"Gottes Geheimnisse verkosten, bevor sie geschaut werden"  

Martin Heidegger und der Theologe Engelbert Krebs

 

 von Christoph von Wolzogen
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2000) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/historie/heidegger.htm

Hugo Ott hat in seinem Heidegger-Buch der von 1913 bis 1918 währenden Freundschaft zwischen Martin Heidegger und dem Theologen Engelbert Krebs, die dann mit dem berühmten, das «problematische und Unannehmbare» am «System des Katholizismus» begründenden Brief vom 9.1.1919 ihr Ende fand, ein ausführliches Kapitel gewidmet. Über das von dem Historiker Dargestellte hinausgehend, soll im folgenden – auf der Grundlage eigener Forschungen – einigen Spuren der zentralen, aber verschwiegenen Bedeutung dieser frühen «Arbeitsgemeinschaft» für den späteren Denkweg Martin Heideggers nachgegangen werden. Auch wenn es sich dabei um einen weiteren Beitrag zur Historisierung Heideggers handelt, so ist doch die Absicht philosophisch, insofern den Aufgeregtheiten um die Heideggerschen ‚Erfindungen‘ immer noch am besten mit Hegels – philosophisch gemeinter – Erinnerung zu begegnen ist, dass ein jeder – also auch Heidegger – ohnehin ein Kind seiner Zeit sei.

Darf man von einem Denker, der die «indirekte Mitteilung» Kierkegaards auf eine ganz neue Weise fruchtbar machte, direkte Auskünfte über seine Ursprünge und Quellen verlangen? Wenn Martin Heidegger rückblickend sagte, «ohne die theologische Herkunft wäre ich nie auf den Weg des Denkens gelangt», so wird man dies auch – getreu seiner Methode einer «destruktiven» Freilegung des ursprünglichen Sinnes von philosophischen Texten – daraufhin lesen müssen, «was nicht dasteht». Etwa die «entscheidende und darum in Worten nicht fassbare Bestimmung für die spätere eigene akademische Lehrtätigkeit», die er dem Dogmatikprofessor Carl Braig nachrühmte – war dies nicht in Wahrheit eine Blossstellung oder zumindest indirekte Kritik, eine Perspektive, die er dem einstigen Lehrer auflud, ohne dass jener sie hätte tragen können? Um 1921 hatte Heidegger mit seiner Forderung vom «Unsichermachen des Daseins» und dem Satz, dass die Philosophie «in ihrer radikalen, sich auf sich stellenden Fraglichkeit prinzipiell a-theistisch sein» müsse, nicht nur eine «Brandfackel» in das zeitgenössische, sich bei «Weltanschauungen» beruhigende Denken geworfen, er hatte sich auch endgültig – wenngleich alles andere als schulmässig – in die Schar jener «Modernisten» eingereiht, die Braig mit rhetorischer Brillanz in der «Literarischen Rundschau für das katholische Deutschland» bekämpfte. Gewiss ist in dem berühmten Zitat aus Bonaventuras «Itinerarium mentis in Deum» V, 3.4, welches der Dogmatiker 1896 seinem Buch «Vom Sein» voranstellte, schon das ganze Programm von «Sein und Zeit» enthalten. Aber mit seinem «Abriss der Ontologie» hielt Braig, als er drei Jahre später seine Schrift gegenüber dem Vorwurf des Monismus verteidigte, einen davon grundsätzlich unterschiedenen Ausgangspunkt der Philosophie fest: «Alle Vorstellungen über den Grund des Seienden, die sich gegen den Theismus aufthun, sind entweder Atheismus oder führen zum Atheismus; eine atheistische – folglich auch die monistische – Welterklärung ist aber nicht nur keine Erklärung der Welt, sondern ein gänzlich undurchführbarer, absolut widerspruchsvoller Denkversuch.» Allein daraus wird man die Spannung ermessen können, in der Heidegger ab den «erregenden Jahren zwischen 1910 und 1914» stand. Genau in diese Zeit nun fällt die Bekanntschaft mit Engelbert Krebs.

