Der späte und der letzte und der ganze Fichte  

Ein Kongreß würdigt Fichtes Spätwerk, ein Kolloquium die editorische und philosophische Leistung Reinhard Lauths, nebst einigen Neuerscheinungen zum Thema

 

 von Florian Ehrensperger 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2004) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/spaetwerk.htm

Johann Gottlieb Fichte: Die späten wissenschaftlichen Vorlesungen I. 1809-1811. Frommann-Holzboog Studientexte, fhS 1. Stuttgart-Bad Cannstatt 2000, XIV, 418 Seiten, EUR 25.-

Johann Gottlieb Fichte: Wissenschaftslehre 1811. Über das Wesen der Philosophie 1811. Von den Thatsachen des Bewußtseyns 1811. Frommann-Holzboog Studientexte, fhS 2. Stuttgart-Bad-Cannstatt 2003, LXIV, 437 Seiten, EUR 25.-

Ultima Inquirenda. J. G. Fichtes letzte Bearbeitungen der Wissenschaftslehre Ende 1813/Anfang 1814. Textband hrsg. von Reinhard Lauth. Spekulation und Erfahrung. Texte und Untersuchungen zum Deutschen Idealismus. Abteilung I: Texte. Band 7. Frommann-Holzboog: Stuttgart Bad-Cannstatt 2001, XXII, 465 Seiten, EUR 61.-

Erich Fuchs / Marco Ivaldo / Giovanni Moretto (Hg.): Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Spekulation und Erfahrung. Abteilung II: Untersuchungen. SuE II, 45. Frommann-Holzboog: Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, 684 Seiten, EUR 96.-

 

Der Späte

 Das Spätwerk Johann Gottlieb Fichtes gilt als schwierig, ja problematisch. Hatte sich der frühe Fichte um eine wissenschaftliche Form der Transzendentalphilosophie im Anschluß an Kant bemüht und war von dessen Idee der transzendentalen Apperzeption ausgegangen, um diese als den unhintergehbaren Grund jeglichen Wissens zu bestimmen, so geht es dem Fichte nach 1800 um das Absolute und dessen Erscheinung. Es ist, um mit den Worten Günter Zöllers zu sprechen, „als hätte Fichte nach 1800 die eigene Lehre nicht nur verändert dargestellt, sondern sie ganz und gar umgewandelt. So schien es in den Fassungen der Wissenschaftslehre seit 1801 nicht mehr, jedenfalls nicht mehr vorrangig, wie noch in der Jenaer Wissenschaftslehre um das Ich zu gehen, sondern um das Absolute oder das ‚Seyn’ und dessen Erscheinung und ‚Bild’.“ (1) Es scheint, so Zöller, „als sei aus dem Transzendentalphilosophen des Ich der Metaphysiker des Absoluten geworden.“ (2) Jeder, der sich der schweißtreibenden Arbeit einer intensiven Lektüre der „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ von 1794 unterzogen und all die dort vorgenommenen Synthesen durchdacht hat, wird beim Betrachten der Spätphilosophie den Kopf schütteln und sich wundern, warum man sich all die transzendentalen Mühen gemacht hat, wenn am Ende das Bewußtsein wieder verlassen wird, um dasselbe in der Transzendenz zu gründen. Wendet sich der Spott über die dogmatischen Metaphysiker am Ende gegen den transzendentalen Spötter?

