Auf der Suche nach dem TodPlatons Apologie des Sokrates und die Frage nach der großen Finsternisvon Dorothea Wildenburg |
auf eine Minute voraussagt, ist nicht im Stand mir den Tag vorher zu sagen[,] ob wir sie werden zu sehen kriegen. Ja, was noch seltsamer ist, daß wir von der Stunde der großen Finsternis, unserem Tode[,] nichts wissen. Es ist gar keine Basis da, trotz unserer Anatomie und Physiologie sind für uns gar keine Grundbeobachtungen hierüber zu machen. Georg Christoph Lichtenberg , Sudelbücher I. Der FußmarschWer sich mit der Frage nach dem Tod an Platons Apologie des Sokrates wendet, wird, wie es auch in anderen Dialogen das erklärte Ziel Sokrates' ist, in eine Aporie geführt. In eine Aporie - das heißt zunächst, in eine Ausweglosigkeit. Doch nicht in die Ausweglosigkeit als einem nicht zu überwindenden Endpunkt. Vielmehr kann eine solche Ausweglosigkeit Wege eröffnen und somit einen Ausgangspunkt dafür liefern, eine neue, vielleicht vorurteilsfreie Richtung einzuschlagen.Welche Antworten gibt Sokrates auf die Frage nach dem Tod? Bei genauer Betrachtung lassen sich in der Apologie drei unterschiedliche Antworten finden, die letztlich nur durch Zusatzüberlegungen miteinander in Verbindung zu bringen sind: Die eine formuliert Sokrates vor, die zwei anderen nach seiner Vcrurteilung zum Tode. Ob diese unterschiedlichen Haltungen möglicherweise mit den je unterschiedlichen psychischen Dispositionen Sokrates' in Verbindung zu bringen sind, wäre zwar eine interessante Fragestellung, soll hier aber nicht diskutiert werden - vielmehr geht es darum, seine Antworten darzustellen und auf ihre Plausibilität hin zu befragen. Zunächst zur ersten Aussage den Tod betreffend, nämlich derjenigen vor seiner Verurteilung. Die Antwort, die er an dieser Stelle gibt, ist lediglich eine Negativaussage: Was der Tod ist, weiß man nicht. Damit ist zunächst nicht viel gewonnen. Interessant wird diese Behauptung jedoch durch die Konsequenz, die daraus gezogen wird. Diejenige nämlich, daß es töricht sei, den Tod zu fürchten. Sokrates' Argumentation verläuft folgendermaßen: Den Tod fürchten "ist nichts anderes als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht sein. Denn es ist ein Dünkel, etwas zu Wissen, was man nicht weiß. Denn niemand weiß, was der Tod ist, nicht einmal, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüßten sie gewiß, daß er das größte Übel ist. Und wie wäre dies nicht eben derselbe verrufne Unverstand, die Einbildung, etwas zu wissen, was man nicht weiß." (Apologie, 29a/b).1 Neben der Konstatierung, daß man nicht weiß, was der Tod ist, behauptet Sokrates ein weiteres: Sich vor etwas fürchten, von dem man nicht weiß, was es ist, ist - aus seiner Perspektive - völlig unverständlich. Fürchten darf man laut Sokrates lediglich solche Übel, von denen man weiß, daß es Übel sind, bspw. Krankheit und Schmerz. "Im Vergleich also mit den Übeln, die ich als Übel kenne, werde ich niemals das, wovon ich nicht weiß, ob es nicht ein Gut ist, fürchten oder fliehen." (Apologie, 29b). Mit dieser Argumentation setzt Sokrates implizit zwei Elemente des menschlichen Daseins in ein konsequentes Abhängigkeitsverhältnis, nämlich die Verstandestätigkeit einerseits und das Gefühl andererseits. