Das Maximin-Prinzip John Rawls' 

Motivation, Rezeption, Implikationen

 

von Jörg Franke 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2003) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/historie/maximin.htm

 

Ein Kernelement der von Ottfried Höffe bereits als „Klassiker der politischen Philosophie“ bezeichneten Gerechtigkeitstheorie John Rawls ist das von ihm formulierte Differenzprinzip, das sich rein technisch auch als Maximin-Regel beschreiben lässt. Der nachfolgende Text beschreibt den argumentativen Kontext und die Rezeption durch den Utilitarismus, wobei gezeigt wird, dass es den Gegenargumenten des Utilitarismus an Stringenz mangelt, da sich das von dieser Richtung präferierte Modell der Erwartungsnutzenmaximierung unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich in das kritisierte Differenzprinzip transformieren lässt.

Anschließend wird der Equality-of-Opportunity-Ansatz als eine moderne Weiterentwicklung der Rawlsschen Gerechtigkeitskonzeption vorgestellt, wobei die Auswirkungen dieser drei Theorien im Rahmen der Berechnung eines gerechten Steuersatzes abschließend miteinander verglichen werden.

 

 

1.   Einleitung

 

Die Gerechtigkeitskonzeption John Rawls´, die dieser in seinem im Jahr 1971 erschienen Hauptwerk „A Theory of Justice“ (Rawls 1971) begründete, führte nahezu zu einem Paradigmenwechsel in der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Rawls führte diverse Theoreme und Begründungsansätze aus Soziologie, Ökonomie, Psychologie und Politikwissenschaft in seinem Werk konsistent zusammen und übte damit einen überragenden Einfluss auf benachbarte wissenschaftliche Disziplinen aus. Die Zielrichtung seines Ansatzes lag allerdings nicht nur in der Konstituierung einer eigenständigen Theorie, sondern auch in der Auseinandersetzung mit dem bis dahin dominanten Paradigma auf dem Gebiet der politischen Philosophie, das sich mit gerechtigkeitstheoretischen Fragen befasste: dem Utilitarismus. Die Dominanz der utilitaristischen Disziplin war unter anderem darauf zurückzuführen, dass dieser Ansatz ein hohes Maß an Formalisierbarkeit erlaubte, was ihn besonders für ökonomisch und theoretisch-analytisch ausgerichtete Wissenschaftler attraktiv machte. Durch die Aufstellung des Unterschiedsprinzips und des daran angelehnten Maximin-Prinzips gelang Rawls eine ähnlich formal-theoretische Formulierung seiner Gerechtigkeitsgrundsätze.

Die vorliegende Arbeit wird sich insbesondere mit diesem Schnittpunkt zwischen politischer Philosophie und Ökonomie befassen. Zunächst wird daher Rawls´ Motivation und der Stellenwert des Differenzprinzips innerhalb seiner Gerechtigkeitstheorie dargestellt. Dabei wird einführend der für die Rawlssche Konzeption wichtige Begriff der Gleichheit im Kontrast zu anderen philosophischen Positionen analysiert, bevor die Bedeutung des sogenannten ´Schleier des Nichtwissens´ (´veil of ignorance´), der die funktionale Ausgestaltung des Rawlsschen ´Urzustands´ (´original position´) einnimmt, auch anhand eines Vergleiches dieses Konzepts mit traditionellen Vertragstheorien diskutiert. Abschließend wird das Differenzprinzip beispielhaft anhand der theoretischen Kalkulation eines optimalen und gerechten Steuersystems ökonomisch erläutert.

Im darauffolgenden Abschnitt wird die Rezeption des Rawlsschen Differenzprinzips im Mittelpunkt stehen. Da die Argumentation der „Theorie der Gerechtigkeit“ eindeutig gegen den Utilitarismus ausgerichtet war, führte die Rawlssche Konzeption zu einer breiten Diskussion mit den Vertretern des modernen Utilitarismus (mit Harsanyi als bedeutenden Protagonisten dieser Richtung), die insbesondere Rawls´ Auffassung bezüglich der Risikopräferenz der repräsentativen Personen im Urzustand kritisch hinterfragten. Zur Verdeutlichung der utilitaristischen Betrachtungsweise wird anschließend der gleiche Modellrahmen wie unter Punkt 2.3 zur Berechnung eines unter utilitaristischen Bedingungen optimalen Steuersystems verwendet. Das die Unterschiede zwischen Utilitarismus und Rawlsschem Maximin-Prinzip nicht so signifikant sind, wie sie anfänglich erschienen, wird daran anschließend erläutert, indem die beiden Ansätze unter bestimmten (nicht sonderlich strengen) Annahmen ineinander überführt werden und damit gleichzeitig die Frage beantwortet wird, in welchem Verhältnis die Ansätze zueinander positioniert sind. Abschließend werden einige weitere Bewertungskriterien für Gerechtigkeitskonzeptionen vorgestellt, die insbesondere von A. Sen formuliert wurden, und auf beide Theorien angewandt.

Der letzte Abschnitt wird sich mit einer modernen Modifikation des Maximin-Prinzips beschäftigen (und zwar Roemers ´Equality-of-Opportunity´-Prinzip), der die unter Punkt 3.3 angesprochenen Kritikpunkte berücksichtigt und damit tatsächlich eine praktische Relevanz als ökonomisches Analyseinstrument aufweist.

   

2.   Motivation

 

2.1.        Der ´Skandal der Ungleichheit´

Ein kennzeichnendes Element der Rawlsschen Konzeption scheint seine starke Betonung eines Gleichheitsanspruchs in Bezug auf die relevanten Personen innerhalb des Gesellschaftssystem zu sein (in seinem Fall die jeweilige `repräsentative´ Person). Tatsächlich kann man die gesamte Konzeption des Urzustands so auffassen, dass dadurch die Gleichheit der repräsentativen Personen hinter dem Schleier des Nichtwissens garantiert werden soll. Allerdings scheint der Begriff der `Gleichheit` einer der argumentativ umstrittensten Begriffe innerhalb der politischen Philosophie zu sein, wobei dieser Begriff insbesondere vom Utilitarismus (1) in einer bestimmten Form abgelehnt wird. Diese Konfliktlinie scheint deswegen auch als Grundlage einer die jeweilige philosophische Richtung charakterisierenden Unterscheidungsmöglichkeit geeignet zu sein, was dadurch deutlich wird, dass Positionen, in denen der Gleichheit ein spezieller Stellenwert zugeordnet wird, verallgemeinernd als `egalitaristisch` bezeichnet werden. Inwieweit ist dieses Unterscheidungskriterium gerechtfertigt? Offensichtlich ist jede Theorie, die den Anspruch hat, eine allgemein gültige Gerechtigkeitskonzeption aufzustellen, auf ein bestimmtes Element der Gleichheit notwendigerweise angewiesen: „Every normative theory of social arrangement that has at all stood the test of time seems to demand equality of something – something that is regarded as particularly important in that theory.“ (Sen 1992, S. 12) Für egalitaristische Positionen ist diese Feststellung evident; so werden vom Rawlsschen Maximin-Kriterium zwei Zustände [x,y] als gleichermaßen gerecht angesehen, wenn die Aussichten der am wenigsten begünstigten repräsentativen Person i gleich sind (vgl. Rawls 1971, S. 99 f.):

Gl. 21                  

wobei u die ´Aussicht´ des (in diesem Fall am wenigsten begünstigten) Individuums i bei der Güterverteilung x beziehungsweise y bezeichnet.

 

Allerdings lässt sich beispielsweise auch für den Utilitarismus dieses Element der Gleichheit finden: Es besteht in der Gleichheit des Betrags der Nutzengewinne und Verluste, der dann gegeben ist, wenn die Summe der Nutzen über alle Individuen maximiert wird. Für den Utilitarismus wird also ein Zustand dann als gerecht angesehen, wenn die marginalen Grenzraten der Nutzen aller Personen betragsmäßig identisch sind: (2)

Gl. 22                

Dieses Gleichheitspostulat wird von Harsanyi als theoretischer Ausdruck des „attempt to give the same weight to the interests of every member of the society” (Harsanyi 1975, S. 598) bezeichnet. (3)

Der „Skandal der Ungleichheit, [der] das Denken in Bewegung setzt“ (Ricoeur 1990, S. 282) scheint somit nicht nur für Rawls, sondern für nahezu alle gerechtigkeitsbezogenen Theorien bestimmend zu sein. Für Rawls gilt dies allerdings insbesondere für „die Ausgangschancen am Beginn des Lebens [...] – man kann es die Ausgangspositionen (starting places) nennen“ (ebd.), auf die er durch die Einführung eines hypothetischen Urzustands innerhalb seiner Konzeption abzielt.

