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VON HOMER BIS HITLER   

DIE "NEUE PHÄNOMENOLOGIE" UND DIE VERSUCHUNG DER GESCHICHTSPHILOSOPHIE

von Joachim Landkammer
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2000) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/schmitz.htm

 

Hermann Schmitz: Adolf Hitler in der Geschichte. Bonn 1998, 418 Seiten, 68.- DM. (1

 

Der 1993 emeritierte Kieler Philosophie-Professor Hermann Schmitz, Jahrgang 1928, ist ein sehr in seine ganz eigenen Denkfiguren einge- und versponnener Außenseiter der philosophical community, was auch dann gilt, wenn man zugutehält, daß es angesichts der zerklüfteten philosophischen Landschaft in Deutschland nicht besonders schwer ist, nicht dem akademischen main-stream anzugehören. Immerhin schien Schmitz in letzter Zeit alle wesentlichen Voraussetzungen zu erfüllen, um trotzdem eine Art "Schulbildung" zu initiieren: zunächst ein imposanter Corpus an Primärtexten des potentiellen Gründervaters (darunter 5 Bände, aufgeteilt in 10 Bücher, mit dem angsteinflößend-scholastischen Titel "System der Philosophie"), ein markenzeichentaugliches label ("Neue Phänomenologie"), eine sich konstituierende Fangemeinde junger Anhänger und medienwirksamer Multiplikatoren (u.a. Ulrich und Gernot Böhme), erste kritische Würdigungen von anderen neueren philosophischen Schulhäuptern (Peter Janich) (2), erste Rezeptionsversuche von außerphilosophischen Nonkonformisten anderer Disziplinen usw. Ob diese entstehende "Schmitz-Schule" (3) aber nun dies (vorläufig!) (4) letzte Werk ihres spiritus rector ebenfalls als kanontauglichen Baustein im großen Lehrgebäude akzeptieren wird, möchten wir – um unser insgesamt ablehnendes Urteil vorwegzunehmen – stark bezweifeln.

 

Kein großes Wunder, denn Schmitz begibt sich hier auf ein stark vermintes Terrain: bei der "philosophischen" Aufarbeitung des Nationalsozialismus (NS) sind ja auch schon ganz andere Geister gescheitert. Das hat wohl damit zu tun, daß die professionelle Deformation des Philosophen ihn oft dazu verleitet, den Bezugsrahmen, das kategoriale Koordinatensystem, mit dem der NS erfaßt werden soll, zu groß, zu weitmaschig, zu abstrakt auszulegen. Man darf erinnern an die weit, allzuweit ausholenden Denkhorizonte anderer philosophisch-geistesgeschichtlich inspirierter Faschismusdeutungen: Lukacs´ allzu gradlinige konstruierte Irrationalismus-Vorgeschichte, Horkheimers Theologem vom positivistischen Verstoß gegen das jüdische Bilderverbot, der Frankfurter Rundumschlag gegen den Verblendungszusammenhang des bürgerlichen Vernunfttotalitarismus, der nicht nur im Faschismus, sondern auch im kollektivistischen Kommunismus und der (amerikanischen) Kulturindustrie aufscheint, Wilhelm Reichs Herleitung der faschistischen Massenzustimmung aus der autoritären Struktur der Familie und der in ihr herrschenden sexuellen Repression, Heideggers späte Einordnung des Nationalsozialismus in die technikhörige Seinsvergessenheit rationaler Weltbeherrschung, Ernst Noltes Deutung des Faschismus als "transpolitisches Phänomen", und die provokante postmoderne Identifikation von Holocaust und Moderne "überhaupt"; in all diesen Theorien hoher bis höchster Reichweite werden einige mehr oder weniger weitreichende Einsichten fast immer mit einem erheblichen Mangel an analytischer Trennschärfe und historischer Genauigkeit erkauft.

 

Schmitz stellt sich nun mit ähnlich hoher Risikobereitschaft, wenn auch mit grundverschiedenem Ansatz, in diese Tradition philosophischer NS-Bewältigung (freilich ohne auf sie mit einem Wort einzugehen), indem er den deutschen "Hitlerismus" vor dem geschichtsphilosophischen Hintergrund jener kulturell-konzeptionellen Makrotendenzen darstellt, die er als die "Verfehlungen des abendländischen Geistes" beschreibt (5): nichts weniger als die Freilegung der "geistigen Geschichte Europas von Homer an" ist seiner Meinung nach notwendig, "um die Bedeutung Hitlers zu ermessen" (9). Dementsprechend sind nur rund 100 der vorliegenden ca. 400 Seiten dem eigentlichen Thema "Adolf Hitler" gewidmet; die ersten 260 Seiten spüren im heidnischen Altertum (Demokrit!) wie im christlichen Mittelalter und in "Aufklärung und Gegenaufklärung" all die so fatalen Weichenstellungen der abendländischen Geistesgeschichte auf, die diese zu einer Vorgeschichte Hitlers werden lassen.

