Wrapped Reichstag

    Die Dialektik der Verhüllung
    Projekt für eine Berliner Republik?

    von Christian Lotz 
     

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     c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - (1995) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/kunst/reichs.htm
                      "Zu allem Anfang, in ganz froher Kinderzeit, äußerte sich eine starke Berührungslust, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt wäre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald von außen ein Verbot entgegen, gerade diese Berührung auszuführen [Amn. von Freud: "Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der eigenen Genitalien"]."   

                      - Sigmund Freud. Totem und Tabu - 

     

    Verhüllen ist ein Kunstwort.   

    Es drückt einen konstituierten Zustand aus, der aus der Synthese zweier Begriffe gewonnen wird: denjenigen von sichtbar und unsichtbar oder allgemeiner: von Wahrnehmbarkeit und Nichtwahrnehmbarkeit. Ein Objekt, dem wir das Prädikat "verhüllt" zusprechen, hat einen ambivalenten Charakter. Es ist da und zugleich nicht da, es scheint verdeckt und doch ist es sichtbar.   

    Verhüllen drückt eine Idealisierung aus.   

    Wer die Kunst beherrscht. etwas zu verhüllen, hat eine magische Stufe erreicht. Er führt uns ein Objekt vor. das seinen Charakter verschleiert, ohne ihn zu verlieren. Er hat es geschafft, ein Objekt in einen Schwebezustand zu transformieren. Wer die Kunst beherrscht. einen Gegenstand zu verhüllen, versetzt uns in einen konfusen Zustand. Der Verhüller spielt mit der Dialektik von Anschauung und Reflexion bzw. mit der Dialektik von Erfahrung und Wissen. Ohne das Wissen, was verhüllt wird oder werden soll, vernichtet sich die Verhüllung vor sich selbst. Die Verhüllung zeigt die Form und nennt den Inhalt.  
    Würden wir bei einem verschleierten Gesicht sagen, es sei verpackt? Wahrscheinlich nicht. Würden wir von Cornflakes sagen, sie seien verhüllt? Wahrscheinlich nicht.  
    Von Verpacken sprechen wir dann, wenn die magisch-ästhetische Stufe noch nicht erreicht ist.   

    Verhüllen ist dem nachgelagert, was wir verpacken nennen. Im Gegensatz zum Verhüller erscheint der Verpacker als Materialist. Er läßt sein Objekt verschwinden, um es einer Funktion zuzführen: Schutz. Der Gegenstand selbst soll jedoch nicht gesehen werden. Er soll unsichtbar bleiben. Auch der in Plastik verpackte Apfel kann seine materiale Basis nicht verbergen: diese Verpackung nennt die Form und zeigt den Inhalt. Der Verpacker ist ein Bastler. Die Ökonomie kennt die Dialektik von Wissen und Erfahrung nicht, sie kann niemals mit ihren Produkten spielen. Sonst wären sie Geschenke.   

    Kümmern wir uns um die Dialektik. 

      

    Ästhetisierung: Die Erfahrung 

    Muß jemand wissen, ob X ein Kunstwerk ist oder als solches gilt, bevor er vor dasselbe tritt? Nein. Das Urteil, X sei schön, wird mit demselben Allgemeinheitsanspruch vertreten wie theoretisch-behauptende Sätze. Wer seinen Toaster als "schön" bezeichnet, und dabei nicht vor sich selbst die Unwahrheit sagt, konstituiert den Toaster als ästhetisches Objekt. Tritt er vor Andere und verallgemeinert sein Urteil, können die Anderen die Wahrhaftigkeit seiner Aussage nur glauben. Ob sie wahrhaftig ist, läßt sich - wie Habermas in der "Theorie des kommukativen Handelns" herausgestellt hat - nur zeigen. Für das Gefühl des Schönen benötigen wir kein Wissen, keine Reflexion. Wer Seile und aluminiumbeschichtete Kunststoffplanen, Licht und Körper als schön (oder häßlich) empfindet, hat nur die Erfahrung vorzuweisen: "da schau hin, das ist schön (und das mußt du nür glauben und nur zustinunen)". Das ästhetische Urteil kommt mit einem Geltungsanspruch daher, ohne ihn argumentativ einlösen zu können. Trotzdem behauptet es damit die potentielle Einlösbarkeit des Anspruchs, transzendiert sich und will Einverständnis. Wenn jemand jedoch den als allgemein behaupteten Geltungsanspruch der ästhetischen Aussage einlösen will (und das muß er wollen, sonst könnte er keine Allgemeinheit behaupten), muß er sich auf ein Wissen stützen. Das zerstört nicht seine Anschauung, jedoch bringt es eine Dialektik in Gang. Die Dialektik von Erfahrung und Reflexion.  
    Wer also behauptet, ein verhülltes X sei bloß ästhetische Erfahrung und als solche zu betrachten, geht fehl. Denn aluminiumbeschichtete Kunststoffplanen oder darauffallendes Licht (als bloße Anschauung) sind eben nichts anderes als die private Erfahrung der Planen oder des Lichtes. Die Aussage "ein X ist schön" als Ausdruck einer Erfahrung ist tautologisch: Licht ist Licht - Plane ist Plane. Reine Vorderfläche. Schein. Nichts dahinter.   
    Für die Bestimmung eines verhüllten Gegenstandes reicht der Verweis auf die subjektive Erfahrung nicht aus. Sie benötigt die Reflexion und das Wissen. Beide bedingen sich wechselseitig. Die Erfahrung will negieren, was erfahren wird. Die Reflexion will negieren, daß erfahren wird. Die Verhüllung will beide Seiten: sichtbar soll das was sein, unsichtbar das daß. Oder andersherum. Beide sind füreinander konstitutiv.  
    Ein bloßes Objekt, ein unbestimmtes X, kann jedoch niemals verhüllt werden, es läßt sich nur verpacken. Warum? Weil es unbestimmt ist. Für die bloße Erfahrung ist es unwichtig, was verpackt wird. Ob Reliquie oder Coladose. Für die als rein behauptete ästhetische Erfahrung sind potentiell alle X gleich-gültig. Deshalb hängt ein ästhetischer Subjektivismus mit der rationalisierten Ökonomie zusammen. Nicht umsonst hat Adorno gesagt: "Ästhetische Objektivität ist nicht unmittelbar; wer sie in den Händen zu halten glaubt, den führt sie irre." (Ästhetische Theorie. 10.Auflg. Frankfurt/M.. 1990, 397).   