 

2.2.        Der Urzustand und das Maximin-Prinzip

Die Bedeutung und die Implikationen des Maximin-Prinzips können nur dann begrifflich adäquat erfasst werden, wenn die Einbettung dieses Prinzips in den argumentativen Kontext des sogenannten ´Urzustands´ entsprechend berücksichtigt wird. Dieser Urzustand wird von Rawls nicht als historische Zustandsbeschreibung, sondern als hypothetisches Konstrukt aufgefasst, in den die aus der tatsächlich existenten Gesellschaft stammenden repräsentativen Personen ohne Kenntnisse bestimmter sie betreffender Informationen versetzt werden:

Vor allem kennt niemand seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klasse oder seinen Status; ebenso wenig seine natürlichen Gaben, seine Intelligenz, Körperkraft usw. Ferner kennt niemand seine Vorstellung vom Guten, die Einzelheiten seines vernünftigen Lebensplanes, ja nicht einmal die Besonderheiten seiner Psyche wie seine Einstellung zum Risiko [...] und nicht [...] [seine] wirtschaftliche und politische Lage, den Entwicklungstand [seiner] Zivilisation und Kultur. Die Menschen im Urzustand wissen auch nicht, zu welcher Generation sie gehören. (Rawls 1971, S. 160)

Sie befinden sich damit also hinter einem sogenannten `Schleier des Nichtwissens` (´veil of ignorance´) (4). Mit dieser Konstruktion wird trotz alleiniger Orientierung jeder repräsentativen Person am je eigenen Interesse die Erzeugung eines allgemein als fair angesehenen Outputs ermöglicht, da offensichtlich jede repräsentative Person damit rechnen muss, jede mögliche gesellschaftliche Position theoretisch einnehmen zu müssen (5), während gleichzeitig über das Differenzprinzip die Chancengleichheit bezüglich der Startpositionen hergestellt wird:

Das Unterschiedsprinzip bedeutet faktisch, dass man die Verteilung der natürlichen Gaben in gewisser Hinsicht als Gemeinschaftssache betrachtet und in jedem Falle die größeren sozialen und wirtschaftlichen Vorteile aufteilt, die durch die Komplementaritäten dieser Verteilung ermöglicht werden. Wer von der Natur begünstigt ist, sei es, wer es wolle, der darf sich der Früchte nur soweit erfreuen, wie das auch die Lage der Benachteiligten verbessert. (ebd., S. 122)

Denn tatsächlich ist es nach Rawls die Aufgabe dieser repräsentativen Personen hinter dem Schleier des Nichtwissens sich nach einer objektiven und freien Diskussion auf Gerechtigkeitsgrundsätze zu einigen, die eine gerechte Gesellschaft mit gerechten Institutionen garantieren soll und nach Rawls´ Überzeugung folgendermaßen formuliert werden würden:

1.                    Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.

2.                    Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, daß (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen. (Rawls 1971, S. 81)

Dabei ist zu beachten, dass Grundsatz (1) Grundsatz (2) lexikalisch vorausgeht, wobei Teil (a) ebenfalls Teil (b) vorgeordnet ist. Grundsatz 2 (a) bezeichnet das Differenzprinzips, das von Rawls folgendermaßen spezifiziert wird: „Der intuitive Gedanke ist der, dass die Gesellschafsordnung nur dann günstigere Aussichten für Bevorzugte einrichten und sichern darf, wenn das den weniger Begünstigten [und insbesondere den am wenigsten Begünstigten] zum Vorteil gereicht.“ (ebd., S. 96) Dieses Prinzip wird auch als Maximin-Prinzip bezeichnet, wobei Rawls noch deutlich auf die terminologischen Unterschiede hinweist (vgl. ebd., S.104), diese im Zuge der Rezeption allerdings in Frage gestellt werden (vgl. Punkt 3.1). Formal kann das Maximin-Prinzip also als folgendes Maximierungsproblem dargestellt werden:

Gl. 23                  

Diese Gleichung lässt sich folgendermaßen interpretieren: Die auszuwählende Verteilung der Grundgüter x (aus der Menge aller möglichen Verteilungen X) maximiert die Aussicht u des am wenigsten Begünstigten i (aus der Menge aller Individuen I).

 

Rawls´ Konzeption der gemeinsam getroffenen Vereinbarung im Rahmen eines Urzustands lehnt sich konzeptionell an traditionelle Vertragstheorien (wie beispielsweise von Hobbes und Locke vertreten), ohne allerdings deren Anspruch auf eine universale und allgemeingültige Legitimierung einer sozialen Ordnung oder eines Staatswesens zu teilen, denn

die Philosophie verstanden, als Suche nach der Wahrheit einer unabhängigen metaphysischen und moralischen Ordnung, kann nach meiner Überzeugung in einer demokratischen Gesellschaft keine brauchbare gemeinsame Basis für eine politische Gerechtigkeitskonzeption darstellen. (Rawls 1992, S. 264) (6)

Das eigentliche Ziel der Rawlsschen Konzeption ist nämlich nicht in der Konstituierung eines Staatswesens gemäß den aus dem Urzustand heraus beschlossenen Gerechtigkeitsgrundsätzen zu sehen, sondern in der Zurverfügungsstellung eines Kriteriums zur Klärung unserer „wohlüberlegten Gerechtigkeitsvorstellungen“ (Rawls 1971, S. 37) in einer tatsächlich existenten liberalen Gesellschaft, das sich mit dem aus der theoretischen Konstruktion des Urzustands ergebenen Gerechtigkeitsgrundsätzen in einem ´Überlegungsgleichgewicht´ (´reflective equilibrium´ vgl. ebd. S. 38) befindet. Damit kann der Rawlssche Ansatz als eine „Deontologie ohne transzendentale Begründung“ (Ricoeur 1990, S. 279) aufgefasst werden, da „es die Funktion des Gesellschaftsvertrags ist, die Inhalte der Gerechtigkeitsgrundsätze aus einer vorgängigen fairen Prozedur und ohne jede Bindung an vorgeblich objektive Kriterien des Gerechten abzuleiten.“ (ebd.) Damit ist das von Rawls intendierte Ziel allerdings noch nicht erreicht, da die Formulierung dieser Gerechtigkeitsgrundsätze eben nicht ausreicht, sondern diese instrumentell angewendet werden sollen und zwar nicht zur argumentativen Absicherung der Etablierung eines

soziale[n] Systems, sondern [als ein] Reflektionszusammenhang, in dem die Bürger einer liberalen Gesellschaft ihre Haltung gegeneinander zu ändern lernen, um stabile soziale Kooperationen überhaupt erst zu ermöglichen. Wir haben es bei dem ´reflective equilibrium´ mit einem, in ´economic terms´ gesprochen, Präferenzänderungskonzept zu tun, nicht mit einer Form der ´institutional choice´. (Priddat 1995, S. 198) (7)

 

2.3.               Beispielhafte Berechnung eines optimalen Steuersystems unter Maximin-Bedingungen

Im folgenden wird ein Modell vorgestellt, das es ermöglichen soll, unterschiedliche Gerechtigkeitskonzeptionen zu vergleichen, indem die entsprechende Verteilungsregel als Vorschrift für die Kalkulation eines gerechten Steuersystems verwendet wird (vgl. Roemer 1996, S. 176 ff.). Dies wird im folgenden für das Rawlssche Maximin-Kriterium geschehen, wobei der gleiche Modellrahmen unter Punkt 3.2 für die utilitaristische Position und (leicht modifiziert) unter Punkt 4.2 für den EOp-Mechanismus verwandt wird.