 

Es steht daher von vornherein zu erwarten, daß auch Schmitz´ Werk die Fragwürdigkeit ähnlicher philosophisch orientierter Interpretationen teilt, bei denen die übergroße Besorgnis, mit sog. "herkömmlichen" sozial- und geschichtswissenschaftlichen Erklärungsmethoden viel zu "kurz" zu greifen, eine vorstellbare gegenläufige Angst offenbar völlig zum Schweigen bringt; nämlich die Befürchtung, vor lauter philosophischer Spekulation den Boden der Realgeschichte unter den Füßen zu verlieren. So kennzeichnet all die genannten Theorien so etwas wie eine unbeabsichtigte Erklärungshypertrophie: die Deutungsstrategie, zunächst für eine spezifische, im Ganzen gesehen doch relativ kurzlebige politische Erscheinung des 20. Jahrhunderts in Europa konzipiert, läuft unterderhand wie aus dem Ruder und umfaßt und "erklärt" plötzlich viel mehr als "nur" diesen ursprünglichen Untersuchungsgegenstand: statt von der deutschen Diktatur von `33 bis `45 ist auf einmal vom "Kapitalismus" und von der bürgerlichen Gesellschaft die Rede, statt vom Holocaust vom Logozentrismus und von der technisch-instrumentellen Vernunft, statt vom NS von Marx, Nietzsche, der Action francaise und dem italienischen Faschismus usw. So heißt es hier bei Schmitz dann auch: "Die Atombombe und Adolf Hitler gehören zusammen" (6). Die Breite des Ansatzes wird gewöhnlich erkauft mit einer methodischen Verengung: Leitfaden dieser großen "Zusammenschauen" ist immer jeweils nur ein Kriterium, eine Erklärungsdimension: diese Einseitigkeit läßt sich bei Schmitz z.B. in der Beschränkung auf eine geistesgeschichtliche Ableitung erkennen, bei der alle anderen Faktoren (ökonomische, historisch-konkrete, soziale, institutionielle Aspekte usw.) ausgeblendet oder zumindest unterbelichtet bleiben.

 

Philosophische Faschismusdeutungen stellen uns daher vor eine Reihe von grundsätzlichen methodologischen Fragen, wie die, ob und inwieweit diese Ausweitung des Blicks wirklich "von der Sache" gerechtfertigt ist; natürlich wird man auch von der Französischen Revolution nicht sinnvoll reden können, ohne das Ancien Regime (und den französischen Zentralismus) zu beschreiben; jedes geschichtliche Phänomen hat einen relativ unscharfen "Vorhof", eine zeitliche und geographische Ausstrahlung über das "Ereignis" hinaus, das bei der Suche nach Erklärungen nicht vernachlässigt werden darf (7). Deutlich wurden auch immer wieder zu Recht die verharmlosenden Konsequenzen einer verkürzenden Sicht hervorgehoben, in denen der Nationalsozialismus nur als "Zufall", als Zwischenspiel oder "Betriebsunfall" einer davon völlig unabhängigen, im Ganzen sicher und unaufhaltbar zum "Besseren" fortschreitenden Geschichte und einer im Ganzen "menschlichen und friedlichen" Kultur gesehen würde. Aber Theorien, die allzuweit ausgreifen, scheinen den spezifischen Gegenstand nur noch als kontingente Bewährungsgelegenheit zu mißbrauchen (8), sie haben Selbstzweck- und Selbstläufercharakter und verlieren jegliche Trennschärfe im Detail; der als "Enthüllung" eines tieferliegenden Urgrunds begriffene Nationalsozialismus läßt außerdem den Verdacht aufkommen, daß in dem Sack, der hier geprügelt wird, ein Esel steckt, der von einem bestimmtem impliziten und vorgefaßten Feindbild diktiert wird. Das kann man auch formulieren als methodologische Kritik am Verlust von Differenzierungen: wer zuviel erklärt, erklärt bekanntlich gar nichts mehr; ganz davon abgesehn, daß man bei einer allzuviel voraussetzenden Deutung auch keine konkreten Handlungsanweisungen zur zukünftigen "Vermeidung von faschistischen Entwicklungen" geben kann; dann helfen nur noch "radikales Umdenken", eine "neue Gesellschaft", ein "neuer Mensch"; auch bei Schmitz wird folgerichtig ein "radikaler Neuanfang" gefordert, der es nötig mache, den bisherigen Irrweg der Geistes- und Philosophiegeschichte zu verlassen (9). So trifft auch die Schmitzsche Interpretation der generelle Vorbehalt gegenüber all jenen Deutungsversuchen, die nicht auf Theorien mittlerer Reichweite fußen, die sich also nicht zwischen selbstverlorener historiographischer Detailbesessenheit und selbstverliebter spekulativer Theorieobsession positionieren, sondern den NS nur mit einer überfliegenden Abstraktion aus der Vogelperspektive in den Blick bekommen (10).

