Das analoge Verwirrspiel der Zahlensymbolik.

Eine Besprechung von Robert Pring-Mills Buch: Der Mikrokosmos des Ramon Llulls. 

 

 von Matthias Scherbaum
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2002) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/llull.htm

Robert Pring-Mill: Der Mikrokosmos des Ramon Llulls. Eine Einführung in das mittelalterliche Weltbild. Clavis Pansophiae 9. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001. 148 Seiten. 14 Abbildungen. Euro 50,11.

 

Ein Werk über Ramon Llull scheint im wissenschaftlichen Kontext zunächst immer sehr begrüßenswert zu sein. Der katalanische Philosoph und Theologe des 13. und frühen 14. Jahrhunderts gehört zwar nicht unbedingt zu den allergrößten Gestalten des mittelalterlichen Geisteslebens - gemessen an Namen wie etwa Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin oder Nikolaus Cusanus -, zeichnet sich aber nichtsdestotrotz durch eine bemerkenswerte Originalität und Gedankentiefe aus, die aufgrund eben seiner relativen Zweitrangigkeit im zeitgenössischen Kontext noch nicht annähernd so genau erforscht und entsprechend bekannt ist, wie die Systementwürfe der mittlerweile sozusagen "kanonisierten" mittelalterlichen Denker. Um so erfreulicher scheint es von daher, daß nicht nur ein Querschnitt durch Leben und Werk von Ramon Llull vor kurzem bei frommann-holzboog erschienen ist, sondern eine kleinere Monographie, mit dem doch recht speziellen Thema über den Mikrokosmos Ramon Llulls.

Um so enttäuschender ist jedoch von daher die Lektüre dieses prima vista vielversprechenden Opusculums. Das mag unter Umständen zunächst an der spröden Sperrigkeit der Sprache liegen. Man kennt das Problem von nicht gerade flüssigen Übersetzungen sicherlich aus mehreren Beispielen, sowohl der der Literatur, als auch der von wissenschaftlichen Texten - was aber im Falle des Buches von Pring-Mill vorgelegt wird, stellt in dieser Hinsicht doch wohl nicht gerade die Regel dar. Ob es an den spezifischen Schwierigkeiten bzw. sprachlichen Raffinessen der katalanischen Sprache liegt (in welcher der Autor - ein Professor für Literatur am St. Catherine’s College im englischen Oxford - sein Büchlein zu Ehren des katalanischen Gelehrten abgefaßt hat) (1), oder aber an den Fähigkeiten des Übersetzers, vermag der Rezensent nicht zu beantworten: man kann sich jedenfalls nur wundern über eine in sich bis zur Verwirrung verschachtelten Syntax, die vor Kommata nur so strotzt, über eine Sprache, die in ihrem ganzen Duktus um einiges mehr ans Lateinische als ans Deutsche erinnert und über Neologismen, bei welchen man sich nicht immer sicher ist, ob sie unabdingbar erforderlich gewesen wären, hätte man das gebräuchliche deutsche Wort dafür parat gehabt. So kann man sich zweifellos darüber streiten, wie notwendig die Einführung des Kunstwortes "das Korrelativ" bzw. "die Korrelative" ist, wo man doch recht problemlos auf den Begriff "das Korrelat" bzw. "die Korrelate" hätte zurückgreifen können.

Wundern kann man sich ebenfalls nicht nur über erwähnten inflationären Gebrauch von Kommata im fortlaufenden Text, sondern auch über die beinahe ebenso hohe Anzahl an Kommata- und sonstigen Orthographiefehlern - und das um so mehr, da ein Verlag wie frommann-holzboog den Druck dieses Buches übernommen hat. Doch soll nun nicht länger auf bloßen Äußerlichkeiten herumgeritten werden.

