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Man "denkt die Vernunft in das Phänomen hinein."

 Kollegnachschriften erhellen den frühen Fichte: Bemerkenswertes zur geometrischen Methode in der Philosophie, Theorie und Praxis sowie der Intersubjektivitätslehre.

 von Florian Ehrensperger
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2002) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/fichte.htm

Johann Gottlieb Fichte: Kollegnachschriften 1794-1799. J. G. Fichte-Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Reihe IV, Band 3. Herausgegeben von Erich Fuchs, Reinhard Lauth, Ives Radrizzani, Peter K. Schneider und Günter Zöller unter Mitwirkung von Heinrich Fauteck † und Hans Georg von Manz. Stuttgart-Bad Cannstatt 2000. 594 Seiten. Euro 267,92

 

Mit dem dritten Band der Nachschriften von Johann Gottlieb Fichtes Vorlesungen erscheint nach über zwanzig Jahren ein neuer Band in der Reihe IV (Kollegnachschriften) der Münchener Akademie-Ausgabe [weiterhin abgekürzt zu GA] von Fichtes Werken. 1977 war die Reihe mit den Nachschriften aus den Jahren 1796-1798 eröffnet worden, 1978 folgte der zweite Band für den Zeitraum 1796-1804. Der nun vorliegende dritte Band umfaßt den Zeitraum 1794-1799, verläßt somit die chronologische Ordnung der Reihe und wird deshalb von den Herausgebern als Ergänzungsband verstanden. Neu aufgefundene Manuskripte hatten ein solches Vorgehen notwendig gemacht.

Es sind vor allem drei Nachschriften, die neben den anderen, teilweise fragmentarischen Aufzeichnungen (1) besondere Beachtung verdienen. Dies sind die Nachschrift der "Züricher Vorlesungen über den Begriff der Wissenschaftslehre", die Nachschrift der "Vorlesung zur Metapysik und Logik" zu Platners Philosophischen Aphorismen sowie eine Nachschrift der "Wissenschaftslehre nova methodo". Letztere hat den größten Umfang und dürfte das meiste Interesse erregen, wenngleich der Text bereits seit 1982 als Studienausgabe vorliegt. (2)

Fichte hatte 1794 einen Ruf an die Universität in Jena erhalten, wo er die Nachfolge Karl Leonhard Reinholds antreten sollte. Als "Einladungs- bzw. Programmschrift" (so die Beurteilung der Herausgeber der Akademie-Ausgabe in: GA I, 2; S. 93) für seine geplante Vorlesung hatte Fichte in der Mitte desselben Jahres für die Studenten in Jena vorab Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie publiziert. Diese Schrift enthält in nuce sein philosophisches Programm: Philosophie als Wissenschaft der Wissenschaft in systematischer Form. Im Frühjahr 1794 weilte Fichte noch in Zürich, wo er nun über jenen Begriff der Wissenschaftslehre im kleinen Kreise vortrug. Unter ihnen der Züricher Pfarrer Johann Kaspar Lavater, von dem diese nun edierten Aufzeichnungen (3) stammen.

