Ludwig Wittgenstein
von Markus Holzinger |
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Ohne den Satz kannst du keinen Gegenstand sehen. Du kannst ohne den Satz keinen Fuß mehr vor den andern setzen. (...) Seit ich sprechen kann, kann ich alles in Ordnung bringen." -
Peter Handke, Kaspar -
"Die
eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht,
-
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen -
In gewisser Weise hat Ludwig Wittgenstein wie kaum ein anderer Philosoph vor ihm, zwar nicht in biographischer, wohl aber in philosophischer Hinsicht, das Klischée des einsam reflektierenden Denkers zerstört, der, fern von den Menschen und dem weltlichen Getriebe, die Tiefen des Geistes auszuloten vermag. Jene Art von Philosophie, die, wie Fichte es ausdrückt, sich dem Postulat "Denke dich, konstruiere den Begriff deiner selbst; und bemerke, wie du das machst" 1, verschrieben hat, beginnt, philosophiehistorisch geortet, mit René Descartes. Descartes ist entschlossen, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, um alle seine bisherigen Anschauungen einer genauen Prüfung zu unterziehen. 2 Mit dem Instrument des methodischen Zweifels abstrahiert er von allen äußeren Sinneswahrnehmungen, die bloße Trugbilder sein können. Selbst mathematische Sätze wie 2 + 3 = 5 halten vor dem Zweifel nicht stand, da selbst die einleuchtendsten Aussagen von einem bösen Geist nur vorgegaukelt werden könnten. Als Denkender stößt der Mensch jedoch, so Descartes, bei allem Zweifel auf eine Gewißheit, die nicht zu bezweifeln ist, nämlich das Denken (Bewußtsein) selbst. Nachdem man alles beseitigt hat, an dem man zweifeln kann, bleibt das Ich als Subjekt des Denkens zurück. Die reine Denktätigkeit selbst ist die Gewißheit menschlicher Erkenntnis, die nicht bezweifelt werden kann. Im Sinne des späten Wittgenstein müßte man Descartes folgendes Argument entgegenhalten: Bevor ich überhaupt zweifeln kann, muß ich die Bedeutung und Technik des Zweifelns selbst erlernt haben. Zweifel als Akt eines auf sich selbst reflektierenden isolierten Subjekts ist nicht möglich, weil ich für das Zweifeln einen bereits erlernten öffentlichen Sprachgebrauch geltend machen muß. Das Erlernen des Spiels Zweifel ist sozusagen die Voraussetzung des Zweifelns selbst. Zweifel setzt voraus, daß man ein Sprachspiel beherrscht, welches im Sozialisationsprozeß durch die Teilnahme an einer Lebenswelt eingeübt wurde. Zweifel außerhalb eines Sprachspiels ist nicht möglich. Wittgenstein schreibt: "Die Frage des Idealisten wäre etwa so: 'Mit welchem Recht zweifle ich nicht an der Existenz meiner Hände?' (...) Wer aber so fragt, der übersieht, daß der Zweifel an einer Existenz nur in einem Sprachspiel wirkt. Daß man also erst fragen müsse: Wie sähe so ein Zweifel aus? und es nicht so ohne weiteres versteht" (ÜG, 24) 3. Wittengensteins Anliegen ist es, die Vorstellung eines einsam denkenden Subjekts, das ohne soziale Interaktion die Welt von sich aus konstruieren könnte, zu destruieren. Wir können nur Erfahrungen über unsere Welt machen, wenn wir vorher die Bedeutung der Wörter, die in dieser Lebenswelt Geltung haben, gelernt haben. Das menschliche Individuum muß in die "Gepflogenheiten" (PU,199) einer konkreten "Lebensform" (PU, 241) involviert sein, die ihn mit Interpretationen über die Welt versorgt. Karl-Otto Apel kommentiert: "In der Tat wird ein durch die moderne Sprachanalyse hindurchgegangener Philosoph kaum mit Descartes (und noch Husserl) daran festhalten, daß man sich durch radikale Selbstbesinnung im Stile des methodischen Solipsismus aus der Verstrickung in die Sprache (bzw. ein mit ihr verwobenes Kultursystem) herausreflektieren könnte. Man kann z.B. nicht, ohne Rücksicht auf die Spielregeln der Kommunikation, Fragen stellen wie diese: Ist am Ende alles, was ich überhaupt meinen kann, bloß in meinem Bewußtsein? (...) Man wird heute dem einsamen Denker, der sich dem methodischen Solipsismus verpflichtet glaubt, sehr schnell zeigen, daß er bereits mit den Argumenten, die für ihn selbst Geltung haben sollen, ein öffentliches Sprachspiel voraussetzt ..." 