Krebs (4.9.1881-29.11.1950), der neben Theologie Philosophie (u.a. bei Rickert) und Geschichte studiert, 1903 (Dr. phil.) und 1909 (Dr. theol.) – nachdem er 1906 zum Priester geweiht worden war – promoviert und schliesslich 1911 sich für Dogmatik in Freiburg habilitiert hatte, beschreibt die bedeutsamen Umstände des ersten Zusammentreffens mit Heidegger: «Im Oktober 1912 erzählte mir zu Rom im Campo Santo der junge Historiker Laslowsky aus Breslau viel von seinem Freunde Heidegger und Juli 1913 besuchte dieser mich. Ein scharfer Kopf, bescheiden aber sicher im Auftreten. Doch, da fällt mir ein, ich kannte ihn von einer Begegnung schon vom Oktober 1912. Damals, vor meiner Romfahrt hielt ich am Dienstag 8. Oktober auf der Goerrestagung hier einen Vortrag, Gotteserkenntnis u. Erkenntniskritik, bei welchem mir Prof Lang von Strassburg stark entgegentrat; und Heidegger trat damals auf Langs Seite...Als er mich nun besuchte, sagte ich ihm, ich liesse jenen Vortrag drucken. Er solle mich nicht gar zu sehr verurteilen deswegen. Er wehrte ab und meinte, mein Standpunkt sei ebenfalls der Beachtung und Besprechung wert, nicht nur der seine.»

Der Vortrag erschien 1913 in der Festschrift für Clemens Bäumker unter dem Titel «Erkenntniskritik und Gotteserkenntnis mit besonderer Berücksichtigung von Vaihingers Als-Ob-Philosophie». Krebs versucht dort, angereichert durch ausführliche Zitate aus Bonaventuras «Itinerarium mentis» und Thomas' «Summa theologica», die «Unzulänglichkeit der Erkenntniskritik ohne Gottesbegriff» aufzuzeigen – im damaligen Klima des Antimodernismus nichts Ungewöhnliches. Bemerkenswert ist freilich seine ungemein ausführliche Interpretation des Vaihingerschen «Fiktionalismus» – die Rickert am 27.10.1913 veranlasste zu schreiben, «dass Sie Vaihingers Philosophie des als-ob meiner Ansicht nach ganz ungeheuer überschätzen» – sowie seine ausdrückliche Erwähnung des Peirceschen Pragmatizismus, den Heidegger im März 1912 in der Zeitschrift «Der Akademiker» von James her analysiert hatte. Überhaupt mochte den Studenten die «ausgebreitete Belesenheit» – wie Braig sich einmal lobend äusserte – des Privatdozenten angezogen haben, fasste dieser doch Vaihingers Philosophie genial als das Programm zusammen, «wie wir uns der chaotischen Empfindungsmasse bemächtigen»; ein Terminus, auf den Heidegger in seiner Dissertation zurückkommen sollte, als er von Erkenntnis als «Gegenstandsbemächtigung» sprach.

Leider liegen zur anschliessenden Disskussion mit der Kritk des Strassburger Philosophen und Apologeten Ludwig A. Lang, welcher sich Heidegger anschloss, keine Aufzeichnungen vor. Der prinzipielle Streitgegenstand lässt sich aber anhand von Krebs' Begleitschreiben zu dem Druckmanuskript an Bäumker rekonstruieren. «Nur mit einem gewissen Zagen», heisst es dort unter dem 16.1.1913, «überreiche ich Ihnen den nochmals durchgearbeiteten Goerresvortrag. Möge er nun in Druck gehen und den Spott aller Idealisten und Kantianer auf diese gründliche Missverstehung des Kantischen A priori herabrufen. Ich habe durch Umarbeitungen und Einfügung von erläuternden Anmerkungen das Unheil etwas zu beschwören gesucht. Ob es mir gelungen? Die Anmerkung am Schluss wendet sich nochmals in einer anderen Sache an Prof Lang in Strassburg. Sie ist allerdings notwendig, das hat mir seine Einrede gezeigt.» Krebs hatte seine Ausführungen mit den Worten beschlossen: «Wir können eine befriedigende Erklärung unserer Erkenntnisvorgänge ohne den Rekurs zum Schöpfergott nicht finden. So wird uns die Erkenntniskritik also selber zum Wege, der zu Gott führt». Und dazu anmerkend, heisst es nun: «Eine ausdrückliche Abweisung der Möglichkeit, diesen höheren Verstand nicht im persönlichen Schöpfergott, sondern im unpersönlichen Allgott oder der pantheistischen Allvernunft zu suchen, wäre eine Aufgabe für sich, welche nun die innere Unmöglichkeit des pantheistischen Systems aufzuzeigen hätte. Ich bemerke dies ausdrücklich, um nicht den Anschein zu erwecken, als glaubte ich mit voriger Abhandlung einen lückenlosen Gottesbeweis geführt zu haben. Richtlinien desselben aber glaube ich gegeben zu haben.» Ist Heidegger hier schon das Problem aufgegangen, das er 1924 in Marburg vor Theologen auf die Formel brachte, dass der Philosoph von Gott «nichts weiss»?

