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"Kann man dieses wohl Idealismus nennen?" 

 Der Vorwurf des Idealismus und andere Kränkungen. Rezension einer Neuausgabe von Kants Prolegomena.

 von Florian Ehrensperger
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2002) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/prolegomena.htm

Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. Eingeleitet und mit Anmerkungen herausgegeben von Konstantin Pollok. Hamburg 2002. 223 + LXXIII Seiten. 9,80 Euro.

Kant teilt zwar nicht das Schicksal David Humes, dessen Treatise of Human Nature (1739-40) in der gelehrten Welt einfach ignoriert wurde (eine "Totgeburt" in den Worten Humes), doch blieben die Reaktionen auf die Kritik der reinen Vernunft (1781) weit hinter den Erwartungen des Autors zurück. Kant sprach gar von einer "Kränkung, fast von niemand verstanden worden zu sein". (1) Er sah sich damit um die Früchte einer mehr als zwölf Jahre währenden Geistesarbeit gebracht, die für ihn eine kopernikanische Wende in der Philosophie markieren sollte. Stattdessen zeugte das Schweigen (2) der Zeitgenossen davon, daß diese von Kants Paradigmenwechsel unbeeindruckt blieben.

Die Kränkung, die Kant durch die mangelhafte Rezeption seiner Kritik empfand, steigerte sich noch durch eine Rezension, die 1782 anonym von Christian Garve und Johann Georg Heinrich Feder in den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen erschienen war (die sogenannte Göttinger Rezension). Diese Rezension übte, so der Herausgeber des vorliegenden Bandes, Konstantin Pollok, einen "nachhaltigen Einfluß [...] auf die Fortführung seiner Kritischen Philosophie" (3) aus, da Kant sich durch diese zu einer umfassenden Stellungnahme genötigt sah. Der Göttinger Rezensent (4) hatte Kants erkenntnistheoretische Position damit charakterisiert, daß "alles, wovon wir etwas wissen und sagen können, alles nur Vorstellung und Denkgesetz" (5) sei. Kant propagiere einen "Idealismus, der Geist und Materie auf gleiche Weise umfaßt, die Welt und uns selbst in Vorstellungen verwandelt". (6) Damit sah sich Kant (böswillig) fehlinterpretiert, hatte er doch darauf bestanden, seine Lehre sei transzendentaler Idealismus so wie empirischer Realismus. (7) Damit könne er "Dualist sein, d.i. die Existenz der Materie einräumen, ohne aus dem bloßen Selbstbewußtsein hinauszugehen". (8) Kant glaubte damit, die sein kritisches Geschäft leitende Frage auflösen zu können, nämlich "ob man nicht die menschliche Vernunft zwischen diesen beiden Klippen [dogmatischer Idealismus und empirischer Skeptizismus; Rez.] glücklich durchbringen [...] könne." (9) Der Idealismus Kants war als Antwort auf den Idealismus Cartesischer bzw. Berkeleyscher Prägung (sowie den skeptischen Attacken Humes) konzipiert. In dem Kapitel "Widerlegung des Idealismus", eine spätere Reaktion auf den Idealismus-Vorwurf in der zweiten Auflage der Kritik, erläutert Kant, wie man – im Gegensatz zu seinem eigenen kritischen Idealismus – einen unkritischen oder materialen Idealismus charakterisieren könne: er unterscheidet dabei einen problematischen Idealismus, vertreten durch René Descartes, "der nur Eine empirische Behauptung (assertio), nämlich: Ich bin, für ungezweifelt erklärt" (10) von einem dogmatischen Idealismus George Berkeleys, "der den Raum mit allen Dingen, welchen er als unabtrennliche Bedingung anhängt, für etwas, was an sich selbst unmöglich sei, und darum auch die Dinge im Raume für bloße Einbildungen erklärt." (11) In diesen Sinne sei Kants Theorie kein Idealismus, "ja gerade das Gegenteil davon". (12) Und in der Tat hätte der Göttinger Rezensent schon (in der ersten Auflage der Kritik) lesen können: "Ich habe in Absicht auf die Wirklichkeit äußerer Gegenstände eben so wenig nötig zu schließen, als in Ansehung der Wirklichkeit des Gegenstandes meines inneren Sinnes, (meiner Gedanken), denn sie sind beiderseitig nichts als Vorstellungen, deren unmittelbare Wahrnehmung (Bewußtsein) zugleich ein genugsamer Beweis ihrer Wirklichkeit ist. Also ist der transzendentale Idealist ein empirischer Realist und gestehet der Materie, als Erscheinung, eine Wirklichkeit zu, die nicht geschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird." (13) Auf diesen Umstand wird Kant, von der Göttinger Rezension veranlaßt, nicht müde hinzuweisen. Neben den Prolegomena und der zweiten Auflage der Kritik wird er noch in den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaften (1786) auf diesen Sachverhalt hinweisen. Die These, daß Kant also einen entscheidenden Impuls in der Bearbeitung und Darstellung der kritischen Philosophie durch die Göttinger Rezension erhalten habe, läßt sich damit leicht nachvollziehen. Erfreulicherweise ist im Anhang der vorliegenden Neuausgabe der Wortlaut der Rezension wiedergegeben, so daß man sich selbst ein Bild über den Vorwurf machen kann, der Kant soviel Unmut bereitet hat.

