Die Quintessenz nachmetaphysischer Bioethik

 

Anmerkungen zu Jürgen Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur  

 

 von Bernd Goebel 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2003) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/bioethik.htm

Jürgen Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 2001, 125 Seiten.  

Zwischen der Skylla des fürchterlichen „szientistischen Naturalismus“ und der Charybdis obsoleter „metaphysischer oder religiöser“ Hintergrundannahmen lotst der neue Philosoph der Politischen Korrektheit das Flagschiff der Gesellschaft deutscher Intellektueller in die ruhige See der fast uneingeschränkten Bestätigung ihrer moralischen Intuitionen, d.h. Vor-Urteile. Daraus, dass sich nicht alle Bürger unserer Republik auf eine einheitliche „Beschreibung des moralischen Status frühen menschlichen Lebens“ einigen können, schließt Habermas ohne weiteres, dass eine solche niemals weltanschaulich neutral, sondern immer nur „weltanschaulich imprägniert“ sein könne (58-61)  – eine unerklärliche Regression in die viel kritisierte Ur-Konsenstheorie der Wahrheit vor ihrer Teilrevision in „Wahrheit und Rechtfertigung“. Was somit eine „christliche Metaphysik“ – die beiden Begriffe scheinen für Habermas untrennbar verbunden – nicht darf und was auch der Naturalismus, die Wissenschaftsreligion unserer Zeit, nicht kann, weil es angeblich überhaupt niemand vermag, das traut er sich dennoch wie selbstverständlich zu. Überall in diesem zu einem kleinen Buch gestalteten Aufsatz redet Habermas nämlich, ganz offensichtlich mit dem Anspruch weltanschaulicher Neutralität, vom moralischen Status des frühen menschlichen Lebens: „Natürlich haben wir ihm gegenüber moralische und rechtliche Pflichten um seiner selbst willen.“ (67) Gleichwohl sei das menschliche Leben vor der Geburt ein bloß „vorpersonales“, weil erst „der gesellschaftlich individuierte Akt der Aufnahme in den öffentlichen Interaktionszusammenhang einer intersubjektiv geteilten Lebenswelt“, erst die „Lösung aus der Symbiose mit der Mutter“ oder gar erst die Symmetrie der Beziehungen zu anderen Menschen den Menschen zur Person werden lasse und Menschenwürde im vollen Sinne konstituiere (62-65). Nicht etwa die Menschenwürde des Embryos als einer Person werde durch die neuen Technologien bedroht, sondern die „Würde des menschlichen Lebens“. Wer daraufhin um die Menschenwürde beispielsweise von Komatösen fürchtet, weil diese aus der „Öffentlichkeit einer Sprachgemeins[c]haft“ herausfallen, mache sich indes ganz grundlos Sorgen (Anm. 40).

  Da nun die Würde des vorpersonalen menschlichen Lebens nicht an die Würde des personalen menschlichen Lebens heranreiche, dürfen wir, so Habermas, mit ersterem manches Unschöne machen, was wir mit letzterem niemals machen dürften. Aber wie weit eigentlich reicht die Schutzwürdigkeit des vorperso­nalen menschlichen Lebens? So weit in etwa, wie dies der durchschnittliche „ZEIT“-Leser (der Essay enthält u.a. 15 Zeitungsreferenzen und ein Zitat aus dem Artikel „Die Entwicklung sozialen Urteilens bei jugendlichen Magersüchtigen“ von Tilmann Habermas) immer schon spürte, in seinem „Abscheu vor etwas Obszönen“ (72), vor etwas, das „den Ton zu verfehlen“ scheint (116), wenn es dem vorpersonalen Leben nicht nur ein wenig, sondern ganz gewaltig an den noch nicht vorhandenen Kragen zu gehen droht. Denn irgendwie scheine es uns dabei letztlich selbst an den Kragen zu gehen. Das ist die „gattungsethische Einbettung der Moral“ (70) und Quintessenz der „nachmetaphysischen Antwort“ auf die Frage, wie wir mit vorpersonalem menschlichen Leben umgehen sollen. Wer hier auf die scheinbar naheliegende Idee kommt, diese Überlegungen könnten auch für die rechtliche Regelung des Schwangerschafts­abbruchs bedeutsam sein, irre sich gewaltig; denn im Kontext der Gentechnik stellten die „aus der Abtreibungsdebatte bekannten Argumente (...) die Weichen falsch.“ (45) Wie ist das zu verstehen? Offensichtlich glaubt Habermas, das Anstößige bei der „Vernutzung“ menschlicher Embryonen sowie bei deren genetischer Manipulation sei gar nicht die Tötung menschlichen Lebens im „vorpersonalen“ Stadium; sondern eine verobjektivierende Tendenz, die solchen Handlungen (aber nicht in gleichem Maße dem Schwangerschaftsabbruch) innewohnt und die menschliche Natur, also die ganze Gattung Mensch und damit auch uns Subjekte selbst betrifft.

