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„Ankünftigkeit des Lebens" ?

Die Phänomenologie wird metaphysisch

 

von Christian Lotz
 

 
  


 

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Rolf Kühn: Husserls Begriff der Passivität. Zur Kritik der passiven Synthesis in der Genetischen Phänomenologie. Freiburg, Alber Verlag 1998, 590 Seiten, 118 DM

Die vorliegende Abhandlung von Rolf Kühn ist im mehrfachen Sinne als „erstaunlich" zu bezeichnen. Auf nicht weniger als 600 Seiten wird eine Gesamtdarstellung der späten Lehre Edmund Husserls gewagt. Im Kern geht es Kühn um den Zusammenhang von Leib, Empfindung (hylé), Trieb, Instinkt, (Horizont)Intentionalität, Zeit und Assoziation, um den das Denken Husserls im Versuch, immer kleinere Schichten der Weltkonstitution freizulegen, kreist. Der Autor greift dabei primär auf die späten Manuskripte Husserls zurück, insbesondere auf die von Iso Kern herausgegebenen Bände zur Intersubjektivität (Husserliana, Bd. XIII-XV), aber auch auf die Analysen zur passiven Synthesis (Husserliana, Bd. XI). Was zunächst als großangelegter und bestaunenswerter Versuch erscheint, alle Aspekte der „Genetischen Phänomenologie" samt ihrer bisherigen Rezeption darzulegen, stellt sich im weiteren für den Leser als zu „großes" Unternehmen heraus. Die gelehrte Studie, die nur den Spezialisten der Husserlschen Phänomenologie zur Lektüre ans Herz gelegt werden kann, ist - vor allen Dingen in den Fußnoten - überfrachtet mit langen Zitaten, was zwar einerseits den Vorteil hat, einen guten Einblick in die Schriften Husserls zu gewähren, andererseits aber den Leseryhthmus empfindlich stört.

