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Postmoderne zwischen Affirmation und Widerstand

 

von Martin Götze

 
 (c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (1991) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/welsch.htm
Wolfgang Welsch: Ästhetisches Denken. Stuttgart: 1990
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Seit der vielgebrauchte und mißverständliche Begriff in Umlauf gebracht wurde, besteht die Diskussion über die Postmoderne in nicht geringem Maße aus Versuchen zu definieren, was denn Postmoderne eigentlich sei. Jetzt (1991), zum Ausklang einer Dekade, die immer wieder um die treffende Bestimmung bemüht und mit den aus unterschiedlichen Auslegungen sich ergebenden Disputationen viel beschäftigt war, hat ein Vertreter dieser Richtung, Wolfgang Welsch, ein schmales Büchlein herausgegeben, das konzentriert geschriebene und Orientierung anbietende Aufsätze zum Thema versammelt. Wie der Titel bereits programmatisch formuliert, unternimmt es der Autor, postmoderne Philosophie als ein vornehmlich ästhetisch geprägtes Denken zu charakterisieren, wobei ein generalisierter Ästhetikbegriff zugrundeliegt, der alle Formen der Wahrnehmung - sinnlicher, primär künstlerischer, aber vor allem auch geistiger Art - umfaßt. Es handelt sich um ein Denken, das seinen Ausgang von Wahrnehmungen nimmt, sich jedoch nicht mit der bloßen Affektion begnügt, sondern diese als Basis für seine Entfaltung versteht. So wird von den neuen, ästhetisch ausgerichteten Denkern gesagt, daß sie "ihre Sinne im Denken mobilisieren" und eine Form der Reflexion betreiben, die "über Sinne verfügt und mit ihnen Sinn macht."1 Nach Ansicht von Wolfgang Welsch ist nun ein solches auf Wahrnehmung, auf Aisthesis beruhendes Denken inmitten einer von medial vermittelter Fiktion beherrschten und damit selbst immer weniger "realistischen" Wirklichkeit das eigentlich angemessene, aktuelle Denken. Die "Scheinontologie" des Fernsehens und der Werbung kann nur von einem Wahrnehmungsdenken noch kritisch reflektiert werden. Eine Kernthese des Buches ist aber, daß aller Ästhetik eine entgegenstehende Anästhetik, eine "blinde Stelle" immanent sei. Jedes Wahrnehmen schließt ein anderes Nicht-Wahrgenommenes aus; jeder Sinnenakt ist konstituiert durch einen anästhetischen, gleichsam transzendentalen Schematismus, der selbst nicht wahrnehmbar ist. Das Gleiche gilt für gesellschafliche Phänomene: Soziale Wahrnehmung ist ebenso von Grundbildern, traditionellen Typiken, ins Unbewußte eingeschriebenen Schablonen geprägt. Und schließlich sind viele Bedrohungen der Lebenswelt mit Sinnen gar nicht mehr faßbar, - das Beispiel Tschernobyl wird hier ins Feld geführt -, und der Daten -bzw. Bilderflut der Informationsgesellschaft mit ihrem weitschweifigen Kommunkationssystem steht eine Gleichschaltung und Entsinnlichung des Wahrgenommenen durch dieselbe Maschinerie entgegen. Auch hier soll sich ästhetisches Denken als das angemessenste erweisen, ist es doch aufgrund seiner spezifischen Sensibilität besonders auf diese Anästhetisierung aufmerksam.  

Das Paradigma einer auf die Unübersehbarkeit heutiger Wirklichkeit reflektierenden Ästhetik ist die moderne Kunst, und der Autor verwendet viel Mühe, uns ihren maßgeblichen Einfluß auf die Theoreme der Postmoderne vor Augen zu führen, indem er auf die entscheidenden Kunsterlebnisse eines Lyotard, Derrida oder Foucault verweist. Aus historischer Perspektive gesehen, bilden die künstlerischen Avantgarden seit Beginn des Jahrhunderts sogar die Vorhut der Philosophie und haben dieser wichtige Einsichten voraus. Während das Projekt der Moderne im Gegensatz zur metaphysisch ausgerichteten "Prämoderne", welche das Sinnenhafte als bloßen Schein abtat, die Identität des Menschen in seiner totalen Ästhetisierung entfalten will, nimmt die Avantgarde Bezug auf die Dialektik von Ästhetik und der ihr innewohnenden Anästhetik. Bei der modernen Kunst, so das Postulat des Vordenkers Lyotard, handle es sich um eine Kunst des Erhabenen, der es auf die Wahrnehmung eine Nicht-Wahrnehmbaren ankomme, oder die doch auf ein solches anzuspielen trachte. Zum Modus der Erhabenheit gehört für die Kunst (in der Regel ist die bildende gemeint) das Abrücken vom rein sinnlichen Wahrnehmen und die Hinwendung zur Reflexion, sowie in Folge der Erkenntnis des 'Zerplatzens' traditioneller Wirklichkeitsauffassung, die Anerkennung, aber vor allem die Ausübung radikaler Pluralität und Heterogenität. Ebenso sind andere wesentliche Inhalte postmoderner Philosopheme, die fundamentale Kritk an "Anthropozentrismus, Logozentrismus, Monosemie und Visualprimat" (Welsch 82), von bedeutenden Künstlern des Jahrhunderts thematisiert worden, bevor professionelle Denker sich ihrer angenommen haben.  