 

Trotzdem soll hier versucht werden, der Versuchung einer solchen Vorverurteilung möglichst lange zu widerstehen; stattdessen wollen wir die philosophische Aufklärung über den Nationalsozialismus als einen Testfall für die "Neue Phänomenologie" betrachten: die Bewältigung dieses "konkreten Anwendungsfall" soll zum "hic Rhodus hic salta" der Theorie werden (11). Auf diese Weise hätte man es auch nicht nötig, eine direkte Würdigung des Schmitzschen Werks dadurch bequem zu umgehen, daß man zur Legitimation seiner "Originalität" auf die Langweile des philosophischen Umfelds verweist (12). Die Theorie pragmatisch auf die Prüfbank der Faschismusinterpretation zu legen, setzt auch eine Einstellung voraus, die sich nicht von dem wenig sympathischen Schmitzschen Schreib-Gestus irritieren lässt, wie die stellenweise ärgerliche Überheblichkeit und Unbescheidenheit, mit der das eigene Programm als das alleinseligmachende vorgestellt wird (13), die permanente Selbstzitation mit den gebetsmühlenhaft wiederholten Beschwör-Formeln seiner Privatterminologie, die dem Leser gleichsam eingehämmert werden sollen, das seltsame Fußnoten-Rückverweisungssystem, das kulturkritische Welterrettungs-Pathos.

 

Wie sieht nun Schmitz´ neuester "Anwendungsversuch" seiner Theorie, die geschichtsphilosophische Einordnung und Deutung des NS, aus? Angekündigt wird eine neue Sichtweise, die sich u.a. auch aus neuen Quellen ergebe, nämlich der kürzlich vom Institut für Zeitgeschichte herausgegebenen Edition von Hitler-Reden, -Schriften, -Anordnungen und Goebbels-Tagebücher. Das ist löblich, aber wenn dies, wie hier, unter Ausblendung weiter Teile der NS-Forschungsliteratur die einzigen "Quellen" der Untersuchung bleiben, liegt ein Risiko schon klar zu Tage, nämlich die (phänomenologisch freilich naheliegende) Überbewertung von "apophantischen" geschichtlichen Dokumenten, die unkritische, dekontextualisierte Fokalisierung auf Selbstaussagen Hitlers - von der aber erstaunlicherweise gerade "Mein Kampf" ausgenommen wird, weil die darin zur Ausdruck kommende "Verbitterung" und "seltsame ideologisch Einseitigkeit" nichts "mit Nationalsozialismus zu tun" habe (359) (14). Dafür steht aber die Person Hitlers um so ausschließlicher im Zentrum: der Nationalsozialismus wird auf einen "Hitlerismus" reduziert, von dem die NS-Ideologie nur "ein Teil [...] ist": "Der Hitlerismus ist die Weltanschauung Hitlers, angewandt auf das deutsche Volk und durch dieses Medium hindurch auf die übrige Menschheit... Der Hitlerismus war dem deutschen Volk nur in Ausschnitten zugänglich und wurde zu Hitlers Lebzeiten vermutlich von keinem Menschen im Ganzen überschaut, auch nicht von Hitler selbst, der aus ihm lebte, ihn aber nicht vollständig objektivierte." (357f.) Hier läßt sich die riskante Umschlags-Dialektik von mittelweg-feindlichen Radikalthesen mit Händen greifen: der zu eng gewählte Ausgangspunkt ("Hitlerismus") steht beziehungslos einem reichlich überdimensionierten Kollektiv gegenüber ("die übrige Menschheit": aber nahm die von Hitler ausgelöste "Faszination" nicht spätestens außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches rapide ab?). Daß keiner – offensichtlich außer unserem heutigen Neuen Phänomenologen – imstande gewesen sein soll, diese Ideologie "im Ganzen zu überschauen", macht die Rekonstruktion zwar in gewisser Weise immun gegen Einwände, erklärt aber kaum ihre erstaunliche praktische Effizienz. Hochproblematisch dann auch die konsequente Schlußfolgerung: "Hitler ist der einzige Hitlerist gewesen" (358).

 

Für Schmitz liefert daher Hitlers Psycho-Biographie die allein ausschlaggebenden Momente für die Erklärung dessen, was später in seinem Namen (?) realisiert wurde; aber die geschichtsphilosophische Rahmenerzählung macht aus dem Einzelmenschen Hitler trotzdem einen symbolischen Katalysator weltgeschichtlicher Tendenzen, daher einen weniger agierenden, als reagierenden, weniger aktiv-wollenden als "phobisch motivierten" Getriebenen. Am Anfang des Zweiten Weltkriegs steht daher – man höre und staune - Hitlers Hunger: "Hitlers Imperialismus ist demgemäß im Kern ein bloßer Hunger-Vermeidungs-Imperialismus" (299). Zum archimedischen Punkt der Rekonstruktion wird vor allem ein biographischer Moment im Leben des Dikators, nämlich seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg. Während Hitler vor dem Weltkrieg nur einem "gelebten Autismus" gefrönt habe, erwies er sich in Flandern als wagemutiger, einzelgängerischer Meldegänger und erlebte die grausamen Blut- und Materialschlachten von Verdun als "Holocaust" (15). Hier "begegnet" nämlich das geschichtliche Individuum Hitler ganz "konkret" der weltgeschichtlichen Makrotendenz, dem Weltgeist, und zwar in Gestalt der "dynamistischen Verfehlung des abendländischen Denkens". Diese "Stimmung" des Weltkriegs wird angenommen, beerbt und weitergetragen in Hitlers politische und allgemeine Weltanschauung; die Folge davon ist aber nicht nur sein "Brutaldarwinismus", seine Entschlossenheit und sein Fanatismus, sondern auch die nun (als Rache für die nur passiv erlittene) aktiv übernommene "Verfügungsmacht" über den massenhaften Tod (im neuerlich angezettelten zweiten Weltkrieg und bei der Judenvernichtung).

