Die Aktualität Schillers - Wege aus der Legitimationskrise der Kunst. 

Rezension zu M.W. Roche: Die Moral der Kunst. Über Literatur und Ethik.

 von Bernd Goebel
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2002) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/goebel.htm

Mark William Roche: Die Moral der Kunst. Über Literatur und Ethik. Deutsch von Andreas Wirthensohn. München (C.H. Beck) 2002, Reihe “Ethik im technischen Zeitalter”, 224 S.

Es gibt Traditionen des Denkens, die verschwinden, weil sie als widerlegt angesehen werden, nachdem sie tatsächlich widerlegt worden sind. Andere Denkrichtungen hingegen verschwinden lediglich deswegen, weil sie nicht mehr dem Lebensgefühl einer Epoche entsprechen, weil niemand mehr die Fragen stellt, auf die sie Antworten zu geben beanspruchen, und weil sie daraufhin nicht nur als obsolet, sondern oft sogar als widerlegt gelten, obwohl von einer Widerlegung durchaus keine Rede sein kann. Dann mag sich ihre Wiederbelebung, allem Vorurteil zum Trotz, als äußerst fruchtbar erweisen – zumal wenn die unterdrückten Fragen eigentlich unausweichliche sind. In diesem Sinne bemerkt etwa der Literat und Literaturkritiker Botho Strauß: “Alles, was heute ans Transzendente und Theologische rührt, verabscheut unsere kritische Spaßintelligenz. (…) Diese [transzendente Gestimmtheit] ist gegenwärtig kaum noch mitteilbar. Ich bezweifle, daß das auf die Dauer so bleiben wird.” (Die Zeit, 23/2000)

Das vorliegende Werk scheint diesen Zweifel zu bestätigen. Trotz aller Zurückweisung des Idealismus als einer unwiederbringlich verflossenen Denkform wie bei Hans Blumenberg, und ungeachtet der so unbeirrten Bestimmung unseres Zeitalters als eines “nachmetaphysischen” etwa bei Jürgen Habermas, entnimmt der Verf., Autor einer vielbeachteten Studie über das Drama im Lichte der Hegelschen Philosophie (Tragedy and Comedy. A Systematic Study and a Critique of Hegel, Albany 1998), seine ästhetischen Kategorien ausdrücklich einer idealistischen, nämlich “objektiv-idealistischen” Position (15-19). In seiner moralischen Perspektive auf die Literatur und Literaturwissenschaft versteht sich Roche dabei besonders in der Nachfolge Schillers stehend: “Derjenige idealistische Denker, der den moralischen Wert von Literatur nachdrücklicher als jeder andere propagierte, war Schiller.” (18) Weil die Ästhetik des Kantianers Schiller aber allzu formal bleibt und darüber hinaus die Entwicklungen der Moderne selbstredend noch nicht reflektiert, muss diese nicht nur durch den Hegelschen Ansatz ergänzt, sondern auch überhaupt weitergeführt werden: “Schiller kann für die Gegenwart von Wert sein, aber wir können keine Schillerianer sein.” (ebd.) Zwar hat die moderne Trinität von Technik, Wissenschaft und Kapitalismus den Niedergang des Idealismus befördert, indem sie den Sinn für das nicht zu Machende, das nicht zu Objektivierende und das in sich Wertvolle schwächte; doch führte dieselbe Entwicklung auch zur Legitimationskrise der Literatur und Literaturwissenschaften. Diese kann nur im Rekurs auf ihre idealistische Vergangenheit bewältigt werden: durch den Aufweis nämlich ihrer moralischen Bedeutung, d.h. insbesondere ihres Vermögens, die moralische Krise des technischen Zeitalters zu überwinden. “Ein Ziel des vorliegenden Buches liegt darin zu zeigen, daß Kunst auf vielen Ebenen in bislang unbekannter Weise auf die positiven wie nega­tiven Aspekte der Technik antworten kann.” (11) Die moralische Krise des technischen Zeitalters besteht in einer Vielzahl anthropologischer Verwerfungen; die verhängnisvollste von ihnen ist in den Augen des Verf. zweifellos eine verfehlte Sicht unseres Verhältnisses zur nicht-menschlichen Natur. Durch sie hat der homo faber die ökologischen Krise der Gegenwart herauf­be­schworen. Sie nimmt in dieser Studie einen prominenten Platz ein.

