den Grenzbegriffen (Alpha) und (Omega), nahm Anfang und Ende als bestimmbar an, arbeitete mit Erstreckungen 'von A bis Z'. Die Verbindung mit dem Unbegrenzten (apeiron) blieb dabei unklar. So anschaulich die Vorstellung der punktuellen Gegenwart für das metaphysische Denken war und ist, so undeutlich, weil ungedacht blieb das Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft. Das Verfahren der Epochalisierung fungierte in der Metaphysik als Apriori und, wie sich herausstellen sollte, als Illusion zugleich. Die Annahme lautete, vor jeder möglichen Zeiterfahrung habe es einen 'realen Stillstand' gegeben. Im kos-mologischen Kontext war es der zeitlich datierbare Weltanfang(3) oder das, was wir 'Welt' nennen, für die anthropologischen Aussagen war der Stand der Unschuld(4) unentbehrlich. Kant hält dagegen, es gebe kein solches Apriori und mithin auch keinen methodisch gesicherten Satzbestand, von dem aus Geschichte rekonstruierbar würde, sei doch Zeit eine reine Form der Anschauung. Typisierungen sind zwar wegen der Unanschaulichkeit der Zeit notwendig und unumgänglich. Immer dann aber, wenn dieser Zwang zu substantialisierten Vorstellungen führe wie etwa Ursprung oder Welt, dann falle das Denken der 'Metaphysik' anheim, wenn anders Metaphysik ein System von kosmologischen Ideen nennt. Zwangsläufig würde dann auch der Begriff von Geschichte metaphysisch gedeutet und sei im Verständnishorizont einer traditional-universalistisch konzipierten Geschehensreihe gebraucht worden. Das Beispiel 'Welt' erläutert den Sachverhalt. Welt, sagt Kant, haben wir jederzeit nur im Begriff, keineswegs als Ganzes in der Anschauung. Der universalhistorische Diskurs spricht zwar (noch immer) von Zeitaltern; er kann sich jedoch nur im Rahmen eines geschlossenen Bildzusammenhanges überhaupt durchsetzen und verständlich machen. Die fundamentale Schwäche dieses Diskurses bestehe darin, daß er "die Begriffe der Zeit in theoretischer Hinsicht leer"(5) lasse. Was haben diese Rückgriffe auf das Zeit- und Geschichtsverständnis mit Derridas Vorwort, was haben sie mit dem Johannesprolog zu tun? Sie klären die möglichen Denk- und Lesevoraussetzungen, denen wir unterworfen sind, auf. Der metaphysischen Denktradition sind die Anfangs- und Schlußmarken und , 'von A bis Z' geläufig. Es gilt als selbstverständlich, auf geschlossene Bildzusammenhänge rekurieren zu können, auf begrenzte Ereignisketten der Epochen angewiesen zu sein. Kant erhob Einspruch gegen die Substanzialisierung der Zeit. Die Vernunft, weil aufgeklärt, gerät an die Grenzen, bisher gültige Zeit- und Ewigkeitsentwürfe entpuppen sich als Projektionen. Das erwähnte neuzeitliche Verhältnis von Begriff und Begriffenem kann auch als ein Resultat des transzendentalen Vernunft- und Wirklichkeitsverständisses beurteilt werden. Es löst zwar bekanntlich Ungewißheit oder gar Ohnmachtgefühle vor dem Unbegriffenen aus, steigert jedoch die Bereitschaft, die Unabschließbarkeit einer Satzaussage als Element eben der Satzlehre anzuerkennen, sich vom Unentscheidbaren nicht in die Flucht aus dem Denken schlagen zu lassen, sondern sich dem Aufschub hinzugeben. So kommt ein neues Verhältnis zu Raum und Zeit in Sicht. Die Krypta, ein Ort ohne Präsenz Derridas Metaphysikkritik ist im vorliegenden Text in eine Vorworttheorie eingeschrieben. Die tragende Kategorie heißt Krypta. Was ist eine Krypta? "Eine Krypta präsentiert sich nicht. Es wird eine gewisse Anordnung von Orten getroffen, um zu verkleiden: etwas, eine Sache, immer einen Körper in irgendeiner Form."