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Per viam veritatis et veracitatis Dei

Descartes als Begründer der Transzendental-
philosophie

 von Florian Ehrensperger
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/lauth.htm

Reinhard Lauth: Descartes` Konzeption des Systems der Philosophie. Quaestiones: Themen und Gestalten der Philosophie 12. Stuttgart-Bad Canstatt 1998. 64 DM. 227 + X Seiten.

 

“Die Entdeckung des Cogito/sum als einzigmöglicher Ausgangsposition wissenschaftlichen Philosophierens durch Descartes stellt innerhalb dieser Geschichte die größte Revolution dar, welche die Philosophie seit ihrem Entstehen erlebt hat. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß durch Descartes die gesamte vorherige Philosophie zu einem Prolog herabgesunken ist [...]” (1). Diese Einschätzung Reinhard Lauths, niedergelegt in einem Aufsatz der sechziger Jahre, gilt in gleichem Maße für die vorliegende Monographie. Für Lauth ist René Descartes der Begründer des neuzeitlichen Philosophierens: Er hat nicht nur als erster die erkenntniskritische Wende vollzogen, sondern sie auch konsequent wie nur wenige nach ihm durchgehalten. Das Resultat der Lauthschen Interpretation ist somit, “daß Descartes transzendentale Erkenntnis – transzendental ante litteram – errungen und der Neuzeit des Philosophierens eröffnet hat.” (2) Den Nachweis versucht er ausführlich in diesem Band zu erbringen, der eine “systematisch-geschlossene Darlegung des Descartes`schen Denkens” in Grundzügen sein will.

Die Transzendentalphilosophie im Lauthschen Verständnis fordert Erkenntnis des Ganzen der Wirklichkeit aus Prinzipien, letztlich aus einem Prinzip. Mit den Worten Fichtes geht Philosohie darauf aus, das “Mannigfaltige durch eine vollständige Ableitung aus dem Einen zu erschöpfen” (3). Ein System dieser Art, das darüber hinaus die Teile untereinander gliedert und bestimmt, wie es Kant in der “Architektonik der reinen Vernunft” fordert, hat Descartes offensichtlich nicht geliefert – trotzdem betitelt Lauth die Untersuchung mit “Descartes` Konzeption des Systems der Philosophie”. Für Lauth steht trotz der fehlenden systematischen Ausführung fest, “daß Descartes bis zu der Idee eines Systems des philosophischen Wissens aus Einem einzigen Prinzip vorgedrungen ist” (4), wenngleich die Sicherheit eines solchen Unterfangens für Descartes letztlich nicht gesichert ist. Jedoch das Ideal, “daß ein System aus Einem höchsten Prinzip” (5) zu erstellen sei, habe Descartes bereits vertreten.

Zwei grundlegende Klärungen eröffnen die ungewohnt transzendentale Interpretation Descartes`. Lauth weist nach, daß Descartes das grundlegende Verhältnis Prinzip – Prinzipiat nicht ausschließlich als Implikations- bzw. Grund-Folge-Verhältnis auffaßt (wie z.B. Spinoza), sondern neben Ursache und Wirkung noch “Initiation (eines freien Verfahrens)” (6), also Aufforderung und Stellungnahme in Freiheit, kennt. Damit steht für Lauth fest, daß Descartes grundsätzlich die praktische Relevanz erkannt und philosophisch eingeholt hat.

Darüber hinaus legt Lauth großen Wert auf folgenden Sachverhalt: “Das Ich ist res cogitans, aber als solche nicht eine reale Sache, die unter anderem auch denkt und die auch wäre, wenn sie nicht denkt.” (7) Er wendet sich also gegen die unterstellte Dinglichkeit des Ich und betont dessen Aktcharakter. Entgegen der landläufigen realistischen Interpretation des Descartesschen Ansatzes ist für Lauth das cogito Tathandlung, nicht Tatsache oder Substanz. Erst diese Vorbemerkungen schließen Descartes überhaupt zu einer transzendentalen Sichtweise auf.

Nach dieser einleitenden Klarstellung stellt Lauth eine Tafel ursprünglicher Notionen bei Descartes auf. Cartesische Notionen sind nach Lauth “erste Bestimmungen des Vorstellens” (8), also begrifflich und anschaulich gefaßte Erkenntnis. Nach Descartes sind diese nicht nur von Natur aus im menschlichen Geist, sie sind uns auch in intuitiver Weise klar.

Mit der Tafel systematisiert Lauth die sich im Gesamtwerk verstreut findenden Ausführungen und Notizen zu den ursprünglichen Notionen. Er unterscheidet hierbei mit Descartes formale, materiale und metaphysische Notionen. Besondere Beachtung finden dabei “Sein erschließende Notionen” (9), da das Descartessche Konzept der Philosophie nach Lauth “grundlegend auf die Sicherung von Existenz-Aussagen ausgerichtet” (10) ist.