Roches “moralische Rechtfertigung von Literatur und Literaturwissenschaft” (8) kann an den seit Mitte der achtziger Jahre zu beobachtenden moral turn der Literaturwissenschaften anknüpfen (vgl. etwa G. Hoffmann/A. Hornung (Hg.): Ethics and Esthetics: The Moral Turn of Postmodernism, Heidelberg 1996). Durch die explizite Verortung in einer objektiv-idealistischen Position mit ihrem anspruchsvollen Vernunftbegriff und der damit einhergehenden Normativität reicht dieses Unternehmen aber zugleich weit über die allermeisten bisherigen Versuche einer Vermittlung von Literatur und Ethik in der neueren Literaturwissenschaft hinaus. Schon die Lektüre der ersten Seiten macht deutlich: Dies ist ein ebenso ungewöhnliches wie mutiges Buch, das zu einer Reform der Literaturwissenschaften aufruft und der Literatur selbst neue Impulse geben will. Es ist ein programmatischer und richtungsweisender Text, der an Kritik nicht spart und dem Kritik nicht erspart bleiben wird. Darin kommt er mit der vieldiskutierten Streitschrift Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. Transzendentalpragmatik, Letztbegründung, Ethik (München 31997) überein, in der Vittorio Hösle – von dem der Verfasser nicht unwesentlich beeinflusst ist – gleichfalls eine Erneuerung der objektiv-idealistischen Position anstrebt.

Roche wendet sich zunächst der Frage zu, inwiefern literarische Tätigkeit eine moralische Bedeutung annehmen kann. Nicht Mimesis sei das Eigentümliche der Kunst, sondern vielmehr die Sichtbarmachung des Ideal­typischen einerseits und das Evozieren einer höheren, idealen Wirklichkeit andererseits. Von dieser Wesensbestimmung der Kunst wird gesagt, Aristoteles habe sie gegen Platon entwickelt; letzterem zufolge ahmt “der Dichter nicht eine ursprüngliche Form oder Idee nach, sondern deren Manifestation in der Welt” (20), schafft also nur das Abbild eines Abbildes. Der Verf. verweist dabei auf Erwin Panofskys Studie Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie aus dem Jahre 1924. Demgegenüber hat die neuere Platonforschung jedoch herausgearbeitet, dass es neben einem pejorativen auch einen eminent positiven Sinn der platonischen Mimesis gibt: durch paradigmatische Nachahmung, nicht der sinnenfälligen Abbilder, sondern der Vorbilder aus der Welt des Intelligiblen – des Schönen, Gerechten, Guten usw. – macht der Dichter die Seele des Rezipienten für das Intelligible aufnahmefähig (vgl. z.B. Stefan Büttner: Die Literaturtheorie bei Platon und ihre anthropologische Begründung, Tübingen-Basel 2000). – Darüber hinaus vermag ein Kunstwerk die “Implikationen unserer ethischen Handlungen” (24) auszuloten, moralische Probleme zu antizipieren und die kollektive Identität in Krisenzeiten zu stärken. Aufgrund ihrer Sinnlichkeit ist die Kunst in der Lage, zu moralischen Handlungen zu motivieren, was der begrifflichen Sprache der Philosophie versagt bleibt. Es geht darum, “Kant durch die Erkenntnis zu ergänzen, daß ästhetische Erfahrung zu ethischem Handeln motiviert” (28). Hier macht sich der Verf. das Schillerschen Anliegen zu eigen, und zwar ausdrücklich gegen Platon (für den die höchste Schönheit frei von Sinnlichkeit ist) und Hegel (der die Philosophie der Kunst überordent, weil sie frei von Gefühlen ist). Dem mag man durchaus zustimmen wollen; es zeigt sich hier jedoch, dass Roche einen gewissen idealistischen Eklektizismus praktiziert, hat er doch eben noch die “ideale” Wirklichkeit im Sinne des platonischen Eidos herangezogen, und geht er im nächsten Schritt daran, das Kunstwerk als ein im Hegelschen Sinne organisches Ganzes zu präsentieren. Eine Vermittlung der verschiedenen Idealismen in einer etwas eingehenderen Erörterung der Grundfragen der Ästhetik wäre von daher vielleicht angebracht gewesen. Typisch nachidealistisch hingegen ist die Herausstellung der Rolle des Hässlichen in der Ästhetik, ist die moderne Faszination des Bösen. Der Idealist Roche integriert diese Wirklichkeitsdimensionen in seine Kunsttheorie, indem er zeigt, auf welche Weise diese vom Künstler transformiert und in dialektischer Manier sogar zur Darstellung einer idealen Welt eingesetzt werden können (36-38).