Philosophie ist nach Fichte nicht länger das Streben nach Weisheit und Wissenschaft, sondern diese Wissenschaft selbst: "Philosophie wäre die Wissenschaft an sich, die Wissenschaft von der Wissenschaft überhaupt – oder die Wissenschaftslehre." (S. 22) (4) Anders als die Bemühungen Reinholds, der Kantischen Philosophie ein Fundament und systematische Form durch Explizierung von Tatsachen zu verleihen, geht Fichte von einer alle Tatsachen begründenden Tathandlung aus: "Die allgemeine Wissenschaftslehre enthält die Thathandlung, welche allen übrigen Thatsachen zum Grunde liegt." (S. 24) In der bekannten Formulierung der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre beschreibt Fichte diese Tathandlung mit den Worten: "Ich bin Ich" (GA I, 2; S. 259). Das Bewußtsein (von Gegenständen) oder das Wissen überhaupt muß allererst (von) sich selbst wissen. Ein Bewußtsein ohne unmittelbares Bewußtsein von sich selbst wäre kein Bewußtsein. Das Wissen weiß ursprünglich, so Fichtes Analyse, unmittelbar und unhintergehbar von sich selbst: Ich bin Ich. Jeder Subjekt-Objekt-Spaltung, die für das Wissen oder Bewußtsein konstitutiv ist, geht ein unmittelbares Wissen voraus, indem Subjekt und Objekt zusammenfallen, diese ein und dasselbe sind. Der Fichtesche Grundsatz drückt damit aus, daß Wissen von etwas stets auch Wissen von sich selbst ist: "Der Grundsatz der Wissenschaftslehre würde seyn die höchste Bedingung alles Wissens, ohne dessen Voraussetzung gar kein Wissen möglich wäre." (S. 29) Aus dieser Einsicht läßt sich nach Fichte das gesamte System des Wissens explizieren, was er in der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre ausführlich durchführt. In der Begriffsschrift nun geht es Fichte dagegen vielmehr darum, diese Konzeption vorzustellen. Erhellend wirken dabei die Beziehungen, die er zu anderen Konzeptionen des (besonderen) Wissens in der "Züricher Vorlesung" herstellt. Abweichend von der publizierten Fassung des Begriffes der Wissenschaftslehre stellt Fichte der Wissenschaftslehre nicht nur die Logik, sondern auch die Geometrie gegenüber. Anders als beispielsweise die Logik, die es nur mit der Form des Verstandes (seiner Beziehung auf Gegenstände überhaupt) zu tun hat, hat die Geometrie den Vorteil, daß sie sich ihres Verfahrens und ineins des Produktes dieses Verfahrens durch Konstruktion gewiß ist, d.h. Materie und Form evident gesichert werden können. In Hinsicht auf diese Konzeption schreibt Fichte: "Kant hat der Geometrie den ausschliessenden Besitz der Demonstration zugestanden, weil sie ihre Begriffe konstruieren könne, welches die Wissenschaftslehre nicht vermöge. Alle seine Nachfolger sagten dasselben. Alle Skeptiker, Maimon besonders haben daraus Folgerungen gezogen gegen die Philosophie und ihre Würde." (S. 32 f.) Salomon Maimons Kant-Kritik besteht eben darin aufzuzeigen, daß wegen dieses Sachverhaltes die Philosophie in Beziehung auf Systematizität und Wissenschaftlichkeit hinter der Mathematik notwendig zurückbleiben müsse. 1790 führt Maimon in seinem Versuch über die Transzendentalphilosophie aus: "Die Mathematik bestimmt ihre Gegenstände völlig a priori, durch Konstruktion; folglich bringt darin das Denkungsvermögen sowohl die Form, als die Materie seines Denkens aus sich selbst heraus. So ist es aber nicht mit der Philosophie beschaffen: in derselben bringt der Verstand bloß die Form seines Denkens aus sich selbst heraus; die Objekte aber, worauf diese angewandt werden soll, müssen ihm von irgend anders woher gegeben werden." (5) Maimon, den Fichte stets mit großer Wertschätzung erwähnt, zieht daraus einen skeptischen Schluß: Da Objekte der Erfahrung (Materie) heterogen zu den Gesetzen des Verstandes (Form) sind, bleibt eine Beziehung beider (in der Kantischen Philosophie) unausgewiesen. Maimon plädiert deshalb in seinen frühen Schriften für einen rationellen Dogmatismus, der die rationalistische Konzeption eines unendlichen Verstandes wieder einführt, in dem ursprünglich Form und Materie vereinigt gedacht werden. Ohne diese Hypothese bleibt für Maimon unerklärlich, wie beide Elemente der Erkenntnis (in ihrer Heterogenität) aufeinander bezogen werden können. Auf der anderen Seite sieht er sich zu einem empirischen Skeptizismus genötigt, da für endliche Vernunftwesen eine solche Beziehung von Materie und Form (in der Philosophie, in der Physik, in der Erfahrung) stets uneinholbar bleiben muß. Nur die Mathematik vermag eine solche Beziehung evident darzustellen. Fichte, der von der Durchschlagskraft der Maimonschen Kant-Kritik überzeugt ist, zieht andere Konsequenzen für die Philosophie: "Warum ist die Demonstration wahr? Warum ist dasjenige, was sich aus einer ursprünglich konstruirten reinen Anschauung (Anschauung à priori) nachweisen läßt, gewiß in ihr enthalten? oder: warum kann es eine richtige Demonstration geben? Darum weil ich es im Konstruieren, durch die freye Selbstthätigkeit meiner Einbildungskraft erst hineingelegt habe; [...] allso kraft meiner eigenen Handlung." (S. 35) Die Reflexion auf die unhintergehbare Evidenz der Geometrie ist für Fichte der Anstoß für eine Erweiterung dieser Methode: Nur eine eigene Handlung kann das Produkt der Erfahrung hervorgebracht haben. Dieses Produkt ist freilich weder das Produkt des empirischen Ichs (meiner besonderen Individualität) noch das eines unendlichen Verstandes, sondern eine Leistung des allgemeinen Bewußtseins (oder transzendentalen Ichs), das allem besonderen (individuellen) Bewußtsein vorhergeht und dieses erst (als deren transzendentale Bedingung) ermöglicht. Als Wissenschaftslehrer zeigt Fichte diese ursprünglichen Leistungen des Geistes auf, er rekonstruiert sie: "Wir sind als Philosophen nicht die Gesetzgeber des menschlichen Geistes, sondern nur seine Geschichtsschreiber." (S. 38) Die Methode der Wissenschaftslehre beschreibt er sehr anschaulich: "Die Wissenschaftslehre ist nicht bloß die arithmetische Regel, sie ist die Rechnung selbst" (S. 41) Was diese Nachschrift also vor der gedruckten Fassung auszeichnet, ist seine Reflexion auf das Verhältnis der Wissenschaftslehre zur Mathematik, was ein erhellendes Licht auf Fichtes frühe Konzeption der Philosophie zu werfen vermag.