 Um diese und verwandte Fragen zu verhandeln, hat Günter Zöller als damaliger Präsident der Internationalen Fichte-Gesellschaft vom 14. bis zum 18. Oktober 2003 in München einen Kongreß mit dem Titel „J.G. Fichte. Das Spätwerk (1810-1814) und das Lebenswerk“ veranstaltet. Vier Tage wurde dabei auf vier parallel angesetzten Sektionen vornehmlich über die späte Wissenschaftslehre diskutiert. Darüber hinaus kamen auch allgemeine systematische Probleme der Wissenschaftslehre zur Sprache sowie verschiedene Vergleiche mit konkurrierenden Ansätzen (Schelling und Hegel) und editorische Probleme. Bei der Einschätzung des späten Fichte war man, es verwundert nicht, geteilter Meinung. Während mancher die Transzendenz des Ansatzes der späten Wissenschaftslehren betonte, so waren andere von der durchgängigen Transzendentalität des Fichteschen Ansatzes, auch des späten, überzeugt. Marek Siemek beispielsweise hatte schon in einem früheren Aufsatz klargestellt: „Man hat dabei [bei der Beurteilung der Spätphilosophie Fichtes als „unkritische, mystisch-religiöse Metaphysik des ‚Absoluten’“] übersehen, daß dieses Absolute beim späten Fichte nur in seiner ‚Erscheinung’ existiert, und diese Erscheinung nichts anderes als das absolute Wissen bedeutet; kurz, daß es hier von keiner Metaphysik im alten Stil, sondern wohl von einer neuartigen Ontologie des Sinnes, oder einer transzendentalen Epistemologie die Rede sein kann, wovon die Theorie des Bildes das philosophische Kernstück ausmacht.“ (3) Bei den Interpretationen so mancher später Schriften Fichtes, die auf dem Kongreß dargeboten wurden, war es allerdings für den in die Spätphilosophie Fichtes Nichteingeweihten schwer zu folgen. Wer sich nicht schon vorher von den späten Wissenschaftslehren ein Bild machen konnte, war mehr oder weniger auf verlorenem Posten. Es mag zwar für den Kenner des Jenaer Fichte plausibel erscheinen, daß Fichte sich nicht vom transzendentalen Paulus zum metaphysischen Saulus gewandelt habe. Welche sachlichen Gründe ihn jedoch dazu nötigten, die Konzeption der frühen Wissenschaftslehre(n) aufzugeben, um sich einer transzendentalen Semiotik hinzugeben, das ist nicht so leicht ersichtlich. Da mögen auch vier Tage der Auseinandersetzung mit dem späten Fichtes in München nicht viel daran ändern: die Spätphilosophie bleibt ein Problem.

 Der Münchener Fichte-Kongreß zum späten Fichte mag sein Ziel erreicht haben, wenn man mit diesem Problembewußtsein zu den späten Schriften greift, um sich selbst ein Bild zu machen. Als möglicher Einstieg hierfür bietet sich nun eine Edition der späten wissenschaftlichen Vorlesungen an, die im Verlag Frommann-Holzboog erschienen sind. Diese auf sechs Bände angelegte Reihe, von der bereits zwei erschienen sind, ist als Studientextausgabe konzipiert. Der dargebotene Text, der den vollständiger Text ohne die philologisch-kritischen Fußnoten der Akademieausgabe, die im gleichen Verlag erscheint, bringt, kann als ein Einstieg zum Studium des späten Fichte dienen. So würde man mit der Wissenschaftslehre von 1810 seinen Anfang machen. Diese kreist wie alle späteren Wissenschaftslehren um den Grundgedanken, daß das Wissen als Bild des Absouten zu verstehen sei. Die Wissenschaftslehre von 1810 findet sich im ersten Band der genannten Studientextausgaben. Darüber hinaus finden sich aus den Jahren 1809 bis 1811: „Zu der Einleitung in die gesamte Philosophie’ Winter 1809, Entwurf zu einer Einleitungsvorlesung 1809, Die Wissenschaftslehre 1810 im Umriß, Einleitungsvorlesung Oktober 1810 nach Twesten und ‚Die Tatsachen des Bewußtseyn’ 1810/1811. Im zweiten Band findet sich die Wissenschaftslehre 1811, drei Kollegnachschriften ‚Über das Wesen der Philosophie 1811’ (in drei Kollegnachschriften) sowie die Kollegnachschrift ‚Von den Thatsachen des Bewußtseyns 1811’. Im Gegensatz zur Wissenschaftslehre von 1810 geht die Wissenschaftslehre 1811 von dem Gedanken aus, ‚Das Absolute erscheint.’ Eine sich daran anschließende Deduktion der Sphäre der Erscheinungen will diese Behauptung nachweisen. Über diese Behauptung und deren Beweis sowie deren Vergleich mit der Wissenschaftslehre 1810 soll an dieser Stelle nicht verhandelt werden. Nur folgende Bemerkung zu der Ausstattung der Bände sei folgendes bemerkt: Dem Verlag ist mit der Edition dieser kleinen Bändchen gelungen, den Einstieg in die Spätphilosophie erheblich zu erleichtern. Das Format der Reihe ist ein guter Kompromiß zwischen den Formaten der Reclam-Bändchen und der Texteditionen des Meiner-Verlages, wobei der wissenschaftliche Standard, dadurch daß es ‚Ableger’ der Akademie-Ausgabe sind, anderer philosophischer Taschenbücher und Studientexte weit hinter sich zurückläßt. Derart zuverlässige, preislich erschwingliche Editionen wünscht man sich auch für andere Autoren. Leider, so scheint es, sind solche Editionen jedoch nur als ‚Nebenprodukt’ einer historisch-kritischen Ausgabe möglich.