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis ist zu hinterfagen. Darauf werde ich abschließend zurückkommen. Nach seiner Verurteilung erscheint Sokrates gelassen, furchtlos, scheinbar ganz im Sinne dessen, was er vor der Verurteilung in bezug auf den Tod bekannte. Vergleicht man jedoch die Aussagen, die nun folgen, mit denjenigen vor der Verurteilung, läßt sich ein deutlicher Bruch, genauer gesagt, eine Inkonsequenz erkennen. Während er zunächst seine Aussage über den Tod darauf reduzierte, daß man über ihn nichts wisse und ihn aus diesem Grunde nicht zu fürchten habe, fragt er nun nach Griinden dafür, darauf hoffen zu können, er sei etwas Gutes. Auf der Suche nach diesen Gründen kristallisiert sich eine neue These über den Tod heraus, die mit derjenigen vor der Verurteilung nicht mehr vereinbar ist. Während er zuvor noch feststellte, daß niemand wisse, was der Tod sei, zeigt er nun zwei Definitionen von Tod auf und behauptet zugleich, daß dies die beiden einzigen Möglichkeiten seien, "Totsein" zu verstehen: "Denn eins von beiden ist das Totsein, entweder soviel als nichts sein noch irgendeine Empfindung von irgend etwas haben, wenn man tot ist, oder, wie auch gesagt wird, es ist eine Versetzung und ein Umzug der Seele von hinnen an einen anderen Ort." (Apologie, 40c). Zunächst zur
ersten Erklärungsvariante: Hier beschreibt er den Tod als Zustand
der Bewußtlosigkeit und vergleicht diesen mit einem traumlosen Schlaf.
In diesem Falle sei der Tod "ein wunderbarer Gewinn. Denn ich glaube, wenn
jemand einer solchen Nacht, in welcher er so fest geschlafen, daß
er nicht einmal einen Traum gehabt, alle übrigen Tage und Nächte
seines Lebens gegenüberstellen und nach reiflicher Überlegung
sagen sollte, wieviel angenehmere Tage und Nächte als jene Nacht er
wohl in seinem Leben gelebt hat: so, glaube ich, würde (...) [er]
finden, daß diese sehr leicht zu zählen sind gegen die übrigen
Tage und Nächte." (Apologie, 40d/e).
II. Die AusweglosigkeitGenau dies führt nun aber in die Aporie - eine Aporie, die von Sokrates jedoch nicht mehr als solche gekennzeichnet und vermutlich auch nicht beabsichtigt ist, die sich jedoch ergibt, wenn man seine Gedanken in eine bestimmte Richtung weiterentwickelt. Sie besteht in folgendem Dilemma, auf das ich im weiteren eingehen möchte: Über Tod läßt sich nicht anders reden, als vom Standpunkt des Lebenden. Die aus dieser - zunächst möglicherweise trivial erscheinenden - These zu ziehenden Konsequenzen werden schließlich wieder zu der Aussage Sokrates' zurückführen, die er vor seiner Verurteilung machte, allerdings in abgewandelter Form. Während in Sokrates' Behauptung, daß man nicht wisse, was der Tod ist, impliziert ist, daß man diesen Begriff möglicherweise doch positiv bestimmen könne, wird sich herausstellen, daß eine solche - inhaltlich positive - Füllung des Begriffs nicht möglich ist. Ist die von mir intendierte Argumentation stichhaltig, müßte Sokrates Aussage, daß "niemand weiß, was der Tod ist" (Apologie, 29a) umformuliert werden können in folgende: "niemand kann eine inhaltlich positive Füllung des Begriffs leisten", und zwar nicht aufgrund mangelnden Denk- oder Urteilsvermögens, sondern aus streng erkenntnistheoretischen Überlegungen heraus.Doch zurück zu oben benanntem Dilemma. Die These lautete: Über Tod läßt sich nicht anders reden, als vom Standpunkt des Lebenden. In dieses Dilemma führt nicht nur die zweite Erklärungsvariante, die Tod mit Leben identifiziert, sondem auch die erste, in der "Totsein" als Bewußtlosigkeit beschrieben wurde. Zunächst also
zur ersten Erklärungsvariante. Die genannte These läßt
sich in diesem Zusammenhang parallel formulieren: Über Bewußtlosigkeit
läßt sich nur reden mit Bewußtsein. Der Versuch, sich
Bewußtlosigkeit vorzustellen, ist gleichzusetzen mit dem Versuch,
von seinem eigenen Bewußtsein zu abstrahieren. Dies jedoch ist nicht
möglich, bzw. nur mittelbar möglich. Mittelbar insofern, als
ich eine andere Person als "bewußtlos" bezeichnen kann. Den
Begriff "bewußtlos" wendet man bspw. dann an, wenn einer Person unterstellt
wird, - vorübergehend - willenlos, handlungsunfähig und, vor
allem, reflektionsunfähig zu sein, d.h. nicht um sich selbst zu wissen.