In den «Richtlinien der Gedanken.., die den Idealismus widerlegen und zum Realismus zurückzukehren zwingen», dürften beide sich jedenfalls einig gewesen sein. Mehr noch: das Jahr 1913 markiert den Beginn der wenn auch nur kurzen, aber intensiven Arbeitsgemeinschaft Heidegger-Krebs. Unter dem Einfluss Heideggers entwickelte sich Krebs sehr bald zum «homo phaenomopius», wie ihn der jüngere Freund nannte. Ab dem WS 1913/14 las er, in ständigem Austausch mit Heidegger, über «Einleitung in die Philosophie, Logik und Noetik». «Die 4 Kollegienstunden über Logik und Noetik», so notiert er im Dezember 1913, «zeigten mir sehr bald, dass ich mit den Lehrbüchern nicht durchkam. Ich musste, ob ihrer methodischen Unsauberkeit u. Widerspruchsfülle daran gehen, im Geiste der Alten, aber mit den Erkenntnissen der Neuen, eine Logik u. Noetik selbständig aufzubauen...Ich war manchmal ganz ab u. fertig mit meiner Weisheit und doch kam noch immer rechtzeitig Licht. Viel verdanke ich Gesprächen, die ich über das zu präparierende Thema mit Dr. Heidegger...hielt.» Es war, wie Hugo Ott zu Recht anmerkt, ein «Geben und Nehmen», wobei nicht immer auszumachen ist, wer der Gebende und wer der Nehmende war. Jedenfalls finden sich in dem Vorlesungsmanuskript ausführliche, das Studium der Originaltexte verratende Hinweise zu Krebs' Lieblingthema, dem Pragmatismus bzw. Pragmatizismus von James, Schiller und Peirce, aber auch gelegentlich Marginalien von Heideggers Hand mit Hinweisen auf Dyroffs «Über den Existenzialbegriff» oder Lasks «Logik der Philosophie» sowie eine kritische Bemerkung dazu, dass «Kant einseitig mit Naturwiss[enschaft] eingestellt» werde. Eine Marginalie im Manuskript zur Vorlesung «Geschichte der antiken und mittelalterlichen Philosophie in Grundzügen» (WS 1913/14, WS 14/15) – die übrigens Heidegger auf Vorschlag von Krebs im WS 1915/16 unter dem Titel «Geschichte der griechischen und mittelalterl. Philosophie im Überblick» fortsetzte – macht besonders deutlich, wo Heidegger der Gebende und vor allem kein Aristoteliker war. Während nämlich Krebs noch in aller Unschuld ausführt: «Die verschiedenen Figuren und Arten des Schliessens werden...von Aristoteles in der Schrift Analytika protéra mit solcher Genauigkeit dargestellt, dass die Nachwelt nichts daran zu ergänzen und ändern hatte», merkt Heidegger an: «Von der neueren Logistik (mathemat. Logik u. Gegenstandstheorie) ganz beträchtlich erweitert. Vgl. Russell, Princ. mathematica. Mally, Gegenstandstheoret. Grundlg u. Logik.»

Krebs nahm die Impulse des promovierten Kollegen bereitwillig auf und leitete – ganz abgesehen von ständigen Hinweisen auf Husserl – mit umfangreichen Zitaten aus der Arbeit «Neuere Forschungen über Logik» von 1912 sozusagen eine allererste Wirkungsgeschichte Heideggers in Freiburg ein. Wo aber war er nun der gebende Teil? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst Heideggers Situation vor Augen halten, von der Krebs am 14.11.1913 ein Resümee gibt: «Seit einigen Tagen habe ich mit Heidegger mehrmals darüber gesprochen, er solle eine philos.geschichtl. Arbeit machen, um sich zu habilitieren. Ich schlug ihm die Bearbeitung eines logischen Traktats des Meister Dietrich vor, worüber ich in meinem Dietrich-Buch nur ganz wenige Bemerkungen gemacht habe. Er antwortete stets, dass das Thema sicher ihn interessieren würde, dass er aber fürchte, hierin in kurzer Zeit nichts Gutes zustande zu bringen, und dass er hingegen von seiner mathematisch-logischen Arbeit sicher Gutes erwarte. Heute morgen setzte er mir das näher auseinander. Er arbeitet "Über das logische Wesen des Zahlbegriffs" und fühlt sich hier deshalb so ganz zu Hause, weil er höhere Mathematik ganz beherrscht...» Noch am 2.1.1914 war, wie Krebs notiert, «unklar...ob er mit der historischen oder der logischen Arbeit sich habilitiert; die letztere gedeiht vorzüglich, an die erstere will er nicht recht heran.»

