Rezension            -           review         -        Rezension           -          review       -        Rezension             review 

 

Systematiker ohne System?


 

von Thomas Wolf
 

 
  


 

Zurück zur Homepage
Zurück zur Artikelseite

 

(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/rezensio/wolf.htm

Wolfhart Henkmann: Max Scheler. (Beck’sche Reihe Denker). München, Verlag Beck 1998, 272 Seiten, 28,- DM

--------------------

Eine Reihe mit dem Titel "Denker" muß dem Anspruch genügen können, Entwicklungen und Ausprägungen der gesamten Geistesgeschichte an herausragenden Gestalten nachzuzeichnen, indem einerseits innerhalb einer geschlossenen Darstellung die wesentlichen Fragen und Antworten des jeweiligen Denkers vorgestellt werden, andererseits vor dem offenen Horizont eines Werkes der Kontext dieser Positionen aufgezeigt wird, um eine tiefergehende Beschäftigung mit Person und Problem anzuregen.

Das allgemein gesteigerte Interesse an Einführungen führt jedoch bei aller Rührigkeit in diesem Bereich hin und wieder dazu, daß gewisse Schwerpunktsetzungen zu Schieflagen führen, die den Leser eher aus einem Denken hinaus- denn hineinführen. So findet man zuweilen Darstellungen, die sich so sehr an der Person eines Philosophen orientieren, daß angesichts der Fülle biographischer Anekdoten und Querverweise bezüglich der Rezeptionen oder Antizipationen eine ernsthafte Auseinandersetzung unterbunden bleibt. Eine andere Art der Darstellung orientiert sich so intensiv am Werk, daß eine gewiß beachtenswerte akademische Fragestellung, die sich nur durch umfassende Kenntnis des Gesamtschaffens eines Autors beantworten ließe, sowohl wegen des gebotenen einführenden Charakters als auch aufgrund einer weitgehenden Ausblendung des biographischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhanges die Ansprüche nicht erfüllen kann. In diesem Spektrum des Ungenügens läßt sich Wolfhart Henckmanns Scheler-Monographie eher der letzteren Gruppe zuordnen, da sie sich trotz kenntnisreicher Ausführungen zu Werk und Wirken dieses Philosophen kaum als hilfreiche Einführung bezeichnen läßt.

Max Scheler (1874-1928) – der verschwenderischere und faustische Denker – verkörpert wie kaum ein anderer in seinem von Sprüngen und Brüchen geprägten Lebens-Werk die Problemlage der Philosophie im beginnenden 20. Jahrhundert: Neukantianismus, Lebensphilosophie, Phänomenologie, Anthropologie und Metaphysik vermögen als bloße Richtungsbezeichnungen kaum darzustellen, in welcher Spannung sich Schelers Denken bewegt, das zeit seines kurzen Lebens von jedem dieser Standpunkte zehrte, um sie ihrerseits zu befruchten, überwand und vereinnahmte, um letztlich unabgeschlossen – wenn nicht unabschließbar – zu bleiben [1]. Sein Ansturm gegen die Tradition, sein für viele andere anregendes und herausforderndes Philosophieren, sein rhapsodisches Wesen und Wirken lassen sich nur begreifen, wenn einerseits das ihn bestimmende geistige ‘Milieu’, andererseits die von ihm in Anspruch genommene ‘Methode’ des Fragens mit in die Betrachtung aufgenommen werden. Die Bedeutung des Wertes und der Liebe als Fundament der Erfahrung, die Gemeinschaft zwischen Mensch und Welt, die Ursprünglichkeit emotionalen Lebens und der daraus erwachsende Ansatz einer persönlichen Phänomenologie führen zu einer eigenständigen Bündelung zeitgenössischer Themen, unter denen man sich heute nur noch mit den Stichworten Anthropologie und Wissenssoziologie Konkretes vorzustellen vermag. Weniger leidenschaftlich, doch nicht minder den Spannungen der Zeit verpflichtet, konnte wohl nur Martin Heidegger verstehen, was einen Denker wie Scheler trieb [2].