Robert Pring-Mill hat einen fühlbar euphorischen und sehr biographischen Zugang zu seinem Thema, was sich nicht minder in seiner etwas kryptischen Widmung äußert (2), als auch in dem - wenn man so sagen darf - entrückten Ehrennamen, mit welchem er in seinem Werk Ramon Llull stets anspricht: er pflegt ihn schlicht "den Seligen" zu nennen. Dies hat offenbar - wie Pring-Mill in einer Fußnote erläutert - seine Wurzeln in der Bekanntschaft des Autors mit der mallorcinischen Volksfrömmigkeit, welche ihm während seiner Jugend wohl ebenso sehr ans Herz gewachsen war, wie die Widmungsträgerin seines Buches. Das Anliegen des Verfassers in diesem Buch ist nach seinen eigenen Worten folgendes: "Ich schreibe hier für ein weniger spezialisiertes Publikum und glaube, daß alles, was ich sagen werde, mit einer nur sehr allgemeinen Kenntnis des Lebens des Seligen und der theologischen Bildung eines jeden Katholiken verständlich ist, der den Katechismus gelernt hat." Und weiter: "Diese exemplarische Sicht des Kosmos ist in gewisser Hinsicht das Thema dieser Arbeit. [...] Dafür werde ich das eigentliche Thema von Der Mikrokosmos Ramon Llulls als Mittelpunkt der Untersuchung, oder besser als Gipfelpunkt, nehmen: Alles wird darauf ausgerichtet sein, sich in der Schlußdarstellung der lullschen [sic!] Version des traditionellen Bildes vom Menschen als Mikrokosmos zu verdichten, wie er sie in seinem endgültigen System aufbaut."

Das Thema dieses Buches ist also letztlich die Sicht des Menschen aus der Perspektive Ramon Llulls, des Menschen, der in diesem Denken als bis in die fundamentalsten Konstituenten seines Wesens und seines Daseins als analoges Bild - oder eben als Mikrokosmos - der ihm übergeordneten Welt - damit also des Makrokosmos - und d.h. letztlich als analoges Bild Gottes verstanden wird. Wie gesehen, stellt die Thematisierung dieses Menschenkonzeptes den "Gipfelpunkt" seines Büchleins dar, auf welchen sich Pring-Mill in einem dreifach gestaffelten Anlauf vorbereitet: In einem ersten großen Abschnitt wird der geschichtliche Kontext der Epoche Llulls zu rekonstruieren und ebenso sein eigenes Denken in seinen zentralen Aspekten zu charakterisieren versucht. Der zweite große Abschnitt stellt das mittelalterliche Weltbild dar. Die Bezüge zur Bibel (etwa das bekannte "omnia in mensura et numero et pondere disposuisti") werden mit den hierfür relevanten Erbteilen der griechischen Philosophie versucht zu eruieren. Daß ein so breites Feld wie die pythagoreische Zahlenlehre samt ihren teilweise hochkomplizierten Implikationen, die platonische Ideenlehre und aristotelische Philosopheme wie etwa seine Kategorien- und Ursachenlehre, das Akt/Potenz- und das Form/Stoff-Schema hierbei sicherlich nicht erschöpfend dargestellt werden können, ist selbstverständlich; daß aber hierbei grobe inhaltliche Schnitzer passieren und die jeweiligen Gedanken regelrecht verzerrt werden - erwähnt sei hierbei nur die Darstellung des (mittelalterlichen) Hylemorphismus -, sollte bei einem Oxford-Professor jedoch nicht gleichermaßen selbstverständlich sein. Nachdem also Pring-Mill seinen Anlauf in dieser Form genommen hat, landet er letztlich bei der dies alles synthetisierenden Behandlung des Menschen als Mikrokosmos bei Ramon Llull.

Gemäß des mittelalterlichen Synkretismus aus Biblischem und Antikem erscheint der Mensch - wie überhaupt die gesamte Schöpfung - hierbei als ein Bündel etlicher bedeutungsaufgeladener und hochgradig symbolträchtiger Zahlen- und Geometrieverhältnisse. So begegnen wir hierbei den Zahlen eins, drei und vier unablässig, ebenso ihren diversen Kombinationsverhältnissen wie etwa fünf, sieben, neun und zwölf (neben etlichen weiteren symbolischen Zahlen und Zahlenreihen, welche sich zumeist aus dem griechischen Denken herleiten) - parallel zu den geometrischen Figuren des Kreises, des Drei- und Vierecks. Diese Passagen von Pring-Mills Schrift sind doch recht solide gearbeitet und informativ, leider aber aufgrund der sprachlichen Unebenheiten nicht besonders geschmeidig zu lesen. Man erfährt, daß sich die geistige Struktur des Menschen triplizitär in Gedächtnis, Vernunft und Wille aufteilt, dem die vierfache leibliche Unterteilung in Vorstellung, Sinnlichkeit, Belebtheit und Materie korreliert. Dies alles aber wird als analog korrelative Abbildhaftigkeit Gottes verstanden, welcher - durch das Raster der göttlichen Grundwürden differenziert - auf den verschiedenen anderen Seinsstufen (wie etwa Engel, Himmel, Elementenreich usw.) jeweils ihre verschiedenen analogen Korrelate entsprechen. Somit zeigt sich das Gesamt des Seins, also der Schöpfer und alle verschiedenen Sphären des Geschaffenen (Engelschöre, Fixsternsphäre, sublunarer Bereich und der Mensch), als jeweils spezifisch verschieden und analog korrelativ zugleich.