Letztlich scheint die – zu dieser Zeit durchaus berechtigte – Hoffnung auf einen Lehrstuhl den Ausschlag gegeben zu haben. Jedenfalls befand sich, wie Heideggers Brief an Krebs vom 19.7.1914 bezeugt, die «historische» Arbeit schon in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Ab dem 7. Juni 1915 sass Krebs mit Heidegger fast täglich über der Habilitationsschrift, «um mit ihm gleich alle Aporien...zu besprechen.» Am 18. Juni schrieb der Theologe an Rickert sein «Urteil, das Heideggers Habilitation sichert.» Die «Duns Scotus»-Arbeit scheint demnach im besten Sinne eine, zudem in bemerkenswert kurzer Zeit verfasste, «Gelegenheitsschrift» gewesen zu sein, der aber die Spuren des ursprünglichen Projektes «Über das logische Wesen des Zahlbegriffs» durchaus noch anzumerken sind, wenn man daraufhin das Kapitel «Das Unum, die mathematische, die Natur- und die metaphysische Wirklichkeit» liest. Gleichzeitig lag hier der entscheidende, d.h. «geschichtliche» Anstoss für die Bemühungen «um eine prinzipielle Klärung» seiner «philosophischen Stellungnahme», deren Resultate Heidegger Krebs in seinem vielzitierten Brief vom 9.1.1919 vorlegte.

Über die Jahre davor war lange Zeit nur wenig bekannt, was über die Aufzählung von Vorlesungen hinausging: Nach Ausweis des Vorlesungsverzeichnisses hielten beide im SS 1916 «Übungen über Texte aus den logischen Schriften des Aristoteles» ab, der Theologe selber gibt für dieses Semester an «Kant und die neuere deutsche Philosophie» sowie für das WS 16/17 «Grundfragen der Logik», und notiert am 29.2.1916: «Abends Vortrag von Dr. Heidegger über die Philosophie in den kriegsführenden Ländern und die Aufgabe der christlichen Philosophie in Deutschland.» Es scheint indes, dass die «Arbeitsgemeinschaft» mit Engelbert Krebs neue Aufschlüsse darüber geben könnte, in welcher Richtung die verborgenen Anfänge des Heideggerschen Denkwegs zu suchen sind; vielleicht gerade, wenn man in Rechnung setzt, dass die Impulse, die Heidegger aus dem Lesen – dieser, wie er sagt, «einfachen Vorschule» – aufgenommen hatte, zum Teil erst sehr viel später terminologisch gefestigt sozusagen zum Tragen kamen.

1909 wurde Krebs mit der sehr bemerkenswerten Schrift «Wort und Heiland. Eine soteriologische Untersuchung» promoviert, die dann – offensichtlich nach Kontroversen mit dem Hauptgutachter Braig – 1910 unter dem Titel «Der Logos als Heiland im ersten Jahrhundert. Ein Religions- und dogmengeschichtlicher Beitrag zur Erlösungslehre» erschien. Im 1. Teil behandelt diese Arbeit die «Logosspekulation und Erlösungslehre im Heidentum des ersten Jahrhunderts», sodann im 2. Teil «Logoslehre und Erlösungslehre im Judentum des ersten Jahrhunderts», und schliesslich im 3. Teil «Die Logos- und Erlösungslehre im Christentum», unter anderem mit den Abschnitten «Das Zeugnis des hl. Paulus» sowie «Die johanneische Darstellung des Erlösungswerkes im Lichte der Logoslehre». Ganz ohne Zweifel wird Heidegger dem Vorwort zugestimmt haben, «dass sich beim Umgraben des Wurzelbodens unserer Glaubenbegriffe...viele lebendige Keime für das spekulative Denken ergeben, welche sich als sehr entwicklungsfähig und fruchtbar erweisen». Fand er doch hier alle Elemente in einem Buch vereinigt, die dann um 1920 in Form einer Rehabilitierung der urchristlichen Erfahrung des faktisch-historischen Lebens gegenüber dem «systematischen» Zugriff der abendländischen Metaphysik durchbrachen. Insbesondere musste Heidegger in Krebs Ausführungen zu Philo von Alexandria (dem Zeitgenossen des Apostel Paulus) – mit seiner Lehre von der Allegorese und der Transzendenz Gottes ein Wegbereiter der Hermeneutik sowie der Negativen Theologie – das Problem der «Hellenisierung des Christentums» in seinem ganzen Gewicht aufgegangen sein, wie er denn später, möglicherweise schon um 1915, in Diltheys »Einleitung in die Geisteswissenschaften» (1883) nachlesen konnte, dass in diesen Zeiten «aus dem Untergrund des religiösen Lebens der Offenbarungsglaube in die Wissenschaft der Metaphysik» eingedrungen war, «in der er immer fremd bleibt und verwirrend wirken muss.»