Der These von der moralischen Bedeutung der Kunst entspricht der Vorrang einer Ästhetik des Kunstwerks: der bewertenden Analyse seiner Form, seines Inhaltes sowie des Verhältnisses von Form und Inhalt. Produktionsästhetik und Rezeptionsästhetik sind der Ästhetik des Kunstwerks nachgeordnet; denn die “Bedeutung eines Kunstwerks hängt von der Qualität seiner Idee und seiner Form ab, nicht davon, daß es von jemandem geschaffen wurde, der zu einer bestimmten Zeit lebte oder einen spezifischen Hintergrund vorzuweisen hat” (41). Die moderne und zeitgenössische Vernachlässigung einer Ästhetik des Kunstwerks führte zu einem kriterienlosen, ausgehöhlten Kunstbegriff; Kunst und Kunstwissenschaft wurden tendenziell zu Teilgebieten der Soziologie. Hier wie auch sonst geht der Verf. mit der gegenwärtigen Kunst- und Literaturwissenschaft überaus hart ins Gericht: Ein Übermaß an Theorie “auf Kosten des Studiums großer literarischer Werke” (45) hat das existentielle Interesse an Literatur erstickt; statt aus den literarischen Werken Lehren für das eigene Leben zu ziehen, statt von ihnen zu lernen, lernen wir fast nur noch über sie. Wer aber “Literatur lehrt, sollte dazu in der Lage sein, sowohl die Wertschätzung von Literatur als Literatur wie die Bedeutung literarischer Texte für unser Weltverständnis und unsere charakterliche Entwicklung zu vermitteln.” (48) Der wahre Philologe “betrachtet sein Unterfangen als Lebensweise und nicht als bloße Erwerbsquelle. (…) Im Gegensatz zu solch kraftvoller Intensität stoßen wir jedoch häufig auf wahre Arbeitstiere, die ganze Bände mit positivistischer Information oder ideologischer Kritik füllen, aber Literatur nicht wirklich lieben.” (ebd.) Eine existentielle Auseinandersetzung mit der Literatur sei heute in der Philosophie und Theologie verbreiteter als in der Philologie – Roche verweist unter anderem auf die Versuche von Martha Nussbaum (Poetic Justice. The Literary Imagination and Public Life, Boston 1995) und Dietmar Mieth (Epik und Ethik. Eine theologisch-ethische Interpretation der Josephromane Thomas Manns, Tübingen 1976). Zudem fehle es den Studien vieler Literaturwissenschaftler, die lediglich “für eine Handvoll Eingeweihter” schreiben (46), an Verständlichkeit. Dieses Urteil kann der Verf. aussprechen, da er selbst einen ausgesprochen klaren Stil pflegt und seine Gedanken an Deutlichkeit nichts missen lassen; dem Übersetzer ist es gelungen, diese Transparenz zu bewahren. Wo Roche mehrere Argumente aufeinander folgen lässt, hat er diese überall nummeriert. Eine Fülle von Beispielen aus der Weltliteratur verhindert zudem, dass seine Überlegungen abstrakt bleiben. Sie weisen den Verf. – der an einer amerikanischen Universität German studies und Philosophie lehrt – auch als Komparatisten aus, der in allen Gattungen zu Hause ist. Das Buch hat er seinen Studenten gewidmet; wiederholt nimmt er sein Fach aus deren Perspektive in den Blick.