(6) Das Thema ist also kein Zufallstreffer, ist Krypta doch der maßgebliche, spezifische Ort jenes Denkens, das sich der Metaphysik, also der 'cl“ture', entwunden hat. Derrida macht sie zum verbindlichen Aufenthaltsort seines (unseres?) Denkens, das sich der Präsenz versagt. Unbeschadet des transzendentalen Zugriffs übt der Schein zeitlicher Kontinuitäten und das Konstrukt epochaler Zusammenhänge noch immer unverminderte Faszination aus. Im Alltag gilt das, zu Recht übrigens, noch immer. Wie wirkt sich aber der zivilisatorische Umstand aus, daß der 'Zwang der Anschauung' unablässig schwindet (etwa durch Miniaturisierung der Technik), daß die Gewißheit der Präsenz, die uns bisher scheinbar so hilfreich begleitet hat, schrumpft? Ein bereits erwähnter unbestreitbarer Effekt davon ist der allgemein feststellbare Erfahrungsschwund. Nicht einmal mehr auf die bisher erfahrungsgestützte Formel, man komme jetzt 'auf das Wesentliche' zu sprechen, ist Verlaß. Damit geht der in den Konsequenzen noch unabsehbarer Entzug von mehr als nur ein paar Wörtern und Begriffen einher. Von eben diesem Entzug handelt Derridas ganzes Werk. Den Ort dieses Entzuges nennt er, im Anschluß an die oben erwähnte Kryptonymie, Krypta. Kryptonymie nennt Wörter, deren Zeigefunktion darin besteht, das zu verbergen, wovon sie Wörter sind. Prototyp dieses Verbergens ist, trivialerweise, die Krypta. Was ist eine Krypta? Mit dieser Frage beginnt der gleich zu erläuternde Text(7). Er wird hier wiedergegeben. "Und wenn ich hier über und auf sie schriebe? Anders gesagt, allein über den Titel des Buchs, über die Außenwand seiner ersten und ganz offenbaren Lesbarkeit? Weniger noch: über das erste ablösbare Fragment eines Titels, über sein abgesprengtes Symbol oder den Stumpf einer Säule, Kryptonymie noch ohne Namen? Wenn ich plötzlich stockte, mich reglos machte und Leser, dich, vor einem Wort oder einem Ding, eher noch dem Ort eines Wort-Dings, wie Nicolas Abraham und Maria Torok es uns hier zu dechiffrieren aufgeben: Krypta von Kryptonymie? Denn ich möchte mich auf nichts einlassen, was darüber hinausgeht. Anstelle eines andren hier das erste Wort - Krypta. Es wird also, prinzipiell, nicht das erste gewesen sein. Es wird nicht als solches einen Ort bezogen und stattgefunden haben. Sein eigener Ort ist des anderen. Die Krypta bewahrt einen unauffindbaren Ort als Grund, mit Grund. Was ist eine Krypta? Die ganze Schwierigkeit eines Vorwortes habe ich schon ausgesprochen. Den Platz welcher Abwesenheit - wovon wessen welchen verlorenen Textes - gibt das Vorwort einzunehmen vor? Vorab über ein erstes Wort verfügend, das ihm nicht gehört, wird es - seinerseits Krypta - die Form dessen haben, was bewahrt und mich hier gewahrt und angeht, das Unersetzbare. Auf nichts möchte ich mich einlassen, was über dieses erste Wort anstelle eines andren hinausginge. Hinausginge über ein Wortstück, das bleibt von einem Symbol (einem der Objekte des Buchs) zum Zwecke des An- und Einlassens. Von dem, was von der Trennwand des Titels her sich anläßt, verbindet und liest: dem Namen der Krypta noch vor einer Kryptonymie. Schon stock'ich hier, d‚j… (verfalle, Grab, ins Stocken), lege an seinen Rand farblose Steinchen eines Skrupels nieder, ein tonloses Wort dem einzigen Gedanken, auf dem einzigen Weg, daran andere anzuschließen, einer Krypta." Und(8) - so beginnt der Text. Diese Konjunktion schließt unvermittelt an Vorangegangenes an, das es aber als realen Text gar nicht gibt. Die Anschlußform "Und wenn ich...?" ist eine geläufige Redewendung, auf die grammatikalisch stets der Konjunktiv folgt. Die Frageform organisiert vorweg bereits das Verhältnis zum Redegegenstand.(9) So wird das hergestellt, was sich gehört und sich ziemt (aptum). Der Leser wird geziemend in den Gegenstand eingewiesen. In unserem Fall ist es die rezeptionsästhetische Teilhabe des passiv Lesenden am Gegenstand und seiner Formulierung. Es folgt, konsequent, die Verstärkung (amplificatio) und Präzisierung des Vorhabens und des Gegenstandes: Anders gesagt, allein über... nämlich über Kryptonymie, zugleich Titel des Buches. Der Titel wird als Teil eines Gesamtkörpers bezeichnet, von dem er Außenwand sei. Der Körper aber sei das Buch. Der Titel ist also die Außenwand des Buches, das sich bereits im Titel in seiner ersten und ganz