Die Studie ist in zwölf Kapitel gegliedert, die durch einen „Anhang" über die Analyse passiver Bewußtseinsleistungen in der nachhusserlschen Phänomenologie abgerundet werden. Kühn beginnt sein Werk im ersten Kapitel („Aufriß passiv-vorprädikativer Konstitution") mit der Einführung des Hauptbegriffes, anhand dessen er seine Kritik der Husserlschen Lehre durchführt, nämlich „Affektion". Gegenüber Husserl möchte Kühn das Phänomen der Affektion, das bei Husserl mit in die Weltkonstitution eingebunden ist, aus dieser herauslösen. Er begreift es stattdessen nicht nur als eine unabhängige Struktur, sondern auch als ein selbstbezügliches Phänomen. Diese Selbstbezüglichkeit wird im folgenden als „Selbstoffenbarung", „Selbsterscheinung", „Selbstaffektion" oder auch „Leben" angesprochen. Nach dem einleitenden Kapitel arbeitet Kühn alle Hauptaspekte der „Genetischen Phänomenologie", die Husserl seit Beginn der 20er Jahre im Sinne einer Herkunftsanalyse der Phänomene einführt, ab. Im zweiten Kapitel („Passives und unendliches ‚Ich‘") thematisiert Kühn die Verbindung des Ich mit der von Husserl immer wieder als unterste Schicht der intentionalen Konstitution angesprochenen „hylé" und versucht, sein eigenes Thema daran zu binden. Der Autor versteht im Anschluß an den französischen Philosophen Michel Henry seine eigene Position als „Lebensphänomenologie", die aufzuzeigen versucht, daß „‘Leben‘ keine irrationale Entität darstellt, sondern die letzte, prinzipielle Erscheinungsphänomenalisierung als absolute[r] Grund oder arché" (59). Dieser Ausgangspunkt wird in immer wieder neuen Anläufen aufgegriffen. Kühn versucht zu zeigen, daß im Ausgang von Husserls Bestimmung der „hylé" die Affektion von der Intentionalität abgekoppelt werden muß, um so eine „radikal-materiale Phänomenologie" (71) zu ermöglichen. Die Empfindung wird im dritten Kapitel („Hyletik und Zeitigung") als eine autonome Struktur vorgestellt, die sich autopoietisch auf sich selbst bezieht. Damit soll eine „Verabschiedung der ‚Weltlichkeit‘" (105) vorbereitet werden. Im vierten Kapitel („Genesis, Synthesis und Reduktion") wird hinter die Empfindung zurückgefragt und letztere als abkünftig interpretiert. Dementgegen führt Kühn eine „Urstiftung" an, „die sich dem Blick der intentionalen Phänomenologie als solcher entzieht" (117). Im fünften Kapitel („Passivität, Assoziation und Motivation") geht Kühn auf Husserls zentrale Begriffe der genetischen Phänomenologie ein, bevor er im sechsten Kapitel („Empfindung und Verschmelzung") wieder auf die Affektion zurückkommt und herauszuarbeiten versucht, daß Husserl eine „Uraffektion von Nicht-Objekten" (235) im Auge gehabt hätte, sie aber schließlich doch verfehlt habe, weil er den gesamten Empfindungsaufbau als Vorstufe der Gegenstandsapperzeption verstehe und nicht „für sich" (249) betrachte. Im achten Kapitel („Passiv-aktive Apperzeption") wird diese Diagnose weiter fortgeführt, indem Kühn nachzuweisen versucht, daß Husserl in seiner Analyse der Intentionalität, verstanden als über selbstgebendes Bewußtsein hinausgehendes Mehrmeinen (Horizont) und als Sinnstruktur, nicht weit genug gehe. „Jeder Horizont", meint Kühn, muß „sich zunächst in seiner lebendig-intentionalen Leistung selbst-affizieren" (267). Das Horizontbewußtsein wird im anschließenden Kapitel („Potentialität und Horizontbewußtsein") näher analysiert, bevor Kühn im zehnten Kapitel („Trieb- und Instinktintentionalität") zu dem Punkt gelangt, an dem Lebensphänomenologie und transzendentale Phänomenologie sich am nächsten kommen. Husserls Versuche, das „Urkind" und das „Erwachen" des Ich zu fassen, koppelt Kühn emphatisch an das „Urphänomen" Leben. Aber auch hier wird Husserl dahingegen kritisiert, daß er die Phänomene nur im Hinblick auf die Logik thematisiere (335) und daher die „absolut-pathische Passivität" (340), die Kühn ausweisen will, nicht sehen konnte. Das elfte Kapitel schließlich („Einfühlung und passive Intersubjektivität") referiert Husserls spätere Lehre von der Intersubjektivitätstheorie. Im letzten Kapitel („Ausblick: Nicht-intentionale Passivität") versucht der Autor das von ihm in den Mittelpunkt gerückte selbstaffizierende Leben als „Ur-Passivität" und als „dessen Ab-grund im Sinne der Selbstgeneration des Lebens aus sich selbst heraus" verständlich zu machen (450).

Ob dieser Versuch einer Verabschiedung des aktiven cogito gelingt, mag zumindest bezweifelt werden. Kühns Zentralfrage - nämlich: „Was also ist diese Kraft in sich, in ihrem immanenten Sichselbst-Ergreifen, bevor sie ‚Anderes‘ - hier primäre Gegenständlichkeiten - mit ihrem Affektionsvermögen ergreift?" (167) - kann man nicht mehr als Kritik an Husserl deuten, sondern als Verabschiedung seiner Grundprinzipien.