Henckmann beginnt sein Buch mit jenem fast vollständig zitierten Nachruf, um dann aus der Ferne des Heutigen die übergreifenden Zusammenhänge in Schelers Denkwegen zu skizzieren. Aus dem zu Recht betonten einheitlichen Spannungsgefüge von Leben und Philosophie, Denken und literarischem Ausdruck innerhalb dieses personalistischen Ansatzes leitet der Autor seine ihn seit einiger Zeit schon umtreibende Fragestellung ab, die statt einer um die Grundprobleme Liebe, Wert, Person, Welt, Gott etc. kreisenden üblichen Scheler-Interpretation den systematischen Charakter der Schelerschen Konzeption von Philosophie in den Vordergrund zu stellen bemüht ist. Dabei wendet er sich gegen eine auch bei anderen Philosophen immer wieder unternommene Einteilung in verschiedene abgeschlossene Phasen, deren Sinn einzig darin zu bestehen scheint, durch alternative, mehr die Kontinuität eines Denkens betonende Auslegungen abgelöst zu werden [3]. Der Aspekt "einer gewissen Systematik philosophischer Disziplinen und der Gesichtspunkt der zeitlichen Entwicklung" (12) sollen dabei den Leitfaden der vorliegenden Schrift abgeben. So vielversprechend dies als Forschungsmaxime sein mag, so schwerfällig erweist sich die Durchführung in einer einführenden Darstellung – ob man Max Scheler damit einen philosophischen Dienst erweist, möge hier offen bleiben [4].

Nach einem konzisen und inhaltsreichen Abriß der biographischen und philosophischen Entwicklungen Schelers, die die wesentlichen Ereignisse und Begegnungen seines in vielerlei Hinsicht bewegten Lebens nachzeichnet, ohne sich in Anekdoten und pikanten Details zu verlieren – deren es sicherlich zahlreiche zu suchen gäbe –, und der den Rahmen für die Skizze des "dynamischen ‘offenen Systems’" (12) bildet, folgt Henckmanns Einführung einem Denkmodell der "Disziplinensystematik" (12) – im Ausgang von einer Wesensontologie über den Bereich der Realverhältnisse bis hin zum Absoluten des Weltgrundes –, um diese als ein bisher nur unzureichend berücksichtigtes Grundproblem Schelers vorzustellen. Die zur Stützung dieser These notwendige "detaillierte Entwicklungsgeschichte" (13) sowie das "Spannungsgefüge von Diachronie, Synchronie und Tiefenstruktur philosophischer Problementfaltung" (15) kann diese einleitende Schrift verständlicherweise nicht vorlegen, so daß sie irgendwo zwischen Fisch und Fleisch in der Schwebe bleibt, ohne wirklich entweder einführend oder ausführend argumentieren zu können. Jenes Kapitel "Leben und philosophische Entwicklung" für sich genommen, erfüllt mit seiner flüssigen Präsentation und den neugierig machenden Ausblicken schon sämtliche Kriterien einer Einführung, die im Fortgang des Buches allerdings ins Hintertreffen geraten.