Darüber hinaus macht der Herausgeber noch auf eine andere Tendenz aufmerksam, die erstmals in den Prolegomena beobachtet werden kann. Dabei handelt es sich um eine Veränderung im Umgang Kants mit der Metaphysik. In den Prolegomena rückt Kant erstmals die Frage "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" (14) in den Mittelpunkt seiner Untersuchung. Es geht ihm nun um eine positive Beantwortung dieser klassischen Fragestellung, die Kant auch wie folgt beschreibt: "Ist überall Metaphysik möglich?" (15) Kant wendet seinen Blick weg von der Kritik an der alten Metaphysik (Idealismus und Dogmatismus) und Metaphysikkritik (Empirismus und Skeptizismus) hin zur wissenschaftlichen Neubearbeitung der Frage. Insgesamt erkennt Pollok in der Prolegomena eine "Nobilitierung der Metaphysik als Wissenschaft" (16), die bis zum Marburger Neukantianismus gewirkt habe, da dieser "um eine Rekonstruktion der Kritischen Philosophie unter dem Vorzeichen der analytischen Methode und deren inhaltlichen Konsequenzen in den Prolegomena" (17) bemüht war. Die veränderte Perspektive der Prolegomena verdankt sich also einer modifizierten Betrachtung der Metaphysik, die in Zusammenhang mit der durch Kant neu in die Diskussion eingeführten analytischen Methode steht. Während Kant in der Kritik synthetisch (bzw. progressiv) vorgeht, also von den Prinzipien (d.h. den Bedingungen, die in der transzendentalen Ästhetik und transzendentalen Logik begründet werden) zu den Prinzipiaten (d.h. den synthetischen Urteilen a priori), so geht er in den Prolegomena analytisch (bzw. regressiv) vor, also von den Prinzipiaten zu den Prinzipien. Brisant wird diese Unterscheidung vor allem deswegen, da Kant in der zweiten Auflage der Kritik in der "Einleitung" gleichfalls die analytische Methode einführt. Daran hat sich der Streit entzündet, ob dies zu einer grundlegenden Revision der Kantischen Philosophie geführt habe: Mit dieser analytischen Behandlungsart handelte Kant sich den Einwand ein, damit das zu Begründende bereits vorauszusetzen, nämlich die Gültigkeit der Prinzipiate (synthetische Urteile a priori). In den Prolegomena gibt Kant dies freilich offen zu: Die Prolegomena "müssen sich also auf etwas stützen, was man schon als zuverlässig kennt, von da man mit Zutrauen ausgehen und zu den Quellen aufsteigen kann, die man noch nicht kennt" (18) Und er fährt fort: "Wir haben also einige wenigstens unbestrittene, synthetische Erkenntnis a priori und dürfen nicht fragen, ob sie möglich sei (denn sie ist wirklich), sondern nur: wie sie möglich sei, um aus dem Prinzip der Möglichkeit der gegebenen auch die Möglichkeit aller übrigen ableiten zu können." (19) Da die analytische Argumentation jedoch nicht auf die "Einleitung" der B-Auflage beschränkt bleibt – also auf einführende oder erläuternde Texte (Prolegomena) und Passagen ("Einleitung") –, sondern auch noch an der zentralen Stelle der Kantischen theoretischen Philosophie überhaupt auftaucht, an der Neubearbeitung der transzendentalen Deduktion (20), haben viele Interpreten den Verdacht geäußert, Kants Philosophie baue auf einem Zirkel auf. Stellvertretend für eine Reihe von Kant-Interpreten, die sich mit diesem Vorwurf auseinandergesetzt haben (so z.B. Hans Vaihinger, Erich Adickes und Julius Ebbinghaus) sei nur auf Richard Kroner verwiesen, der das Argument in folgende Worte kleidet: "Die Kritik geht von dem Faktum der Wissenschaft aus und sucht es zu begründen. Wie aber, wenn das Faktum, das ja kein empirisch feststellbares, sondern ein logisches ist, selbst in Zweifel gezogen wird?" (21) Und in der Tat wurde dieser Zweifel bereits 1790 von Salomon Maimon in seinem "Versuch über die Transzendentalphilosophie" gegen Kant vorgebracht. Pollok bringt zwar in seiner Einleitung erfreulicherweise weitere Hinweise zur Gegenüberstellung von analytischer und synthetischer Methode (so zu Christian Wolff und aus Kants Logik-Nachschrift Hechsel), doch wäre es wünschenswert gewesen, zumindest auf die sich daran anschließende Diskussion hinzuweisen. Diese "Lücke" fällt umso mehr auf, da der Herausgeber sonst erfreulicherweise an allen einschlägigen Stellen auf die neueste Forschungsliteratur verweist. Warum gerade bei einem so zentralen Punkt eine Ausnahme gemacht wird, ist nicht einzusehen. (Auch die Bibliographie verweist auf keine dies betreffenden Titel.)