offenen Lesbarkeit darbietet. Ganz in der Logik des bisherigen Arrangements, zur Schreib- und Gegenstandinszenierung durchaus passend, folgt eine weitere Einschränkung und Einengung. Der Titel des Buches Kryptonymie ist ersichtlich zusammengesetzt. Derrida schlägt vor, Gegenstand seines Prologes soll allein das krypto der Kryptonymie sein. Das macht eine ergänzende Erkundung notwendig. Sie ist erst metaphorisch kodiert und verläuft entlang der Monumenten-, Grabmals-, Denkmals- und Bildsäulenerinnerungen, folgt dann aber der Metonymie Teil/Ganzes (Titel vom Text): erstes ablösbares Fragment, abgesprengtes Symbol, Stumpf einer Säule. Ohne das der Kryptonymie : Name, Renomm‚e; Begriff) bleibt 'Krypto' streng genommen namenlos. Der Name (¢noma, wie in Synonyma, Anonyma, Patronyma, Paronomasie(10) etc.) ist im Wortgefüge Kryptonymie das tragende Moment, krypto hingegen fungiert als Fragment. Entsprechend entbehrt die Krypta der monumentalen Selbstpräsentation. Der Text öffnet sich nun dem Autor, aber um dessen Zurücknahme als handelnd-schreibendes Subjekt zu inszenieren. Das geschieht unter Zuhilfenahme der Redefigur der Verkleinerung (diminutio): wenn ich plötzlich stockte: Verzögerung ( ) ist am Zuge; es folgt der Umschwung von der Aktualität in die Passivität, ein dem Aufschub (diff‚rance) inhärenter Vorgang(11). Der Schreibende wird zum stillgelegten, aufgehaltenen, reglos erstarrten Leser vor einem Wort oder einem Ding. Das Verhältnis von Wort und Ding ist und bleibt ja problematisiert, wie bereits gesagt wurde. Also weicht der Text auf einen Ort aus, weist auf einen Ort hin, wo es so etwas wie Wort-Dinge tatsächlich (zu sehen) gibt, eben die Krypta, nämlich wie im Rebus Wort und Ding in einem. Derrida promoviert die Krypta zu einem derart privilegierten Ort. Derridas Vorwort führt in einen Text von N. Abraham und M. Torok ein. Deshalb muß es die Grundoperationen dieser beiden Autoren in den Weg leiten, nämlich das Dechiffrieren der verborgenen Sprache des 'Wolfsmanns', vor allem seines Namens tjereti.(12) Die Entzifferung der Krypta wird fällig - bevor sie versiegelt wird.(13) Synonym von d‚chiffrer ist im Französischen d‚crypter: Also: d‚crypter la crypte. Mit einer Absichtserklärung, dem vouloir-dire(14), erfolgt der fällige Anschluß an das Folgende. Denn ich möchte mich auf nichts einlassen, was darüber hinaus geht. Also nur keine Transgression. Es gehört zu einer der Grundüberzeugungen Derridas, das metaphysische Transzendieren sei eine Illusion der Repräsentation, Resultat des Logozentrismus. "Jede überschreitende Geste schließt uns, indem sie uns Halt gibt, im Inneren der cl“ture ein."(15) Derrida will die 'Metaphysik' überwinden. Dazu genügt es nicht, den Graphozentrismus dem Logozentrismus entgegenzusetzen. Gefragt ist ein Denken (in der Grammatologie entworfen), das sich "nie des Gegensatzes zwischen Außen und Innen versichert"(16). So wird die nichtmetaphysische Präsentation des Gegenstandes möglich, eines Gegenstandes, der immer nur die Abwesenheit eines anderen präsentiert und keinerlei öffnung auf einen wie immer gearteten, schließlich aber eindeutig kryptischen Aufenthalt hin gewährt. Wenn schon Transgression, dann nur um den Preis, daß man sich nie in ihr "installiert". Für diesen Vorgang ist 'Krypta' ein treffliches Beispiel. Es macht erneut deutlich, daß Derrida nicht einfach zufällig auf 'Krypta' gestoßen ist. Anstelle eines andern hier das erste Wort - Krypta. Aber es ist kein erstes Wort im metaphysischen Sinn, gibt es doch gar kein erstes Wort. Die Schrift kennt keinen Anfang; entsprechend gibt es auch kein 'Ende des Buches'. Derrida ist es um die Entgrenzung der cl“ture, um die Sprengung des innerhalb von und Eingeschlossenen zu tun, und er versucht es mit 'Krypta'. Sie erfüllt, nach Derrida, genau die Bedingungen der nichtmetaphysischen cl“ture, markiert sie doch den Ort der öffnung "auf eine unentscheidbare Quelle"(17) hin. Ohne je 'erstes' zu sein, setzt sie das Schreiben überhaupt erst in Gang. Deshalb die Bekräftigung: es wird also, prinzipiell, nicht das erste gewesen sein. Auch dem Wort 'Krypta' ist von sich her, als solchem, kein ihm eigentümlicher Ort beschieden. Es kann ihn deshalb auch nicht bezogen haben. Sein eigener Ort ist des anderen.