 

Der Letzte

 Eine weitere bemerkenswerte editorische Leistung stellt die Publikation Ultima Inquirenda dar, welche das sogenannte Neue Diarium enthält, das Fichte vom 15. Oktober 1813 an bis zu seinem Tod Anfang 1814 führte. (4) In dieser Schrift philosophiert Fichte gewissermaßen mit der Feder in der Hand. Wie schon die Aufzeichnungen der frühen Schaffensperiode, wie beispielsweise die „Eignen Meditationen“ oder die „Practische Philosophie“, so kann man hier die Philosophie Fichtes in statu nascendi beobachten. Mit diesen letzten Texten Fichtes ist es nun möglich, sich ein Bild vom ganzen Fichte zu machen: von den frühen Entwürfen, die zur Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre von 1794 führten, bis hin zu Fichtes Tod 1814. Günter Zöller hat dabei das Studium des Neuen Diariums zu folgender These veranlaßt: „Die Wissenschaftslehre bleibt Transzendentalphilosophie unter der Grundform des transzendentalen Idealismus.“ (5) Um diese These zu belegen, zitiert Zöller folgende Passage aus dem Diarium: „Ich ist u. bleibt stets die Hauptsache.“ (6) Für Zöller ist das der Beleg dafür, daß sich Fichtes Philosophie einheitlich als Transzendentalphilosophie bezeichnen läßt: „Fichtes letzte Arbeiten bestätigen den Grundcharakter der Wissenschaftslehre als transzendental-idealistischer Prinzipienlehre theoretischen wie praktischen Wissens.“ (7)

 

Der Ganze

 Daß nun in den letzten Jahren das Studium des späten und letzten Fichte überhaupt möglich geworden ist, dies ist das Verdienst Reinhard Lauths. Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß sogar das Studium des frühen Fichte ohne die editorischen Leistungen Lauths nicht möglich gewesen wäre. Die historisch-kritische Fichte-Ausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (die sogenannte Akademieausgabe) verdankt sich der Initiative Lauths. Unermüdlich hat er sich für sie eingesetzt, und dank seines außergewöhnlichen Engagements wird die Ausgabe in wenigen Jahren abgeschlossen sein. Ohne Zweifel eine beachtenswerte Leistung. Darüber hinaus hat Lauth während seiner langjährigen Lehrtätigkeit in München Philosophie als transzendentales System vorgetragen, womit er die Münchener Schule begründet hat, welche Generationen von Fichte-Forschern hervorgebracht hat.