 

Nun muß man aber die naheliegende Frage stellen: wäre es nicht viel "logischer" gewesen, wenn Hitler aufgrund dieser grausamen Weltkriegserlebnisse wie viele andere Leidens- und Zeitgenossen zum Pazifisten geworden wäre? (16)  Rühmte sich Hitler doch als jemand, "der selbst Soldat gewesen ist, der den Krieg nicht als etwas Schaurig-Schönes ansieht, sondern als das Furchtbare, das er ist" (zit. 269). Um dies zu erklären, braucht man aber keine weltgeschichtsphilosophischen Konstruktionen zu bemühen: warum sollten wir bei Hitler nicht einfach nur eine vor allem chauvinistisch-nationalistische Reaktion auf diesen auf den französischen Schlachtfeldern angeblich erfahrenen "Völkermord an den Deutschen" vor uns haben? Schmitz glaubt hingegen, Hitlers Nationalismus in philosophischer Abstraktion überhöhen zu müssen, als wäre der Krieg so etwas wie eine metaphysische Erfahrung, die nur völlig abstrakte Reaktionen und Feindschaften hervorruft, wie den Tod, den Holocaust. (17) Statt einer Erklärung gerade dieser, spezifisch hitlerschen bzw. nationalsozialistischen Verarbeitung des Weltkriegserlebnisses werden pseudo-psychologische Beschreibungen angeboten, wie "Re-Inszenierung", "Wiederholungszwang" (275) und "Wiederholungsdrang zum Holocaust" (274 u.ö.); nicht nur das Massensterben übrigens, auch das Glück der Augusttage 1914, der "Mobilmachungstage" soll politisch wiederholt werden (353). Der Unterschied des wiederholten Gleichen wird so beschrieben, daß aus der "Kompensation" (276) eine "Überkompensation" (279), ein "auftrumpfender Exzess" wird. Das passiv erlebte wird jetzt aktiv wiederholt (Schmitz spricht von der "kompensatorischen Funktion des destruktiven militärischen Militarismus [...] im Verhältnis zu seiner passivierenden Fronterfahrung im ersten Weltkrieg" (303)); das damals so sinnlose "Wegwerfen von Menschenleben" soll jetzt "sinnvoll" eingesetzt werden (d.h. für Boden, Nahrungssicherheit und deutsche Hegemonie), und zwar so radikal, daß dieses Motiv nun das "anti-autistische" Moment der Frontkameradschaft (Solidarität) verdrängt. Infragestellen kann man aber nicht nur die Herleitung der Kriegsmotivation aus der Weltkriegserfahrung, sondern auch, ob diese als eine "passive" und als "Demütigung" adäquat beschrieben ist. Immerhin wurde ja der Weltkriegseinsatz von den Teilnehmern selbst zunächst überhaupt nicht als Zwang, als "Verheizung" erfahren; die Kriegsfreiwilligen folgten dem Mythos vom Opfertod für das Vaterland. Schmitz sieht Hitler mit gewissem belegbarem Recht zwar als Opponent dieser (studentischen) Langemarck-Verklärung; aber auch die von ihm dagegengehaltene "geduldige Tapferkeit des Durchhaltens" muß nicht notwendig umschlagen in ein solches Trauma, daß daraus ein überschießender, überkompensierender "Wiederholungszwang" erklärbar wäre. Die vom Autor angebotenen psychologischen und psychoanalytischen Schlagworte dienen alle nur der Beschreibung, nicht der Erklärung. Schmitz versucht, die interessante Spannung zwischen der "positiven Kriegserfahrung" (18) der Idee (Schützengraben-Kameradschaft, die Sinnhaftigkeit des Lebenseinsatzs für die Gemeinschaft und für "ideale" Werte) und der Erfahrung der Grausamkeit und Sinnlosigkeit des "Realmilitarismus" herauszustellen; aber die herangezogenen (und auffindbaren) Belege genügen nicht, um allein daraus so etwas wie eine plausible "Motivation" für den Holocaust herzuleiten.

 