(18) Dazu Paracelsus mit dem renaissancetypischen Gegenbefehl: "Alterius non sit, qui suus esse potest": Keiner verdinge sich an den andern, wenn er sich selbst sein kann. Derridas Wort-Ding-Befund bestätigt sich aufs schönste bei der Krypta, die ja dadurch 'erscheint', daß sie gerade einen Nicht-Ort birgt. Dieser Nicht-Ort ist zugleich Grund, und zwar auf durchaus begründbare Weise. Die Krypta bewahrt einen unauffindbaren Ort als Grund, mit Grund (pour cause!). Das heißt doch, die Krypta hat ihren Grund in einem andern, für einen andern - der ist wie unauffindbar und soll es auch sein. Die ökonomie, die in diesem kurzen Einleitungstext herrscht, ist ohne weiteres ablesbar. Derrida findet hier genau jenen Sachverhalt vor, den er grundsätzlich mit dem Term der Differänz als ökonomischem Begriff verbindet, nämlich die Spur ( , trace). Spur gehört zum Umkreis des Unentscheidbaren, da Spur nicht vergegenwärtigt, kein Zeichen, also nicht 'für anderes' da ist. Nur dank der ökonomie der Spur kann man der Krypta auf die Spur kommen. Jede Krypta 'organisiert' Aufschub, Verzögerung und Entzug. Am Beispiel der Verräumlichung läßt sich das plausibel machen: Die durch die Krypta und in ihr realisierte Verräumlichung sistiert den unmittelbaren Bezug auf Gegenwärtiges: das Worumwillen der Krypta ist selber kryptisch. Denn die Krypta funktioniert nur dadurch und macht nur dadurch Sinn, daß sie auf ein in der Krypta und durch sie immer Abwesendes verweist, sei es vergangen oder zukünftig. Eben dies konstituiert die "ökonomie der Spur"(19). So wie die Differänz als Verzug und Verspätung die Relation zum Anwesenden ständig hinausschiebt, so ist die als Verräumlichung in der Krypta realisierte Differänz Verzeitlichung, verstanden als Umweg und unabschließbarer Prozeß des Verweisens von einer Spur auf die andere. Krypta und Vorwort Das bisher Gesagte benannte die ganze Schwierigkeit eines Vorworts. Mit der Rede und im Reden über die Krypta ist auch bereits die Schwierigkeit mit dem Vorwort ausgesprochen. Also haben Krypta und Vorwort etwas gemeinsam. Wie 'Krypta', steht es 'für etwas'. Es steht einem Haupttext, dessen Vor-Wort es ist, vor. Es gibt vor, den Platz einer Abwesenheit einzunehmen. Gemäß der strengen Logik der Krypta muß etwas verlorengegangen sein. Im Falle des Vorwortes ist es der Text. Aber welcher Text? Wir wissen es nicht: Die Krypta, so haben wir gesehen, verbirgt einen unauffindbaren Ort. Sonst bräuchte es gar keine Krypta. Das Vor-Wort gehorcht eben dieser Logik. Aber es gibt vor, ihr ein Schnippchen zu schlagen. Es gibt vor, es sei über ein erstes Wort verfügend. Bei Licht besehen, verfügt es darüber gar nicht; denn weder ist das Subjekt dazu rechtens befugt, noch bietet sich irgendwo ein 'erstes Wort' einfach so leicht an. Das Vorwort ist betrügerisch. Das Vorwort ist somit seinerseits Krypta. Der Text versucht nun, über die Form ( ) das Vorwort als Krypta näher zu bestimmen. Form 'gibt' seit altersher das 'Wesen' ( ), macht Sinn und verleiht jedem Seienden Halt, Stand und Stimmigkeit. Aber im Fall von 'Krypta' und 'Vorwort' kommt dem so zur Sprache kommenden Seienden die Form nicht von innen her zu, sondern ist zur Gänze entlehnte Form dessen, was bewahrt wird. Krypta meint immer das, was sie verbirgt und zugleich zeigt; das Vorwort verwahrt bereits den kommenden Text, ohne ihn zu sein. Wer nach der Krypta, ihrem Ort und ihrer Form fragt, ist unweigerlich in diese Verwahrnis eingeschlossen. Er wird ihrer freilich nur in dem Maße gewahr, wie die kryptische Form seiner gewahr wird, wie sie ihn nun, überraschend, zutiefst etwas angeht. Derrida nennt es das Unersetzbare.