Die inhaltliche Grenzscheide zwischen der Lebensphänomenologie und der transzendentalen Phänomenologie Husserls liegt nicht nur in dem hyletischen oder sinnlichen Materialismus der ersteren, sondern auch in dem Anspruch, die passive Konstitution ohne ihre Funktion oder ihren Bezug zur intentionalen Welt zu verstehen. Für Husserl ist die Analyse passiver Bewußtseinsleistungen sowie der „Urkonstitution" von Sinnlichkeit, Zeit, Ich und Leib nur im regressiven Rückgang von der intentionalen Korrelat-Struktur möglich. Alles, was dann vorgefunden wird, hat seinen statischen, aber auch teleologischen und genetischen Platz innerhalb derselben. Es kann niemals als eine autonome, materiale Struktur begriffen werden. So bleibt für Husserl etwa in Ideen I die Empfindung grundsätzlich auf die Intentionalität bezogen. Auch die nicht mehr auf einzelne Sinnesfelder bezogene „hyle" bleibt funktional in der Intentionalität einbehalten. Diesen Fundamentalanspruch der Husserlschen Phänomenologie interpretiert Kühn als „Integrationsgewalt, die gegenüber der Selbstoffenbarung des passiven Empfindens mit Hilfe des Intentionalitätsbegriffes vollzogen wird" (76). Stattdessen soll eine „grundsätzliche Infragestellung des Weltbezuges" (71) erfolgen und alle bewußten Phänomene auf ihre immanent-affektive „Selbsterscheinung" hin betrachtet werden. Es bleibt aber fraglich, ob diese Selbstverdoppelung des als Empfindung aufgefaßten Selbstbewußtseins zum Verständnis - außer der Feststellung, daß es sich um eine Selbstaffektion handelt - etwas beiträgt. Das monoton wiederholte Argument, daß jede affektive Struktur eine „Selbstaffektion" voraussetze, „daß das Bewußtsein sich zunächst selbst offenbaren oder phänomenalisieren muß" (168), läßt im Unklaren, worin die Erweiterung des Verständnishorizontes bestehen soll. Ausgenommen einiger Andeutungen einer sich selbst anstoßenden und darin sich selbst „empfangenden" Bewegung des Lebens, findet man nur wenige substantielle Beschreibungen des geheimnisvollen „Lebens selbst". Um seinen Anspruch einzulösen, hätte Kühn die selbstaffektive Struktur des „Lebens" oder des „Bewußtseins selbst" als eine eigene konstitutive phänomenale Ebene aufweisen und beschreiben müssen. Nach letzterem sucht man vergeblich.

