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Philosophie der Lebenskunst

Wilhelm Schmids Grundlegung der andersmodernen Existenz in den Zeiten der Katastrophe
 

von Goedart Palm
 
 

 
 
 
 
 


 
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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/schmid.htm
Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. Frankfurt/M., Verlag Suhrkamp 1998, 566 Seiten, 27,80 DM

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"Just what is it that makes today´s homes so different, so appealing?" lautete die Frage von Richard Hamiltons früher Popcollage zu den Lebensentwürfen der Warenwirklichkeit, die keine wahre Wirklichkeit mehr kennt.Nicht nur in den medialen Schlinggewächsen von Fernsehen, Werbung und instantanem Wissen sind die Grundfesten der Existenz in gefährliche Wallung ge-raten. Wurde das vormals so selbstgewisse Subjekt der Aufklärung in der Entzauberung der Werte, in der Dialektik der Aufklärung in seinem auf-rechten Gang verunsichert, stolpern wir, haltlose Zeitgenossen, in der Beschleunigung einer digital vernetzten, virtuellen und katastrophischen Weltgesellschaft in immer neue Fallen unseres fragilen Weltverhältnisses. 

Die müden Zeitgeister reagieren mit "Anything goes", der lakonischen Blankovollmacht in Philosophie, Kunst, Wissenschaft, aber auch für die zeitgenössische Existenz in allen übrigen Facetten. Zugleich gilt das Paradox, daß oft gar nichts mehr geht, weil die freie Konvertierbarkeit der Wahrheiten und Werte das Subjekt orientierungslos flottieren läßt. "Wie lebt man also?" lautet die kategorische Frage der späten Moderne, auf die kein eilfertiger Imperativ mehr kategorisch antworten will. Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid befragt die Philosophie, die sich nicht länger hinter ihrem Kathederwissen für müßige Peripatetiker verschanzen kann, wenn sie eine raison d´etre für den rasenden Zeitgenossen nachweisen will. 

Wir vertrauen nicht länger auf behäbige Systemwelten, die das Wirkliche als das Vernünftige ausgaben, noch weniger auf negative Dialektiken, die dem Bestehenden quittierten, die falschen Verhältnisse zu sein. Es mag kein richtiges Leben im falschen geben, aber es gibt kein anderes. Die philosophische Anstrengung Schmids zielt darauf, ein anderes Denken und demgemäß gewitztere Seinsweisen zu entwickeln - Philosophie, Kunst und Alltagsleben verschränkend, immer eingedenk der unbequemen Einsicht Nietzsches, daß man zugrunde geht, wenn man zu den Gründen geht. Mit anderen Worten: Nicht nur im Regenwald, auch in der Philosophie wird ab jetzt Alarm geschlagen, um zu retten, was zu retten ist. "Sauve qui peut" gilt nicht nur im Anblick des seine Grenzen sprengenden Globus, sondern auch gegenüber dem Ozonloch der Philosophie selbst. Das ist uns kein zukünftiges Wissen Zarathustras mehr, sondern Alltags(ge)wissen geworden.

Schmids Philosophie der Lebenskunst knüpft an die besseren Restposten der abendländischen Philosophie an, um das fruchtbar werden zu lassen, was nach der Demontage der Werte, der Wahrheit und damit der Philosophie selbst übrig geblieben ist. Und Schmid zeigt, daß das alles andere als eine postmoderne Konkursmasse ist, die zur Befriedigung der ungläubigen Gläubiger nicht mehr ausreicht. In Fortführung seiner bisherigen Abhandlungen mobilisiert er in einem gewaltigen Parcours antike Lebensphilosophien, die essayistischen Selbstentwürfe Montaignes, die lebensphilosophische Neubestimmung der Hermeneutik durch Dilthey, Foucaults Macht-Lust-Diskurs, aber auch die quälenden Aporien der Moderne, die noch immer einer Antwort harren. 

Längst sind in der ökologischen Drohgestalt der Erde, der gentechnologischen Manipulierbarkeit von Mensch und Natur, der Virtualisierung von Raum und Zeit Phänomene der Weltveränderung aufgetreten, die noch radikaler in die menschliche Konstitution eingreifen, als es klassische Angriffe auf die menschliche Zentralperspektive vermochten. Platons Höhle erscheint kommod gegenüber den Verheißungen und Gefahren einer entfesselten Technologie, die sich imperialistisch und menschenvergessen in Welt und Welten einschneidet. 