Auch die Konzeption eines ästhetischen Denkens, die uns der Verfasser vorlegt, bleibt im Kern ein künstlerisches Denken, und das Modell seiner Ausgliederung - Aufstieg von einer als symptomatisch erfaßten Wahrnehmung hin zu einem durchreflektierten Paradigma von Welt - ähnelt sehr der Verfahrensweise des Künstlers, der in Symbol, Allegorie oder Metapher einen suggestiven Wirklichkeitsentwurf entstehen läßt. Schwer einsehbar ist allerdings, wie ein auf Aisthesis gebautes Denken, das die neuzeitliche Prämisse vom Primat des Logos gegenüber den Sinnen verwirft und deshalb sogar in Kauf nimmt, "letztlich den Preis der Nicht-Kommunizierbarkeit zu entrichten" (Welsch 56), ein Nicht-Wahrnehmbares überhaupt erreichen kann, soll es Ästhetik und Anästhetik zugleich begreifen. Bedeutet dies, um einen Übergang zu gewährleisten, nicht wiederum eine Akzentverschiebung zugunsten des Logos? Eine solche Abwertung des Sinnlichen findet ja gerade in einer Ästhetik des Erhabenen statt, "die Momente ins Spiel zu bringen sucht, die nicht sichtbar, sondern nur denkbar sind" (Welsch 58), wobei auch hier nicht leicht verständlich ist, wie die Forderung eines Wahrnehmens des Nicht-Wahrnehmbaren konkret zu realisieren sei. Zudem ist fraglich, ob ein derart genereller Warhnehmungsbegriff, wie er dem ästhetischen Denken zugrunde liegt, der also den "Charakter von Einsicht" hat und "mit Wahrheitsansprüchen verbunden ist" (Welsch 48), Sinn macht, will man denn noch von Wahrnehmung sprechen. Und schließlich, welche Relevanz besitzt ein Denken, das sich gegebenenfalls der Intersubjektivität verweigert? Eine Stärke der postmodernen Ästhetik-Konzeption ist sicherlich, daß sie ihren Ausgang vom ästhetischen Gegenstand selbst nimmt. Zu Recht verweist Welsch auf die Nachteile einer Interpretation, die der Kunst ihre kunstfremde Doktrin von außen her aufdrückt und sie somit einer vorausgesetzten Sichtweise gefügig macht. Aber - und niemand wird dies bestreiten - die Berufung auf originäre Kunsterfahrung impliziert keinesfalls eine verbindliche Objektivität der Deutung. Die Postmoderne lebt geradezu von einer spezifischen Auslegung moderner Kunst, die es erlaubt, deren nihilistischen Grundzug positiv zu verstehen. Das Ergebnis dieser Bejahung ist eine Ästhetik des Erhabenen. Dagegen kann auch eine negative Auffassung, die etwa in den Produkten der Avantgarde lediglich Entfremdung und Ohnmacht gegenüber einer metaphysisch entwerteten Wirklichkeit auffindet, vertreten werden. Freilich unterliegt diese der Gefahr, als "altmodern" abgetan zu werden.  

Ein besonderer Modus postmoderner Ästhetik ist ihr Schwanken zwischen Affirmation und Widerstand. Der Grund dafür liegt wohl in der zwiespältigen Haltung dieses Denkens gegenüber der Moderne, an der es sich definiert. Anspruch auf kritische Kompetenz bezieht die Postmoderne aus ihrer Abgrenzung gegen die Moderne, aber gerade sie gab der Diskussion immer wieder Anlaß zur Problematisierung. Schon die Interpretation moderner Kunst durch postmoderne Philosophen führt zu einer Perspektive, in der das Motiv der Moderne, nämlich "Einheitssehnsucht", mit der Verfassung moderner Kunst, die auf "Vielheitslust" setzt, differiert (vgl. Welsch 95). Die Kunst konstatiert und praktiziert das Nebeneinander von Gegensätzlichem, die Pluralität von Formen und Stilen als grundlegendes Faktum heutiger Wirklichkeit, hat aber andererseits das Bedürfnis, sich gegen den anonymen Uniformitätsdruck eben dieser Wirklichkeit zu wehren. Die neuen Denker leiten daraus ihr Credo ab: Das Projekt der Moderne, Entfaltung des Individuellen, muß gegen seine Erscheinungsweise, nämlich Streben nach abstrakter Identität und Ausschluß des Divergenten, welches unweigerlich zur Totalisierung führt, verteidigt werden. Hier liegt das Potential des Widerstandes. Zu affirmieren ist jedoch die Vorderseite der Medaille, deren Modalität sich in der Avantgarde widerspiegelt: "Die durch einschneidende Heterogenität geprägte Pluralität, die wir an der Kunst exemplarisch erfahren können, entspricht der Verfassung unserer, der postmodernen Gesellschaft." Die postmoderne Gesellschaft, die durchaus als empirischer Tatbestand figuriert, ist also die "gute" Moderne, und gleichzeitig hat sie sich zu wehren "gegen den allgegenwärtigen Trend zr Einschleifung, Unterdrückung und Uniformierung des Differenten." (Welsch 164)  