4 Wittgenstein behauptet die Vorrangigkeit der Sprache vor aller Erfahrung. Seine ganze Philosophie (trotz der großen Unterschiede zwischen dem Früh- und Spätwerk) ist eine einzige Reflexion über die Sprache als einer subjektiven Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis. Mag im "Tractatus" die "logische Form" der Sprache, im Spätwerk die Lebenswelt und ihre Sprachspiele im Mittelpunkt stehen, es geht Wittgenstein immer um die Frage nach den sprachlichen Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Es wurde die historische Ausgangsposition der Philosophie Wittgensteins kurz angedeutet, und es soll nun gefragt werden, welche Rolle die Philosophie in seinem Denken spielt. Weniger die Philosophie Wittgensteins wird im Mittelpunkt stehen, als die Frage, welchen Stellenwert die Philosophie als solche für ihn besitzt. Gleichwohl ist es dazu nötig, einige Kernthesen des frühen und späten Wittgenstein zu explizieren. Wittgenstein geht es im "Tractatus" darum, ein Abgrenzungskriterium zu finden, mit dessen Hilfe man wissenschaftlich-sinnvolle Sätze von wissenschaftlich-sinnlosen Sätzen (Scheinsätzen) trennen kann. Er schlägt folgendes Sinnkriterium vor. Einen Satz verstehen heißt "wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist" (T, 4.024). Die Bedeutung eines Satzes liegt in der Methode, nach der man zeigen kann, wann er wahr oder falsch ist. Um dies zu verdeutlichen, muß man auf Wittgensteins Abbildtheorie eingehen. Wittgenstein versucht hier, alle Erkenntnis der Welt auf eine logische Einheitssprache zu reduzieren, deren Aufgabe es ist, die Sachverhalte der Welt abzubilden. Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit. Die Sätze stehen für bestimmte Sachverhalte der Welt. Die Bestandteile der Sprache sind dabei die Elementarsätze, die die Welt, die in Tatsachen zerfällt, abbildet, oder komplexe Sätze, die durch die Logik auf Elementarsätze zurückzuführen sind. Die einfachsten Zeichen, die sich auf die Welt beziehen, nennt Wittgenstein Namen: "Der Name bedeutet den Gegenstand. Der Gegenstand ist seine Bedeutung" (T, 3.203). "Der Name vertritt im Satz den Gegenstand" (T, 3.22). Elementarsätze sind Verknüpfungen von Namen und stehen für eine bestimmte Verbindung von Gegenständen der Welt. "Der Elementarsatz besteht aus Namen. Er ist ein Zusammenhang, eine Verkettung, von Namen" (T, 4.22). Die Verknüpfung sprachlicher Symbole zeigt, wie Wittenstein glaubt, durch die Art ihrer Anordnung die Struktur der abgebildeten Tatsachen. Er erläutert dies z.B. an der Notenschrift: "Die Grammophonplatte, der musikalische Gedanke, die Notenschrift, die Schallwellen, stehen alle in jener abbildenden internen Beziehung zu einander, die zwischen Sprache und Welt besteht" (T,4.014). Die Grundannahme Wittgensteins ist also, daß alle sinnvollen Aussagen über die Welt durch Rückgriff auf einfachste atomare Tatsachen zu begründen sind. Sie wird ermöglicht durch die der Welt und dem Satzbau einfacher Terme gemeinsame und somit identische logische Form. Wittgensteins Abbildtheorie ist eine realistische Semantik. 5 Er geht von der ontologischen Vorstellung 6 aus, daß ein Elementarsatz mit faktisch Gegebenem aus dem außersprachlichen Bereich übereinstimmt. Es ist nötig, noch etwas genauer zu erklären, was der Sinn eines Satzes ist. Wittgenstein sagt: "Der Sinn eines Satzes ist seine Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung mit den Möglichkeiten des Bestehens und Nichtbestehens der Sachverhalte" (T,4.2). Damit ist ein sinnvoller Satz, welcher die Welt ausdrückt, mit ja oder nein zu beantworten, bzw. sein Wahrheitsgehalt ist vollständig zu bestimmen. "Die Wirklichkeit muß durch den Satz auf ja oder nein fixiert