    Die Verhüllung transzendiert die Erfahrung (oder Verpackung), kommt jedoch nicht ohne sie aus. Sie kann sie niemals vollständig vernichten, außer sie setzt sich selbst ein zeitliches Ende.   

    Reflexion: Das konstitutive Wissen 

    Die Stufe über die bloße Unmittelbarkeit einer ästhetischen Empfindung hinaus, soll hier Reflexion heißen. Konstitutiv für den Begriff der Verhüllung ist das Begriffspaar: anwesend und abwesend oder sichtbar und unsichtbar. Je nach Herangehensweise muß der Betrachter einer Verhüllung wissen bzw. darüber reflektieren, was nicht anwesend ist. Schaut er auf den Glanz des Lichtes, muß er wissen, welche Bestimmung möglich wäre, muß wissen, welcher Inhalt sich verbirgt. Reflektiert er darüber, was sich verbirgt bzw. welche Bestimmung der Gegenstand hat, muß er wissen, daß dort etwas ist, das den bestimmten Gegenstand "trägt". Er kann sich niemals auf beide - daß und was - gleichzeitig beziehen, und deshalb heißt diese Dialektik Verhüllung.   

    Erotisierung: Der verhüllte Gegenstand - Die Lust der Reflexion

    Es scheint, als durchziehe die Dialektik der Verhüllung ein geheimer Diskurs. Nicht anwesend - aber bestimmend für die Verhüllung. Nach Freuds Beschreibung in Totem und Tabu macht das Aufeinanderprallen von frühkindlicher Berührungslust bezüglich des Penis, der Klitoris und des Körpers mit dem Verbot der Berührung den ambivalenten Charakter der Psyche aus. Die Dialektik von Lust und Repression findet nach Freud hier ihren Ursprung.   

    Was hat die Verhüllung damit zu tun? Zuersteinmal: nichts. Jedoch durchkreuzt die Dichotomisierung von Tabu und Lust die Dialektik der Verhüllung wie auch deren Politisierung. Dasjenige, das durch den Widerstreit von Lust und Repression hindurch sich verbirgt, ist die Sexualität. Wer meint, die Verhüllung sei nur ausschließlich über die Reflexion und das Wissen zu bestimmen, ist auf einem Auge blind. Er tabuisiert den verhüllten Gegenstand und verbietet die Berührung. Aus sicherer Entfernung darf die Verhüllung betrachtet werden. Die Bürger jedoch lassen sich von diesem Verbot nicht abhalten, ihrer Lust nachzugehen. In Berlin streichen sie um das Begehrte herum, umrunden es, verweilen und bestaunen es. Ausdruck dieses Verhältnisses ist das Symbol. Die heilige Kuh, die versteckte Sexualität. Wer also meint, die Verhüllung entweihe ein Symbol, dazu noch ein nationales, irrt gewaltig: durch das Berührungsverbot wird es erst zu einem solchen geweiht. Ein solches Symbol ist erotisch zu nennen. Als gemeinsames Objekt der Lust und des Verbotes verbirgt und zeigt es alles.   