Eine solche Bewußtlosigkeit wird dieser Person jedoch nur unterstellt:
Bestimmte äußerliche Merkmale (Bewegungslosigkeit, Sprachlosigkeit)
veranlassen mich dazu, dieses Urteil zu fällen. Bewußtlosigkeit
selbst ist nicht sichtbar, vielmehr ist dies ein Begriff, der unterschiedliche
Merkmale subsumiert und synthetisiert. Wird nun versucht, sich die eigene
Bewußtlosigkeit vorzustellen, wendet man genau diese Merkmale
auf sich selbst an, was auch - aus erkenntnistheoretischer Sicht - völlig
legitim ist. Wichtig hieran ist nur folgendes: Die Vorstellung, die ich
mir davon mache, wie es ist, bewußtlos zu sein, stammt stets von
mir als bewußtem Wesen. Bewußtlosigkeit als Bewußtlosigkeit
wahrzunehmen, ist nicht möglich. Oder anders gewendet: Bewußtlosigkeit
als Bewußtlosigkeit zu bestimmen ist nur im Zustand des Bewußtseins
möglich. Um diesen Gedanken anhand Sokrates' Beispiel deutlicher zu
machen: Sokrates beschreibt den Zustand der Bewußtlosigkeit als "traumlosen
Schlaf". Im Zustand des traumlosen Schlafs selbst aber weiß ich nicht,
daß ich schlafe. Erst im Nachhinein, wenn ich aufwache, auf die Uhr
schaue und feststelle, daß es - plötzlich - nicht mehr 23 Uhr
abends sondern 7 Uhr morgens ist, erkläre ich mir diesen Zeitsprung
damit, daß ich geschlafen habe.
Dieselbe Aporie findet
sich in der zweiten Erklärungsvariante. Sokrates versucht, sich den
Tod vorzustellen, kann aber nicht davon abstrahieren, daß er weiterhin
er selbst ist, als bewußtes und damit lebendes Wesen. Er begreift
den Tod in diesem Falle als Unsterblichkeit, als ewiges Leben. Diese
Ansicht mag auch erklären, wieso er den Tod nicht fürchtet, denn
der Tod ist nach seiner Darstellung nichts anderes als eine Variante des
Lebens, und zwar des guten Lebens.2
Dies ist meines Erachtens
die Aporie, die Ausweglosigkeit, in welche die Apologie des Sokrates,
konsequent durchgedacht, führen muß. Die Rede von Tod, die
diesen Begriff - vom Leben abstrahierend - mit positivem Gehalt zu füllen
versucht, so wird m.E. aus all diesem deutlich, ist sinnlos. "Der Tod enthüllt
uns nur etwas über uns selbst und von einem menschlichen Gesichtspunkt aus."3
Unabhängig davon, welche Variante Sokrates' man vorzieht, immer
ist die Rede vom Tod unvermeidlich mit der Rede von Leben verknüpft.
Tod als Bewußtlosigkeit setzt Bewußtsein voraus, Tod als Weiterleben
setzt Leben voraus. Erkenntnistheoretisch betrachtet übersteigt
also der Versuch, Tod in inhaltlich positiver Bedeutung zu denken,
die Grenzen menschlicher Verstandestätigkeit und ist daher unzulässig.
Es ist lediglich möglich, ihn als Grenz- und Wechselbegriff zu fassen,
also immer nur ex negativo zum Leben, bspw. als Nicht-Bewußtsein,
Nicht-Leben. Dies selbst jedoch (Nicht-Bewußtsein, Nicht-Leben) wahrnehmen
und auf diesem Wege inhaltlich positiv füllen zu wollen, führt
im Kreise herum und ist absurd.