sein. Dazu muß sie durch ihn vollständig beschrieben werden" (T, 4.023). Der Satz ist dann sinnvoll, wenn er im Vergleich mit der Wirklichkeit als wahr oder falsch bestimmt werden kann. Jeder Satz beschreibt einen möglichen Sachverhalt. Man kann seinen Wahrheitsgehalt aber nicht anhand des Satzes selbst bestimmen, sondern muß ihn mit der Wirklichkeit vergleichen: "Die Wirklichkeit wird mit dem Satz verglichen" (T, 4.05). Sinnvolle Sätze sagen nur etwas aus, wenn es bei der Feststellung ihrer Wahrheit oder Falschheit möglich ist, ihre Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit der (empirischen) Wirklichkeit zu überprüfen. Wittgensteins Abbildtheorie, wonach die abbildenden Symbole eine Struktur bilden, "die den Beziehungen zwischen den Bestandteilen des Abgebildeten entspricht" 7, oder. anders ausgedrückt, wonach die Elementarsätze für einen bestimmten Sachverhalt stehen, wurde von den Philosophen des "Wiener Kreises" als Verifikationsprinzip aufgefasst. "Der Sinn eines Satzes ist die Methode seiner Verifikation." 8 Demnach denkt Wittgenstein über die Frage nach: "Wie ist der Satz dazu fähig verifiziert zu werden?" 9 Man kann sagen, einen Satz verstehen, heißt verstehen, unter welchen Bedingungen er wahr ist. Elementarsätze sagen etwas über das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten aus. Wahrheit und Falschheit eines Satzes sind Ergebnisse der realen Übereinstimmung von Satz und gegebenem Sachverhalt. Dies kann man nach Ernst Tugendhat auch rein sprachlich so wiedergeben: "Der Satz ist wahr, wenn das Prädikat auf den Gegenstand zutrifft. (...)Und man kann nun sagen: Einen solchen Satz verstehen, heißt verstehen, daß er wahr ist, wenn dieser Gegenstand unter diesen Begriff fällt, bzw. wenn das Prädikat auf ihn zutrifft."10 Ich halte also fest: Das Sinnkriterium für Wittgenstein zur Unterscheidung sinnloser Sätze von sinnvollen, ist ihre Verifizierbarkeit. Damit ein Satz sinnvoll sein kann, muß er eine "weltkonstitutive 'Tatsache' " 11 abbilden, letztendlich also durch Rückgriff auf die Empirie zu begründen sein. In sinnvollen Sätzen dürfen keine sinnlosen Wörter vorkommen, also Wörter, für die keine empirischen Daten angegeben werden können. Welche Sätze aber lassen sich nun verifizieren, sind somit sinnvoll? Wittgenstein antwortet:"Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften)" (T, 4.11). Der Bereich des Sagbaren wird für Wittgenstein auf die Dimension der Naturwissenschaften reduziert, die sich in Sätzen ausdrücken, welche sich auf die Wirklichkeit beziehen, deren Sätze die Wirklichkeit abbilden. Welche Rolle spielt nun die Philosophie in Wittgensteins Denken? Die Antwort lautet: die Philosophie ist "keine der Naturwissenschaften" (T, 4.111). Der Philosoph erhält das Material, über dessen Klarheit und Gültigkeit er zu befinden hat, von den Naturwissenschaften. "Alle Philosophie ist `Sprachkritik`" (T, 4.0031). "Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaft" (T 4.113). "Das Resultat der Philosophie sind nicht 'philosophische Sätze', sondern das Klarwerden von Sätzen" (T 4.112). Die Philosophie muß dafür Sorge tragen, daß die Naturwissenschaften ausschließlich mit sinnvollen Sätzen arbeiten. Wittgenstein fordert eine ideale Präzisionssprache: "Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen." (T 4.116). Alle darüber hinausgehenden Spekulationen, insbesondere eben die metaphysischen, werden verworfen, da sie weder klar denkbar, noch klar sagbar sind. "Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen." (T, 4.003). Metaphysische Sätze sind nicht bildhaft. Ihre Aussagen lassen sich nicht durch Tatsachen aus dem empirischen Erfahrungsbereich bestätigen. Wittgenstein gibt sich mit Sätzen zufrieden, die die Welt abbilden. Sätze, die kein Bild der Welt sind, werden als unsinnige Sätze, als "Scheinsätze" entlarvt. "Läßt sich der Sinn eines Textes, z. B. eines metaphysischen Textes, mit dem oben angedeuteten sprachlogischen Sinnkriterium (Verifikationsprinzip) nicht in Einklang bringen, so unterliegt er dem 'Unsinnigkeitsverdacht'." 