Wenn also die Frage nach der "Begründung" von Auschwitz weiter unbeantwortet bleibt, welche Erklärungsleistung liefert das Schmitzsche "Geschichtsdenken" (19) denn sonst? Das Neue besteht ja vor allem in dem umfassenden Hintergrund der abendländischen Geistesgeschichte, vor dem Hitler gesehen wird. Bemerkenswert ist, daß sich Hitler vor dieser von geistesgeschichtlichen "Verfehlungen" gekennzeichneten Geschichte zunächst fast durchwegs positiv abhebt. Denn Hitlers Programm versucht zu realisieren, was der (westlichen) Menschheit noch nie gelungen ist: seine Konzeption der "Volksgemeinschaft" erstrebt eine "Vieleinigkeit", in der das Individuum nicht unterdrückt wird, sondern jede(r) als Einzelne(r) "ernst genommen" wird; der Bericht der BDM-Führerin Melita Maschmann zeigt, wie man sich "die Achtung vor der Einzelperson im Nationalsozialismus im günstigsten Fall vorzustellen hat" (343). (20) Auch die Forderung nach Land für das deutsche Volk hat für Schmitz eine durchaus ehrenwerte Bedeutung; sie fordert die "Verwurzelung originaler Produktivität in gemeinsamen implantierenden Situationen" (gegen die Urbanisierung und das metropolitane Leben). Hitler verfolgt damit das volkspädagogische Motiv, die deutsche Volksseele vor dem (jüdischen!) Zerfall in "impressive Situationen" zu retten; die Forderung nach "Boden" ist in diesem Sinn zu verstehen. Im Zusammenhang mit dem Ideologem der Volksgemeinschaft spricht Schmitz von einer "tiefe[n] Einsicht Hitlers" (323), weil er damit die "Entlastung vom Willen" berücksichtige; seine Insistenz auf der Verantwortung infolge der "Teilhabe an der Generationenfolge des Volkes" (324) richte sich gegen die "autistische Verfehlung des abendländischen Geistes". Daher darf Hitlers "intellektuelle Kompetenz" nicht "unterschätzt" werden (345); seine "hochkomplexe Weltanschauung" sei "ein konsequent durchgestaltetes und daher einheitlich überschaubares Gebilde" (353), für das es erst die Einsicht von Prof. Schmitz bedurfte, um den "Aussichtspunkt" zu finden, von dem es überschaubar wird.

 

Der Antisemitismus ist von dieser hohen Warte aus ebenfalls keine bloße Privatidiosynkrasie, keine platte Gewaltideologie, sondern mit seinen antisemitischen Auslassungen "charakterisiert [Hitler] sehr genau" den Effekt der Zersetzung "implantierender" gemeinsamer Situationen. Die Juden repräsentieren eine - kaum mit realen Chancen - bekämpfbare toxikologische Bedrohung, weil sie die mechanistischen "Zersetzer" des organisch und natürlich Gewachsenen darstellen, die Förderer der Verflachung und Uniformierung; Schmitz sieht im NS dieselbe Abwehrhaltung vorherrschen, die Ludwig Klages (21) formuliert hat: auch dieser sei, wie Hitler, ein Widersacher der dynamistischen Verfehlung, die bei ihm in der Gestalt des jüdischen "Geist"-Prinzips auftritt (293). Wenn die Juden solche "metaphysischen" (Gegen-)Prinzipien verkörpern, ist es daher nur konsequent, wenn Schmitz behauptet, Hitlers "Judenphobie" sei eigentlich gar kein Bestandteil einer biologisch gedachten Rassenideologie: "im strengen Sinn war Hitler daher gar kein Antisemit" (346), denn die jüdische "Gefahr" war für ihn nicht die der Rassenmischung. Gerade von hier aus hätte man nun den Holocaust interpretieren können als eine "überschießende", nicht-rationale Lösung der eben nicht mehr "biologisch-rational" gestellten sog. "Judenfrage", denn zur Abwendung der "biologischen" Gefahr hätte auch eine rigorose räumliche "Trennung" der Rassen genügt. Darauf geht Schmitz aber nicht ein; bei ihm hat die Rassenideologie praktisch-politische Auswirkung nur bei der (beabsichtigten) Behandlung der Russen und der zu unterwerfenden Völker im Osten; hier bekundet Schmitz das einzige Mal, daß er Hitlers Aussagen "mit Abscheu" zur Kenntnis genommen hätte.

 

Das hindert nicht, daß Schmitz andernorts über Hitlers "ganzheitliches" Denken urteilen kann: "Das sind alles vortreffliche moralische Grundsätze" (332). Hitler, zwar ein "autistisch-schizoider Psychopath", wird dennoch hochstilisiert zu einem gescheiterten Retter des Abendlandes, beseelt "als zentralem Leitmotiv" vom "Wunsch nach Überwindung der autistischen Verfehlung des abendländischen Geistes durch Wiederbelebung einer gemeinsam implantierenden Situation in Gestalt der Volksseele" (320). Wirklich "schlimm", aber eigentlich unwesentlich ist Hitlers "destruktiver Dynamismus", den die Deutschen, gehandicapt durch das eben gen. "Leiden an der autistischen Verfehlung des abendländischen Geistes" und geblendet durch die "von Hitler angebotene Heilung dieses Leidens" (367), zu spät bemerkt haben; das 1939 wenig kriegsbegeisterte Volk sei daher "nachträglich überrascht worden" (365) von dem "genialen, anfangs gut getarnten Todesengel Adolf Hitler" (396). Kritisierbar an Hitler bleibt also lediglich sein "Mißbrauch" der Macht und der Autorität des "Nomos" (367). Aber auch hier schlägt Hitler sozusagen etwas Gutes zum Schlechten aus: die "Destruktivität" hängt gerade mit der "defensiv-phobischen" Motivierung zusammen, mit seinem Anti-Triumphalismus, seiner realistischen Einschätzung der menschlichen Schwäche, mit seiner "faustischen" Unruhe und Friedlosigkeit, die ursprünglich gerade nicht-expansiv intendiert, also nicht auf imperialistische Eroberung aus ist; Hitlers "spinozistischer" Selbsterhaltungsdrang zieht die resignative ("anti-triumphalistische") Konsequenz aus dem Scheitern des Dynamismus am nicht bewältigbaren Tod (376); daraus resultiere seine "radikale Unbarmherzigkeit". Der Holocaust wird bei Schmitz daher zu einer Verzweiflungstat, einer Reaktion und einer Akt der Rache, der fast "legitimiert" wird durch den europäischen Imperialismus und die fehlgelaufene abendländische Geistesgeschichte.