III. Ein WegweiserWas ist bisher gewonnen? Drei Antworten hatte Sokrates auf die Frage nach dem Tod gegeben. Diejenige vor der Verurteilung (man weiß nicht, was der Tod ist) und die beiden nach der Verurteilung (Tod als Bewußtlosigkeit, Tod als Leben). Letztere Alternativen wurden aus erkenntnistheoretischer Perspektive heraus hinterfragt. Tod, so lautet das Resultat, darf lediglich als Grenz- oder Wechselbegriff verstanden und kann nur ex negativo bestimmt werden: Entweder vom Begriff des Bewußtseins als Nicht-Bewußtsein, oder aber vom Begriff des Lebens als Nicht-Leben. Eine inhaltlich positive Bestimmung, die von Bewußtsein oder Leben abstrahieren will, wurde aus erläuterten Gründen abgelehnt. So führen also die zweite und dritte Antwort Sokrates' wieder zur ersten zurück: Man weiß nicht, was der Tod ist, oder - moderner ausgedrückt - eine inhaltlich positive Aussage über den Tod, die von Leben und Bewußtsein abstrahieren will, ist aus erkenntnistheoretischen Gründen illegitim. Dies-ist die Aporie, die Ausweglosigkeit, in die einen die Apologie zu führen vermag.Doch diese Ausweglosigkeit kann - und soll an dieser Stelle - positiv weitergeführt werden. Wie eingangs erwähnt, muß eine Aporie nicht zu Orientierungslosigkeit führen. Vielleicht kann sie vielmehr die Chance dazu bieten, in der Frage nach dem Tod einen anderen Weg einzuschlagen. Wie könnte dieser Weg aussehen? Sokrates selbst gibt in der Apologie einen, wenn auch versteckten Hinweis, den aufzugreifen sich lohnt. Ich hatte anfangs bereits das von Sokrates behauptete Abhängigkeitsverhältnis von Verstand und Gefühl erwähnt. Das, was man nicht kennt, so lautete sein Argument, könne man nicht fürchten. Den Tod - der sich, wie gezeigt, einer vom Leben abstrahierenden, begrifflichen Bestimmung entzieht - zu fürchten, bezeichnete Sokrates insofern als töricht. Fürchten könne man nur die Übel, die man kenne. Dennoch gibt es das Phänomen der Todesangst, welches der Erklärung bedarf. Und nun zeigen sich gleich zwei Wege. die aus der Aporie herausführen können. Ein Weg ist derjenige, der das Abhängigkeitsverhältnis von Verstand und Gefühl bejaht. Ein anderer Weg dejenige, der es verneint, daß man nur fürchten könne, was man kennt. Beide Wege sind begehbar. Zunächst zum ersten Weg: Nimmt man Sokrates' Hinweis, daß man nur fürchten könne, was man kennt, ernst, so wäre an dieser Stelle zu fragen, wovor man sich eigentlich fürchtet, wenn man von Todesangst spricht. Wie bereits erläutert, erfährt man den Tod nur mittelbar, das heißt einerseits an anderen Personen, andererseits, nur an diesen Personen, als äußerlich wahrnehmbare Merkmale. Zu diesen Merkmalen gehört z.B., daß jegliche Kommunikation (irreversibel) abgebrochen wird. Diesen Abbruch der Kommunikation wiederum empfindet man - vorausgesetzt natürlich, daß einem die verstorbene Person sympathisch war - als Schmerz, und zwar als Schmerz, verursacht durch die als irreversibel erkannte Trennung, durch einen als unwiederbringlich erfaßten Verlust. Ist es vielleicht dieser Verlust, den man mit der Vorstellung von Tod verbindet, bzw. schärfer gefaßt, der letztlich mit der Vorstellung von Tod identifiziert werden muß? Und ist es vielleicht die Angst eben vor einem solchen Verlust, der die Angst vor dem eigenen Tod ausmacht? Der Tod eines anderen Menschen wird als Trennung empfunden und so stellt man sich - logisch schließend - auch den eigenen Tod als eine solche Trennung vor: Im Falle des eigenen Todes bin eben ich es, der die Welt mit allem, was mir darauf wert und lieb ist, verlassen muß, oder anders gewendet, die Welt verläßt mich? Wenn dieser