12 Die Philosophie hat als sprachkritisches Organon die Aufgabe, eine Demarkationslinie zwischen dem Sagbaren und Nicht-Sagbaren zu ziehen. Der Prüfstein ist die äußere Wirklichkeit. Dem philosophiegeschichtlich geschulten Leser wird vielleicht Wittgensteins Nähe zu Immanuel Kants theoretischer Philosophie auffallen. Ähnlich wie Wittgenstein fragt dieser nach der Reichweite menschlicher Erkenntnis und danach, inwieweit wir von unserer Vernunft legitimen Gebrauch machen. Kants Methode ist es, von allem empirischen Material, das die Sinne liefern, zu abstrahieren und zu fragen, welche Bedingungen vorhanden sein müssen, damit uns Erfahrung überhaupt möglich ist. Er übersteigt gleichsam das gegenständliche Denken nach rückwärts, um die Bedingungen aller möglichen Erkenntnis aufzuzeigen, um so Resultate des legitimen Gebrauchs der Vernunft zu rechtfertigen. Auf dem Wege der Rückreflexion stößt Kant auf die Formen des Verstandes, die a priori, d.h. vor aller Erfahrung im Erkenntnisvermögen bereitliegen. Dies sind bei ihm die Anschauungsformen Raum und Zeit und die Verstandesformen (Kategorien). Wittgenstein bestreitet die Möglichkeit einer solchen Rückreflexion. Nach ihm läßt sich die der Welt und Sprache gemeinsame logische Form nicht darstellen: "Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muß, um sie darstellen zu können - die logische Form" (T, 4.12). "Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf." (T, 4.121). Wittgenstein meint also: Wenn ich über die logische Form der Sprache reflektiere, denke ich doch bereits wieder unter den Bedingungen, deren ich mir doch gerade erst bewußt werden will. Ich will die logische Form der Sprache, in der wir denkend stehen, darstellen, als ob ich außerhalb stehen könnte, während ich doch immer darin bleibe. "Wir können gewissermaßen nicht weit genug von der logischen Form zurücktreten, um sie ins Bild zu bekommen".13 "Da die logische Form der Sprache die transzendentale Bedingung aller sprachlichen Weltabbildung und somit aller Rede über die Welt ist, kann es nach Wittgenstein keine metasprachliche Rede über das Verhältnis von Sprache und Welt geben ..."14 Daraus folgert Wittgenstein: "Die Logik ist vor jeder Erfahrung, daß etwas so ist. Sie ist vor dem Wie, nicht vor dem Was" (T, 5.552). "Die Logik erfüllt die Welt; die Grenze der Welt sind auch ihre Grenzen. Wir können in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht. Dies nämlich würde scheinbar voraussetzen, daß wir gewisse Möglichkeiten ausschließen, und das kann nicht der Fall sein, da sonst die Logik über die Grenzen der Welt hinaus müßte; wenn sie nämlich diese Grenzen auch von der anderen Seite betrachten könnte. Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken; wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können." (T, 5.61). Sofern ich die Bedingungen und Grenzen allen Denkens erforschen will, kann ich es nur wieder im Denken selber, welches durch die logische Form der Sprache begrenzt ist. Ich denke über das Denken und dessen Reichweite nach, aber kann es nicht von einem außerhalb des Denkens her, sondern nur, indem ich bereits wieder innerhalb meiner sprachlichen Grenze denke. Wir können das, was wir nicht denken können, weder aussprechen, noch abgrenzen. Denn wir müssten das Reich hinter der Grenze unseres Denkens aus einer Perspektive heraus denken, die außerhalb der unseren, begrenzten, wäre. Deswegen lohnt es sich nicht, über etwas zu spekulieren, das sich vollständig unserer Begriffswelt entzieht. Nach Wittgenstein läßt sich nach jenem "metaphysischen Gespensterreich" nicht einmal sinnvoll fragen: "Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen. Das Rätsel gibt es nicht. Wenn sich eine Frage überhaupt