Strategien des Vergessens  

Eine Aufsatzsammlung zu Gedächtnismedien im Computerzeitalter 

 

 von Georg Holzer
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2000) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/gedächtnismedien.htm

METAMORPHOSEN. Gedächtnismedien im Computerzeitalter. Hg. von Götz-Lothar Darsow in Zusammenarbeit mit dem Sprengel-Museum Hannover und der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik e.V. frommann-holzboog: ästhetik 1. Stuttgart-Bad Cannstatt 2000. 251 Seiten. 48.- DM.

 

"Die sogenannte digitale Revolution hat mit der Bereitstellung schier unendlicher Speicherkapazitäten begonnen, überlieferte Vorstellungen von Gedächtnis und Erinnerung zu revidieren." Die Stoßrichtung des Sammelbandes "Metamorphosen. Gedächtnismedien im Computerzeitalter", der auf ein Hannoveraner Symposion im Jahr 1997 zurück geht, scheint von diesem ersten Satz an klar zu sein: Es gibt etwas, das sich "digitale Revolution" nennt und sich anschickt, unser Gedächtnis, das individuelle wie das kollektive, tief greifend zu verändern. Zöge sich die Eindeutigkeit dieses ersten Satzes durch das gesamte Buch, so müsste es ein weiterer Beitrag zu einer Medienphilosophie bleiben, die in sich überschlagenden Zukunftsvisionen versucht, das beschriebene Medium an Geschwindigkeit zu überholen, worin sie freilich immer das Nachsehen haben muss. Doch die Autoren sind sich der Tatsache bewusst, dass das beschriebene Medium schneller ist als die Zeit zwischen der Niederschrift und der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Untersuchung, und so gehen sie beinahe durchweg klug, kritisch und oft originell an die Fragestellung heran im Versuch, Gedanken zu entwickeln, die grundsätzlich genug sind, um auch vor einer veränderten Realität noch Bestand zu haben. Schon der Titel "Metamorphosen", der zunächst wie ein Allgemeinplatz wirkt, erweist sich bald als gute Wahl: Im Gegensatz zu verdienstvollen Gedächtnisforschern wie Harald Weinrich, der den Computer als nach der Erfindung der Schrift zweiten Großangriff auf das menschliche Gedächtnis versteht, begreifen die Autoren die sich potenzierende Menge digitaler Daten eben nicht als "Revolution", sondern als Verwandlung und als Wechsel von Ausdrucksmöglichkeiten, die weder einen klaren Bruch noch eine eindeutige Fortsetzung bisheriger Gedächtnispraktiken bedeutet. Ein medialer Paradigmawechsel, wie er konstatiert wird, ist freilich unbestreitbar, aber bedeutet er auch einen Paradigmawechsel in unserer Einstellung zur Erinnerung? Hartmut Böhme beruhigt gleich zu Anfang die Gemüter. In seinem Bemühen, das "Alte im Neuen" aufzuspüren, dämpft er die Angst, den Anschluss an die medialen Umbrüche unserer Zeit zu verlieren: Das Computerzeitalter ist von einer Zunahme der Geschwindigkeit von Innovationen gekennzeichnet, doch jede grundlegende Veränderung wurde zu jeder Zeit als Akzeleration verstanden; hierin unterscheiden wir uns nicht von unseren Vorfahren. An der relativ hohen Geschwindigkeit der Entwicklung im Computerbereich werden uns, so der Tenor von Böhmes Aufsatz, Veränderungen im Bereich des menschlichen Wissens deutlich, die schon lange vor unserer Zeit begonnen haben. Die Idee des Universalgelehrten, der als einzelne Person alles menschliche Wissen in sich vereinigen konnte, endete spätestens mit dem Beginn des enzyklopädischen Zeitalters in der Mitte des 18. Jahrhunderts; bereits damals wurde die Vorherrschaft von Erfahrungswissen, Bildung und Tradition gebrochen zu Gunsten von Navigationsvermögen und Adaptionskunst: Man muss nichts mehr wissen, aber man muss wissen, wo man es finden kann. Die Entwicklung des Internets, das eine unendliche Vielzahl von Informationen verfügbar macht, aber schon bei der Eingabe eines vergleichsweise speziellen Begriffs in eine Suchmaschine Tausende von Fundorten zu Tage fördert, illustriert diese Problematik nur besonders deutlich; existent war sie schon vorher. Bildung besteht nicht mehr in einem Anhäufen von Informationen durch das Gedächtnis, sondern in einem Selektionsvermögen, das "Zonen des Vergessens" und "Wissenruinen" zurücklässt. Die "Transhumanität der Wissens- und Techniksysteme" ist weit älter als das Internet, doch das Netz rückt sie uns deutlicher ins Bewusstsein.