Erkenntnis dieser Art ist für Descartes von einem transzendentalen Wahrheitsbegriff bestimmt: “Was im (transzendental verstandenen) Wahrheitsbegriff gefordert ist, [ist] die Evidenz der Einheit von Erkenntnis und Sein” (11). Dieser Anspruch der evidenten Einsicht führt Descartes bekanntlich zur Abweisung der empirischen Erkenntnis im Traumargument. Neben der aposteriorischen Erkenntnis, die kontingent und nicht selbstrechtfertigend ist, weist Descartes darüber hinaus notwendige apriorische Erkenntnis mit dem Argument des genius malignus ab: Die Gesetzlichkeit eines Verfahrens ist kein ausreichendes Wahrheitskriterium, da der menschliche Geist durch einen allmächtigen Betrügergott immer dann getäuscht sein könnte, wenn er evidente Erkenntnis in Gesetzmäßigkeiten erlangt zu haben glaubt. Zu verstehen, daß etwas notwendig der Fall ist, heißt eben nicht, zu wissen, warum – mit welchem Rechtsgrund – etwas geschieht. Durch diesen reduktiven Gang zielt Descartes allein auf in absolute Evidenz gesicherte Erkenntnis ab, wobei sich das cogito als vorläufig fester und unbezweifelbarer Punkt erweist, in dem sich in zweifelsfreier Art und Weise Erkenntnis in die Wesenheit mit der Erkenntnis in die Existenz paart: cogito, ergo sum.

Dieser archimedischen Punkt ist für Descartes durch untrügliche unmittelbare Intuition gesichert. Jedoch vermag jede weitere Erkenntnis, jedes weitere Existenz-Urteil, die entsprechende Dignität nicht aus dem cogito selbst zu erhalten. Das cogito erweist sich als unselbständiges Prinzip.

Das Eine absolute Prinzip, höchster Punkt der Deduktion, wird durch eine weitere Analyse aus dem cogito gewonnen. Das cogito nämlich ist Denken (cogitare verstanden als theoretische wie praktische geistige Tätigkeit) als ein “aus einer grundlegenden Ungesichertheit anhebender Vollzug” (12): Im theoretischen Urteilen (Erkenntnis des Faktischen) nimmt das cogito Bezug auf Wahrheit als Wahrheit, die es selbst nicht ist. Praktisches Urteilen (Wollen, Werten) als Zielgerichtetheit auf das Gute als Gutes ist Erkenntnis des Seinsollenden und daraus resultierendes Handeln. Und nur in diesem Bereich des Praktischen stößt nach Lauth das cogito zur erkannten und sicher gewußten Wesenheit und Existenz: die bonitas dei ist der Punkt dieser unmittelbaren Evidenz. Der absolute Wert offenbart sich, nach Lauth, und ineins damit das absolut gegen Täuschung immune Wissen um das Wesen und die Geltung des Guten: “Und zwar ist es die Güte, die von sich selbst als Wahrheit zeugt, oder anders gesagt, die den Charakter hat, rechtlich unbezweifelbar wahrhaft Güte zu sein. In der Güte Gottes erreichen wir die Offenbarkeit ihrer Wahrheit, eben weil sie qualitativ Güte ist. Sie rechtfertigt einsichtig ihr authentisches Gut- und darin Wahrhaftigsein.” (13) Kein anderes Prinzip, so Lauth, vermag sich selbst zu rechtfertigen: Erst das doxisch-praktische Prinzip beruhigt letztendlich und endgültig den Zweifel.

Durch die unmittelbare Einsicht in die Güte Gottes läßt sich auch jede weitere Erkenntnis mittelbar genetisieren: “Gottes Wesen als Wahrheit und Güte schließt nämlich nach Descartes` Einsicht ein, daß er zweifelsfrei wahrhaftig (‚verax‘) ist. Diese Wahrhaftigkeit (‚veracitas‘) hat ihrerseits zur Folge, daß wir, indem wir sie und das, was durch sie konstituiert ist, erkennen, uns von der Wahrheit der ursprünglichen Notionen (als “vérités éternelles”) wie auch von der wahren Realität der Sinnenwelt vollkommen überzeugen können.” (14) Eben weil Gott unendliche Wertfülle und Güte ist, täuscht er nicht.