 

Das tragische Scheitern des Geistes-Heroen Hitler schmälert jedoch nicht sein "geschichtsphilosophisches Verdienst", seine "weltgeschichtliche Leistung", die sich nach dem Zweiten Weltkrieg, aber richtig deutlich erst seit 1989 abzeichnet: nämlich die Wiedervereinigung des Römischen Reichs, die Schaffung eines "Raums für mögliche neue Ordnungen" durch die "Unbedingtheit seines Vorgehens". Die geschichtsphilosophische Fixierung auf notwendige Geschichtsabläufe verhindert bei Schmitz die einfache Gegenfrage, ob denn die Ost-West-Annäherung wirklich als (nicht-intendierte und schon insofern kaum "verdienstvolle"!) Folge des Hitlerschen Willens zur Sprengung von Grenzen angesehen werden darf, und ob die NS-Untaten der einzige Weg zur Erreichung dieses Ziels gewesen wäre. Sicher hätte man das alles doch auch "billiger" haben können; von dieser sich vom Geschichtsfetischismus lösenden Perspektive her wäre Hitler daher keineswegs ein "Verdienst" anzurechnen, sondern wohl eher eine schuldhafte und grausame Verzögerung.

 

Die eingangs angedeuteten grundsätzlichen Bedenken gegen allzu breitflächig und "großatmig" angelegte Faschismustheorien finden sich von den zeitgeschichtlichen Exkursionen des Philosophen Hermann Schmitz voll bestätigt, obwohl in der vorliegenden Darstellung das besondere Problem darin besteht, daß die zu große geschichtsphilosophische Distanz (22)  mit einer zu großen empathischen und unkritischen Nähe zum Untersuchungsgegenstand eine paradoxe Kombination bildet. Der Rez. betrachtet als das Hauptproblem nicht einmal, daß Hitler hier, wie in fast allen generalisierenden Interpretationen des NS, teilweise "Recht" bekommt (das kann man, mit wichtigen Nuancen, prinzipiell z.B. auch für die Faschismustheorien der Frankfurter Schule nachweisen!). Wichtiger ist fast der umgekehrte Zusammenhang, daß nämlich der NS als Beweis dafür dienen muß, daß die Kritik der Neuen Phänomenologie an der "dominanten europäischen Intellektualkultur" immer schon recht hatte; die implizite Behauptung ist immerhin keine geringere als die, daß, wenn die von Schmitz vorgeschlagenen radikalen Kurskorrekturen der abendländischen Denkgewohnheiten rechtzeitig beherzigt geworden wären, Hitler nicht möglich und v.a. nicht nötig gewesen wäre. (23) Hitler ist sozusagen der schwarze Mann, vor dessen Wiederkehr wir erst dann gefeit sind, wenn wir die Lehren der Neuen Phänomenologie beherzigen; gleichzeitig hat Hitler uns gerade heute Wege und Augen nach Osten geöffnet, um das nicht verwestlichte oströmische Erbe des Abendlandes anzutreten, weil dort, wie die Kapitel 4 und 5 zu zeigen sich bemühen, den platonisch-christliche Irrweg nicht eingeschlagen wurde. Der nazideutsche Rußlandfeldzug wird quasi rehabilitiert, weil er in dieselbe (Himmels-)Richtung weist wie die Schmitzsche Kultur- und Philosophiekritik: ex oriente lux.

 

Schmitz´ Hitlerbuch beruht daher u.a. auf diesen Thesen: 1.) Hitler "gehört" notwendig in die abendländische Geschichte, und zwar auf zwei verschiedene Weise: a) weil er auf deren Fundament aufbaut und zur Entfaltung bringt, was in ihr "latent" angelegt ist; b) weil er eine Gegenbewegung verkörpert, die ihrerseits auf Defizite dieser Geschichte reagiert; Hitler muß also vor diesem Hintergrund gesehen werden, sowohl da, wo er ihr Erbe annimmt und möglicherweise nur radikalisiert, als auch da wo er sich dieser Geschichte entgegenstemmt und deren Fehlleistungen (über-)kompensiert. 2.) Hitler ist ein (nur) geistesgeschichtlich erklärbares Phänomen (gegen sozialwissenschaftlich, kein "deutscher", sondern ein "europäischer Sonderweg").

 

Als Fazit muß ein naheliegender Verdacht - zumindest als Frage - formuliert werden: desaouviert sich Schmitzs dezidiert konservative Wertewelt (24) nicht durch diese Nähe mit Hitler? Besteht der Preis für die "Verhinderung Hitlers" durch eine "besonnenere" Philosophie wirklich darin, daß man der NS-Geisteswelt so weit empathisch entgegenkommen muß?