Ein wenig sonderbar gestaltet sich dann allerdings wieder der Beschluß dieses Buches, das aufgrund des nun folgenden Selbstzeugnisses vielleicht weniger in den Rahmen der Geisteswissenschaften, als vielmehr in den Bereich der, nun, nennen wir es vorsichtig so etwas wie "christlichen Esoterik" gehört: "Explicit. Diese Behandlung von Ramon Llulls Sicht des Mikrokosmos ist in drei Teile aufgeteilt, zur Ehre der Heiligen Dreifaltigkeit; in dreizehn Kapitel, im Gedenken an unseren Herrn Jesum Christum mit seinen Aposteln: drei Kapitel im ersten Teil, so wie die menschliche Seele drei Kräfte hat, sechs Kapitel im zweiten Teil, so wie (in Ramon Llulls System) der Mensch sechs Sinne hat, und vier Kapitel im dritten Teil, so wie unsere Körperlichkeit vier Elemente hat. Sie wurde fertiggestellt in der Stadt Sóller, auf der Insel und im Königreich Mallorca, zu Ehren unserer Lieben Mutter, der Jungfrau Maria, am Tag der unbefleckten Empfängnis, welcher der Selige Ramon Llull stets große Verehrung entgegenbrachte, im Jahre unseres Herrn Jesu Christi MCMLX. FINITO LIBRO ISTO SIT LAUS ET HONOR DOMINO NOSTRO JHESU CHRISTO"

Es ist ja mit Sicherheit sehr ehrbar und auch durchaus - sicherlich zumal im wissenschaftlichen Kontext - wünschenswert, wenn eine ernstgemeinte Stellungnahme eines Verfassers bzw. Wissenschaftlers bezüglich des von ihm behandelten Themas sichtbar wird, - nur dieses "Explicit" Robert Pring-Mills scheint doch zumindest etwas anachronistisch und recht eigentümelnd gedacht zu sein. Analog zu der teilweise etwas wirren (und auch willkürlichen) Überstrapazierung der Anthropologie Llulls hinsichtlich ihrer zahlensymbolischen Konzeption, erhält der Leser hier offenbar unzweideutig ein damit korrelierendes Selbstverständnis des Autors vor Augen geführt.

 

(1) Recht offensichtlich ist sich Pring-Mill der "Exotik" dieses seines sprachlichen Vorgehens bewußt, wenn er - nicht ohne merklichen Stolz - hierzu folgendes schreibt: "Ich will dieses kleine Werk mit den Worten eines anderen Fremden beginnen, der sich ebenfalls in Mallorca verliebt hatte, weil es auch mir zukommt, ,um Verzeihung dafür zu bitten, die Dreistigkeit gehabt zu haben, in einer Sprache zu schreiben, die nicht meine eigene ist und in der ich nie geschrieben hatte´." Man muß hierzu vielleicht noch wissen, daß der "andere Fremde", mit welchem er sich hier vergleicht, Erzherzog Ludwig Salvator von Habsburg-Lothringen ist. (zurück

(2) Um an dieser Stelle zu verdeutlichen, daß dies hier sicherlich nicht bloß polemisch gesagt ist, sei die Widmung in ihrer Gänze hier zitiert: "Für Frau Maria Prim i de Balle, die in jenen Jugendjahren in Valldemossa einen großen Einfluß auf mich hatte, auch wenn sie es vielleicht nie bemerkt hat." Was sich in "jenen Jugendjahren" zugetragen haben mag, kann hier nur der Spekulation überlassen bleiben, - "Valldemossa" hingegen ist hier insofern von Bedeutung, als in der unmittelbaren Nachbarschaft dieses mallorcinischen Ortes Ramon Llull 1276 seine berühmteste mystische Schrift Buch vom Freund und Geliebten verfaßte. (zurück)