(20) Es folgt die Wiederholung und Bekräftigung des Sagen-Wollens. Auf nichts mich einlassen, was darüber hinausginge. Weshalb diese wiederholende Beteuerung, diese rhetorisch genau identifizierbare Amplifikation? Derridas Text entwickelt eine Vorworttheorie und beschränkt sich auf ein Wortstück. Es ist das Fragment der Kryptonymie als Ganzes, Fragment eines Symbols auch, dem die Arbeit der beiden Autoren Abraham und Torok gilt. Es ist der Gegenstand ihres Buches und hat ihnen den Zugang zum Geheimnis des 'Wolfsmanns' erschlossen. So wie ein Vorwort vom Textganzen ablösbar ist, so ist im Buchtitel Kryptonymie krypto von onoma ablösbar, so daß krypta dasteht, ohne Namen. Jetzt muß ihm erst wieder ein Name gegeben werden. Der Text legt nahe, es auf gewohntem Pfad, über das Symbol zu versuchen. Das Symbol, heißt es, habe die Funktion, das Symbolisierte so zu vermitteln, daß man sich darauf einläßt. In Paul Ricoeurs berühmter Formulierung: "Le symbole donne … penser". Die Frage lautet: Was bleibt denn noch von Krypta, wenn sie nicht mehr Bruchstück einer Kryptonymie ist? Hat sie in sich irgendwie Bestand? Gibt sie zu denken? Derrida sucht den Namen für Krypta. Nochmals wiederholt sich die Szene des Zögerns und Aufschiebens. Es ist die gleiche Reaktion, die auch die beiden Autoren, ja die sogar Freud selbst im Falle des 'Wolfsmanns' befallen hatte: der Skrupel und der Zweifel, der Zweifel Freuds an seinen eigenen Annahmen(21). Derrida: Schon stocke ich hier, d‚j…. Warum das d‚j… im deutschen Text? D‚j… fungiert als gegenläufige Verschiebung zum Aufschub (differance), nämlich als Beschleunigung und zeitliche Verkürzung. Das 'schon jetzt' nennt den radikalen Vorgriff auf das endgültige Verfallensein, auf das finale Stocken. Davon wiederum ist die Tatsache, daß ich (schon jetzt, A.d.A.) ins Stocken verfalle, ein Fragment. Es zeigt auf die dem Ich (Derridas) schon immer unausweichlich zugeordnete, schon jetzt offene Krypta, auf sein ihm in jedem Fall 'gewidmetes' Grab, auf die Gruft allen Begehrens. Totenrituale und Brauchtum bestätigen den Befund: So wie nämlich die Hinterlassenen des Toten Blumen am Grab niederlegen, so legt Derrida jetzt an den Rand der Krypta das farblose Steinchen eines Skrupels nieder. Dieser Metapher 'farbloses Steinchen' - vielleicht die Urform der - entspricht das mit ihr Gemeinte: das tonlose Wort. Es gilt dem einzigen Gedanken...einer Krypta. Und, so wird angedeutet, dieser Gedanke verfolgt einen einzigen (möglichen?) Weg, andere Gedanken daran anzuschließen. Dieser Anschluß erfolgt über eine Verschiebung. Sie betrifft den Gebrauch der Metapher für 'Krypta', verbietet es aber, die Krypta für eine Metapher im geläufigen Sinne zu halten. Der Text sagt, die Verschiebung habe in erster Linie dem Gebrauch von Philosophie überhaupt zu gelten. Die Philosophie war bisher hauptsächlich mit dem Ursprung befaßt. Sie fragte: Was ist, ursprünglich, das DING? oder: Was heißt DENKEN? Derrida möchte diese Art des fragenden Philosophierens, von Heidegger quasi vollendet, hintertreiben. Und zwar mit der Frage nach der Krypta. Von ihr wird nun behauptet, sie bringe das Denken an einen Ort, der solchen Fragen nach dem Ursprung voraus sei. über das Verbarium des 'Wolfsmanns' tue sich die Möglichkeit einer Verschiebung auf: das Ding von der KRYPTA her, die SACHE als Effekt der Krypta zu denken. Die geläufige Kausalerklärung wird hinfällig, der Rückgang in den Ursprung ist versperrt. über die Frage nach der Krypta wird die Ordnung der Philosophie (wie die der Psychoanalyse) verschoben. Diese Verschiebung, die Derrida vornimmt, ist einschneidend, weil sie alles affiziert, was eine Krypta ins Spiel bringt: die Orte, den Tod, die Chiffre(22). Alle drei gehören zusammen. Aber erst und nur die Krypta konstituiert sie in ihrer Einheit. Dank der Krypta haben Topos, Thanatos und Chiffre (statt Logos) den ihnen angemessenen, d.h. philosophischen Horizont gefunden. Zusammengefaßt und als Aufgabe des Weiterdenkens formuliert: Die herkömmlichen Fragen umkehren, von der Kryptologie (Hermeneutik) zur anasemischen(23) Retranskription sämtlicher Konzepte übergehen(24).