Fichtes Ausführungen zu diesen programmatischen Ankündigungen hatte er 1794 in der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre vorgelegt. Dieser Text gilt nicht zu Unrecht als einer der schwierigsten in der Geschichte der philosophischen Literatur. Nicht nur Fichte selbst war mit dieser Darstellung, wie weiter unten noch ausgeführt werden wird, unzufrieden. Seine Studenten in Jena hatten sich einen faßlicheren, vor allem an traditioneller Darstellungsweise angelehnten Vortrag erbeten. So entschloß sich Fichte, um den "besondern Bedürfniße[n] der Studierenden" (zit. nach: GA II, 4; S. 22) zu entsprechen, eine "Propädevtik der gesammten Philosophie" (ebd.) als "eine Art von Einleitung in die transscendentale Philosophie" (ebd.) zu liefern. Diese Darstellung lehnt sich an das seiner Zeit als Standardwerk akzeptierte "Ernst Platners Philosophische Aphorismen nebst einigen Anleitungen zur philosophischen Geschichte" an. Ein Grund für Fichtes Entscheidung, auf Platner zurückzugreifen, mag der Umstand gewesen sein, daß Fichte Platner in seiner Studienzeit selbst gehört hatte. Es war darüber hinaus allgemeine Gewohnheit der Zeit, ein Collegium über Metaphysik und Logik zu lesen, wobei man gerne auf das Buch von Platner zurückgriff. Diese Vorlesung hielt Fichte nun seit dem Wintersemester 1794/95 bis zum Wintersemester 1798/99, dem Ende seines Jena-Aufenthaltes. Insgesamt hat sich Fichte in elf Vorlesungen auf Platner bezogen, in Jena sowie noch in Berlin (Winter 1801/02 sowie Spätherbst und Winter 1812). Der Band II, 4 der Akademie-Ausgabe gibt hierzu sämtliche Aufzeichnungen Fichtes aus dem Nachlaß zu den Platner-Vorlesungen wider, Band II, 4 S präsentiert zur parallelen Lektüre den ersten Teil von "Ernst Platners Philosophische Aphorismen nebst einigen Anleitungen zur philosophischen Geschichte" in der Ausgabe von 1793, auf den Fichte stets referiert. Mit diesen Materialien ergibt sich die einmalige Gelegenheit, Fichtes Auseinandersetzung mit der Philosophie Platners zu beobachten sowie ihm auf seinem Weg in die Transzendentalphilosophie zu folgen. Der vorliegende Band enthält nun zwei Nachschriften dieser Vorlesungen, eine aus dem Wintersemester 1796/97 und eine aus dem Jahre 1798. Die erste Nachschrift ist wegen seines geringen Umfangs jedoch weniger beachtenswert als die zweite: Diese bringt die Nachschrift von Benjamin Carl Henrik Höijer in der schwedischen Urfassung und en regard die deutsche Übersetzung. Höijer unternahm im Sommer 1798 eine Deutschlandreise und hatte bei dieser Gelegenheit Fichte in Jena gehört.