  Bemerkenswerterweise geht Habermas, indem er das entscheidende gattungsethische Argument ins Spiel bringt, sowohl über einen bloßen Intuitionismus als auch über das frühe diskursethische Konsensmodell hinaus und bemüht sich, unsere „schwer entwirrbaren Intuitionen“ nicht nur, wie er sagt, „etwas durchsichtiger zu machen“ (44), sondern durchaus auch zu rechtfertigen. Er will sie als begründet erweisen. Ist das nun, oder ist es nicht, der Versuch einer „weltanschaulich neutralen“ Klärung des moralischen Status frühen menschlichen Lebens? Offenbar ja, wenn auch nur ein sehr skizzenhafter, der jeglichen Verweis auf die Vielzahl an differenzierten ethischen Lösungsversuchen von anderer Seite vermeidet und selbst die schwerwiegendsten Gegenargumente souverän ignoriert. Zwar wird das moralische „Argument, dass der Embryo ‚von Anfang an’ Menschenwürde und absoluten Lebensschutz genießt“, kurz angesprochen. Doch es „schneidet die Diskussion ab“ (55). Die Vision einer genetischen Verbesserung der menschlichen Natur weist Habermas im wesentlichen mit Argumenten von Hans Jonas und Hannah Arendt überzeugend zurück (80-114). Aber auch hier muss wie überall auffallen, dass die anthropologischen und ontologischen Schlüsselbegriffe: Person, Mensch, Gattung, Gattungsidentität, menschliche Natur (letzterer sogar im Buchtitel), ohne die auch ein vermeintlich nachmetaphysischer Ansatz nicht auskommt, völlig oder doch weitgehend ungeklärt bleiben.

  Karl Popper, der Leib-und-Magen-Philosoph großer Politiker der letzten Generation, besaß einst die erstaunliche Fähigkeit, die allseits beliebte Auffassung, dass es keine unwiderlegbare Erkenntnis gibt, mit einem unerschütterlichen Glauben an den Erkenntnisfortschritt zu verbinden. Heute dürfen wir bei Jürgen Habermas, dem Vorzeigephilosophen der Berliner Republik, die nicht weniger erstaunliche Fähigkeit bewundern, den begründungsschweren Humanismus unserer christlich-abendländischen Tradition, von allem ontologischen, geistesphilosophischen, essenzialistischen und naturrechtlichen Ballast befreit, in ein nachmetaphysisches Zeitalter hinüber zu retten: mittels Konsens und common sense, durch eine Art zur Norm erhobenem intellektuellen Knigge, leicht bekömmlich wieder aufbereitet. Als ob wir oder auch nur unsere Intellektuellen alle dieselben moralischen Intuitionen hätten. Ist das wirklich die beste Antwort auf den verhassten Posthumanismus „einer Handvoll ausgeflippter Intellektueller“ (43), allen voran Peter Sloterdijk? Ist das überhaupt eine mögliche Antwort? Woher beziehen diese moralischen Normen über den faktischen Konsens hinaus – sofern es ihn überhaupt gibt – ihre Geltung? Setzt auch „Gattungsidentität“ einen Konsens voraus?  Warum, so fragt sich, hält Habermas mit doktrinärer Hartnäckigkeit an seinem nachmetaphysischen Dogma fest, wo sonst überall auf der Welt Philosophen, vor allem die englischsprachigen, längst wieder ganz unbefangen von Metaphysik reden, von Ontologie und von Philosophie des Geistes, und den Dingen endlich wieder auf den Grund gehen – man denke nur an die subtilen Diskussionen über den Personenbegriff und Theorien personaler Identität, die mit keinem Wort erwähnt werden? Für das Thema des Buches wären sie indes hoch relevant gewesen. Fazit: Mit „Die Zukunft der menschlichen Natur“ hat Jürgen Habermas einen Essay geschrieben, der manchen Deutschen zwar gut schlafen, der die drängenden ethischen Fragen der Humangenetik aber weitgehend ungeklärt lässt.  

 

Zum Autor:

Studium der Philosophie, Theologie, Geschichte und Religionswissenschaften in Fulda, Würzburg, Oxford, Bonn und Paris (ENS), Promotion in Paris (EPHE) und Bonn, Lehraufträge in Lille, Hildesheim, Fulda, Gastprofessur in Paris (EPHE); Gastprofessor für Philosophie und Theologie an der University of Notre Dame, Indiana (USA), Fellow des Erasmus Institute, Notre Dame. Buchveröffentlichungen: Rectitudo. Wahrheit und Freiheit bei Anselm von Canterbury (Münster 2001); als Mitherausgeber: Nachhaltigkeit in der Ökologie. Wege in eine zukunftsfähige Welt (München 2001), Eine moralische Politik? (Würzburg 2001), Gentechnologie und die Zukunft der Menschenwürde (Münster 2003).