 Diese editorischen und philosophischen Leistungen zu würdigen fand am 19. und 20. November 1999, zur Gelegenheit des achtzigsten Geburtstags Reinhard Lauths, ein Fichte-Kolloquium in Genua statt. Der 2001 erschiene Tagungsband (8) hierzu enthält neben den bereits zitierten Aufsätzen von Günter Zöller und Marek Siemek auch einen Aufsatz von Reinhard Lauth selbst, in dem er sich zum Grundansatz der Transzendentalphilosophie äußert. Unter dem Titel „Vorrang des transzendentalen Zugangs zur Philosophie“ weist er u.a. auf zwei Aspekte hin, die für ihn für eine Transzendentalphilosophie unhintergehbar sind: „Das Aposteriorische generell als solches ist ebenso wie das Apriorische ein prinzipiell konstitutives Moment der Wirklichkeit. Als konkret Konkretes ist seine wahre Bedeutung nicht die, daß es uns eine Welt an sich erschlösse, sondern daß es Ermöglichungsmoment der Freiheit ist. Das primär Aposteriorische ist die Freiheit in ihren Vollzügen; denn erst an der Freiheitssetzung kann sich die faktische Hemmung manifestieren. Es ist einsichtig die Freiheit, die intentional und realisierend die faktischen Induktionsmomente konstelliert, praktisch sowohl als theoretisch.“ (9)

 Der zweit Aspekt ist eng damit verknüpft. Es ist das Primat des Praktischen und die Bestimmung des Menschen im moralischen Handeln: „Unsere faktischen Zustände verhalten sich wie mögliche Mittel zu den uns und von uns gesetzten Zwecken. Die Existenz der Sinnenwelt, ja selbst aller vernünftigen Wesen, findet sich damit in einer höheren Ordnung eingebettet, in der sie die nur objektive Grundlage ist.“ (10) Fichte hatte das selbst so formuliert: „Unsere Welt ist das versinnlichte Materiale unserer Pflicht; dies ist das eigentliche Reelle in den Dingen, der wahre Grundstoff aller Erscheinung. Der Zwang, mit welchem der Glaube an die Realität derselben sich uns aufdringt, ist ein moralischer Zwang“ (11). Damit ist die Philosophie ein offenes System, das sich um die Begründung und Entfaltung der Prinzipien der Wirklichkeit, die nicht allein theoretisch verfaßt ist (zumal wir sie alle täglich praktisch, durch unser Verhalten in der Welt mitverfassen), bemüht. Ob das auch der späte und letzte Fichte ist? Daß wir die Möglichkeit haben, dies entscheiden zu können, das verdanken wir Reinhard Lauth.

 

Anmerkungen:

(1) Günter Zöller: „Leben und Wissen. Der Stand der Wissenschaftslehre beim letzten Fichte“, in: Erich Fuchs / Marco Ivaldo / Giovanni Moretto (Hg.): Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, S. 308 f. (zurück)

(2) Ebd., S. 309. (zurück)

(3) Marek Siemek: „Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes“, in: ebd., S. 42. (zurück)

(4) Der Band enthält außerdem die folgenden Schriften Fichtes: „Einleitung in die Wissenschaftslehre“ vom Herbst 1813 sowie die erste bis fünfte Vorlesung der Wissenschaftslehre von 1814. (zurück)

(5) Günter Zöller, a.a.O, S. 315. (zurück)

(6) Ebd., S. 320. (zurück)

(7) Ebd., S. 328. (zurück)

(8) Erich Fuchs / Marco Ivaldo / Giovanni Moretto (Hg.): Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001. Die dort angekündigte vollständige Bibliographie der Schriften Reinhard Lauths ist inzwischen im Internet. (zurück)

(9) Reinhard Lauth: „Der Vorrang des transzendentalen Zugangs zur Philosophie“, in: ebd, S. 28 f. (zurück)

(10) Ebd., S. 34. (zurück)

(11) Johann Gottlieb Fichte: „Ueber den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung“, in: Fichtes sämmtliche Werke, hg. von I. H. Fichte, Berlin 1845-1846, Bd. V, S. 185. (zurück)