Heidegger dürfte wohl die von Braig in seinem Brief an Krebs vom 16.5.1909 erörterte Frage, ob «Philo die platonische Ideenlehre judaifiziert oder...nicht vielmehr die jüdische Logoslehre platonisiert, hellenisiert» habe, als akademisch empfunden haben. Aber die Sprengkraft, die in einer Auseinandersetzung mit dem philonischen Logos-Begriff – als des, wie Krebs sagt, «Mittlers zwischen Gott und der Welt» – liegen konnte, verraten die Bemerkungen Braigs im selben Brief. «Sie finden mit Recht das "Wichtigste" der platonischen Philosophie in der Ideenlehre und glauben, Philo habe dadurch einen wesentlichen Schritt über Plato hinausgetan, dass er die Ideen mit dem Gedanken des "persönlichen Gottes der jüdischen Offenbarung identifizierte"...Ist Philos Gott der der Offenbarung, oder nicht vielmehr der des Pantheismus» – Krebs darüber: «nein» – «oder vielleicht der des Deismus?» – Krebs darüber: «nein» – «...Und wenn nach Philo der Logos der "Ort" der Ideen ist, ist dann nicht hiedurch... das spez. jüdisch-christliche Dogma (Logos-Messias) preisgegeben, also der Jude den Philosophen ausgeliefert? Überhaupt, war Philo nicht ein "jüdischer Modernist um die Zeitenwende" (wie mir unlängst scherzhaft gesagt wurde)? Ist nicht bei ihm schon an den hellenistischen Nationalismus eines Fl. Josephus zu denken, der die Worte der Offenbarung behalten wissen wollte, ihren Sinn aber gänzlich umgewertet, also sich von der "Philosophie" hat mit seinem Willen besiegen lassen?»

Der «Logiker» Heidegger hat zweifellos durch Krebs' Arbeit den Sinn von Logos – als «Wort» – und damit auch den Sinn des berühmten Prologs zum Johannes-Evangelium in einem ganz neuen Licht sehen und auslegen gelernt. Krebs wird kaum geahnt haben, welches Gold er in den Händen hielt, als er anmerkte: «Calmet (Commentarius literalis in omnes libros novi testamenti, Würzburg 1787) hält lux in Vers 5 und das "In-der-Welt-sein" und "Unerkannt-sein" in Vers 10 als für den präexistenten Logos ebenso wie für den inkarnierten passend.» (In der Manuskriptfassung heisst es übrigens noch: «...das Sein und das "Unerkanntsein" in der Welt»). Ebenso «unzeitgemäss» ist ein Zitat, dessen Spuren sich erst viel später – ein Verfahren, das sich noch an anderen «Heideggerschen» Termini belegen lässt – in § 81 von «Sein und Zeit» unter dem Titel «die Innerzeitigkeit und die Genesis des vulgären Zeitbegriffes» finden. Krebs weist nämlich hin auf einen Passus aus Innitzers Interpretationen zum «Hymnus im Epheserbrief» von 1904, wo es heisst: «Der Apostel geht in seinem Lobpreis Gottes von der geistlichen Segnung in Christus...zurück auf den Grund der Segnung, die vor- und überzeitliche Auserwählung und Vorausbestimmung der Christen in und durch Christus zu Rechtfertigung und Gotteskindschaft (Eph 1,4-6); er verweilt dann bei der innerzeitlichen Ausführung dieses Gnadenratschlusses Gottes durch Jesus Christus, der Erlösung durch sein Blut und der Offenbarung des Versöhnungsgeheimnisses (Eph 1,7-12); er wendet endlich diesen Gedanken speziell auf die Leser an...und weist damit wieder zurück auf die überzeitlich beschlossene, innerzeitlich ausgewirkte, für die Ewigkeit verbürgte und auf das beseligende Ziel hinweisende Begnadigung und Gotteskindschaft (Eph. 1,13-14).»

