Der Trost der Enzyklopädie  

Mit der Begriffsgeschichte ins nächste Jahrtausend 

 

 von Christoph von Wolzogen
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2000) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/wörterbuch.htm

J. Ritter † und K. Gründer (Hrsg.) unter Mitwirkung von über 1200 Fachgelehrten: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 10: St – T. Schwabe & Co. Verlag, Basel 1998, 820 S., 420, – DM

Dass die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfasst sei, gehört zu ihren bekanntesten, aber auch hintersinnigsten Sentenzen. Über deren Wahrheit haben Vertreter des Historismus und der reinen Sachlichkeit lange – genug – gestritten. Mittlerweile hat sich zwischen den Extremen der "antiquarischen" Geschichtsbetrachtung – deren Interesse nur dem "Toten" gilt – und der "kritischen" Geschichtsbetrachtung – die das Vergangene im Horizont der Gegenwart umschreibt – Ernüchterung durchgesetzt. Dass jedenfalls die Geschichte der "besonderen Wörter", ohne die Kant zufolge "allgemach die Begriffe schwinden", den ruhigen Gang einer Wissenschaft beschreitet, ist dem Konzept der "Begriffsgeschichte" und seiner Realisierung im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" zu verdanken. In ihm verwirklicht in der Nachfolge von Joachim Ritter und seinen Mitarbeitern eine eindrucksvolle Zahl von Fachgelehrten W. T. Krugs Programm aus dem Jahr 1806, "von allen philosophischen Begriffen und Sätzen ein Werk" zu haben, das "ihren Ursprung, ihren Fortgang, ihre Veränderungen, ihre Anfechtungen und Verteidigungen, Entstellungen und Berichtigungen mit Angaben der Quellen, der Verfasser, der Zeiten bis auf den gegenwärtigen Augenblick angäbe."

Nicht erst der soeben ausgelieferte Band "St - T" – der 10. einer Jahrtausendedition – stellt ein Jubiläum dar. Als der Verlag Schwabe & Co. 1988 sein 500jähriges Bestehen feierte, jährte sich die Entstehung des Wortes "Enzyklopädie" – fast auf das Jahr genau (1990) – ebenfalls ein halbes Jahrtausend. Was für eine glückliche Fügung, was für ein kairos, der den Verlag aus den Quellen des Humanismus mit dieser Enzyklopädie schlechthin – dem umfassendsten philosophischen Lexikon aller Zeiten – zusammengebracht hat! Während aber d´Alembert und Diderot mit ihrer "Encyclopedie" die Absicht verbanden, mit der Untersuchung der "Genealogie" und der "Gründe" unserer Erkenntnis den "ganzen alten Unfug auszurotten", verfolgte Ritter mit der Begriffsgeschichte ein gemäßigteres Ziel, nämlich die Aufrechterhaltung der Spannung zwischen der Philosophie in ihrer systematischen Funktion und dem vielfältigen Reichtum ihrer geschichtlichen Bildung, also zwischen dem, was man heute "Gründegeschichte" und "Wirkungsgeschichte" nennt.

In diese Spannung gehört freilich auch – und hier meldet sich einmal mehr der Historismus – die historische Zäsur von 1989, in deren Folge nicht wenige Gestalten des Geistes, wie sie etwa der Artikel "Marxismus" beschreibt, alt geworden sind. Bei der Relektüre der entsprechenden Begriffe will sich die Gewissheit des Fortschritts, die das "geistige Band" jener Artikel noch bildete, nicht mehr selbstverständlich einstellen. Wo aber bleibt nun der geschichtlich verbürgte Trost? Unter diesem Stichwort lesen wir jetzt aufmerksamer Nietzsches Verdikt, dass Philosophie nicht trösten könne. Also gehen wir – weil der Begriff "Millennium" (noch) fehlt – zurück zu Ernst Blochs "Gewissen des Morgens", das den Artikel "Nichts" beschließt. Und dort buchstabieren wir dann jene Formel, die unserer Furcht "zum Troste gereichen" soll, – allerdings mit einer kleinen Variante, die die Geschichte oder ein ebenso unbekannter wie unvergessener Parteifunktionär seit damals geschrieben hat: "Gestern noch standen wir vor dem Abgrund. Heute aber haben wir den ersten Schritt in die richtige Richtung getan – nämlich nach vorne." Hier zeigt sich etwas, das Fritz Mauthner den "unfreiwilligen Humor der philosophischen Begriffe" genannt hat. Und es gehört nicht zu den geringsten Verdiensten des "Historischen Wörterbuchs der Philosophie", in den Verästelungen des menschlichen Geistes auch – wie Mauthner sagt – den "feinsten Humor" lesbar zu machen, der uns in die Lage versetzt, bei "der Begriffsgeschichte der Kategorien das freieste, große Gelächter" anzuschlagen.

 

Der Autor:

 Philosoph und Philosophiejournalist. Promotion in Frankfurt über Paul Natorps Relationstheorie (1984), Habilitation in Karlsruhe über Heidegger und der Pragmatismus (1998), langjährige Beschäftigung mit Emmanuel Levinas (diverse Aufsätze, Rezensionen, Film 1990 für den WDR), philosophischer Rezensent für verschiedene Zeitungen (FAZ, NZZ, WELT), sieht im Nichtwissensmanagement die einzige, aber entscheidende künftige Dienstleistung der Philosophie, arbeitet an einer Philosophie der "Verhältnisse" (Arbeitstitel: Von der Beziehung zum Verhältnis oder Von der Relatio zur Ratio / Das Verhältnis der Vernunft)