Dabei wird in diesem Abschnitt das Differenzprinzip leicht modifiziert, um es formal fassbar zu machen. So werden in diesem Modell nicht sämtliche von Rawls als vom Differenzprinzip erfassten und zu verteilenden Grundgüter „Rechte, Freiheiten und Chancen sowie Einkommen und Vermögen“ (Rawls 1971, S. 83) erfasst, sondern nur das Einkommen und das Vermögen (8), da erstere sowieso gemäß Grundsatz (1) gleichmäßig verteilt sind und das dritte als ceteris-paribus-Bedingung konstant gehalten werden kann:

Die Grundfreiheiten sind stets gleich, und es herrscht faire Chancengleichheit; diese Freiheiten und Rechte brauchen nicht mit anderen Werten verglichen zu werden. Die gesellschaftlichen Grundgüter mit ungleicher Verteilung sind Befugnisse und Vorrechte des Amtes sowie Einkommen und Vermögen. (ebd. S. 113)

Eine ungleiche Verteilung ist gemäß des Differenzprinzips also dann gerechtfertigt, wenn diese die Aussichten der am wenigsten Begünstigten erhöht. Rein intuitiv ließe sich das folgende Beispiel also so erklären, dass Personen mit besonderer Fähigkeit zu gewinnbringender Investition mehr Einkommen zugesprochen wird, so dass sich das aggregierte Volkseinkommen entsprechend erhöht, die Ungleichheit durch ein redistributives Steuersystem ausgeglichen wird und insbesondere den am wenigsten Begünstigten zugute kommt. Das Maximin-Prinzip dient damit nicht mehr als Analyseinstrument, das dem Vergleich zweier sozialer Zustände gewährleisten soll, sondern als präskriptive Anweisung (also eine Art Optimierungsbedingung) für die gerechte Ausgestaltung eines entsprechenden Steuersystems.

In diesem Modell existieren 2 Güter: Freizeit und ein Konsumgut Y. Dieses Konsumgut wird durch Arbeit L produziert, wofür der Lohn w bezahlt wird, der allerdings von den Fähigkeiten der Individuen i abhängen. Dies wird durch unterschiedliche Lohnsätze w (gleichverteilt zwischen 0 und 1) berücksichtigt, wobei w gleichzeitig dem Output Y pro eingesetzter Arbeitseinheit entspricht (also gilt Y=w×L). Die Funktion u(Y,L) repräsentiert die Aussicht des jeweiligem Individuums (9), also den Index an Primärgütern und ist folgendermaßen abhängig von Y und L:          

Gl. 24                  

Damit hängt die Funktion positiv vom Konsum und negativ von der zuleistenden Arbeit ab.

Das einzuführende lineare Steuersystem hat folgende einfache Form:

Gl. 25                  

wobei c als Grenzsteuersatz, c×Y als Einkommenssteuer und d als Umverteilungstransfer interpretiert werden kann.

 

Die Individuen maximieren nun ihre ´Aussichtsfunktion´ u unter Berücksichtigung des Steuersystems:

Gl. 26                  

 

Einsetzen von Y=w×L und Maximierung über L (Nullsetzen der ersten Ableitung und Auflösen nach L) ergibt:

Gl. 27                  

Damit erhält man Y*=w×L*=w2(1-c) und T(Y*)=c×w2(1-c)+d wird als Steuer abgeführt.

Aus der Budgetbeschränkung des Staates (d.h. es darf nicht mehr ausgegeben als eingenommen werden), lässt sich der Subventionsbetrag d in Abhängigkeit von c leicht berechnen:

Gl. 28                  

L*, Y*, T(Y*) und d werden in Gl. 2-4 eingesetzt und zusammengefasst zu:

Gl. 29                  

Auf Gleichung 2-10 wird nun die Maximinregel angewendet, wobei Gl. 2-10 für w=0 offensichtlich minimiert wird, so dass das Maximierungsproblem in diesem Fall auf die Maximierung von d beschränkt werden kann und sich folgender optimaler Steuersatz c* ergibt,

Gl. 210                

Damit weist die Rawlssche Steuerlösung mit einem Grenzsteuersatz von 50 Prozent ein erhebliches Maß an Umverteilung auf, wobei die Bewertung dieses Ergebnis nur in Vergleich mit dem Ergebnis aus Punkt 3.2 und 4.2 erfolgen kann.

 

  

3.   Rezeption

 

3.1.        Die Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus

Rawls´ Zurückweisung des Utilitarismus in der „Theorie der Gerechtigkeit“ setzt sich aus diversen Argumenten zusammen, die zahlreiche Schwachstellen der utilitaristischen Theorie aufdeckten mit dem Anspruch, diese Fehler in der Konstitution der eigenen Theorie zu vermeiden. Im Lauf der darauffolgenden akademischen Diskussion (mit Harsanyi als engagiertestem Apologet des modernen Utilitarismus, vgl. Harsanyi 1976) stand allerdings nicht das philosophische Gesamtkonzept Rawls´ im Mittelpunkt der Kritik, sondern eher technische Interpretationen, die im folgenden etwas näher betrachtet werden.

  

1. Interpersonell vergleichbare Nutzenfunktionen

Ein Vorteil des Differenzprinzips bestand für Rawls darin, dass das Maximin-Kriterium nicht mehr auf interpersonelle kardinale Nutzenvergleiche als Informationsbasis angewiesen war: „Das Maximin-Prinzip erfordert als Informationsgrundlage ausschließlich ordinale Niveauvergleiche der Aussichten der Individuen wie sie die Alternativen vergleichen.“ (Kern 1994, S.168) (10) Damit verzichtet das Maximin-Kriterium allerdings auf eine Berücksichtigung anderer als die der am schlechtest gestellten Personen: „Daher kann es sein, dass das Prinzip Alternativen bevorzugt, die zwar die am schlechtesten gestellte Person besser stellen, für andere Personen aber die Verteilung der Aussichten auf Wohlfahrt ungleicher machen.“ (ebd.) Dies ließe sich durch eine lexikographische Modifikation des Maximin-Prinzips zwar umgehen (vgl. Sen 1974 und Hammond 1976), allerdings wäre man dann wiederum auf kardinale und interpersonell vergleichbare Nutzenfunktionen angewiesen.

 

Worin liegt nun das Problem von interpersonellen Nutzenvergleichen begründet? Für die moderne Ökonomie (u.a. auch Harsanyi) dienen Nutzenfunktionen nicht mehr als Gradmesser der Befriedigung oder des Glücks von bestimmten Individuen, sondern sie repräsentieren die Rangfolge bereits getroffener Entscheidungen, also Präferenzordnungen:

Harsanyi deals with the problem of decision-making under uncertainty by identifying the payoffs with von Neumann and Morgenstern utilities [was einfach eine Art der formalen Repräsentation von getroffenen Entscheidungen ex-post darstellt]. […] Because Von Neumann and Morgenstern utility functions are cardinal they can be used to assign a utility scale to each individual. [Hervorhebung von J.F.] (Binmore 1994, S.53f.)

Damit ist ein interpersoneller Vergleich allerdings vollkommen unmöglich geworden, denn

Nutzen ist nur noch die für jedes Individuum getrennt erfolgende Rangordnung seiner Präferenzen. Da ein Individuum nicht die Möglichkeit hat, ein anderes zu werden, lassen sich interpersonelle Vergleiche eines durch Entscheidungen definierten Nutzens nicht von den aktuellen Entscheidungen ´ablesen´. (Sen 1995, S. 85)

Harsanyi begegnet diesem Vorwurf, indem er eine hypothetische Entscheidung betrachtet, die eine Person treffen würde, wenn sich diese in eine andere hereinversetzen würde. Die aus dieser hypothetischen Situation gewonnenen ´empathischen Präferenzen´ seien demnach durchaus interpersonell vergleichbar (vgl. Harsanyi 1975, S. 600 f.). Allerdings bleibt fraglich, ob aus hypothetischen Situationen gewonnene Präferenzen tatsächlich praktische Relevanz und empirische Belastbarkeit aufweisen.

 

2. Risikoaversion hinter dem Schleier des Nichtwissens

Ein weiterer Kritikpunkt Harsanyis an der Konzeption Rawls´ liegt in dessen Behauptung, dass die repräsentativen Personen im Urzustand das Differenzprinzip, also das Maximin-Prinzip wählen würden, wobei er das Entscheidungsproblem als ein mit den Mitteln der rationalen Entscheidungstheorie potentiell zu lösendes darstellt. Rawls beruft sich für die Rechtfertigung der Wahl des Maximin-Prinzips auf drei Argumente:

1.                  Im Urzustand ist eine „Kenntnis der Wahrscheinlichkeiten unmöglich oder jedenfalls höchst unsicher“ (Rawls 1971, S. 179), denn dann können „die Wahrscheinlichkeiten der möglichen Zustände nicht berücksichtigt“ (ebd.) werden, was einer der Voraussetzungen für die Anwendung des utilitaristischen Ansatzes entsprechen würde

2.                  Über das Minimum herausgehende Ambitionen der repräsentativen Personen werden nicht gewählt, wenn sie die Erreichung dieses Minimums in irgendeiner Form gefährden: „Es ist ihm nicht der Mühe wert, einen darüber hinausgehenden Vorteil zu suchen, vor allem, wenn die Gefahr besteht, daß er vieles ihm Wichtige verliert“ (ebd.)