Damit ist ein Thema angesprochen, das in diesem Band keine beherrschende Stellung einnimmt, aber immer wieder an entscheidenden Stellen ins Spiel gebracht wird, nämlich die notwendige Gegenreaktion auf die Unbegrenztheit der Speichermedien, das planvolle Vergessen und die zielgerichtete Vernichtung von Gedächtnismaterial. Aleida Assmann sieht in der Fähigkeit zum Vergessen den entscheidenden Vorsprung des menschlichen Geistes gegenüber den elektronischen Gehirnen. Hans Ulrich Reck, der sich am Schluss des Bandes ausführlich mit dem Computer als Archiv auseinander setzt, formuliert die Aufgabe des Archivars neu: "Die eigentliche Aufgabe des heutigen Archivars (ist) nicht mehr die Pflege von Sammlungen, sondern die Ausarbeitung von Gesichtspunkten und Strategien ihrer wohlüberlegten, gewiß partiellen, jedoch ebenso sicher irreversiblen Zerstörung." Was für die Archive gilt, wird am Beispiel der sozusagen präsentierten Archive, der Museen, noch deutlicher. Stefan Grohé warnt gerade davor, Museen als Archive misszuverstehen; in diesem Fall wären sie tatsächlich überflüssig und durch Bildersammlungen im Netz sinnvoll zu ersetzen. Doch das Museum ist das Ergebnis einer Selektionsleistung und muss als solches verstanden und geschätzt werden. Im Zusammenhang mit der Bedeutung des Museums weist Oliver Grau auch auf die Intensität einer sinnlichen Präsenz des Kunstwerks im Museum hin und unterstreicht die Wichtigkeit von Authentizität: Die Präsenz der Werke im virtuellen Raum schafft zwar Möglichkeiten für einen spielerischen und interaktiven Umgang mit den Werken, opfert aber mit der stofflichen Erfahrbarkeit die Qualität des Gedächtnismediums Werk. Neben der Ausscheidung von Gedächtnisinhalten als Schutz vor Überflutung spielt noch eine weitere wichtige Frage eine Rolle, nämlich die nach der Verfügbarkeit der neuen Medien. Böte das Internet durch den leichten Zugriff nicht die Chance einer totalen Demokratisierung und Dezentralisierung des kollektiven Gedächtnisses, ließe sich so nicht das nach Halbwachs beherrschende Kollektive Gedächtnis einzelner gesellschaftlicher Gruppen unterlaufen? Diejenigen unter den Autoren, die dieses Problem anschneiden, lassen sich vom wenig durchdachten Internet-Optimismus nicht anstecken. Die Zugriffschancen auf die Informationen im Netz sind nicht anders verteilt als die auf kulturelle Güter allgemein; noch lange wird es Kulturen und gesellschaftliche Gruppen geben, die nicht vom medialen Wandel berührt sind, weil ihnen der Zugang zu den neuen Medien verwehrt bleibt. Auch in der schönen neuen Welt des weltweiten Netzes werden sich, so Hans Ulrich Reck, "die alten Organisationsmodelle der Kultur - hierarchische Verteilung von kulturellem Prestige und ökonomischer Kompetenz, v.a. aber Urheberrecht und Persönlichkeitsschutz" als "unüberwindlich erweisen". Ganz abgesehen davon, dass die Möglichkeiten der öffentlichen Meinungsbildung und der Beeinflussung des kollektiven Gedächtnisses sich in Grenzen halten dürften, wenn man bedenkt, wie vereinzelt Informationen angesichts des unüberschaubaren Angebots wahrgenommen werden, daeben nicht, wie bei den konventionellen Informationsmedien, eine Selektion vorausgegangen ist. Davon, dass das Internet nach wie vor vor allem für den Zugriff auf Pornografie benutzt wird, ganz zu schweigen.

Dem Herausgeber Götz-Lothar Darsow und dem beteiligten Sprengel-Museum Hannover ist mit "Metamorphosen" ein äußerlich wie inhaltlich sehr erfreulicher Band gelungen, der Beiträge vereinigt, die sich wohltuend von der Diskussionskultur des deutschen Feuilletons abheben, wo man die neuen Medien meist entweder enthusiastisch begrüßt oder sie kulturpessimistisch verteufelt. Die Aufsätze des Bandes könnten, so weit man das in der gegenwärtigen Akzeleration von Innovationen eben voraussehen kann, länger Bestand haben als manche technische Neuerung, weil sie in ihrer Mehrzahl eine durchdachte und kritische, aber selten eindimensionale Position einnehmen. Freilich gibt es Beiträge auf unterschiedlichem Niveau: Hannes Böhringers "Goldstücke" sind wenig mehr als ein mythologisches Namedropping, Karlheinz Barcks "Passé vécu" ein kluger Text, der nur leider nichts mit neuen Medien zu tun hat, ebenso wie Jean-Christophe Ammanns "Museum als Zeitspeicher", in dem er einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema gut zusammenfasst, aber nichts Neues bietet. Einen sehr originellen Beitrag hat Peter Matussek verfasst: Er vergleicht den Computer und seine Benutzeroberfläche mit dem Gedächtnistheater des Renaissancegelehrten Giulio Camillo Delminio.

Die Autoren haben ein Wagnis auf sich genommen: Sie haben für einen Band, der auf die denkbar herkömmlichste Weise ediert und von Druckmaschinen vervielfältigt wird, das Rennen mit der sich ständig wandelnden Realität des Internet aufgenommen. Wie lange wir dieses Buch noch mit Gewinn zur Hand nehmen, wird sich an den nächsten Kilometersteinen der Datenautobahn erweisen, doch vieles spricht dafür, dass es noch lange nicht zu spät sein wird, das Buch zu lesen.