Fichte hat sich in seinen Platner-Vorlesungen im Aufbau stets an die Paragraphenordnung Platners gehalten. Dies macht diese Vorlesungen Fichtes sowohl zum Nachschlagen als auch zur Durchsicht und intensiven systematischen Lektüre geeignet. Bei Bedarf lassen sich verschiedene Begriffe bei Platner aufsuchen, um dann zu Fichtes eigenen Ausführung überzugehen. Allerdings sind auch die Aufzeichnungen Höijers nicht vollständig, sie behandeln nur die §§ 649 bis 1050. (6)

Fichte erneuert in jenen Jahren den Vorwurf an Maimon, den wir bereits oben kennengelernt haben. Er unterbreitet seine genetische Methode, die sich, an Maimon anschließend und über diesen hinausgehend, gegen Kant wendet. (7) Nach Fichte muß alles, was in das Bewußtsein eintritt, von diesem selbst ursprünglich produziert oder genetisiert sein. Wiederum an die Maimonsche Kant-Kritik sich anschließend führt Fichte aus: "[W]enn man die Formen und die reine Anschauung als a priori vorkommen läßt, kann man zwar die Mathematik erklären, denn in dieser Wissenschaft habe [ich] ein Objekt, das [ich] selbst hervorgebracht habe, und zwar nach denselben Gesetzen, nach denen [ich] in der Wissenschaft verfahre. Aber damit [ist] das Objektive oder die Metaphysik oder Seyn nicht erklärt; das ist nach der kritischen Philosophie unmöglich; denn da muß [ich] einen Stoff haben, Materie, die auf nichts anderes als ihren Grund zurückgeführt werden kann, als auf Dinge an sich. Nun ist es unmöglich, daß ich [es] kann, zumindest daß [ich] dadurch Gewißheit bekomme, Wissenschaft, Erkenntnis von diesen Objekten, die nicht nach meinen Denkgesetzen hervorgebracht [sind], (denn wie könnten [sie] als solche in meinem Bewußtsein [sein]? Da müßten [sie] notwendig in bloße Vorstellungen übergehen, oder auch nicht objektiv sein.) Aber ich selbst bringe auch diese Objekte hervor; sie sind auch a priori. Ich erhalte keine Stoff von außen; [er] muß [in] meinem Bewußtsein gefunden werden, in der Anschauung. Dies folgt aus der kritischen Philosophie und ihrem kritischen Idealismus." (S. 218)

Es sind somit die Variationen bekannter Einsichten aus anderen Schriften Fichtes, die eine Lektüre dieser Kollegnachschriften so anregend machen. So liest man beispielsweise in der "Appelation an das Publikum" von 1799 die bekannten Worte: "Unsere Welt ist das versinnlichte Materiale unsrer Pflicht; dies ist das eigentlich Reelle in den Dingen, der wahre Grund aller Erscheinungen." (GA I, 5; S. 430) In einer Variation aus seinen Vorlesungen findet sich in diesem Band hierzu: "Worin liegt denn die Notwendigkeit der Sinnenwelt, was liegt unter diesem Schein? Darunter, dahinter ist nichts anderes als moralische Notwendigkeit. Das Sinnliche ist nichts anderes als ein Widerschein des moralischen Weltplans. Die Notwendigkeit ist bloß moralisch, bloß eine Erinnerung an Pflicht." (S. 302)