3.                  Die Anwendung anderer Grundsätze könnte zu unannehmbaren Ergebnissen führen. (ebd.) Dies hat auch eine “antisakrifizielle Implikation von Rawls´ Grundsatz“ (Ricoeur 1990, S. 284) zur Konsequenz, denn „wer ein Opfer sein könnte, darf nicht geopfert werden – auch nicht zugunsten des Gemeinwohls.“ (ebd.)

 

Gemäß Rawls sind diese 3 Punkte hinter dem Schleier des Nichtwissens gegeben, so dass damit die Wahl des Maximin-Prinzips ausreichend legitimiert sei. Allerdings ist eine der moralisch beliebigen Eigenschaften, über die hinter dem Schleier des Nichtwissens keine Informationen vorliegen, die Risikopräferenz der repräsentativen Personen: „Die Beteiligten wissen nicht, ob sie eine besondere Abneigung gegen das Eingehen von Risiken haben oder nicht.“ (Rawls 1971, S. 197) Die Punkte 2 und 3 implizieren dagegen ein hohes Maß an Risikoversion bei allen beteiligte repräsentativen Personen, wie Rawls auch vorher selber zugegeben hatte:

Wenn aber diese Einschränkungen beachtet werden, lässt sich eine Theorie des Durchschnittsnutzens formulieren, die den hohen Grad von Risikoscheu berücksichtigt, den jeder normale Mensch im Urzustand haben dürfte [Hervorhebung von J.F.]; und je stärker diese Risikoscheu ist, desto stärker nähert sich diese Form des Nutzenprinzips dem Unterschiedsprinzip (ebd., S. 192)

Während Rawls also zunächst behauptet hatte, dass seine Gerechtigkeitsgrundsätze unabhängig von jeder Aussage über Risikoaversion gewählt werden würde, scheint er auf S. 192 sogar davon auszugehen, dass diese Entscheidung grundsätzlich nur bei sehr starker Risikoaversion der beteiligten Personen innerhalb des Schleier des Nichtwissens möglich sei, was damit zu einem „Kategorienfehler“ (Maus 1998, S. 80) und Selbstwiderspruch führt.

Noch brisanter ist allerdings Punkt 1 seiner Begründung. Rawls legitimiert die Anwendung des Maximin-Prinzips mit der Unmöglichkeit Eintrittswahrscheinlichkeiten der verschiedenen Ereignisse abzuschätzen, da es sich höchstens um „Als-ob-Wahrscheinlichkeiten [handelt, die] ausschließlich auf dem Prinzip des mangelnden Grundes [beruhen] und [...] keine unabhängigen Gründe für die Anerkennung des Nutzenprinzips [liefern]“ (Rawls 1971, S. 201) und alternativ etwas technischer ausgedrückt: „Rawls rejects the logicist view of probability by drawing attention to the well-known paradoxes that arise when attempts are made to apply Laplace´s principle of insufficient reason. This says that equal probabilities should be assigned to different events unless some reason exists to suppose that one is more likely than the other.” (Binmore 1994, S. 328)

Rawls scheint also objektive Wahrscheinlichkeiten als notwendige Bedingung für eine konsistente Anwendung des utilitaristischen Ansatzes vorauszusetzen, wobei es für Harsanyi nicht klar ist, welche Gründe einer Verwendung von subjektiven Wahrscheinlichkeiten entgegenstehen würden: „[Rawls] objects to using subjective probabilities or even logical probabilities, in the absence of empirical probabilities estimated on the basis of empirical tests“ (Harsanyi 1975, S. 599), denn gemäß der Bayesianischen Entscheidungstheorie trifft jeder Entscheidungsträger automatisch seine Entscheidung so, „as if he tried to maximize his expected utility, computed on the basis of some set of subjective probabilities“ (ebd.) (11). Damit kann Harsanyi dann die Maximin-Regel als einen Spezialfall der Regel der Erwartungswertmaximierung (also der utilitaristischen) bezeichnen, da diese in die utilitaristische überführt werden könne, wenn sich die Eintrittswahrscheinlichkeit dafür, dass man als das schlechtest gestellte Individuum endet, auf 100 Prozent (entspricht einem Gewicht von 1) beläuft:

On the other hand, using the maximin principle in the original position is equivalent to assigning unity or near-unity probability to the possibility that one may end up as the worst-off individual in society. (ebd.) 

Formal lässt sich dies folgendermaßen zeigen.

Die utilitaristische Verteilungsregel lautet:                                          Gl. 31

Da pi ein Wahrscheinlichkeitsmaß darstellt, gilt:                                            Gl. 32

Wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit pi des schlechtesten Zustands (also minxui[x]) gleich 1 gesetzt wird, bedeutet dies gleichzeitig, dass für alle j≠i gilt: pj=0 und damit Gleichung 3-1 tatsächlich zur Maximin-Regel umgeformt werden kann:

Gl. 33                                  

Das jede repräsentative Person hinter dem Schleier des Nichtwissens dem schlechtest möglichen Ereignis eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 100 Prozent zuweist, scheint für Harsanyi höchst unbegründet zu sein: „It is extremely irrational to make your behavior wholly dependent on some highly unlikely unfavorable contingencies regardless of how little probability you are willing to assign to them.“ (ebd., S. 595)

 

Offensichtlich scheint aber noch eine andere Möglichkeit zu bestehen, das Prinzip der Erwartungsnutzenmaximierung zum Maximin-Prinzip zu transformieren:

Entweder die Annahme, dass das schlechteste Ergebnis mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eintreten wird, sofern man eine annähernd lineare (kontinuierlich steigende) Nutzenfunktion unterstellt; oder die Annahme annähernd gleicher Wahrscheinlichkeit, sofern angenommen wird, dass die wählenden Personen eine stark konkave Nutenfunktion haben, die bis zum Maximin-Niveau steil ansteigt und dann in die Horizontale kippt. (Koller 1995, S. 68)

Im folgenden wird insbesondere die zweite, von Harsanyi nicht berücksichtigte Möglichkeit theoretisch analysiert, da aus dieser Analyse hervorgehen wird, wie die beiden Positionen zueinander positioniert sind und ob es gerechtfertigt ist, „Rawls´ Gerechtigkeitstheorie als ein Spezialfall des Utilitarismus [aufzufassen], weil auch dieser unter der Voraussetzung der erwähnten konkaven Nutzenfunktion zu den Resultaten der Maximin-Regel führt.“ (ebd.) (12)

Das Modell geht von der bereits unter Gleichung 3-1 angegebenen utilitaristischen Maximierungsregel aus, wobei diesmal die Gewichte pi konstant und identisch für alle i sind, also pi=1/n gilt, wobei n die Anzahl der Personen bezeichnet. Im weiteren wird davon ausgegangen, das der Startpunkt des Optimierungsprozesses eine Gleichverteilung der Grundgüter ist (x1=x2=...=xn), auf die dann die utilitaristische Maximierungsregel angewandt wird (13), wobei die Aussicht für die schlechter gestellten Individuen bei Gleichverteilung schlechter ist als die der anderen: u1(x)<u2(x)<...<un(x). Es wird hier also davon ausgegangen, dass die Individuen gemäß ihren Aussichten geordnet sind: Individuen 1 ist also das mit der schlechtesten Aussicht, daraufhin folgt Individuum 2 usw. Zusätzlich besteht folgende logische Verknüpfung bezüglich der Konkavität der Nutzenfunktionen der Individuen: Je konkaver eine Nutzenfunktion, desto höher ist die Risikoaversion, was anhand des folgendem Schaubilds deutlich wird:

Konkavität impliziert also, dass jede Einheit, die aus dem Punkt der Gleichverteilung (GV) zusätzlich an Individuum 1 verteilt wird, von diesem mit einem höherem Nutzen bewertet wird, wobei der Nutzen mit zunehmender Umverteilung auch zunehmend geringer wird.