“Literaturwissenschaft heute – eine Einschätzung”, so lautet der Titel des anregenden vierten Kapitels dieser Studie. Behandelt werden das sozialgeschichtliche Paradigma, der Formalismus, die Culture Studies sowie der dekonstruktivistische Ansatz. Obgleich sich der Verf. aufgrund seiner Option für eine moralische Betrachtung der Literatur mit keiner der heute vorherrschenden Richtungen identifizieren kann, beschränkt er sich doch nicht darauf, nur deren Versäumnisse offenzulegen. In Leibnizscher Ausge­wogenheit erkennt seine Kritik vielmehr in einer jeden von ihnen auch ein Wahrheitsmoment – im Falle der Culture Studies etwa werden nicht weniger als sieben verschiedene Vorzüge dieser Herangehensweise unterschieden. Diese hebt er so weit wie möglich in seinem eigenen Modell auf und benennt daraufhin folgende Merkmale einer guten Literaturwissenschaft (74): die Beschäftigung mit wirklich bedeutsamen Werken; der Vorrang einer Ästhetik des Kunstwerks; die normative Dimension; das Ineinander von Wissenschaftlichkeit und existentiellem Interesse; die Wahl einer angemessenen Methode; Verständlichkeit und Widerspruchsfreiheit; sowie Originalität auf der Höhe der Forschung. Ein vorwiegend deskriptives, wenn auch keineswegs wertungsfreies Kapitel behandelt darauf die “Ästhetik im technischen Zeitalter” (75-111). Detail-, beispiel- und kenntnisreich wird beschrieben, wie die Einführung neuerer und neuester Techniken, etwa der Photographie oder des Computers, und deren Folgen die Kunst verändert haben. Dies geschieht jeweils gesondert aus Sicht der Produktionsästhetik, der Ästhetik des Kunstwerks und der Rezeptionsästhetik. Der Grundton dieses Überblicks ist der einer kritischen und problembewussten, aber zuversichtlichen Aufgeschlossenheit, wie sie sich wohl für einen amerikanischen Hegelianer ziemt. Roche bezieht sich dabei unter anderem auf Gedanken von Benjamin, Gehlen, Simmel und McLuhan, nicht jedoch auf die im deutschen Sprachraum recht einflussreiche Kulturkritik des technischen Zeitalters bei Günther Anders, vielleicht weil sie nicht zu seinem Geschichtsoptimismus passt.

Welchen Stellenwert besitzt Literatur im technischen Zeitalter? Dieser Frage wendet sich der Verf. anschließend zu. Es gelingt ihm zu zeigen, dass die Literatur eine Art moralisches Antidotum darzustellen vermag, welches den Menschen von zahlreichen der vielfältigen Verzerrungen des technischen Zeitalters therapieren, wenn nicht bewahren kann. Dass Technik in diesem Teil des Buches eindeutig als ein Negativum erscheint, steht freilich in einer gewissen Spannung zum vorhergehenden Abschnitt. Die Deutung bestimmter Entwicklungen als Einseitigkeit, Missverhältnis oder Verlust setzt dabei jeweils stillschweigend ein Ideal voraus, eine Vorstellung von Wesen und Bestimmung des Menschen, der Gesellschaft, der Natur usw. (oder jedenfalls Elemente einer solchen Vorstellung). Durch sein Bewerten wirbt der Verfasser gewissermaßen für diese Ideale. Im technischen Zeit­alter proliferieren die instrumentelle und strategische Vernunft; die Beschäftigung mit Literatur vermittelt dagegen ein Gespür für den Eigenwert einer Person oder einer Sache. Die technische Durchdringung aller Lebensbereiche birgt die Gefahr, dass wir uns in rationale Egoisten verwandeln; die Literatur kann uns angesichts dessen zur Selbstüberschreitung verhelfen, denn sie leitet den modernen Menschen an, sich vom eigenen Selbst ab- und anderen Lebensformen zuzuwenden. Technik verleitet zu einem einseitigen Materialis­mus; die Literatur mit ihren beiden Momenten Wahrheit und Sinnlichkeit setzt “die materielle Sphäre in eine Beziehung zur geistigen” (118). Technik konfrontiert uns mit Monotonie, Disharmonie, Unruhe, Maßlosigkeit, Asymmetrie; wahre Kunst fördert Vielfalt, Harmonie, Ruhe, Maß und Symmetrie. Hierin liegt außerdem eine Möglichkeit, die Entfremdung des Menschen von der Natur, welche die ökologische Krise entstehen ließ, rückgängig zu machen: “Das Organische in der Kunst bildet somit ein Gegengewicht zum mechanischen Paradigma der Technik. Aber es ist noch mehr: Es bildet nicht nur ein Gegenmodell zur Technik, sondern es ist ein Spiegel der Ökosysteme, der organischen und komplexen Strukturen, die durch die Technik bedroht sind.” (122) Die Literatur erschließt umfassende Sinnzusammenhänge, für die uns die Technik blind macht. Hybris und Ohnmacht sind „beherrschende Kategorien des technischen Zeitalters“ (126); die Literatur bietet uns Einblick in die „entgegengesetzten Tugenden des Mutes, der Anerkennung und der Bescheidenheit“ (128). Die unerschöpfliche Bedeutung eines Kunstwerks ist ferner ein Gegenmodell zur Sinnreduktion der Technik. Und schließlich verschafft uns die Begegnung mit der Literatur vergangener Epochen eine wohltuende kritische Distanz gegenüber der eigenen Kultur: „Ältere Literatur zu lesen erinnert uns an Tugenden, die im technischen Zeitalter kaum mehr sichtbar sind, aber gleichwohl nichts von ihrem Wert eingebüßt haben. Die Betonung der instrumentellen Vernunft lässt viele glauben, Anmut sei etwas völlig antiquiertes.“ (137)