So ist zwar von „pathischem Sich-selbst-erfahren" (170), von einem Leben, das „in sich selbst, und zwar an allen Punkten seines Seins, mit sich identisch ist" und sich daher immer nur „wiederholen" könne (170), von einem „Sich-schon-immer-gegeben-sein" (441), von einer „radikale[n] Passivität als Lebensübereignung" (447) die Rede. Genauere Erläuterungen erspart sich der Autor allerdings. Zuweilen irritiert dabei der religiös-metaphysische Unterton: „Die Passivität", so Kühn, „mit der ich das Leben empfange, damit es mich wie eine unbezwingbare Kraft unlösbar wie gegen mich selbst erdrückt, ist daher als Kraft jene ‚Gabe‘, in der ich mir ‚selbst‘ in meiner selbstaffektiven Passivität gegeben werde" (451). In allen Ansprüchen, die der Autor über die Husserlsche Phänomenologie hinaus äußert, verläßt er deren Horizont und wird spekulativ. Thomas M. Seebohm hat plausibel darauf hingewiesen, daß es eine Grenze der Phänomenologie gibt, die sie nur unter Verlust ihrer Prinzipien überschreiten könne (1). Im Falle einer Überschreitung gelange man zu Theorien Hegels oder Fichtes, die aber selbst nicht mehr als Phänomenologie ausgegeben werden sollten. Obwohl Kühn die entsprechenden Arbeiten Seebohms zitiert, scheint er dessen Warnung vor der phänomenologischen Spekulation nicht beachtet zu haben. Phänomenologische, zur Metaphysik tendierende Spekulation - auch wenn hier zur Entlastung des Autors gesagt werden muß, daß sich Husserl selbst in vielen Manuskripten an deren Grenze bewegt - drückt sich bspw. in den Aussagen Kühns aus, daß die „Potentialität des Lebens" in einem „Sich-selbst-im-Besitz-haben[...]" bestehe (252), daß es eine „Lebensselbstaffektion" (60) gebe, die „keine rein formale Struktur sein [kann], weil sie als Passivität sich-selbst-affizierendes Leben als Letztgrund mitbesagt" (33). Diese Sphäre einer „Urpassivität" ist nach Kühn als „Anfang des Anfangs" (455) nur noch materiell zu denken, weil sie sich selbst empfängt, während sie sich „zeugt" (455). Das nicht-intentionale sich selbst empfindende Bewußtsein „als Uraffektivität im Sinne passiv-leiblich vermögender Fleischlichkeit" (64) und als „Lebensempfang" (56) soll als eine völlig selbstreferentielle, autarke „Selbstphänomenalisierung" (168) gedacht werden. Vom Leser wird verlangt, etwas zu denken - intentional -, das alle intentionalen Grenzen übersteigen soll, weil es nur als pure Immanenz verstehbar sein soll. So meint Kühn: „In der Abweisung jeglicher Beschreibung von außen versetzt sich die lebensphänomenologische (Gegen-)Reduktion in das Innere der je reinsubjektiven Kraft aus der Passsivität des Lebens heraus, um so die Erfahrung einer ‚Welt‘ zu machen, die nicht mehr das distanzierte Korrelat eines Denkens (eines intentionalen Bewußtseins) ist, sondern allein das ‚Korrelat‘ dieses ‚Könnens‘ aus der Kraft des passiv-empfangenen Lebens selbst." (447; kursiv C.L.) Es ist Rez. nicht gelungen, sich in solcherart Beschreibungen der ‚Urpassivität‘, in der dem Lebensphänomenologen Kühn die Worte ausgehen, zurechtzufinden, geschweige sich in sie zu versetzen. An einigen Stellen fragt man sich, warum hier in einer Sprache gesprochen wird, die eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit unmöglich macht. Husserl konzipierte die Phänomenologie als Phänomenologie - und dazu gehörte auch, für einen „Prozeß der Klärung" zu sorgen. Man kann darüber streiten, ob die Lebensphänomenologie von Kühn sich zu sorglos und zu schnell über diesen Anspruch erhebt, „weil das absolut-passive Sichoffenbaren des Lebens", so die These von Kühn, „nicht mehr vom Außer-sich der Welt und deren Seinsstruktur her gedacht werden kann" (446). Wie dieser hermetische Anspruch allerdings verstehbar werden und wie er eingelöst werden kann, läßt der Autor größenteils leider im Dunkeln. Was mit „‘Überbordetsein‘ des Lebens in der eigenen ‚Implosion‘" (455) oder mit der Aussage, daß das Leben „in seiner rein inneren pathischen Selbsterprobung eine Ipseität der je konkreten Affektivität des Sich-Erfreuens des Lebens an seinem Sich-Empfangen als ‚Erleiden‘ gebiert" (453), gemeint ist, bleibt ein Geheimnis.

Wenn schließlich sogar die Differenz von Sprechen und Bedeuten eingeebnet und behauptet wird, die Aussagen der Lebensphänomenologie seien nicht nur als „Passivitäts-sagen" (441), sondern sogar als „Selbst-Sagen dieser Passivität" (458) zu verstehen, bleibt wohl nur der Schluß übrig, daß sich die Passivität des Lebens selber nicht verstanden hat.

 

(1) vgl. insbesondere Thomas M. Seebohm: Intentionalität und passive Synthesis. Gedanken zu einer nichttranszendentalen Konzeption von Intentionalität. In: H.M. Gerlach und Hans Rainer Sepp (Hrsg.): Husserl in Halle. Spurensuche im Anfang der Phänomenologie. Frankfurt/M. 1994, 63-84). [back]