 

Außerdem scheint die folgende weitere Annahme gerechtfertigt zu sein: Die Risikoaversion der am schlechtest gestellten Personen ist höher als die der weniger schlecht gestellten (14). Es gilt also:

Gl. 34      und

Die Nutzenfunktionen ui unterscheiden sich durch ihre Risikoparameter. Diese werden

nun auf die Gewichtung pi übertragen, so dass sich folgendes modifiziertes Optimierungsproblem ergibt:

Gl. 35                  

Da die Risikoaversion von Individuum 1 sehr hoch ist (vgl. Gleichung 3-4) und damit ebenfalls und auch die Gewichtung , wird das Optimierungsproblem aus Gleichung 3-5 überwiegend für Individuum 1 gelöst werden. Da dieses allerdings das schlechtest gestellte Individuum ist, wird damit gemäß der Maximin-Regel optimiert. Die utilitaristische Regel wird in diesem Fall tatsächlich zur Maximin-Regel:

 

Allerdings ist der Maximierungs- und Umverteilungsvorgang damit nicht notwendigerweise abgeschlossen. Für den Fall, dass die besonders befähigten Individuen beispielsweise in der Lage sind, besonders viele zusätzliche Grundgüter herzustellen, ergibt sich weiterer Spielraum für potentielle Umverteilungen. Damit stellt sich die Frage, bis zu welchem Punkt die am wenigsten begünstigte Person mit Transfers dieser Grundgüter besser gestellt werden sollte. Die Antwort ist offensichtlich: Bis zu dem Punkt, an dem ihr Nutzenzuwachs (also ihr positiver aber fallender Grenznutzen) dem der zweitschlechtesten Individuen entspricht. Dies lässt sich wiederum anhand einer Zeichnung verdeutlichen, wobei Individuum 2 in der Zeichnung aus Gründen der Übersichtlichkeit risikoneutral ist, was allerdings nicht inkongruent mit Gleichung 3-4 ist.

Der Punkt xA bezeichnet genau die Stelle an der die marginalen Grenzraten der beiden Individuen 1 und 2 identisch sind, also:

Gl. 3‑6                  

und damit auch die jeweiligen Gewichtungen:

Gl. 3‑7                  

 

Damit werden Individuum 1 genau xA Einheiten zusätzlich zu den entsprechend der Gleichverteilung verteilten Grundgüter zugeteilt. Für jede weitere Zuteilung an Individuum 1 wäre der Grenznutzengewinn für Individuum 2 höher, was heißt, dass ab diesem Punkt Individuum 1 und 2 hypothetisch als ein aggregiertes Individuum aufgefasst werden. Falls der aufgrund der Ungleichverteilung durch die besonders befähigten Individuen produzierte zusätzliche Gewinn weiterhin groß genug ist, wird das Umverteilungsprogramm entsprechend weitergeführt, und zwar solange bis die Grenznutzengewinne aller Individuen identisch sind:

Gl. 3‑8                  

Dies gilt analog für die Gewichtungen, die sich damit folgendermaßen vereinfachen lassen:

Gl. 3‑9                  

Werden diese Gewichte in Gleichung 3-1 eingesetzt, erhält man wiederum die altbekannte utilitaristische

 Gerechtigkeitsfunktion:

 

Offenbar ist die Einschätzung, dass sich „Rawls´ Gerechtigkeitstheorie als ein Spezialfall des Utilitarismus“ (Koller 1995, S. 68) darstellt, nicht so eindeutig wie von Koller behauptet. Vielmehr scheint der Utilitarismus unter bestimmten Umständen in Einzelschritten das Maximin-Kriterium anzuwenden, während andererseits die Maximin-Regel (konsequent zu Ende gedacht und schrittweise wiederholt) sich als utilitaristische Erwartungsnutzenmaximierung entpuppt. Ob diese Theorien tatsächlich vollständig ineinander transformiert werden, hängt im vorgestellten Modell wesentlich davon ab, ob die durch die Abweichung von der Gleichverteilung besser gestellten besonders befähigten Personen in einer solchen Weise Zusatzgewinne erwirtschaften können, dass über ein Transfersystem nahezu alle Personen der Gesellschaft ausreichend profitieren können.

                             

3.2.              Beispielhafte Berechnung eines optimalen Steuersystems unter utilitaristischen Bedingungen

Zur Berechnung des unter utilitaristischen Bedingung optimalen und gerechten Steuersatzes c wird auf das bereits unter 2.3 eingeführte Modell zurückgegriffen (vgl. Roemer 1996, S. 180 f.). Die modifizierte Nutzenfunktion 2-9 kann also auch innerhalb dieses Modellrahmens verwendet werden, allerdings wird in diesem Fall nicht über das Minimum maximiert, sondern über die Summe der Erwartungswerte:

Gl. 3‑10            

Auflösung des Integrals und Maximierung über c führt zu:

Gl. 3‑11            

Damit wird unter utilitaristischen Bedingungen überhaupt kein Steuersystem eingeführt. Es findet also keine Umverteilung statt, was unter der Voraussetzung der Risikoneutralität der Personen hinter dem Schleier des Nichtwissens intuitiv zu erwarten war.

 

3.3.        Fetischismus, Sadismus, Champagnerliebhaber und gefügige Hausfrauen

Die in der Überschrift genannten Begriffe bezeichnen unterschiedliche beispielhafte Kriterien, die ausgehend von Armatya Sen in den akademischen Diskurs eingebracht wurden, um einige problematische Aspekte der Gerechtigkeitstheorie John Rawls´, aber auch des Utilitarismus darzustellen. Die strukturellen Gemeinsamkeiten der letzten drei Begriffe liegen in der Beschreibung gewisser unüblicher Nutzenfunktionen, wobei insbesondere die Begriffe `Sadismus` und `Champagnerliebhaber´(offensive taste), die unter dem Oberbegriff  `Welfarismus´ zusammengefasst, die moralischen Schwierigkeiten einer Anwendung von utilitaristischen Prinzipien deutlich machen. Wie bereits dargestellt, berücksichtigt der Utilitarismus zur gerechtigkeitstheoretischen Beurteilung einer Situation grundsätzlich nur den Nutzen der beteiligten Personen: „Welfarism is the approach to social choice that pays no attention to anything but the utilities that citizens assign to the available social alternatives.“ (Binmore 1998, S. 391)

Damit ist es für die utilitaristische Perspektive beispielsweise bedeutungslos, ob der Nutzen eines sadistisch veranlagten Hungernden durch Zuteilung von Nahrungsmitteln, die einer reichen anderen Person entzogen werden, oder durch die Folterung der reichen Person (also Auslebung der sadistischen Triebe der armen Person) zu ziehen, erhöht wird. In beiden Fällen ist (ex-post gesehen) das Nutzenniveau jeder der beiden Personen gleich hoch (14), so dass der Utilitarismus indifferent zwischen beiden Möglichkeiten bleibt (vgl. auch Kern 1994, S. 172 f.).  Die Rawlssche Konzeption stattdessen würde zwischen diesen beiden Alternativen unterscheiden, da die Nutzenverbesserung durch Folterung explizit durch Grundsatz (1) ausgeschlossen werden würde: „Wenn jemand entdeckt, dass es ihm Freude macht, andere mit weniger Freiheit ausgestattet zu sehen, weiß er, dass er keinen Anspruch auf diese Freude hat.“ (Rawls 1971, S. 49)

Auch bei Vorliegen von ´expensive tastes´ führt die Anwendung des Utilitarismus zu unerwünschten Ergebnissen, da diese ungerechtfertigt dekadenten Bedürfnisse durch den Utilitarismus in gleicher Weise wie alle anderen Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen. Dies gilt allerdings nicht für das Maximin-Prinzip, da Rawls von einem Index der Grundgüter ausgeht und die Individuen die Auswahl ihrer Präferenzen selbst verantworten:

Wenn eine Person, obwohl sie denselben Korb von Grundgütern wie eine andere besitzt, dennoch weniger glücklich wird als diese andere, etwa weil sie einen sehr erlesenen Geschmack hat, dann liegt in der Ungleichheit des erzielten Nutzens keine Ungerechtigkeit. (Sen 1995, S. 92)

Beide bisher angesprochenen Kriterien werden also durch den Utilitarismus verletzt und durch das Rawlssche Konzept erfüllt. Der Grund ist darin zu sehen, dass Rawls als Informationsbasis grundsätzlich nur seinen Index der Grundgüter zulässt. Dies hat aber einen entscheidenden Nachteil, der ihm auch den Vorwurf des ´Güterfetischismus´ einbrachte (vgl. Sen 1980, S. 216 ff.): Betrachtet man einen Behinderten (der nicht mit dem am schlechtesten gestellten Individuum identisch ist), so wird diesem gemäß Grundsatz (1) ein gleicher Index an Primärgütern zugeteilt:

Primary goods suffers from fetishist handicap in being concerned with goods, and even though the list of goods is specified in a broad and inclusive way, encompassing rights, liberties, opportunities, income, wealth, and the social basis of self-respect, it still is concerned with good things rather than with what these food things do to human beings. (Sen 1980, S. 218)

Der Utilitarismus dagegen berücksichtigt den Behinderten in adäquater Weise, da er seinen ex-post  erreichten Nutzen an denjenigen der anderen Personen angleicht.