Das postteleologische Modell einer reflektierten Lebenskunst folgt der Ästhetik der Existenz, die zur Ethik des selbstbestimmten Lebens aufschließt. Mit der Ästhetik der Existenz werden prämoderne und "andersmoderne" Techniken der Sorge um sich selbst, die prämeditatio malorum, Ironie, Maß, Gelassenheit etc. wiederentdeckt. Schmids philosophische Grundlegung der Lebenskunst will gleichwohl alles andere als das Vademecum eines glücklicheren Lebens sein. Nicht nur Kant und Foucault hegten wohlbegründete Zweifel gegenüber dem Glückseligkeitsanspruch der menschlichen Existenz. Wider der uneingelösten "promesse du bonheur" werden Techniken unabdingbar, mit Leid und Leidenschaften, Zufall und Kontingenz, Alter, Krankheit und Tod umzugehen. Aber wir wissen auch um die "purpurnen Stunden" (Oscar Wilde), ewige Augenblicke, dionysische Lüste, die untrennbar den Fährnissen der Existenz verbunden sind. So bleiben die Grunderfahrungen menschlicher Existenz der Reflektionsstoff praktischer Philosophie, neu aber sind die Gestalten der Katastrophen, der unübersichtlich gewordene Zusammenhang von individuellen und kollektiven Heils- sowie Unheilsgeschichten. Philosophie der Lebenskunst bescheidet sich nicht in der Selbstvergessenheit der Weltflucht, sondern avanciert zum selbstkritischen Vermittlungsmodus von Individuum und Gesellschaft, zu einer politischen Veranstaltung des Selbst aus dem Geist des Anderen. 

Auf der Bühne des menschlichen Katastrophentheaters erscheint somit der Vorschein eines neuen Selbst - mit sich trotz seiner Widersprüche identisch, ein Durchzugsfeld gesellschaftlicher Energien, eine polyphone Stimmung, die gleichwohl nicht auf Kohärenz verzichtet. Kein Subjekt einer wohlversicherten Identität, sondern eine multiple, aber gesunde Persönlichkeit gilt es zu entwerfen. Keine transzendente Rückversicherung, sondern eine ethisch-asketische, säkulare Seinsweise ist zu entwickeln, die sich gleichwohl den Luxus gestatten kann, "quasi-transzendental", lustvoll, aber auch gleichmütig zu sein. Nur so kann Lebenskunst auf die Zumutungen immer neuer Katastrophenüberbietungen reagieren. "Der Einzige und sein Eigentum", wie ihn noch Stirner wider den Untergang des selbstgewissen Individuums beschwören wollte, sind tot. Wer wissen will, wie in der Spätmoderne gelebt werden kann, wird seine eigene Existenz als nichtarchimedisches Experiment begreifen, wird seine Gewohnheiten immer wieder auf den Prüfstand schicken und auf ihnen wie auf einer Klaviatur des besseren Lebens spielen. So stellte einer der größten Selbstsucher der Moderne Paul Valéry fest: "Das Ich ist mein Instrument. Ich spiele auf mir sehr unterschiedliche Melodien." Schmid zeigt, daß alte Frontstellungen der Philosophie, Selbst und Anderer, Identität und Entfremdung, Individuum und Gesellschaft, kollabieren. Auch wenn nichts mehr verläßlich ist, heißt das eben nicht, daß der Mensch verlassen wäre. Wir beobachten die Geburt des Selbst aus dem Geist des Anderen, so daß Schmid gegenüber den ausklingenden Eruptionen der Postmoderne, die nur noch ein Gelächter für den abendländischen Rationalismus übrig hatte, eine andere, verantwortlichere Moderne konzipieren kann. 

Schmid entledigt sich nicht, wie etwa die Denker des posthistoire, der Errungenschaften der Aufklärung, sondern plädiert für eine zweite Aufklärung, die über sich selbst aufgeklärt ist und sich von dem Glauben an die totale Rationalisierbarkeit der Lebens- und Gesellschaftsentwürfe befreit. So kann man erst wieder autonom werden, wenn man begreift, daß Autonomie den Untiefen des Lebens unterworfen bleibt. 