    Politisierung: Die öffentliche Reflexion

    Was haben Politisierung und Verhüllung gemeinsam? Wer verhüllt was? Was ist abwesend was anwesend, was sichtbar, was unsichtbar? Wie überschneiden sich die Dialektik der Verhüllung und die Politisierung der Verhüllung? Ist die Verhüllung selbst politisch - oder ist die Politisierung verhüllend? Wo ist der 0rt der Ironie? Will die Politik die Kunst verhüllen, die Kunst die Politik verpacken?   

    Es scheint, als habe die Politisierung mit der Verhüllung zu tun   

    Auf die Dialektik von Erfahrung und Wissen reagiert die Thematisierung des Symbols.   

    Fünfzig Jahre nach Kriegsende, 42 Jahre nach dem Arbeiteraufstand und am ehemaligen "Tag der Deutschen Einheit" tritt die Verhüllung in den öffentlichen Diskurs ein- Die politische Sphäre, in der sie thematisiert wird, bringt die Dialektik der Verhüllung erneut in Gang. Der Ort wird verschoben, das Objekt bleibt identisch. Der Diskurs der Poltitik und der Öffentlichkeit tritt selbst in die Dialektik ein. Die Reflexion der Verhüllung, nunmehr Objekt der Kommunikation geworden, tritt selbst auf als Verhüllung. Diejenigen, die nur den reflexiven Anteil, die Geschichte kennen, belegen die Lust der ästhetischen Erfahrung mit Verboten. Die Verhüllung darf nicht gesehen, nicht berührt werden. Befürchtet wird eine Verschiebung, befürchtet wird die Ironie der Verhüllung, immer einen Teil ihrer Dialektik zu verbergen, um nur das andere Moment sichtbar zu machen. Diejenigen, die nur die Lust der Erfahrung betonen, tabuisieren das Wissen und begehen denselben Fehler. Deshalb hat der politische Diskurs die Tendenz inne, die Verhüllung zu verpacken. Ein Moment soll verschwinden.  
    Der Selbsverständigungsdiskurs einer Nation jedoch, will er nicht in eine traute Heimeligkeit einer verschworenen Gemeinschaft zurückfallen, muß beide Seiten der Verhüllung zu ihrem Recht kommen lassen. Indem die Diskussion den Verweis auf den ästhetischen Augenblick, die private Erfahrung, verbirgt, bringt sie Wissen hervor. Durch die Thematisierung des Gegenstandes der Verhüllung als nationales Symbol, ist es ihr überhaupt erst möglich, die Verhüllung als Symbol zu konstituieren. Das Argument, nach dem ein Gegenstand vor seiner Verhüllung per Tradition ein Unantastbares sei, ist falsch. Erst durch die vernünftige Thematisierung kann einem Gegenstand, der noch nicht Gegenstand der Berührungslust war, widerfahren, zum Symbol zu werden, und das heißt zu einem der Berührungslust auferlegten Verbot. Ein Gegenstand ist niemals an sich Symbol, sondem er wird zu einem solchen gemacht, wie ihm auch die Symbolhaftigkeit durch die öffentliche Thematisierung wieder genommen werden kann. Deshalb läßt die öffentliche Kommunikation beide Optionen offen. Der Selbstverständigungsdiskurs läßt die Option offen, ob revisionistische Lesarten der Geschichte folgen, ob die Symbolsprechung siegt, oder ob ein selbstkritischer Umgang mit der eigenen Geschichte, die dort verborgen und zugleich hervorkommt, weitergeführt wird.  
    Wir werden entscheiden.   

    Auf die Dialektik von Verhüllung und Verpackung reagiert die Thematisierung der Ökonomie.  
    Die Ironie der Verhüllung ist offensichtlich: das Moment, welches in der Dialektik jeweils unsichtbar wird, um das andere sichtbar zu machen, läßt eine Unsicherheit zurück, die an der Ernsthaftigkeit zweifeln läßt. Die Reflexion über die Geschichte des bestimmten Gegenstandes läßt keine eindeutigen Interpretationen zu.  
    Dem Vorwurf der bloß ökonomisch-rationalisierten Form der Verhüllung, der Vorwurf der Verpackung also, kann die Verhüllung begegnen. Eine Verhüllung ist keine Verpackung eines reproduzierbaren Produktes. Denn sie scheint einzigartig. Zwei Wochen lang spielt sie ihr Spiel - und vernichtet sich wie von selbst. Die Verhüllung verliert dadurch ihren affirmativen Charakter. Die mehrdeutige Reflexion wird durch das Ende der Verhüllung zerstört. Zum Vorschein wird ein vorher der öffentlichen Diskussion zugänglich gemachter neuer Gegenstand treten, der die Verhüllung verliert, und wieder einer eindeutigen Sinnzusprechung zugeführt werden könnte,   

    Man wird aufatmen, nach diesen zwei Wochen.   

    Der ästhetischen Erfahrung beraubt, zur Geschichte geworden, wird wieder Ruhe einkehren. Und doch bleibt die Erinnerung - und damit die Möglichkeit einer Berliner Republik, und nicht die einer deutschen Nation.