Ansonsten gibt die knappe und präzise Einleitung des Herausgebers einen sehr guten Überblick über die Entstehungsgeschichte, eine kurze Rezeptionsgeschichte sowie umfangreiche editorische Hinweise. Letztere sind besonders hervorzuheben, stellen sie doch eine ausführliche Begründung der Neugestaltung des Textkörpers dar, den Pollok mit der vorliegenden Ausgabe vornimmt. Diese Neupräsentation ist dadurch notwendig geworden, da die Prolegomena, die man als das "schlechtest gedruckte[...] Buch[...] der philosophischen Weltliteratur" (22) bezeichnet hat, an vielen Stellen Ungereimtheiten aufweisen. Dies hat neben einer anfänglichen Debatte zwischen Benno Erdmann und Emil Arnoldt über die ursprüngliche Textgestalt zur "Blattversetzungs-Hypothese" von Vaihinger geführt. Pollok führt kundig in die Debatte ein und nimmt schließlich "gegenüber der Originalausgabe und auch gegenüber dem Text der Akademie-Ausgabe drei Umstellungen in den §§ 2 und 4 vor, da die inhaltlichen Kriterien hierfür stark und die entsprechenden Verschiebungen relativ reibungslos durchzuführen sind, d.h. es handelt sich um geringe Verschiebungsdistanzen und es werden keine Überschriften von den Verschiebungen tangiert." (23) Die Umstellungen betreffen die Absätze 2-6 von § 4. Bereits Vaihinger hatte dafür plädiert, diese an den Schluß von § 2 zu verschieben. Darüber hinaus integriert Pollok einen Vorschlag von Georg Kullmann, der die Absätze 2-3 um weitere drei Absätze in § 2 nach vorne rücken möchte. Noch einem weiteren Vorschlag Kullmanns folgend, nimmt der Herausgeber, wie bereits zitiert, drei Umstellungen an der ursprünglichen Textgestalt vor. Die zahlreichen Argumente, die der Herausgeber für seine Vorgehensweise ins Feld führt, vermögen zu überzeugen. Der Herausgeber verbindet damit nicht den Anspruch, "nun den originalen Wortlaut dieser Kantischen Schrift zu besitzen" (24). Sein Ziel jedoch, "einen kohärenteren Lesetext bereitzustellen, als dies die bisherigen Editionen vermochten" (25), hat er dadurch erreicht.