Der spätaufgeklärte Lebensstil antwortet auf die Globalisierung der Verhältnisse mit Selbstreferenz. Nicht auf den hypertrophen Bildschirmen der "Welt da draußen", sondern auf den inneren Monitoren werden die Bilder geformt, die die Welt bestimmen. Sorge um sich selbst heißt nicht erst seit heute Sorge um den Anderen, Sorge um die Weltgesellschaft, weil ab jetzt kein Sein mehr behaupten kann, von dem anderen unabhängig zu sein. Nicht länger private Gärten sind zu pflegen, sondern die Erde als Garten am Rande des Abgrunds avanciert zum Handlungs- und Sinnhorizont des seiner Widersprüche bewußten Individuums. Weder die verblichenen sozialistischen Paradiese noch der Garten Eden können als Leitmotive der Lebenskunst dienen. Ob es denn überhaupt ein Garten bleibt, vermögen nur die zu bestimmen, die begreifen, daß die planetarische Existenz mit den individuellen Lebensentscheidungen des allseits vernetzten Zeitgenossen, seinen kleinen Handlungen bis hin zu Haushaltsführung, Abfallentsorgung und Kleidung untrennbar verkoppelt ist. Das Arsenal der großen Gesten, philosphia perennis, Volk und Vaterland sind ausge(t)räumt. Weder das kollektivierte Individuum der Massengesellschaft, die sich spätestens im Internet mit unübersichtlichen Sender-Empfänger-Verhältnissen auflöst, noch die klassische Staatsräson im Vertrauen auf die gute Politik können uns als Remedien gegen die "katastro-phile" Verfassung der Welt dienen. Menschheitsräson, Druck von unten auf die Weltgesellschaft, die nicht länger ethnisch oder national gefaßt werden kann, werden gegenüber den Provokationen einer aus den Fugen geratenen Welt notwendig. In dieser Horizonterweiterung, aufgezwungen durch eine rasende Gegenwart, die immer schon Zukunft sein will, werden antike und prämoderne Lebenskonzepte revitalisierbar, weil sie sich schon avant la lettre einer simplen Fortschrittslogik widersetzten und den (Selbst)Gewißheitsverlusten des späteuropäischen Bewußtseins zwar nicht seine vormals transzendentale Konfiguration zurückgeben können, aber die relative Autonomie, die das Leben lebbar macht. 

In der lebenskünstlerischen Philosophie Schmids tritt die Eule der Minerva einen späten Flug durch die unheimlichen Räume einer sich entgrenzenden Wirklichkeit an. Vielleicht kann Philosophie ab jetzt nur noch so sein, oder sie wird in Abwandlung eines Worts von Breton überhaupt nicht mehr sein. Mit Schmid müssen wir uns zumindest von ihren alten Differenzen trennen, weder Subjekt noch Objekt, Sosein und Anderssein, Wirklichkeit und Virtualität bewahren ihre klassische Form. Das Subjekt muß zeigen, ob es seiner trägen Stammesgeschichte überlegen ist und die Lebenskunst, die eine Kunst des Selbst ist, auch mit den Anforderungen fertig wird, die seine raumzeitliche Geworfenheit unendlich provozieren. Die Lektüre der wichtigen Untersuchung von Schmid und ihre lebenspraktische Fortführung durch den Leser mag dann die Haltegriffe schaffen, seine eigene Existenz immer wieder der Kritik und Rekonstruktion zu unterziehen und sich in klügerer Weise auf ein Spiel einzulassen, das Leben heißt. So stellte Paul Valéry in seinen essayistischen Selbstentwürfen fest: "Es gibt nur ein Beginnen: sich neu beginnen. Das ist nicht einfach."
 
 

 
 
 
 
 
 
 
  

Der Autor ...

 ...studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Rechtswissenschaft in Bonn und Berlin. 

Diverse Veröffentlichungen: Raptors in pursuit, in: World Media Park (Aufbau Verlag), Kunstförderung (Duncker & Humblot), Yellow suck marine (Konkursbuch Verlag), Essays zu Wittgenstein, Deleuze, Virilio ... Postpostmoderne etc. in: Glanz & Elend, Frankfurt.