Von besonderem Interesse dürften für Heidegger jene Passagen in Krebs' Dissertation gewesen sein, die den einleitenden Abschnitten des ersten Korintherbriefes gewidmet sind, vor allem dem Satz: «Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen» (1 Kor 1,25). Wo aber der Theologe mit Paulus, «der hellenistischen ins Christentum sich eindrängenden Weisheit gegenüber, Christum als gottgesandten Helfer und Offenbarer» feiert, liegt für den Philosophen der Ansatzpunkt für das Problem des Theoretischen überhaupt, für eine Kritk an der «entlebenden» Begrifflichkeit. Denn auch das hatte er bei Krebs, dem profunden Kenner des Mittelalters sowie der Literatur zum Urchristentum und Mystik, lernen können: dass «die Furcht der Anfang der Weisheit» ist (Krebs zitiert diesen Psalm 110,10 in seinen «Grundfragen der kirchlichen Mystik», 1921, unter Hinweis auf Augustinus, De sermone Domini in monte l. 1, c.3,n.10-11). Worauf es dem Philosophen also ankam, war eine Begrifflichkeit, die sich sozusagen dem Leben «anschmiegt», zu ihm hin und nicht von ihm wegführt. Die urchristliche Lebenserfahrung, der lebendige «Vollzug», der sich ihm dazu als Paradigma anbot, wurde freilich immer wieder, trotz eruptiver Gegenbewegungen etwa durch die mystische Selbsterfahrung, von metaphysischen letzten «Gehalten» verstellt, von denen die Philosophie eben «nichts weiss». Heidegger reagierte darauf mit dem – später wieder aufgegebenen – Lehrstück der «formalen Anzeige» und der Unterscheidung in einen «Gehaltssinn», «Vollzugssinn» und «Bezugssinn». Diese hermeneutischen Begriffe führen in eine Situation der Entscheidung, lassen die konkrete Entscheidung aber – und das ist wohl der Nerv der Heideggerschen «Ethik» – in der Schwebe.

Seit einigen Jahren kann man dies im Rahmen der Gesamtausgabe vor allem aus drei Vorlesungen rekonstruieren, die Heidegger nach dem Bruch mit Krebs hielt («Grundprobleme der Phänomenologie» WS 1919/20, «Einleitung in die Phänomenologie der Religion» WS 1920/21, «Augustinus und der Neuplatonismus» SS 1921), wobei stets der Hinweis auf das Augustinische crede ut intelligas auftaucht, welches nach Dilthey besagt, «dass die volle Erfahrung für die Analysis da sein muss, soll diese erschöpfend sein», und für Heidegger (WS 1920/21), das Selbst solle sich erst im vollen Leben verwirklichen, ehe es erkennen kann. Genau diese Formulierung führt auf Krebs' Auslegung des Begriffs sapientia zurück, die sich, Heidegger zweifellos bekannt, wie ein roter Faden durch seine Publikationen zieht.

In seinen «Grundfragen der kirchlichen Mystik» definiert er (Bernardus, Sermo 83 In Cantica, heranziehend): «Denn darin besteht ja die wahre Weisheit, dass sie Geschmack an den Torheiten und Nichtigkeiten des Lebens ersetzt durch den Geschmack an den wahren Werten und Gütern, d.h. an Gott und seiner Wahrheit, Schönheit und Heiligkeit. Sapida scientia, wohlschmeckendes Erkennen, so pflegten die mittelalterlichen Scholastiker und Mystiker das Wort sapientia zu erklären. Geschmack haben, nicht für die Torheiten des Lebens, sondern für Gott und göttliche Dinge, das ist aber nichts anderes als das verkostende Hangen der Seele an Gott, das wir als das Wesen der Mystik kennengelernt haben.» Den eigentlichen Brückenschlag zu Heidegger – der in «Sein und Zeit» seine Gewährsmänner Luther und Kierkegaard gerade dort schätzt, wo sie «am wenigsten begrifflich, erbaulich aber um so eindringlicher» sind – bildet nun Krebs Antrittsrede als Dogmatiker in Freiburg am 8.6. 1917 unter dem lapidaren Titel «Die Wertprobleme und ihre Behandlung in der katholischen Dogmatik», und zwar mit einem Zitat aus Vincenz Contensons «Theologia mentis et cordis» (Köln 1721): «Die Frömmigkeit (hilft) nicht wenig, um theologische Geheimnisse tiefer zu erforschen; die Frömmigkeit nämlich, welche nach des Apostels Worte "zu allem nützlich ist" (1 Tim 4,8), erweist sich für dieses Unternehmen geradezu als notwendig. Denn zuerst müssen Gottes Geheimnisse verkostet werden, bevor sie geschaut werden...Aus diesem Grunde werden wir nach den einzelnen spekulativen Darlegungen eine kurze passende Betrachtung aus den heiligen Schriften und den Vätern einfügen, die soweit es geschehen kann, aus dem Inhalt der behandelten Fragen geschöpft ist, durch welche wir den von der Spekulation ermüdeten Geist erquicken...Nur das möge der Leser sich merken, dass jeder einzelne für sich aus den theologischen Wahrheiten viele andere Betrachtungen sammeln kann; mir genügte es, ihm den Schatz aufzudecken und mit dem Finger darauf hinzuweisen; ihn zu heben ist des Lesers Sache.»