- dies führt weg von der Geschlossenheit (cl“ture) der Bedeutungen, die angeblich sinnstiftend sein soll, hin zur 'Antisemantik', von Derrida als Entdeutung(25) postuliert. Entdeutung als Vorgang und Verfahren ist tasächlich der letzte Akt im Drama der Deutungsversuche, die Abraham/Torok unternehmen und im Kapitel Das zersprungene Symbol(26) mit einer eigenen Symboltheorie abschließen. Was zum Vorschein kommt, ist nicht 'das Ding an sich', 'die Sache selbst', sondern eine Chiffre, eine Spur ohne Gegenwart, eine Sache ohne Ursache. Weil sie dem Ursprung enthoben ist, kann sie nicht kausal erklärt, nicht im Sinne des Sagens von etwas durch etwas ( ) gedeutet, sondern nur entdeutet werden. Was soviel heißt wie schlichtes Erfassen ( ), einfaches Vernehmen, von Aristoteles als ein Berühren ( )(27) charakterisiert. Der Johannesprolog Mein Versuch einer Relektüre des Johannesprologs schließt an die Vorworttheorie von Derrida an. Der Prolog steht für Abwesendes. Im Kontext des Johanneischen Diskurses, der an einen damals geläufigen philosophischen Topos anschließt, ist das Abwesende zugleich der Ursprung von allem und umgekehrt. Dieses Abwesende, von der Metaphysik des Ursprungs immer wieder präsent gesetzt, wird von Derrida jedoch als "unsichtbare Utopie", als "unsichtbarer Ort", als "Alibi" und schließlich als "herrische Sprache" und "Herrschaftsprojekt"(28) apostrophiert. Wie in jedem 'metaphysischen' Diskurs, sind die eben genannten Instanzen auch im Johanneischen Prolog am Werk. Sie ermöglichen es ihm, sich anheischig zu machen, den Ursprung benennen und präsent setzen zu können. Kants Einspruch galt, wie erwähnt, diesem Ansinnen: Weder Weltanfang noch das Ende aller Dinge (das ) sind Gegenstände möglicher Erfahrung: als synthetische Sätze können sie nicht Bestandteile einer Erfahrungswissenschaft sein.(29) Wer dennoch so redet, als ob er dabei gewesen wäre, ist "dem wunderlichen Spiel der Einbildungskraft"(30) verfallen. Sie treibt mit ihm ihr Spiel. Kant nennt dieses Vermögen, Gegenwärtiges so zu erkennen, daß es als Mittel der Verknüpfung der Vorstellung des Vorhergesehenen mit derjenigen des Vergangenen gebraucht wird, das Bezeichnungsvermögen (facultas signatrix). Die signatio ist der diesem Vermögen entsprechende Akt des Gemüts. Die Bezeichnung (signatio) aktualisiert das Vermögen, und zwar in einer Handlung, die sich auf die drei Dimensionen der Zeit (Gegenwart auf Zukunft und von dort zurück zur Vergangenheit) bezieht. Es ist die eine Handlung des Gemüts, eine Verknüpfung zu bewirken.(31) Eben diese Gemütshandlung der Bezeichnung und Verknüpfung scheint mir im Johannesprolog explizit am Werk zu sein. Sozusagen auf Anhieb werden Ursprung ( ) und Wort ( ) miteinander verknüpft, treten zueinander ins Verhältnis. Vom Logos wird gesagt, er "war am Anfang" ( ), anschaulich, als ob im Anfang wie im Behälter etwas seinen Anfang hätte nehmen können. Der Satzverlauf entläßt indes den Anfang zügig und überläßt ihn dem Abgründigen, um sich dem neu anberaumten Verhältnis von Wort ( ) und Gott ( ) zuzuwenden. Dieses Verhältnis wiederum ist ein Beisein ( ), also eine räumlich-zeitliche Nähe, erst von der Scholastik als Beziehung zwischen Personen (relatio ad intra) konstruiert; diese Nähe wird verstärkt und als Identität gesagt: (der) Gott "war" (das) Wort. Drei Bestimmungen regieren den ersten kreislaufartigen Satz: In-Sein ( ), Bei-Sein ( ) und ein reines Seinsverhältnis der Identität. Das Wort, der Logos, steht für den abwesenden Ursprung ( ), dessen gründende, zeitverschlingende Funktion nochmals an das Verhältnis von Wort und Gott herangebracht wird. So entsteht, trotz der Vergangenheit ( ), zeitlose