Erklärungsansatz trägt, so ließe sich die Todesangst als radikalisierte Trennungs- bzw. Verlustangst bestimmen. Sokrates selbst kennt vielleicht deshalb keine Todesangst, weil er im Tod keine Trennung, sondern ein Weiterleben sieht, ein Weiterleben, das sich von dem bisherigen in keiner Weise unterscheidet.4 Die Rede von einem Weiterleben nach dem Tod aber löst den Begriff des Todes als Endpunkt des Lebens auf. Insofem dürfte lediglich von Übergang oder Wechsel gesprochen werden. Wird der Tod aber tatsächlich als Zustand der vollständigen Bewußtlosigkeit (die erste Variante Sokrates') verstanden, ist die Rede von Leben unzulässig, denn Leben als Leben wahrzunehmen erfordert Bewußtsein. Im Falle der absoluten Bewußtlosigkeit schneidet der Tod jegliche Beziehung radikal ab, in oben verwandter Terminologie, er wäre eine Trennung, die gerade kein neues Anknüpfen ermöglicht, sondern absolut ist. (Natürlich muß an dieser Stelle - wiederum aus erkenntnistheoretischer Perspektive - eingefügt werden, daß eine Trennung, die absolut und irreversibel ist, das Vorstellungsvermögen übersteigt. Denn auch diese Vorstellung setzte wiederum voraus, sich selbst vorzustellen zu können - ohne sich dabei vorzustellen. Anders ausgedrückt: Denkt rnan darüber nach, wie es wohl sein mag, wenn man gestorben ist, schleicht man sich unwillkürlich als stiller Beobachter in diese Vorstellung mit ein, baut sich als eine Art lebender Toter auf, der zwar von den anderen nicht mehr wahrgenommen werden kann, selbst aber sehr wohl fähig ist, die anderen wahrzunehmen.5) Trennung jedoch ist vorstellbar, da man diese im Leben erfahren kann. Trennung ist ein "Übel", welches man kennt und vor dem man sich - laut Sokrates - somit berechtigt fürchten dürfte. Dieser Weg könnte auf der Suche nach dem Tod weiterführen. Hier stünden nicht mehr die Versuche, Tod begrifflich positiv zu fassen im Mittelpunkt, sondem die Frage nach den Phänomenen des Lebens, die mit der Rede von Tod verbunden sind. Solche Phänomene des Lebens stehen auch dann im Mittelpunkt, wenn man den zweiten Weg begeht, nämlich denjenigen, der die Behauptung Sokrates', daß man nur fiirchten könne, was man kennt, zurückweist. Hier wäre zu fragen, wieso man, obwohl man nicht wissen kann, was Tod ist, diesen fürchtet. Die Antwort ist einfach: Gerade weil man nicht weiß (nicht wissen kann), was Tod ist, fürchtet man ihn. Oder, genauer ausgedrückt: Auch hier fürchtet man nicht eigentlich den Tod, sondem letztlich die Sphäre des Nicht-Wissens. Mit Adorno/Horkheimer gesprochen: "Der Furcht wähnt er [der Mensch, dw.] ledig zu sein, wenn es nichts Unbekanntes mehr gibt."6 Gerade das Unbekannte, Unerkennbare und damit nicht Beherrschbare, als welches der Tod empfunden wird, verursacht Angst. Wie auch immer man sich zum Problem der Todesangst stellen mag - meines Erachtens sind es allein solche Fragen, die sinnvoll beantwortet werden können, allein solche Fragen sind es auch, die weiterführen können, die es vielleicht ermöglichen, zumindest einen kleinen Pfad zu finden, der aus der Aporie herauszuführen vermag. Solange man sich jedoch nicht darüber im Klaren ist, daß man dabei nicht eigentlich von Tod (in erkenntnistheoretische Bedeutung) spricht, auch wenn man glaubt, darüber zu sprechen, ist dies nichts anderes, "als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht zu sein" (Apologie, 291). ANMERKUNGEN 1
Hier und im folgenden zitiert nach: Platon. Sämtliche Werke.
In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher. Hrsg.v.Ernesto Grassi.
Hamburg, 1993. Bd.1. (zurück)
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