Die letzte Abteilung des Bandes macht eine Nachschrift der "Vorlesungen über die Wissenschaftslehre, gehalten zu Jena im Winter 1798-1799" aus. Diese Nachschrift von Karl Christian Friedrich Krause gibt eine Fassung der Wissenschaftslehre nova methodo wider: eine Präsentation der Wissenschaftslehre nach neuer Methode. Wie bereits oben dargelegt, war Fichte mit der Darstellung der Grundlage bald nicht mehr zufrieden. In einem Brief an Reinhold im Jahre 1797 bezeichnet er die Grundlage als "äußerst unvollkommen" (GA III, 3; S. 57) und bemängelt die "sehr unreife Darstellung" (ebd., S. 69) Methodisch war Fichte in der Grundlage derart vorgegangen, daß er seinen Ausgang vom theoretischen Bewußtsein (bei den formalen Denkgesetzen der Logik) nahm, um von dort aus zu den Möglichkeitsbedingungen desselben aufzusteigen. In den Worten Helmut Girndts "beginnt die Lehre auf der vergleichsweise niederen Ebene unbestreitbarer apriorischer Gegebenheiten. Von diesen gedanklich aufsteigend gelangt sie zum Gipfel des höchsten und unbedingten Prinzips. Der zweite Teil und Abstieg vom Gipfel absoluter Erkenntnis besteht in einer Phänomenologie oder Erscheinungslehre, d.h. in einer Begründung der phänomenalen Strukturen des Bewußtseins aus dem zuvor gewonnenen Prinzip." (8) In dieser Darstellungsweise war Fichte der traditionellen Darstellung gefolgt, die theoretisches und praktisches Bewußtsein in zwei nacheinanderfolgenden Abteilungen abhandelt. Anders in der neuen Darstellung: "In seinen Vorlesungen [Fichte über sich selbst; F. E.] findet aber die bisher gewöhnliche Abteilung der Philosophie in theoretische und praktische nicht statt. Sondern er trägt Philosophie überhaupt vor, theoretische und praktische vereinigt, fängt nach einem weit natürlicheren Gange vom praktischen an, oder zieht da, wo es zur Deutlichkeit beiträgt, das praktische ins theoretische herüber, um aus jenem dieses zu erkläre." (zit. nach: GA I/4, 173 f.) In der Wissenschaftslehre nova methodo nimmt Fichte den Ausgang vom Faktum des theoretischen und praktischen Ich als eine ursprüngliche Einheit: "Philosophie geht aus von dem Factum, wir sind uns selbst bewußt, welches nicht kann u. nicht braucht bewiesen zu werden" (GA IV, 2; S. 18) Dieses Faktum sieht Fichte nicht rein theoretisch (im Vorstellungsvermögen), sondern praktisch in der Freiheit oder dem reinen Willen als dem Letztgrund des Bewußtseins: "Der Begriff der Thätigkeit braucht nicht erklärt zu werden, wir sind uns derselben unmittelbar bewust, sie besteht in einem Anschauen". (S. 345) Der Begriff der Tätigkeit kann nach Fichte nicht vermittelt werden, er ist jedem vernünftigen Wesen ursprünglich einsichtig, ja "der einzige unmittelbare Begriff ist der der Thätigkeit." (S. 355) In diesem sieht Fichte nicht nur den "höchste[n] Grund, und die erste Bedingung alles Seins und alles Bewußtseins." (S. 363), sondern auch: "praktisches Vermögen und Intelligenz ist unzertrennlich." (S. 366) Fichte verdeutlicht dieses Verhältnis daran, daß es für den Willen notwendig ist, Zweckbegriffe zu entwerfen (ohne Zweckbegriffe kein Wollen - das Wollen muß stets ein Objekt des Wollens entwerfen). Auf der anderen Seite kann es auch die Theorie nur für ein praktisches Wesen geben: "Alle Vorstellungen gehen aus vom Denken des Wollens." (S. 424) Aus dieser Einsicht entspringt Fichte der Ursprung des Bewußtseins: "Aus diesem reinen Begriffe [eines reinen Willens] läßt sich ableiten und muß abgeleitet werden das gesamte Bewustsein." (S. 447)

Daran knüpft Fichte weitere Reflexionen. Er untersucht die Implikationen des ursprünglich theoretisch-praktischen Bewußtseins und stößt dabei auf die Erkenntnis, daß das Bewußtsein nicht aus sich selbst heraus erklärt werden kann, sondern als konstitutives Element ein weiteres Bewußtsein angesetzt werden muß: "Die erste Vorstellung die ich haben kann ist die Aufforderung meiner als Individuum zu einem freien Wollen." (S. 468) Daraus wird Fichte seine Theorie der Interpersonalität entwickeln. Er hatte in einem Brief an Schelling verkündet: Es mangelt der ersten Darstellung zwar nicht an den Prinzipien, "wohl aber fehlt es ihr an Vollendung; die höchste Synthesis nemlich ist noch nicht gemacht, die Synthesis der GeisterWelt". (GA III, 5 ; S. 45) (9) Diese Synthesis versucht er nun in der nova methodo zu liefern. Endlichkeit (Individualität) als Konstitutivum der Erscheinung der Vernunft ist nach Fichte nur zu erklären, wenn an das Ich ursprünglich eine Aufforderung gerichtet ist, sich selbst zu beschränken, d.h. andere Freiheit (eines Vernunftwesens außer ihm) anzuerkennen sowie sich selbst zu einer bestimmten Handlung zu bestimmen (beschränken): "Diese Aufgabe sich selbst zu beschränken ist von einer andern Seite angesehene Aufforderung zu einer freien Thätigkeit" (S. 469) Mit einer solchen Konzeption gelingt es Fichte, den Solipsismus zu durch- und in Richtung einer transzendentalen Interpersonalität aufzubrechen. Dadurch kann Fichte die ursprüngliche praktisch-theoretische Duplizität des Ich in Wechselwirkung mit anderen endlichen Vernunftwesen erklären: "Meine Individualität geht heraus aus der Maße der ganzen Vernunft[;] daraus geht wieder hervor eine That in einem Momente, diese Individualität erscheint als Aufforderung zum freien Handeln, die Individualität wird mir gegeben eben durch diese Aufforderung." (S. 470 f.)