Präsenz: nie hat den Gott oder den Logos eine Zeitdifferenz auch nur berührt. "Alles" ( ) leitet eine neue Dimension ein. "Alles" wird mit dem kontradiktorischen Gegenteil beglaubigt, mit dem "Nichts dessen, was geworden ist". Wenn "alles" durch ihn, dann "nichts" ohne ihn ( ). "Alles" steht in Abhängigkeit zu "durch ihn" ( ): angezeigt ist so eine vermittelnde, produktive Tätigkeit. Wie jede 'künstlerische' Tätigkeit konnotiert sie grundsätzlich Beschränkung und Vereinzelung. Der Text räumt sie jedoch durch das "ohne" ( ) aus dem Weg. So wie "Anfang" im ersten Satz als abwesend und zugleich gründend präsent war, so nun das Nichts: Etwas ist nur Nichts im Hinblick auf ein mögliches Fehlen, das jedoch am "Alles" seine absolute Grenze findet. Es ist somit schlicht nicht möglich, weil vom Prolog her undenkbar, daß eher Nichts als Etwas sei. Der Textverlauf inszeniert dann in der Tradition geläufige Attribute Gottes: Leben ( ) und Licht ( ). So wie "am Anfang" der Logos "war", so waren in ihm, dem Logos, das Leben und das Licht. Leben wie Licht haben am kosmologischen Ideensystem bzw. am kosmologischen System der Begriffe teil. Sie fungieren hier als ebenso notwendige wie plausible, willkommene 'Schalter' (shifters), um von der Ewigkeit, der totalen Präsenz, dem Ort der zeitlosen Gottheit in die Menschenwelt hinunter zu vermitteln. In einem semantischen Kraftakt wird zu , Leben zu Licht, freilich ohne entsprechende Erläuterung. Gibt es vielleicht eine ontische Begründung für diese Identifikation? Wohl kaum. Mir scheint aber, die ökonomie der Sätze erübrige einen begründenden Zuschuß. Denn bereits die syntaktische Strömung läuft auf eine pragmatische, geradezu praktische Rekonstruktion hinaus. Der Bericht über die Gottheit wird nämlich an Bedingungen herangeführt, die uns eine Erfahrung mit ihr ermöglichen. In der Tat: Licht leuchtet und es leuchtet in der Finsternis ( ), und Finsternis ist genau in jener ontologischen Verfassung, die ein Begreifen nie und nimmer zuläßt. In dieser Konstellation - dort die göttliche Welt, hier die Finsternis - tritt nun ein "Mensch" ( ) auf. Er muß als historische Singularität identifiziert und legitimiert werden. Das geschieht dreifach: in der Zeit und damit sozusagen historisch ( ), "gesandt" ( ) von Gott, also in Beziehung zu ihm, und als Mensch mit einem Namen ( ), Johannes, ausgestattet. Dreifache Identifikation, aus dreifachem semantischem Vorrat geschöpft. Sein (des Menschen Johannes des Täufers) eigentlicher Auftrag ist die Zeugenschaft ( ). Er steht also für etwas, wovon er Zeuge war. Er hat kryptische Eigenschaften. Die Rückbindung zu Abwesendem, das bezeugt werden muß, erfolgt durch ein bereits bekanntes Medium, das Licht ( ). Licht will allerdings bezeugt werden, hat es doch Ziel und Zweck in sich selbst: leuchten ( ). Die Verzögerung und der Aufschub, aber auch die Differenz von Gott zu Mensch werden nun entlang der inneren ökonomie des Textes inszeniert. Zuerst: Johannes war nicht selbst Licht, sondern nur Lichtzeuge, also Krypta. Das eigentliche Licht leuchtet unvermittelt, durch sich selbst. Es gilt jedem Menschen, der der Welt angehört, das heißt der Finsternis ausgesetzt ist. Die Verzögerung, die sich zwischen den Anfang des Logos und sein Erscheinen über einen Zeugen geschoben hatte, schwindet allmählich, und die Distanzierung hebt sich auf: das Licht war - wie das Wort im Anfang - "in der Welt" ( ). An das Verhältnis Licht-Welt wird nochmals erinnert, um jetzt die sich anbahnende Entdistanzierung zu markieren und zugleich die Gegenkraft zu inszenieren. Erneut macht sich Aufschub bemerkbar. Der Kosmos hat "ihn nicht erkannt". Die Welt ist sogar ein ihm (dem Gott) zugehöriger Ort ein "ihm Eigenes" ( ), und die Menschen werden als "die ihm Zugehörigen" ( ) apostrophiert. Genau dieser Konfiguration entsprechend wird nun das Verhältnis von Gott zu Mensch ökonomisiert, denn bei aller Distanzminderung gibt es