 

 

 (1) Alle folgenden, nicht näher bezeichneten Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch. (zurück

 (2) P. Janich, "Gestaltung und Sensibilität. Zum Verhältnis von Konstruktivismus und Neuer Phänomenologie", in: M. Großheim, H. J. Waschkies (Hrsg.), Rehabilitierung des Subjektiven. Festschrift für Hermann Schmitz, Bonn 1993, S. 23-43.  (zurück)

 (3) Vgl. auch die homepage der "Gesellschaft für Neue Phänomenologie" http://www.users.comcity.de/~vvfhkg/GNP.html. (zurück)

 (4) Das inzwischen bereits erschienene Buch "Der Spielraum der Gegenwart" konnte hier nicht mehr berücksichtigt werden. (zurück)

 (5) Diese "sehr weitreichende Verfalls- und Depravationsthese" liegt schon früheren Veröffentlichungen "im Rücken"; vgl. die Rez. von Thomas Rentsch zu H.S., Der unerschöpfliche Gegenstand, Bonn 1990, in: Philosophische Rundschau 40, 1993, 121-128 (hier 121). (zurück)

 (6) Schmitz zitiert sich hier selbst aus seinem Buch Höhlengänge. Über die gegenwärtigen Aufgaben der Philosophie, Berlin 1997. Auch G. Picht, G. Anders und andere haben ja schon "Auschwitz und Hiroshima" auf einer Ebene zusammengestellt. (zurück)

 (7) Insofern nimmt es Wunder, daß Schmitz nicht seine Theorie der Unschärfe gewisser "Gegenstände" ("Halbdinge") auf den NS selbst anwendet und dem "Phänomen" NS nicht gerade jene "binnendiffuse Bedeutsamkeit" zuspricht, die er sonst nur bei "Gefühlen", "Atmosphären", "Situationen" ins Spiel bringt. Von einem "chaotisch-mannigfaltigen Hof der Bedeutsamkeit" spricht S. z.B. in "Situationen oder Sinnesdaten – Was wird wahrgenommen?", in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 19, 1994, Heft 2, 1-22, bes. 6. Nach m.E. würde es eine hermeneutische Annäherung bedeuten, wenn man es wagen würde, auch den NS selbst als solch ein "Faszinosum", fast als "mysterium fascinans et tremendum" zu betrachten, das nicht monokausal, reduktionistisch, moralistisch begrifflich fixiert und wegerklärt werden darf. Insofern läßt sich fragen, ob nicht eine Anwendung der Schmitzschen Kritik der klassischen Dingontologie gerade auf geschichtliche Ereignisse denkbar wäre. (zurück)

 (8) So schreibt Schmitz: mit der "Sinnlosigkeit dieses Triumphs [Holocaust] ist die dynamistische Verfehlung entlarvt" (379). Die Judenvernichtung "beweist" die Richtigkeit der Schmitzschen Theorie: diese Formulierung ist selbst entlarvend. (zurück)

 (9) Die Formulierung, Schmitz ginge es darum, "ausgetretene Pfade der Philosophiegeschichte zu verlassen" (Janich, a.a.O., S. 161), scheint den Sachverhalt zu verharmlosen, denn die Neue Phänomenologie will nicht nur obsolete Theorien durch eine bessere ersetzen, sondern die Schmitzsche Philosophiekritik will "gleichsam noch vor die Wegbiegung der Vorsokratik zurück ins homerische Zeitalter [...] gelangen" (Ingeborg Breuer, "Leiblicher Logos. Hermann Schmitz' Philosophie der Betroffenheit", in: dies., Welten im Kopf. Profile der Gegenwartsphilosophie, Deutschland, Hamburg 1996, 195-208, hier: 206) und praktisch von dieser alternativen Abzweigung an noch einmal die gesamte Menschheitsgeschichte neu beginnen lassen. (zurück)

 (10) Thomas Rentsch (vgl. oben Fn. 5) schlägt ebenfalls vor, die Analysen von Schmitz "vom globalen Anspruch einer Revision der gesamten okzidentalen Ontologiegeschichte" zu "entlasten" und "sie eher als Vorschläge zu Korrekturen mittlerer Reichweite und als Hinweis auf in der Philosophie zu Unrecht übersehene Aspekte der menschlichen Lebenswirklichkeit" zu sehen; a.a.O., 128. (zurück)

 (11) Die Neue Phänomenologie nimmt selbst in Anspruch, auf die verschiedensten Gebieten "anwendbar" zu sein: so stelle sie ein "anregendes Potential u.a. für die Psycholinguistik, die Theologie, die Sinologie, die Psychotherapie, die Politik- und Unternehmensberatung wie die Psychosomatik" bereit (M. Großheim in der "Vorrede" zu ders., (Hg.), Wege zu einer volleren Realität. Neue Phänomenologie in der Diskussion, Berlin 1994, 4). Schmitz selbst meint: "unübersehbar sind die Anregungen, die sie dem wissenschaftlichen Forschen in allen vier klassischen Fakultäten zu geben vermag: der Theologie, der Rechtskunde, ganz besonders der Medizin und im Bereich der nach der Philosophie selbst benannten Fakultät fast allen dieser zugehörigen Disziplinen, so der Ethnologie im weiten Sinn von Völkerpsychologie und dem Kulturvergleich, den philologischen und historischen Disziplinen, unter diesen besonders der Kunst-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte, ferner der Sprachwissenschaft, der Sportwissenschaft, der Psychologie und Pädagogik" (H. Schmitz, "Wozu Neue Phänomenologie?", in: eb.da, 17f.) (zurück)