Das letzte Beispiel betrifft die ´gefügigen Hausfrauen´ oder ´cheap tastes´. Dieses Kriterium bezeichnet die Präferenzen von Personen, die ihre Präferenzen der deprivatierten Situation, in der sie sich befinden, unbewusst anpassen: “These types form plans of life that are too modest – they are too easily pleased – and hence counting only their self-conceived senses of welfare in the social calculus would give them too little.” (Roemer 1996, S. 190.) Dieses Kriterien wird eingeschränkt von der Rawlsschen Konzeption erfüllt, allerdings nicht durch den Utilitarismus, was in folgender Tabelle noch einmal zusammengefasst wird:

 

Berücksichtigung von:

Rawlssche Konzeption

Utilitarismus

·        offensive tastes

+

-

·        expensive tastes

+

-

·        cheap tastes

(+)

-

·        Güterfetischismus

-

+

 

 

4.   Implikationen

 

4.1.        Der Equality of Opportunity-Ansatz (EOp-Mechanismus)

Der EOp-Mechanismus versteht sich als Verknüpfung der utilitaristischen Tradition mit dem Rawlsschen-Ansatz, so dass alle unter Punkt 3.3 angesprochenen Kriterien berücksichtigt werden (vgl.: „Equality of Opportunity“ in Roemer 1998 und “Theories of Distributive Justice”, Kapitel 8 in Roemer 1996). Zusätzlich wird durch diesen Ansatz ebenfalls eine Kritik an Rawls aufgenommen, die darin bestand, dass er nicht genügend Raum für die Selbstverantwortung der Individuen ließ. Zwar wurde die Verzerrung durch ´expensive tastes´ durch seine Fokussierung auf die Gleichverteilung der Grundgüter gemäß Grundsatz (1) ausgeglichen, allerdings wurde diese Erweiterung durch Anwendung des Maximin-Prinzips (das Begriffe wie selbstgewählte und –verantwortete Anstrengungen nicht berücksichtigte, sondern bei der Legitimation einer Ungleichheit allein auf die Situation der am wenigsten begünstigten Personen abzielte) wieder konterkariert:

Rawls find this difference morally all right: in fact he states clearly that differences in income are just when they improve the condition of the least well-off. This is, indeed, the difference principle. In particular, those who possess certain traits whose distribution is morally arbitrary, such as innate ability or certain family backgrounds, will receive more income and primary social goods […] than others who are less fortunate. (Roemer 1996, S. 184)

Eine konsistente Gerechtigkeitstheorie sollte also Raum für die Selbstverantwortung der Personen bezüglich ihrer ´Anstrengungen´ zur Erfüllung ihres Lebensplans und ihrer selbstgewählten Präferenzen lassen, aber nicht für moralische willkürliche Ausgangsbedingungen und Ausstattungsmerkmale:

Die Doppelforderung nach einem zugleich ´begabungs-unempfindlichen´ und ´leistungs-empfindlichen´ Verteilungsmuster ist offenkundig der gerechtigkeitstheoretische Ausdruck des menschlichen Schicksals, selbstbestimmt handeln zu können, aber dabei immer unter vorgegebenen Bedingungen handeln zu müssen. (Kersting 1999, S. 125) (15)

 

Der EOp-Mechanismus erfüllt diese Forderung, indem die zu untersuchende Gesellschaft in Klassen partitioniert wird, die dadurch bestimmt sind, dass alle Personen mit denselben moralisch willkürlichen Eigenschaften und externen Umständen eine Klasse bilden. Die Personen innerhalb einer Klasse unterscheiden sich also nur durch Handlungen, für die sie selbst verantwortlich sind. Diese Unterschiede innerhalb einer Klasse führen zu einer für diese Klasse jeweils charakteristischen Verteilungsfunktion von ´advantages´, wobei dieser Begriff definiert ist als „some aggregation of objectively measurable characteristics […] and subjective characteristics […] [or] a kind of ´midfare´, perhaps only conceivable as a vector, that characterizes a state between having resources and enjoying welfare” (Roemer 1996, S. 309).

Ziel einer Gerechtigkeitstheorie sollte es sein, diese Verteilungsfunktion über die Klassen hinweg anzugleichen, so dass jedes Quantil über alle Klassen hinweg ein identisches advantage-level erreicht:

We wish to find a distribution of social resources which renders persons equal in advantage insofar as they face similar circumstances, but allows inequality of advantage insofar as the freely chosen aspects of their behaviors differ: call this the Equality of Opportunity principle (EOp). (Roemer 1996, S. 276)

Die Schwierigkeit bei diesem Ansatz besteht allerdings darin, trennscharfe Kriterien zur Unterscheidung zwischen moralisch beliebigen Umständen und selbstverantworteten Handlungen zu formulieren. Dies ist für Roemer allerdings keine theoretisch-akademische Frage, sondern sollte innerhalb einer breiten gesellschaftliche Diskussion beantwortet werden: „This set of criteria is envisioned to be, for each society, a subject of political debate.“ (ebd. S. 279) Der oft erhobene Vorwurf, dass es sich bei egalitaristischen Gerechtigkeitstheorien um eine „Expertokratie von Gerechtigkeitstheoretikern“ (Höffe 1998, S. 185) handelt, die sich „in ihre metrischen Basteleien immer dichter eingesponnen und den Kontakt zu den Gerechtigkeitsinstitutionen des common sense schon längst verloren haben“ (Kersting 1999, S. 133 f.) läuft damit für diesen Ansatz ins Leere.

 

 

4.2.              Beispielhafte Berechnung eines optimalen Steuersystems mit dem EOp-Mechanismus

Grundlage dieser Berechnung ist wiederum das unter Punkt 2.3 vorgestellte Modell (vgl. Roemer 1996, S. 297 ff.). Da der EOp-Mechanismus jedoch um ein Element der Selbstverantwortung erweitert wird, muss die unter Gleichung 2-4 definierte Nutzenfunktion entsprechend modifiziert werden:

Gl. 41                  

Analog zu Gleichung 2-4 bezeichnet Y wiederum das Konsumgut, während e den ´effort´ (Anstrengung für den die Individuen selbst verantwortlich sind) und α den persönlichen Disnutzen aus der Anwendung von effort misst (also eine Art ´Faulheitsparameter´).

Die Produktivitätsfunktion hängt zusätzlich vom moralisch willkürlichen Talent t ab, wobei t und α verteilt sind auf [gemäß der Dichtefunktion r(t,α)]: Y=t×e

 

Gegeben die Steuerfunktion aus Gleichung 2-5 und die Produktionsfunktion ergibt sich folgendes Maximierungsproblem für jedes Individuum:

Gl. 42                  

Auflösen des Maximierungsproblems durch Nullsetzen der ersten Ableitung und Auflösen nach e ergibt das optimale e* und Y* (nach Einsetzen von e* in die Produktionsfunktion:

Gl. 43                  

Die Budgetbedingung des Staates (Steuereinnahmen = Steuerausgaben) lautet dann:

Gl. 44                  

Da c und d nicht integriert werden, kann man diese aus dem Integral herausziehen, den Rest zusammenfassen und nach d auflösen:

Gl. 45                          wobei       

bezeichne nun den Anteil der Individuen in Typ t mit einem effort kleiner als e unter dem Grenzsteuersatz c und die Verteilungsfunktion von α in Typ t (also zur Dichtefunktion r(t,α)), dann gilt wegen Gleichung 4-3:

Gl. 46                  

Bezeichne et(π,c) das effort-Level am π-Quantil in Typ t, d.h.

Gl. 47                  

und bezeichne ct(×) die Umkehrfunktion von Rt(×), dann gilt:

Gl. 48                  

Damit lässt sich die indirekte Nutzenfunktion berechnen. Ausgehend von Gleichung 4-2

Gl. 49                  

wird e* aus Gleichung 4-3 in den hinteren Term eingesetzt, so dass α gekürzt wird:

Gl. 410                

wobei e* in den letzten Term positiv eingeht, d.h. es handelt sich hierbei nicht mehr um eine Nutzenfunktion, sondern um eine advantage-Funktion, deren Wert mit größerem effort auch entsprechend steigt.