Damit dürfte die «Herkunft» der «formalen Anzeige» geklärt sein – des Herzstücks von Heideggers früher «Theorie der philosophischen Begriffsbildung» – und ein weiterer Beleg für seine These gefunden sein, dass «im scholastischen Denktypus Momente phänomenologischer Betrachtung verborgen» lägen, «vielleicht gerade bei ihm am stärksten.» Er führt nämlich an einer Stelle der «Phänomenologischen Interpretationen zu Aristoteles» (WS 1921/22), mit welcher Gadamer nach eigenem Bekunden «zunächst nicht zurecht kam», aus: «Es liegt in der formalen Anzeige eine ganz bestimmte Bindung; es wird in ihr gesagt, dass ich an der und einer ganz bestimmten Ansatzrichtung stehe, dass es, soll es zum Eigentlichen kommen, nur den Weg gibt, das uneigentlich Angezeigte auszukosten und zu erfüllen, der Anzeige zu folgen. Ein Auskosten, aus ihm Herausheben: gerade ein solches, dass es, je mehr es zugreift, nicht umso weniger (abnehmend) gewinnt, sondern umgekehrt, je radikaler das Verstehen des Leeren als so formalen, desto reicher wird es, weil es so ist, dass es ins Konkrete führt.» «Es gilt», so kommentiert Gadamer, «sich gegen die Tendenz zu wehren, etwas zum Dogma zu machen. Stattdessen heisst es versuchen, das, was einem im Zeigen gezeigt wird, nun selber in Worte zu fassen und zur Sprache zu bringen.» Und das heisst auch: im günstigen Augenblick, zur rechten Zeit.

Krebs war im Juni 1917, wie er öffentlich bekannte, «aus der Vorhalle der philosophischen Arbeit wieder in den Dom der heiligen Theologie» zurückgekehrt. Heidegger beschritt zu dieser Zeit schon den umgekehrten Weg: einen Monat später hielt er in kleinem Kreis einen Vortrag «Über das Problem des Religiösen bei Schleiermacher». Eine gewisse Entfremdung dürfte zu dieser Zeit schon eingesetzt haben, zumal Krebs in seiner Antrittsrede die auf Schleiermacher zurückgehende «Scheidung von Dogmenglauben und Religiosität» für die «Irrlehren des Modernismus» auf katholischer Seite verantwortlich machte. Aber auch in dem nunmehrigen Dogmatikprofessor – der immerhin den Antimodernisteneid Rickert gegenüber einmal als ein «unverdientes Misstrauensvotum Pius X, das gegenüber der bisherigen Gebundenheit durch das Dogma nur eine formale Verschärfung bedeute», bezeichnet hatte – fand der junge Privatdozent den offenen, kritischen und vor allem karrierefördernden Gesprächspartner. Sogar für Heideggers Zusammenarbeit mit Husserl hatte Krebs – am 26. Juni 1916 im Hinblick auf die Besetzung des Lehrstuhls für Christliche Philosophie – entscheidende Vorarbeit geleistet: «Husserl suchte ich über Geyser, Ettlinger, Heidegger, Hans Maier möglichst genau zu informieren, verschaffte ihm Schriften, sprach mit ihm.»

Den denkwürdigen und für Heideggers späteres politisches Engagement folgenreichen Schlusspunkt der «Arbeitsgemeinschaft» bildete die Universitätsreform. Unter dem 13.12.1918 und dem Vermerk «streng vertraulich!» sind Krebs und Heidegger im Vorstand des «Nicht-Ordinarien-Vereins» aufgeführt, dessen Ziele der Theologe in den Sätzen zusammenfasste: «Es ist nicht zu leugnen, dass in akademischen Kreisen, in bürgerlichen so gut wie in sozialistischen Kreisen, vielfach in den letzten Kriegsjahren schon Äusserungen laut wurden, dass die Universität die Wirklichkeit nicht so klaren Auges ansehe, wie das Volk sie sah oder zu sehen glaubte. Deshalb ist eine Strömung im Volke vorhanden..., welche der Universität das Vertrauen in ihre geistige Führerrolle nicht mehr in dem Masse schenken möchte, wie es dem Beruf der Universitätslehrer entsprach. Dieser Strömung entgegenzuwirken erscheint es den Verfechtern der Erklärung angebracht, offen zu bekennen, dass wir jetzt, wo die alten Formen und Hoffnungen zerbrochen sind, nicht tatenlos den Trümmern nachtrauern, sondern in mutigem Wirklichkeitssinn uns auf auf den Boden der Tatsachen stellen und wenigstens mitarbeiten wollen an dem Ausbau des Neuen, das sich auf den Trümmern erheben wird. Die Mitbürger sollen sehen, dass wir Männer der Wissenschaft auch den Verhältnissen Rechnung zu tragen wissen, und, ohne sittliche Überzeugungen preiszugeben, doch unter anderen Umständen auch andere Wege zur politischen Neugestaltung mitzugehen wissen...Universitätsreform nicht ohne uns, sondern mit uns – also auch politischer Staatsneubau nicht ohne uns, sondern mit uns.» – Es war demnach kein Zufall, dass Heidegger seine Vorlesung «Die Idee der Philosophie und das Weltanschauungsproblem» am 25. Januar 1919 mit Vorüberlegungen zu «Wissenschaft und Universitätsreform» einleitete, wobei er merkwürdigerweise jene «Aufrufe, Protestversammlungen, Programme», an denen er zumindest mitgewirkt hatte, als «geistwidrige Mittel im Dienste ephemerer Zwecke» bezeichnete.