Die Anmerkungen des Herausgebers sind sorgfältig recherchiert und bieten eine gute Hilfestellung bei der Lektüre. Sie verweisen auf manche Diskussion in der Kant-Forschung und geben aktuelle Literaturhinweise. Einzig zu beanstanden ist, daß auf eine Angabe der Quellen der Übersetzungen bei lateinischen Autoren sowie bei Isaac Newton verzichtet wurde. Diese kleinen Schönheitsfehlern sind jedoch im Hinblick auf diese souverän gestaltete Edition – wissenschaftlich zuverlässig und darüber hinaus finanziell erschwinglich – zu vernachlässigende Größen. Diese Neuausgabe der Prolegomena steht insgesamt für das hohe Niveau der philosophischen wie philologischen Kant-Forschung unserer Tage.

 

(1) Prolegomena, S. XVII. (Alle Seitenangaben aus den Prolegomena beziehen sich auf den besprochenen Band. Römische Ziffern verweisen auf die "Einleitung des Herausgebers", S. IX-LXII.) (zurück)

(2) Insgesamt waren sieben Rezensionen erschienen. Vgl. hierzu Prolegomena, S. XVI, Anm. 10. (zurück)

(3) Prolegomena, S. XXXIV. (zurück)

(4) Garve war der ursprüngliche Verfasser der Rezension. Feder hatte den Text redigiert und um ein nicht unerhebliches Maß gekürzt. (zurück)

(5) Prolegomena, S. 190. (zurück)

(6) Prolegomena, S. 183. (zurück)

(7) Vgl. Kritik der reinen Vernunft, A 369 f. Johann Gottlieb Fichte wird in der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95), rekurrierend auf Kant, seine Lehre "Real-Idealismus, oder einen Ideal-Realismus" nennen. (zurück)

(8) Kritik der reinen Vernunft, A 370. (zurück)

(9) Kritik der reinen Vernunft, B 128. (zurück)

(10) Kritik der reinen Vernunft, B 274. (zurück)

(11) Ebd. (zurück)

(12) Prolegomena, S. 49. (zurück)

(13) Kritik der reinen Vernunft, A 371. (zurück)

(14) Prolegomena, S. 30. (zurück)

(15) Prolegomena, S. 28. (zurück)

(16) Prolegomena, S. X. (zurück)

(17) Prolegomena, S. XLIV. (zurück)

(18) Prolegomena, S. 28. (zurück)

(19) Prolegomena, S. 29. (zurück)

(20) Kant verteidigt seine transzendentale Deduktion gegen Einwände Lockes und Humes in der B-Deduktion folgendermaßen: "Die empirische Ableitung aber, worauf beide verfielen, läßt sich mit der Wirklichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse a priori, die wir haben, nämlich der reinen Mathematik und allgemeinen Naturwissenschaft, nicht vereinigen, und wird also durch das Factum widerlegt." (Kritik der reinen Vernunft, B 127 f.) (zurück)

(21) Richard Kroner: Von Kant bis Hegel. Bd. 1. Von der Vernunftkritik zur Naturphilosophie. 3. Auflage Tübingen 1977, S. 73. (zurück)

(22) Prolegomena, S. LII. (zurück)

(23) Prolegomena , S. LIX. (zurück)

(24) Prolegomena, S. LX. (zurück)

(25) Ebd. (zurück)