Wo und auf welche Weise findet dieses bedrückende Parallelgeschehen in einem doch vielschichtig gefächerten sozio-kulturellen Raum statt? Wo macht sich das vielbeschworene Einheitsdenken der Moderne bemerkbar? Selbst die Bedrohung durch den Technokratismus ist mehr Folge des Verlustes eines teleologischen Zusammenhangs, als Zeichen einer totalitären Einheitsintention. In Grundtexten der Bewegung wird nicht selten der Name Hegels geraunt, in dessen Lehre sich die "spekulative Moderne" konzentriere.2 Aber nach ihm - abgesehen vom Hegelianer Marx - war alle bedeutende Philosophie dekonstruktivistisch. Der "Krieg dem Ganzen", den Lyotard gegen Hegels Diktum von Universalitätscharakter der Wahrheit propagiert3, wurde von der Moderne selbst am unnachsichtigsten geführt. Die Postmoderne bietet sich an als Widerstandskonzeption gegen einen Erlösungsanspruch, der vom europäischen Nihilismus, dessen Affirmation sie letztendlich ist, längst niedergestreckt wurde.  

Gewiß, in unserer konsum- und freizeitorientierten Gesellschaft gibt es Zeichen einer fortschreitenden Gleichschaltung, aber mir scheint, diese hat ihren Ausgangspunkt gerade auch im Inneren heutiger Pluralität. Wirft man einen Blick auf die Passagen von Welschs Buch, die das zum Inhalt haben, was man "praktische Philosophie" nennen kann, so zeigen sich die Schwierigkeiten , einen Typus von Subjektivität zu entwickeln, welcher der Erfahrung radikaler Divergenz standhalten und dazu positiv mit ihr umgehen soll. Die Handlungstheorie einer "Identität im Übergang" vollzieht sich real oft genug als Identität im Untergang. Im Schatten der Shopping-Kathedralen ist es die Diktatur des "Zeitgeistes", oft als populärer Postmodernismus verstanden, und die Dauerimpression suggestiver Medien, die den typisierten Schein des Individuellen an Inidividuen verkaufen, die längst einer Desorientierung durch die beliebige Vielheit von Lebensformen anheimgefallen sind. Bezeichnenderweise läßt sich das neue Subjekt-Ideal nur in dunklen semiparadoxen Formulierungen mitteilen, etwa wenn eine "kernlose ... aus der Vielheit von Möglichkeiten bestehende Identität" (Welsch 180) propagiert wird. Wie hat man sich einen solchen Umgang mit wechselnden Rollen ohne Rekurs auf ein Pesönlichkeitssubstrat vorzustellen, ist doch gerade für eine "plurale Identität" die Gefahr der Manipulation besonders groß?  

Selbst für die Postmoderne ist es schwer, radikale Vielheit konsequent zu denken. Zumindest soll Kommunikation und konstruktiver Austausch zwischen heterogenen Weltentwürfen gewährleistet sein. "Transversalität", Verbindung divergenter Lebensformen, lautet daher das richtungsweisende Stichwort: "Nach der Thematisierung von Pluralität und Heterogenität steht uns ein Denken der Transversalität bevor." (Welsch 72) Es gilt abzuwarten, welche Lösungsvorschläge der Verfasser der vorliegenden Aufsätze in Zukunft einem interessierten Publikum vorlegen wird. 

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1 Wolfgang Welsch: Ästhetisches Denken. Stuttgart: 1990. S. 47. Im folgenden verkürzt zitiert als Welsch und entsprechender Seitenzahl. (back)  
2 Jean-Francois Lyotard: Randbemerkungen zu den Erzählungen. In: Postmoderne für Kinder. Briefe aus den Jahren 1982 - 1985. Wien: 1987. (back)  
3 Ders.: Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? Ebd. (back)