Dass Roches Kritik an der gegenwärtigen Literaturwissenschaft bei aller Schärfe durch und durch konstruktiv ist, zeigt sich im folgenden, dem längsten Kapitel seines Buches (140-189). Die Auslegung dreier literarischer Texte, die sich mit Fragen der Technik auseinandersetzen, stellt sicherlich einen Höhepunkt dieser Studie dar. In der Interpretation von Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter, Gottfried Benns Gedicht Verlorenes Ich und Friedrich Dürrenmatts „Komödie“ Die Physiker setzt der Verf. seine am Ende des vierten Kapitels formulierten Prinzipien in die literaturwissen­schaft­liche Praxis um. Diese Auslegungen sind – in seltener Verbindung – sowohl klassisch-gediegen als auch verständlich, lebendig und engagiert. Sie sind geistesgeschichtlich informiert, treffsicher im Urteil und perspektivenreich. Und sie sind originell – sei es durch das Aufzeigen einer bislang übersehenen Lesart des Verlore­nen Ichs, sei es durch den Aufweis der Mehrdeutigkeit der Physiker und folglich der Vereinbarkeit rivalisierender Deutungen, sei es durch die Korrektur etablierter Interpretationen des Schimmelreiters.

Damit scheint das Buch zu seinem krönenden Abschluss gekommen zu sein. Doch es folgt noch ein kurzer Essay über „Literatur im Kontext von Technik und Ethik“, der sich an den ethischen Positionen Hans Jonas‘, Karl-Otto Apels und Vittorio Hösles orientiert. Dieser enthält zwar wichtige Einsichten, wirft aber auch eine ganze Reihe neuer Fragen auf und wäre wohl besser im sechsten Kapitel aufgehoben gewesen. Überhaupt sind Architektur und Dramaturgie des Werkes nicht überall auf Anhieb nachzuvollziehen; der Methodenwechsel zwischen den einzelnen Kapiteln hätte einer Erläuterung bedurft. Und sosehr man dem Verf. dankbar sein muss, dass er uns so nachdrücklich auf die ethische Herausforderung der ökologischen Krise aufmerksam macht, so hätten doch auch andere technikinduzierte Probleme wie die sozialen und kulturellen Folgen der Globalisierung oder Fragen der Medizin und Gentechnologie zumindest eine Erwähnung verdient: denn auch anhand dieser Probleme kann die moralische Bedeutung der Literatur aufgewiesen werden. Was im übrigen den (Unter-)Titel des Werkes betrifft, so wäre zu überlegen, ob man ihn in künftigen Auflagen nicht wie folgt ergänzt: Die Moral der Kunst. Über Literatur und Ethik im technischen Zeitalter. Obwohl sich damit einige Ansatzpunkte der Kritik bie­ten, so ist bei diesem Durchgang doch klar geworden: Dieses außergewöhnliche Buch, mit dem der klassizistische Revolutionär Roche einer (mit Benn gesprochen) zerdachten Literaturwissenschaft den Weg aus der Krise weist, ist ein wichtiges und notwendiges Buch. Es bleibt zu hoffen, dass die hier verteidigten Prinzipien der Interpretation Schule machen.

 

Zum Autor:

Studium der Philosophie, Theologie, Geschichte und Religionswissenschaften in Fulda, Würzburg, Oxford, Bonn und Paris (ENS), Promotion in Paris (EPHE) und Bonn, Lehraufträge in Lille, Hildesheim, Fulda, Gastprofessur in Paris (EPHE); Gastprofessor für Philosophie und Theologie an der University of Notre Dame, Indiana (USA), Fellow des Erasmus Institute, Notre Dame. Buchveröffentlichungen u.a.: Rectitudo. Wahrheit und Freiheit bei Anselm von Canterbury (Münster 2001).