Einsetzen von Gleichung 4-8 und 4-5 führt zu:

Gl. 411                

Anwendung der EOp-Regel auf Gleichung 4-11 ergibt folgendes Maximierungsproblem: (16)

Gl. 412                

 

Wird in Gleichung 4-12 eingesetzt, so ergibt sich:

Gl. 413                

Bildet man die erste Ableitung und setzt diese gleich null, so erhält man:

Gl. 414                

Auflösen nach c ergibt den optimalen Steuersatz unter dem EOp-Mechanismus:

Gl. 415                

Damit ist es nun möglich geworden, die unter allen drei Konzepten errechneten Steuersätze zu vergleichen, wobei sich folgende Reihenfolge ergibt:

                              

Der EOp-Mechanismus führt also zu einer Umverteilung, die betragsmäßig zwischen dem durch die Maximin-Regel und der utilitarischen Regel berechneten Ergebnis liegt. Der Grund ist darin zu sehen, dass es sich bei diesem Konzept um eine Art Synthese der beiden Programme handelt. Es bestehen ebenfalls Ähnlichkeiten zu der unter Punkt 3.1 gezeigten Transformation vom Utilitarismus zum Maximin-Prinzip und vice versa, da sowohl beim EOp-Mechanismus, als auch bei der Transformation unter Punkt 3.1 die Maximin-Regel mehrmals angewandt wurde: Während unter 3.1 allerdings seriell verfahren wurde (zunächst Anwendung der Maximin-Regel auf das schlechtest gestellte Individuum, respektive Klasse, danach auf das zweitschlechteste usw.), wendet der EOp-Mechanismus das Maximin-Prinzip parallel auf jede Klasse gleichzeitig an.

 

4.3.        Praktische Relevanz des EOp-Ansatzes

Das es sich beim EOp-Mechanismus nicht um ein rein theoretisches Konstrukt ohne jede praktische Relevanz handelt, soll im folgenden erläutert werden. So ist es möglich, das oben genannte Beispiel eines optimalen und gerechten Steuersatzes mit empirischen Daten zu hinterlegen, um Hypothesen bezüglich der Unabhängigkeit der Nachsteuereinkommen von moralisch willkürlichen Eigenschaften zu testen. Dies wurde in einer neueren DIW-Studie (Roemer 2000) empirisch für 10 europäische Länder durchgeführt, um wissenschaftlich haltbare Ergebnisse darüber zu erhalten, in welchen Maßstab Steuersysteme die Möglichkeiten zur Einkommenserzielung tatsächlich angleichen. Zu diesem Zweck wurde eine Bevölkerungsstichprobe gemäß den moralisch willkürlichen Kriterien ´Erziehung der Eltern´ und ´Beruf der Eltern´ partitioniert. Anschließend wurde aus den Daten über Vor- und Nachsteuereinkommen ein lineares Steuersystem für jedes Land simuliert. Gemäß des EOp-Mechanismus sollte nun die Verteilung des Nachsteuereinkommen in jeder der ´Erziehungs´-Klassen und ´Berufs´-Klassen möglichst ähnlich sein: „the distributions of income should be the same for types who come from different social backgrounds.“ (ebd., S. 12) Für diesen Fall ließ sich ein theoretischer (gemäß EOp-Mechanismus optimaler) marginaler Steuersatz (17) berechnen, der mit den entsprechenden empirischen Werten verglichen wurde. Die Autoren dieser Studie kamen zu dem Schluss, dass die empirisch beobachten Steuersätze tatsächlich häufig ein ähnliches Niveau wie die theoretisch optimalen Sätze aufweisen und in den nordeuropäischen Ländern sogar höher lagen, was impliziert, dass „the pre-fisc inequality between types in these countries is so small that, [...] any proportional income taxation would produce a deadweight loss more than counteracting the benefit of increased opportunity equalisation.“ (ebd., S. 26) Dieses Ergebnis der übermäßigen Besteuerung wird jedoch relativiert, wenn man das Modell um zusätzliche moralisch willkürliche Eigenschaften (wie z.B. Intelligenz durch Messung des I.Q. bei Kindern) modifiziert. In diesem Fall besteuern auch die meisten nord-europäischen Ländern in der Nähe der EOp-Rate.

Diese praktische Anwendung eines egalitaristischen Ansatzes, den der EOp-Mechanismus ohne Zweifel darstellt (18), widerlegt damit Kerstings Vorwurf, dass der Egalitarismus „das Paradigma der Hilfe und mitmenschlichen Solidarität [...] ersetzt [hat]: wo das einem jeden Zustehende das gleiche ist, gibt es nichts mehr zu diskutieren, sondern nur noch zu messen.“ (Kersting 1999, S. 136) Denn zum einen soll die Entscheidung bezüglich der eigenverantwortlichen und moralisch willkürlichen Merkmale das Ergebnis einer öffentlichen Diskussion sein und zum anderen sind von `Solidaritätstheoretikern´ geführte Diskussionen auf metaphysischer Ebene, die sich an durch „die gesellschaftlich-geschichtliche Identität begründete mitbürgerliche Hilfsbereitschaft [sowie die] motivationale Gemeinsamkeit“ (ebd., S. 138) wenden, vielleicht nicht unbedingt wirksamer.

  

 

5.   Fazit

 

Die Auswirkungen der akademischen Diskussion im Zuge der Rawlsschen Konzeption lagen nicht nur in einer klareren Abgrenzung und pointierteren Ausformulierung der beiden dominanten Gerechtigkeitskonzeptionen, sondern auch in der Aufdeckung von moralisch kaum hinnehmbaren Unzulänglichkeiten auf Seiten des Utilitarismus. Denn durch die dem Welfarismus geschuldete Möglichkeit der potentiellen Opferung ganzer sozialer Schichten zugunsten produktiverer Schichten scheint der Utilitarismus kaum als ein mögliches Resultat des Überlegungsgleichgewichts in Frage zu kommen. Die absolute Vorrangsetzung von Grundfreiheiten in Grundsatz (1) der Rawlsschen Konzeption lässt es als berechtigt erscheinen, das folgende Statement von Harsanyi entgegen seiner eigenen Intention als finales Argument gegen die utilitaristische Konzeption anzusehen:

One thing that all of us must have learned in the last fifty years is that we must never commit ourselves seriously to moral principles or political ideologies that are bound to lead to morally utterly wrong policies form time to time. (Harsanyi 1975, S. 606)

Allerdings wies die argumentative Begründung des Maximin-Prinzips im Rahmen des Schleiers des Nichtwissens durch Rawls einige technische Schwierigkeiten auf. Insbesondere seine Weigerung der Benutzung jeder Art von Wahrscheinlichkeiten ist keine moralische Neutralität, sondern lässt sich statt dessen auch als „bourgeois prejudice from which we urgently need to free ourselves“ (Binmore 1994) interpretieren. Eine missverständliche Herleitung schmälert allerdings nicht die Bedeutung des Maximin-Ansatzes an sich. Insbesondere die theoretische Weiterentwicklung durch Sen und Roemer, die sich tatsächlich in Weiterentwicklungen der empirischen Forschung und Politikberatung niederschlug (vgl. beispielsweise den Human Development Index im alljährlich durch das UNDP erstellten Human Development Report, der auf Sens ´advantage´- Ansatz aufbaut), zeigte die wiedergewonnene Bedeutung egalitaristischer Positionen. Damit ist auch die in diesem Text untersuchte Verknüpfung von philosophischen, politischen und wirtschaftswissenschaftlichen Konzepten als sinnvolle Ergänzung der jeweils anderen Disziplin anzuerkennen:

the philosopher´s task is to discover the correct conceptual elements of the theory, and the economist´s is to produce a workable (in particular feasible) social policy that makes acceptable compromises among those conceptual elements. (Roemer 1996, S.310)


 

6.     Literaturverzeichnis

 

Binmore, Kenneth G. (1994): Game Theory and the Social Contract – Vol. 1: Playing fair, Cambridge, Mass.

Binmore, Kenneth G. (1998): Game Theory and the Social Contract – Vol. 2: Just Playing, Cambridge, Mass.

Dworkin, Ronald (1981): What is Equality? Part 2: Equality of Resources, in: Philosophy and Public Affairs 10, S. 283-345.

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Harsanyi, John C. (1975): Can the Maximin Principle Serve as a Basis for Morality? A Critique of John Rawls´s Theory, in: American Political Science Review 69, S. 594-606.