Es bleibt darauf hinzuweisen, daß sich die wechselseitige Beziehung der Geister nach Fichte nicht unmittelbar vollzieht. Wie im System der Transzendentalphilosophie überhaupt aufgezeigt wird, entsteht die objektive Welt allererst durch ein Übertragen und Projizieren des erkennenden Subjekts – gemäß der ihm eigenen Gesetze. Die objektive Welt der anderen Personen, die Geisterwelt, ist dabei in gewisser Weise eine subjektive Investition, eine Unterstellung meines eigenen Willens. Ich unterstelle Vernünftigkeit, oder, anders gesprochen, ich glaube daran. Es handelt sich dabei stets um eine Leistung des Subjekts, für den der eigene Wille konstitutiv ist. Fichte schreibt hierzu: "bei mir gehe [ich] von dem Begriffe der Freiheit aus und gehe auf die einzelne freie Handlung über. Hier aber dem W[esen]. auser mir, steige ich von einer erschienenen Handlung auf zu einer Ursache derselben, auf die ich bloß schließe, die ich nicht empfinden kan. Ich bin derjenige der seinem Zweckentwerfen unmittelbar bei<wohn>t[,] der sich selbst Noumen ist, und dann erst auf sinnliche Erscheinungen fortgeht, Du bist der mir nicht als Noumen sondern als Erscheinung vorkommt. Meiner Vernunft bin ich mir unmittelbar bewust, und schließe nicht bloß auf sie; aber [auf] Vernunft auser mir schließe ich nur." (S. 513) Eine Formulierung Fichtes beschreibt dieses Verfahren mit treffenden Worten: "<man> denkt die Vernunft in das Phänomen hinein." (S. 515)

Abschließend läßt sich noch in editorischer Hinsicht sagen: Daß der Band nach über zwanzig Jahren und außerhalb der chronologischen Ordnung erscheint, kann den Herausgebern aus verständlichen Gründen nicht negativ angerechnet werden. Der vorliegende Band stellt vielmehr eine willkommene Ergänzung zu Fichtes eigenen Aufzeichnungen (seien sie zu seinen Lebzeiten oder posthum erschienen) sowie zu den bisher publizierten Nachschriften dar. Man darf auf weitere Funde der Herausgeber hoffen.

 

 

(1) Es finden sich außerdem noch ein "Exzerpt aus den Züricher Vorlesungen über Wissenschaftslehre" (Nachschrift Baggesen) und die "Philosophische Wissenschaft des Rechts" (Nachschrift Lossius). (zurück)

(2) Der Text war 1980 von Erich Fuchs aufgefunden und erstmals veröffentlicht worden: Hamburg 1982, 2. verbesserte Auflage Hamburg 1994. (zurück)

(3) Auch dieser Text war bereits von Erich Fuchs herausgegeben worden: J. G. Fichte Züricher Vorlesungen über den Begriff der Wissenschaftslehre Februar 1794. Nachschrift Lavater. Neuried 1996. (zurück)

(4) Seitenangaben in Klammern ohne weitere Kürzel verweisen auf den besprochenen Band. (zurück)

(5) Salomon Maimon: Versuch über die Transccendentalphilosophie. Berlin 1790, S. 2 f. (zurück)

(6) Im Band GA IV, 1 findet sich die umfangreichste Nachschrift von Karl Christian Friedrich Krause und einem Unbekannten, S. 169-450. (zurück)

(7) Daran erinnert beispielweise Gilles Deleuze: "Les postkantiens, notamment Maimon et Fichte, adressaient à Kant une objection fondamentale: Kant aurait ignoré les exigences d`une méthode génétique." (Gilles Deleuze: L `idée de Genèse dans l`Esthétique de Kant. In: Revue d`Esthétique 16:2, 1963, S. 120 f.) (zurück)

(8) Helmut Girndt: Die Nova Methodo zwischen der Grundlage von 1794 und der Wissenschaftslehre von 1804. In: Fichte-Studien 16, Amsterdam – Atlanta, GA 1999, S. 59. (zurück)

(9) Vgl. hierzu: Ives Radrizzani: Vers la Fondation de l`Intersubjectivité chez Fichte. Des Principes à la nova methodo. Paris 1993. (zurück)