nun Besitzer und Besitz. Dieses Verhältnis, einmal anerkannt, führt sogar zur übertragung des Rechtstitels, als Gottessohnschaft der Menschen: die "Macht" ( ), ein bisher exklusives Privileg Gottes, geht auf die Menschen über und macht aus ihnen Gottessöhne. Das Paßwort für diesen einmaligen Grenz-übertritt vom Menschenkosmos zum Lichtreich ist das "Glauben an seinen Namen" ( ). Eine wahre Kryptonymie in dem Sinne, als durch und in der Namensnennung das wahre Wesen Gottes chiffriert ist, somit verborgen bleibt, ungenannt obschon benannt. Die Urszene der Geburt wird daran anschließend wiederholt, aber nach einer neuen ökonomie geregelt: eine fundamentale Verschiebung, eine Entdeutung des "Menschen" ( ) findet statt. Der als legitimierend zu verstehende Akt für diese Umbenennung ist des Menschen Wiedergeburt aus Gott, als Gotteskind. Damit ist die vorbereitende Plausibilisierungs- und Akzeptierungsstrategie der folgenden Textsequenz an ihren Höhepunkt angelangt. Der Vertretbarkeitsgrad dessen, was kommt, ist zwar gleich null. Eben deshalb wird der Leser/Hörer mit der entsprechenden Redefigur darauf vorbereitet: Nicht etwa nur Geläufig-Meinungsmäßiges ( ), aber auch nicht Zweifelhaftes ( ), schon gar nicht eine bloße Bagatelle ( ) ist angesagt, nein ein wahres Paradoxon, etwas, was das Empfinden schockiert(32), wird jetzt zugemutet: "Das Wort ist Fleisch geworden" ( ), und es fand Unterschlupf bei uns, wie in einem Zelt ( ). So wird das Gesamtgeschehen schließlich Gegenstand der Wahrnehmung. Die Bedingungen für eine mögliche Erfahrung Gottes sind geschaffen worden. Es ging dabei zu und her wie im Theater. Dort ist der Zuschauer "Augenzeuge" des Spektakulums ( , ), Akteur und Zuschauer in einem. Dieser Veranschaulichung im Fleische galt denn auch der ganze Aufwand des Prologs. Seine ökonomie strebt und steuert der Anschauung der Gegenwart, der lichten Präsenz entgegen. Der Prolog realisiert eine biotheologische Szene. Sie ist theologisch, sofern sie "durch die Sprache, durch einen Willen zur Sprache, durch das Ziel eines ersten Logos berherrscht wird, der, dem theatralischen Ort nicht angehörend, ihn von ferne beherrscht"(33). Der Prolog ist das Produkt der Repräsentation. Schrittweise wird Geschlossenheit (cl“ture) erzeugt: Die Einbeschließung (cl“ture) Gottes in den Anfang, in das Wort und in die Göttlichkeit ( ); dann die cl“ture des Alles und Nichts; schließlich die cl“ture Wort-Leben-Licht. Die cl“ture wird aber durch die Gegensätze Licht-Finsternis durchbrochen; nachhaltiger dann aufgebrochen durch die erstmalige Nennung des Zeugen Johannes, Repräsentant der sich verzögernden aber angekündigten überwindung und Schließung des Hiatus von Gott zu Mensch. Johannes leitet die erste Stufe der kommenden Aufhebung der Distanz ein, ist somit ein erster Garant dafür, daß sich der Kreis schließen wird. Dann erst folgt erneut ein Bruch zwischen dem "wahrhaftigen Licht" ( ) einerseits und dem nicht anerkennenden Kosmos andererseits. Zwischen dem Besitzer und seinem Besitz wird ein Gefälle sichtbar, zwischen dem nicht-genannten Vater und den Seinen klafft eine Lücke. Die Einbeschließung (cl“ture) Gottes und des Menschen hat dank der ökonomie des Prologs ein Stadium hoher Plausibilität erreicht. Die Akzeptanz des Kommenden ist vorbereitet, nämlich die Anteilhabe an der "Macht" ( ), die Geburt der Gottessöhne. Und schließlich die grandiose Umkehrung: Wort wird Fleisch. Der Prolog des Johannes weiß, wofür er Prolog ist. Nichts ist verloren, alles ist gewonnen. Der Text Gottes wird allen offenbar. Vor uns breitet sich nicht etwa ein "theatrum mundi" aus, sondern gespielt wird das einmalige "theatrum dei". Literatur: (1)
N.Abraham/M.Torok: Kryptonymie. Mit einem Beitrag von Jacques Derrida.
Frankfurt/M. 1979, 61-181. Der Titel von Derridas Vorwort lautet: Fors.
Die Winkelwörter von N. Abraham und M. Torok, 7-58.
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