stellen läßt, so kann sie auch beantwortet werden" (T, 6.5). In systemtheoretischer Sprache könnte man den Sachverhalt auch mit Niklas Luhmann darstellen: "Ein System kann nur sehen, was es sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann. Das verbirgt sich für das System 'hinter' dem Horizont, der für das System kein 'dahinter' hat." 15 Natürlich sind für Wittgenstein die menschlichen Probleme mit seinem Begriff von Philosophie nicht gelöst. So sagt er selbst: "Wir fühlen, daß selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort." (T, 6.52). Wittgenstein behauptet nicht, daß es alles, was nicht in naturwissenschaftlicher Präzision zu sagen ist, es darum auch nicht gebe. Es gibt auch "Unaussprechliches" (T, 6.522). Dies aber, das er auch das "Mystische" (T, 5.522) nennt, entzieht sich seiner philosophischen Grundposition, derzufolge man nur solche Sätze als sinnvoll bezeichnen kann, die als Abbildung von atomaren Sachverhalten in der Welt gelten müssen. So ist es sinnlos etwa über Gott zu sprechen: "Gott offenbart sich nicht in der Welt." (T, 6.432). Das soll heißen: die weltabbildende Funktion der Sprache reicht nicht hin zu etwas nicht abbildbarem wie Gott. So formuliert er also den vielzitierten Satz: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." (T, 7). Dort, wo man keine sinnvollen Aussagen mehr machen kann, darf man auch nicht den Versuch unternehmen, so zu argumentieren, als ob dies eventuell doch noch einen Sinn ergeben würde. Zusammenfassend läßt sich die richtige Methode der Philosophie nach Wittgenstein folgendermaßen beschreiben: "Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft - also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, daß er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend - er hätte nicht das Gefühl, daß wir ihn Philosophie lehrten- aber sie wäre die einzig streng richtige." (T, 6.53). Wittgenstein, der mit seinem "Tractatus" glaubte, alle Probleme "im wesentlichen endgültig gelöst zu haben" (T, Vorwort), wandelt sich im Laufe seiner Entwicklung. Der Wittgenstein der "Philosophischen Untersuchungen" versucht nicht mehr, eine weltabbildende Präzisionssprache zu konstruieren, sondern wendet sich den in den menschlichen Lebensformen verankerten Sprachspielen zu. Gemeinhin bezeichnet man die Wende zu der Ordinary Language Philosophy als "pragmatische Wende". Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke kann nicht mehr so verstanden werden, daß sie für einen Gegenstand stehen, sondern die Bedeutung eines Wortes ist "sein Gebrauch in der Sprache" (PU,43). Sprache verstehen heißt von nun an, im Sinne Wittgensteins, eine "Technik beherrschen" (PU,199). Nun sieht er alles Sinnverstehen des Menschen in einen sozialen Kontext eingebunden. Damit wird betont, daß Sprache Teil einer gemeinschaftlichen Tätigkeit ist: "(...)eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen" (PU,19). Scheinen auch die Unterschiede zwischen dem Früh-und Spätwerk Wittgensteins sehr groß zu sein, so nehmen die "Philosophischen Untersuchungen", in Bezug auf die Philosophie, den "negierenden Grundansatz"16 des "Tractatus" wieder auf. Der "Unsinnigkeitsverdacht"17 gegen eine Philosophie, die als Metaphysik auftritt, gilt uneingeschränkt auch für das Spätwerk.18 Die Unsinnigkeit philosophischer Sätze ist nun nicht mehr darin begründet, daß sie sich einer Abbildbarkeit entziehen, sondern sie sind nach Wittgenstein deswegen unsinnig, weil sie nicht in den Kontext eines in der Lebenswelt verankerten Sprachspiels eingebunden sind. Philosophen neigen dazu, Probleme als Was-ist Fragen zu formulieren. Dabei wird versucht, das "Wesen" von etwas zu ergründen. Eine solche Frage ist z.B. "Was ist die Zeit?" Dazu meint Wittgenstein: ein Wesen der Zeit gibt es nicht. Wir sprechen von Zeit in den verschiedensten Kontexten. Etwa wenn wir sagen "früher" oder "später", "gleichzeitig", "pünktlich", "künftig" etc. 