Harsanyi, John C. (1976): Ethics, Social Beahvior, and Scientific Explanation, Dordrecht.

Höffe, Otfried (1998): Zur Gerechtigkeit der Verteilung, in: ders. (Hrsg.): John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Berlin, S. 169-186.

Kern, Lucian und Nida-Rümelin, Julian (1994): Logik kollektiver Entscheidungen, München, Wien.

Kersting, Wolfgang (1999): Verteilungsgerechtigkeit oder politische Solidarität? Über die Schwierigkeiten einer philosophischen Sozialstaatsbegründung, in: Petra Kolmer und Harald Korten (Hrsg.): Recht – Staat – Gesellschaft: Facetten der politischen Philosophie, Freiburg, München, S. 112-140.

Koller, Peter (1995): Die Grundsätze der Gerechtigkeit, Otfried Höffe (Hrsg.): John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Berlin, S. 45-70.

Llavador, Humberto G. (2001): An equal-opportunity approach to the allocation of international aid,  in: Journal of Development Economics 64, S. 147-171.

Maus, Ingeborg (1995): Der Urzustand, in: Otfried Höffe (Hrsg.): John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Berlin, S. 71-96.

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Rawls, John (1971, 1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main.

Rawls, John (1992): Die Idee des politischen Liberalismus, Wilfried Hinsch (Hrsg.), Frankfurt am Main.

Ricoeur, Paul (1990, 1996): Das Selbst als ein Anderer, München.

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Roemer, John E. (1998): Equality of Opportuniy, Cambridge, Mass.

Roemer, John E. et. al. (2000): To what extent do fiscal regimes equalise opportunities for income acquisition among citizens?, DIW Discussion Paper No. 222, Berlin.

Rorty, Richard (1989, 1999): Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt am Main.

Sen, Armatya K. (1974): Rawls versus Bentham: An Axiomatic Examination of the Pure Distribution Problem, in: Theory and Decision 4, S. 283-293, wiederabgedruckt in N. Daniels (Hrsg.): Reading Rawls (Oxford, 1975).

Sen, Armatya K. (1980): Equality of What? in: S. McMurrin (Hrsg.): The Tanner Lectures on Human Values, Vol. 1, Salt Lake City, S.196-220.

Sen, Armatya K. (1992): Inequality Reexamined, Cambridge, Mass.

Sen, Armatya K. (1995, 2000): Ökonomie für den Menschen: Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, München, Wien.

 

 

(1)        Dies gilt allerdings auch für dem Utilitarismus entgegengesetzte Positionen wie beispielsweise die von Robert Nozick in „Anarchy, State, and Utopia“ (Nozick 1974) vertretene libertäre Position. (zurück)

(2)        Gleichung 2-2 stellt die hinreichende Bedingung dafür dar, dass die Summe der Nutzen u über alle Individuen i maximiert wird und damit gilt: . (zurück)

(3)        Ähnliche `versteckte` egalitaristische Elemente lassen sich beispielsweise auch bei der libertären Position Robert Nozicks finden, der libertäre Freiheitsrechte mit einer absoluten Priorität belegt, vgl. bereits die einleitenden Sätze des Vorworts aus „Anarchy, State, and Utopia“ (Nozick 1974, S. ix) (zurück)

(4)        Dieser Schleier ist allerdings durchlässig für das Wissen beziehungsweise Verständnis bezüglich „politische[r] Fragen und Grundzüge[n] der Wirtschaftstheorie, ebenso [bezüglich] Grundfragen der gesellschaftlichen Organisation und [...] Gesetze[n] der Psychologie des Menschen [sowie] allgemeinen Wissens, d. h. allgemeiner Gesetze und Theorien.“ (Rawls 1971, S. 160 f.) (zurück)

(5)        Dazu Maus: „Dieses wechselseitige Desinteresse bildet auch eine der Voraussetzungen für die Wahl von Gerechtigkeitsgrundsätzen, die allen zugutekommen und die Verpflichtung enthalten, die Rechte aller anderen zu achten“. (Maus 1998, S. 74).

Damit wird auch gleichzeitig das Problem der `offensive tastes´ umgangen, vgl. Punkt 3.3. (zurück)

(6)        Vgl. die etwas drastischere Formulierung durch Richard Rorty: „Die Vorstellung, liberale Gesellschaften würden durch philosophische Überzeugungen zusammengehalten, scheint mir lächerlich. Zusammengehalten werden Gesellschaften durch gemeinsame Vokabulare und gemeinsame Hoffnungen.“ (Rorty 1989, S. 147 f.) (zurück)

(7)        „Als Teil des 2. Grundsatzes bezieht sich das Differenzprinzip im engeren Sinne (dessen Grundgedanken wir als Maximin-Prinzip formuliert hatten) hingegen insbesondere auf die Grundgüter Einkommen und Vermögen“ (Kern, 1994, S. 169) (zurück)

(8)        In diesem Modellrahmen wird davon ausgegangen, dass alle Individuen die gleiche Funktion u aufweisen (was Rawls Konzeption zwar widerspricht, allerdings als Spezialfall einer vollkommenen ´Verkettung´ entsprechen könnte, vgl. Rawls 1971, S. 101ff.) und diese interpersonell vergleichbar sind (gemäß Rawls müssen die Aussichten der Individuen zwar ordinal interpersonell vergleichbar sein, allerdings sind sie in diesem Fall aus Gründen der leichteren Kalkulation auch kardinal vergleichbar). (zurück)

(9)        Man beachte zum einen die schwächere Voraussetzung der Existenz einer ordinalen Ordnung statt einer kardinalen, aber auch die Abkehr vom Nutzenniveau des Utilitarismus zum Begriff der ´Aussicht´ der entsprechen Person (gemessen durch einen besser interpersonell vergleichbaren Index der Grundgüter) als Vergleichsmaßstab. (zurück)

(10)    Rein intuitiv lässt sich diese Aussage so umschreiben, dass man jede Entscheidung unter Berücksichtigung irgendeiner Art von Wahrscheinlichkeiten trifft, seien es auch selbst gebildete (also subjektive) Wahrscheinlichkeiten. (zurück)

(11)    In diesem Textabschnitt werden Nutzenfunktion, Aussicht der jeweiligen Individuen und Index der Grundgüter synonym verwandt, was eigentlich der Rawlsschen Konzeption widerspricht, aber in diesem Modell durch das Ziel der Transformation vom Maximin- zum utilitaristischen Prinzip gerechtfertigt ist. (zurück)

(12)    Dieses Modell ist analog zum Optimalisierungsproblem der Einführung einer gerechten Steuer unter Punkt 2.3 formuliert, d. h. vom Ausgangspunkt der Gleichverteilung werden besonders befähigten Personen mehr Grundgüter zugeteilt, so dass sich die Gesamtmenge der erzeugten Grundgüter durch effizientere Distribution erhöht, was durch ein redistributives Steuersystem in besonderem Maße den am wenigsten begünstigten Individuen zugute kommt. (zurück)

(13)    Dies lässt sich intuitiv an einem Beispiel leicht zeigen: Wenn die am schlechtesten gestellte Person beispielsweise hungert, bringt ihr eine Einheit mehr Einkommen (das sie in Nahrungsmittel tauschen kann) mehr Nutzen als einer besser gestellten, die bereits gesättigt ist.

Gleichung 3-4 bezeichnet die hinreichenden Bedingung der Konkavität, die zusätzlich nach der Risikoaversion der Individuen geordnet wurden. (zurück)

(14)    Auf Seiten des Hungernden: Nutzengewinn durch zusätzliche Nahrungsmittel = Nutzengewinn durch Folterung;

Auf Seiten des Reichen: Nutzenverlust durch Entzug von Lebensmitteln = Nutzenverlust durch Erleidung der Folter. (zurück)

(15)    Diese Forderung wurde insbesondere von Ronald Dworkin in „What is Equality? Part 2: Equality of Resources“ (Dworkin 1981) formuliert. (zurück)

(16)    Da es nicht möglich ist, die advantage-Level für alle Personen mit gleichem effort über alle Partitionen vollkommen anzugleichen, werden die Abstände für jedes effort-Level gemäß der Maximin-Regel minimiert. (zurück)

(17)    Dies wäre mit dem Steuersatz c* aus Gleichung 4.15 identisch. (zurück)

(18)    Des weiteren wurde der EOp-Mechanismus beispielsweise auch zur Berechnung der optimalen Allokation von Entwicklungshilfe (vgl. Llavador 2001) verwendet. (zurück)