 (12) "Aber vielleicht ist eine originelle, gegen den Hauptstrom gegenwärtiger Philosophie gerichtete Systemphilosophie nur um den Preis eines selbstzentrierten monadischen Philosphierens zu haben" schrieb Heiner Hastedt zu S. in einer Sammelrezension zu "Neuerscheinungen zum Leib-Seele-Problem" (Phil. Rundschau, 42, 1995, 258). (zurück)

 (13) Kritisch hierzu auch H. Hastedt: "Befremden löst aber auch in diesem kleinen Werk die Neigung des Autors zur Selbstzitation aus" (a.a.O., vgl. Fn. 12). Schwer erträglich ist auch die sich ständig selbst auf die Schulter klopfende Selbstsicherheit des Autors: Schmitz hat z.B. hat die "Gedankengeschichte dieser (ironistischen, J.L.) Verfehlung [...] in drei Büchern mit mikroskopischer Genauigkeit nachgezeichnet"...; "keine bisherige Philosophie" hat das geschafft, was sich der A. vornimmt, nämlich "mit der Lampe des Begriffs zur Quelle der Eruption in der menschlichen Natur abzusteigen und die Betroffenheit mit Besinnung zu beleuchten" (9f.). Schmitz hat schon früher allen Ernstes behauptet, "seit mehr als zweitausend Jahren ziemlich der erste Philosoph zu sein" der sich von einer falschen Grundeinstellung "frei gemacht hat" (Der unerschöpfliche Gegenstand, Bonn 1990, 17). Vgl. zu Schmitz "Angeberei" auch Jens Soentgen, Die verdeckte Wirklichkeit. Einführung in die Neue Phänomenologie von Hermann Schmitz, Bonn 1998, S. 170. (zurück)

 (14) "Wer Hitlers Weltanschauung aus Mein Kampf erfassen will, erhält ein Zerrbild von Fetzen" (358). (zurück)

 (15) Wobei sich Schmitz nie fragt, ob diese Bezeichnung, die ja die Wiederholungsthese schon als petitio principii vorwegnimmt, überhaupt angemessen auf andere Ereignisse als den Holocaust der Judenvernichtung angewendet werden darf. (zurück)

 (16) Schmitz selbst stellt diese Frage, weicht aber mit der Gegenüberstellung von "asthenischer" und "sthenischer" Reaktion einer konkreten Beantwortung gerade wieder aus (271). Zur "sthenischen Konvertierung" vgl auch 299, 301, 304. (zurück)

 (17) Dagegen hätte die These des von Schmitz kritisierten Nolte auf Hitlers primäre Prägung durch die Konfrontation mit dem Bolschewismus und Kommunismus (274) den Vorteil des (relativ) Konkreten; obwohl auch dies immer noch eine gewagte, kaum definitiv zu belegende Behauptung ist, geht sie wenigstens von einer genuin "politischen", nicht von einer reinen "existentiellen" Erfahrung aus, die ein politisches Projekt zu begründen in der Lage ist. (zurück)

 (18) Vgl. dazu auch E. Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche, München 1963, passim. (zurück)

 (19) Vgl. Ernst Nolte, Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert, Berlin u.a. 1991. (zurück)

 (20) Vgl. die enthuasiastischen Berichte über das "Glücksgefühl" der Zugehörigkeit zu den NS-Gruppierungen; völlig unberührt ist Schmitz von dem Gedanken, daß das Dazugehören immer auch den Ausschluß anderer bedeutete, und mit der gemeinschaftlichen Bezweckung äußerst fragwürdiger Ziele verbunden war; ganz abgesehen von der Nachfrage, ob man denn den "günstigsten Fall" als ausschlaggebend betrachten darf. (zurück)

 (21) Klages wird von Schmitz oft als "nächster Geistesverwandter" tituliert; vgl. z.B. H. Schmitz, Leib und Geist bei Ludwig Klages, in: Hestia 1974/75, Bonn 1975, S.23-36; ders., Sexus und Eros bei Ludwig Klages, in: Hestia 1980/81, Bonn 1981, S.9-20. (zurück)

 (22) Die es u.a. auch verhindert, daß die genaue geschichtliche Verortung der zitierten Dokumente berücksichtigt wird: Schmitz fehlt als makrohistorischem Überflieger jeglicher Sinn für die mikrohistorischen Unterscheidungen und ideologischen Eigenheiten der verschiedenen Phasen der NS-"Bewegung" (Kampfphase vor 1933, nach 1933, nach dem Röhm-Putsch, im Krieg usw.). (zurück)

 (23) "Deswegen hatte Hitler ein leichteres Spiel, als es ihm besonnenere Philosophen gestattet hätten" (10). (zurück)

 (24) Vgl. exemplarisch die Individualismus-Kritik S. 381ff. (zurück)