19 Wir müßten, um den Begriff Zeit zu klären, "alle Arten von Kontexten" 20 heranziehen, in denen über zeitliche Verhältnisse geredet wird. Der Grundfehler der Philosophie ist es also, die Bedeutung eines Wortes aus einem praktischen Situationskontext, innerhalb dessen wir seine Funktion gelernt haben, herauszureißen und diesen Begriff in einer falschen Bedeutung zu gebrauchen, etwa so, als ob wir hinter dem alltäglichen Gebrauch noch ein verborgenes Wesen entdecken könnten. Das philosophische Sprachspiel fabriziert, so Wittgenstein, "Luftgebäude" (PU,118). Es ist leerlaufend (vgl.PU,132). Das ist der Grund, warum sich Wittgenstein als Sprachtherapeuten sieht, der philosophische Probleme "wie eine Krankheit" (PU,255) behandelt. Seine philosophische Tätigkeit ist für ihn "ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache" (PU,109). Nur derjenige versteht die Funktion der Sprache richtig, der sie auf ihren alltäglichen Gebrauch zurückführt: "Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen - `Wissen`, `Sein`, `Gegenstand`, `Ich`, `Satz`, `Name` - und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück." (PU,116). Die Philosophie beschreibt lediglich das alltägliche Sprachverhalten in den verschiedenen Lebensformen, läßt aber alles "wie es ist" (PU,124), denn der tatsächliche Gebrauch der Sprache darf in keiner Weise angetastet werden (vgl.PU,124). Verlangte Wittgenstein in seinem "Tractatus", daß man, worüber man nicht sinnvoll sprechen könne (die metaphysischen Fragen), lieber schweigen solle, so fordert er nun, daß die "philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen" (PU,133). Damit propagiert er die Emanzipation des Philosophen von philosophischen Fragen. Er will als Philosoph die Philosophie überwinden. 21 Sie möge ihn für alle künftige Zeit mit all ihren Scheinsätzen in Ruhe lassen. Was also soll nach
Wittgensteins Postulaten aus der Philosophie werden? Ist sie obsolet geworden?
Die Philosophie und mit ihr die Gesellschaft aller Menschen, so glaube
ich, wäre schlecht beraten, wenn sie sich Wittgensteins Forderungen
beugen würde. Denn es geht heute nicht nur darum, wissenschaftstheoretisch
sinnvolle Sätze von sinnlosen zu unterscheiden. Vielmehr sind gerade
jene "Lebensprobleme" relevant, die eine philosophische Position wie die
Wittgensteins "noch gar nicht berührt" (T,6.52) hat. Es ist evident,
daß unsere gegenwärtigen Lebensprobleme eng verknüpft sind
mit unserer technologischen Zivilisation, genauer gesagt, mit der technologischen
Verfügungsmacht des Menschen und den daraus resultierenden Konsequenzen
für die heutige Welt (z.B. ökologische Gefährdung, genetische
Manipulierbarkeit des Menschen etc.). Mehr denn je ist die Philosophie
dazu aufgerufen, darüber zu reflektieren, wie wir als Menschen in
einer menschenwürdigen Welt leben können. Wir sollten heute z.B.
nicht mehr nur darüber nachdenken, wie unsere Generation gesund und
glücklich leben kann, sondern auch darüber, wie lebenswert wir
unsere Welt den nach uns kommenden Generationen zurücklassen werden.
Wir, die wir gegenwärtig, um mit Hans Jonas zu sprechen, die Rolle
"eines Verwalters oder Wächters der Schöpfung"
22 bekommen, übernehmen damit auch die "praktische
Verpflichtung gegenüber der Nachwelt"23.
Sich Ruhe zu gönnen vor jenen eben angedeuteten Problemen oder gar
im Sinne Wittgensteins über sie zu schweigen, wäre gleichbedeutend
mit der Verweigerung, die Verantwortung für unsere Nachkommen, sowie
für die Gesamtnatur zu übernehmen. Der Ausstieg aus der Philosophie
wäre dann der Ausstieg aus der Menschlichkeit.
24
Abkürzungen der zitierten Werke Wittgensteins T:
Tractatus logico-philosophicus, in: ders., Werkausgabe Bd.1, Frankfurt/M.
61989. S.7-87
1
Fichte, Johann Gottlieb, Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre,
Hamburg 1984, S.38. (zurück)
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