In der sich daran anschließenden Deduktion, die Lauth in Kapiteln wie “Ansätze zu einem System des endlichen Erkennens”, “Der Erkenntnisertrag der Erfahrung” und “Die Einheit von Seele und Leib” sowie der “Konstitution der doxisch-praktischen Seite der Wirklichkeit” umfangreich abhandelt, kann Lauth zeigen, inwiefern Descartes die errungene transzendentale Grundposition in der jeweiligen Anwendung auf Einzelprobleme durchhält. Begleitende Hinweise zu späteren Transzendentalphilosophen wie Kant und Fichte, aber auch kontrastive Bemerkungen zu Spinoza und Leibniz tragen zur Erhellung des Dargestellten bei.

Abschließend läßt sich sagen: Lauth führt, im Gegensatz zur vorherrschenden historischen Auseinandersetzung mit Descartes, eine systematische Rekonstruktion der Grundideen des französischen Philosophen vor. Daß Descartes trotz scholastischer Terminologie transzendental gedacht hat bzw. haben muß, führt Lauth hier überzeugend vor. Die “tiefsten philosophischen Gedanken endlich aus dem Dunkel oder Halbdunkel unzureichender Interpretation hervortreten” (15) zu lassen, ist damit das erklärte Ziel der vorliegenden Monographie. Daß dies gelungen ist, steht außer Frage. Eine Auseinandersetzung mit den ‚unzureichenden Interpretationen‘ wäre jedoch wünschenswert gewesen, zumal wesentliche transzendentale Einsichten für die Lektüre und das Verständnis vorausgesetzt werden. Dafür hätte man bei den Descartes-Zitaten sparen (oder diese in Fußnoten setzen) können, die immerhin ca. ein Drittel des Textes ausmachen.

Dem Verlag ist mangelnde, wenn nicht gar völlig fehlende redaktionelle Arbeit vorzuwerfen. Es finden sich zahlreiche orthographische Fehler, der Schlüssel für die Abkürzung “AT” [Adam & Tannery] fehlt, die Zitate aus derselben Ausgabe sind ohne Kommentar in modernes Französisch übertragen, die deutsche Übertragung ist dabei ohne Angabe des Übersetzers. Die Liste ließe sich fortsetzen. Besonders ärgerlich ist, daß auf ein Sachregister verzichtet wurde. Da auch das Inhaltsverzeichnis nur Überschriften erster Ordnung, nicht aber Unterüberschriften verzeichnet, wird das Arbeiten mit der Schrift Lauths erheblich erschwert. Es drängt sich unweigerlich die Frage auf, inwiefern der Preis von 64 DM hierbei vom Verlag gerechtfertigt werden kann.

Es ist (jedoch trotz der äußerlichen Mängel) nicht nur eine anregende transzendentale Interpretation des Descartesschen Philosophierens, sondern auch ein Umriß der Transzendentalphilosopie als solche und das Resümee der Philosophie Reinhard Lauths entstanden. Wer über die genannten äußerlichen Hürden hinwegzuschreiten vermag, dem eröffnet sich ein Exempel klaren transzendentalen Philosophierens.

Wie andere Publikationen Lauths besticht “Descartes` Konzeption des Systems der Philosophie” meines Erachtens vor allem durch das Insistieren auf der Relevanz der praktischen Seite der Erkenntnis – wie auch des Lebens. Descartes` Verdienst ist deswegen auch für Lauth, stets die notwendige Verschränktheit von Theorie und Praxis betont zu haben. Descartes` grundlegende Einsicht, die Lauth als Transzendentalphilosophie begründende plausibel machen kann, lautet deshalb: “Die Wahrheit der sittlichen Freiheit hat ihr unerschütterliches Fundament in der evidenten Wahrhaftigkeit Gottes, und das heißt: dieser Wahrheit kann de facto nicht ohne Widerspruch widersprochen und de jure ohne Unrecht nicht widerstanden werden – im philosophischen System sowohl als im wirklichen Leben.” (16)

 

(1) Reinhard Lauth: Der Entwurf der neuzeitlichen Philosophie durch Descartes. In: Zur Idee der Transzendentalphilosophie. München 1965, S. 34. [back]

(2) ders.: Descartes` Konzeption des Systems der Philosophie. Stuttgart-Bad Canstatt 1998, S. IX. [back]

(3) a.a.O., S. 1. [back]

(4) a.a.O., S. 8. [back]

(5) a.a.O., S. 9. [back]

(6) a.a.O., S. 3. [back]

(7) a.a.O., S. 4. [back]

(8) a.a.O., S. 17. [back]

(9) a.a.O., S. 42. [back]

(10) a.a.O., S. 14. [back]

(11) a.a.O., S. 88. [back]

(12) a.a.O., S. 51. [back]

(13) a.a.O., S. 88. [back]

(14) a.a.O., S. 86. [back]

(15) a.a.O., S. X. [back]

(16) a.a.O., S. 225. [back]