Zu dieser Zeit hatte Krebs bereits – nicht ganz unvorbereitet – jenen Brief erhalten, in dem der «Religionsphänomenologe» seinen Austritt aus dem «System des Katholizismus» erklärte. Denn schon am 23.12.1918 notiert der Theologe: «Nachmittags kam Frau Dr. Heidegger, um mir die schmerzliche Mitteilung zu machen, dass ihr Mann und sie ihr erwartetes Kindlein nicht katholisch taufen lassen konnten, da sie mit Studium und Gebet zu einem dogmenfreien Glauben an den persönlichen Gott, nicht aber zum katholischen Glauben gekommen seien. Es war eine schmerzliche ernste Unterredung. Wieder ein katholischer Philosoph dahin:...nun auch Heidegger!» Der eigentliche faktische Hintergrund war – und blieb? – ihm verborgen, nämlich dass die Heideggers sich nach ihrer Trauung durch Krebs 1917 noch einmal protestantisch in Wiesbaden durch Pfarrer Lieber – dem Vater des Jugendfreundes von Elfride Heidegger – hatten trauen lassen.

Ende 1937 kommt Krebs in seinem Aufsatz «Die Weltgeschichte im Lichte der Offenbarung» – von dessen Veröffentlichung ihm übrigens Theo Hoffmann abriet, weil er «ein Harakiri für uns bedeuten» würde – noch einmal auf Heidegger zurück: «Wer mit wachem Geist und lebendigem Wertstreben in diese Unausweichlichkeit des menschlichen Gesamtsterbens vorausschaut und in die Geschichte der Völker zurückschaut, der...wird resigniert mit der heutigen "Existenzialphilosophie" Martin Heideggers, sich damit begnügen, nackt und ungedeckt sich der Wirklichkeit auszusetzen und in Angst und Sorge Stand zu halten im Sein zum Tode. Vor diesem Ausblick in den absoluten Menschheitstod, wie ihn die merkwürdig genügsame "Existenzialphilosophie" unausweichlich vor Augen hat, nützt es nicht, die Augen zu schliessen und mit Schiller zu sagen: "Der Lebende hat Recht"; es nützt auch nicht, sich auf das nächstliegende zu beschränken und seinen Diesseits-Zielen zu widmen: der Geist ist seinem Wesen nach auf Ewigkeitsziele, auf unvergängliche Werte hingeordnet, und er vergewaltigt sich selbst, wenn er grundsätzlich am Ewigen vorbeisehend sich ganz an das Vergängliche vergeudet.»

Martin Heidegger hat seine «Hochschätzung der katholischen Lebenswelt» schweigend bewahrt und darin eingeschlossen auch die Erinnerung an Engelbert Krebs. Denn wie anders hätte er sein Andenken an das «wertvolle Gut» dieser Freundschaft offen – wie etwa gegenüber dem «ältesten Schüler» Heinrich Ochsner – darlegen können, als nun von seiner Seite aus jenen Respekt zu bezeugen, welchen der Theologe am 7.11.1913 dem Tagebuch anvertraute: «Er nützt mir mehr, als er vielleicht selber bemerkt.»

 

Der Autor:

 Philosoph und Philosophiejournalist. Promotion in Frankfurt über Paul Natorps Relationstheorie (1984), Habilitation in Karlsruhe über Heidegger und der Pragmatismus (1998), langjährige Beschäftigung mit Emmanuel Levinas (diverse Aufsätze, Rezensionen, Film 1990 für den WDR), philosophischer Rezensent für verschiedene Zeitungen (FAZ, NZZ, WELT), sieht im Nichtwissensmanagement die einzige, aber entscheidende künftige Dienstleistung der Philosophie, arbeitet an einer Philosophie der "Verhältnisse" (Arbeitstitel: Von der Beziehung zum Verhältnis oder Von der Relatio zur Ratio / Das Verhältnis der Vernunft)