Das Kapitel "Vom Wesen der Philosophie" bemüht sich darum, parallel zu den verschiedenen Problembereichen Schelers unterschiedliche Philosophiebegriffe anhand seiner Ansprüche an die jeweiligen von ihm rezipierten zeitgenössischen Konzeptionen zu rekonstruieren. So gehe es Scheler zunächst um eine Standortbestimmung der Philosophie im Gegenwartsgeschehen: "Er stellt die Philosophie von Anfang an in übergreifende Kontexte: in den Kontext ihrer eigenen Geschichte mit der Mannigfaltigkeit verschiedener Standpunkte, in den Kontext nicht-philosophischer Wissenschaften und in den Kontext weltanschaulicher, kultureller, religiöser und auch politischer Bestrebungen der Zeit" (40). Ziel dieser Bemühungen sei die Rehabilitierung einer Philosophie als Metaphysik im Sinne einer Meta-Theorie der gesamten Kultur. Dafür bedürfe es einer Modifizierung der seit der Begegnung mit Husserl im Jahre 1902 für Scheler prägenden Phänomenologie, die er – weit über Husserls eigene programmatische Ansprüche hinausgehend – als ein genuin moralisches Verhalten in der Grundaktart der Liebe als "grundsätzliche Offenheit zur Welt" (46) interpretiert [5]. Als Grundaxiom der Schelerschen Variante phänomenologischer Philosophie könne man die "Korrelativität und grundsätzliche Kompatibilität von Geist und Welt" (47) bezeichnen, deren Aufgabengebiet allein die apriorische Erkenntnis der Wesensbeziehungen betreffe. Darüber hinaus verfolge Scheler von Anfang an die Integration des metaphysischen und phänomenologischen Aspektes seiner Philosophie, die am Ende seines Lebens in einem evolutionären Panentheismus der Selbstdeifikation des Menschen resultiert. Aufgrund dieser Vorgaben teilt Henckmann die nachfolgenden Kapitel nach den Aspekten ein, die seiner Ansicht nach Schelers System der Philosophie konstituieren: Erste Philosophie, Erkenntnis- und allgemeine Wissenstheorie, Wertphilosophie, Sozial- und Geschichtsphilosophie, Wissenssoziologie, Anthropologie und Metaphysik, die sich einerseits an konkreten Sachproblemen, andererseits an einer übergeordneten Wert- und Ideenordnung orientieren. Die Erwartungen, die durch die Aufzählung dieser Disziplinen beim Leser geweckt werden, nun endlich etwas über Max Schelers maßgebliche Rolle in der philosophischen Diskussion der zwanziger Jahre aufgrund seines speziellen Problemzugangs zu erfahren, werden jedoch weitgehend enttäuscht. Die den genannten Inhalten verpflichteten Kapitel lassen zwar Henckmanns profunde Kenntnisse des Schelerschen Werkes hervortreten, vernachlässigen aber die Aufweisung der jeweiligen Problemhorizonte, aus denen heraus sich Schelers Entwürfe entwickeln. Das Ziel einer Systemdarstellung führt dazu, daß er in den einzelnen Kapiteln chronologisch Schelers Schriften daraufhin untersucht, wann und wie sie sich dem gesetzten Ziel zuwenden, um schließlich darin auszulaufen, daß Scheler dieses Ziel nicht erreicht oder eine andere Perspektive einnahm. So erweist sich etwa die Erste Philosophie als ein "Sammelbecken von unterschiedlichen Problemstellungen" (57), die aber als Ganzes betrachtet unausgeführt bleibe. Die von Scheler angestrebte Verschmelzung phänomenologischer mit metaphysischen Fragestellungen wird anhand einer hierarchischen Evidenzordnung und ihr entsprechenden Seinsstufen vorgestellt, aus denen sich die Grundbegriffe des Entwurfs ergeben. Diese werden zwar in ihrem Bezug zur Terminologie der Phänomenologie aufgewiesen, doch bleibt es bei einer eigentümlichen Zurückhaltung des Autors, wenn es um den besonderen Akzent dieser Konzeption geht: "Wir haben es im Grunde mit einem Grenzproblem zu tun, das für Scheler überdies die polemische Bedeutung hatte, die im Neukantianismus und auch bei Husserl herrschende ‘Bewußtseinsphilosophie’ zu unterlaufen und ihr [...] eine Ontologie oder Metaphysik der Erkenntnis voranzustellen" (75). Ausführlich hingegen beschreiben Kapitel VI und VII Schelers Wertphilosophie bzw. materiale Wertethik, die zu den durchgängigen Lebensproblemen des Philosophen zählen. Die Lehre vom Primat des Wertfühlens, die Frage nach der Erkenntnis der Werte, das Problem einer objektiven Wertrangordnung und die daraus resultierende absolute Ethik werden von Henckmann in Schelers Sinne – aber verständlicher als bei diesem – erklärt, ohne jedoch auf darüber hinausreichende, mögliche Kritikpunkte einzugehen. Innerhalb dieses Problembereiches bewegen sich auch Schelers religions- und sozialphilosophische Arbeiten, deren unvollendeter Beitrag anhand des Grundprinzips des Solidarismus rekonstruiert wird, der für Scheler in dem Gedanken der "Unvertretbarkeit und Unersetzlichkeit jedes Einzel- und jedes geistigen Kollektivindividuums" (178) liege. Der vielversprechendere Entwurf einer Wissenssoziologie wird von Henckmann jedoch leider zu knapp abgehandelt. Gerade als es interessant zu werden beginnt, endet das Kapitel mit einer programmatischen Ankündigung: "Schelers Wissenssoziologie ist deshalb gerade wegen der sachlich begründeten Weite ihrer Konzeption gut geeignet, die Verkürzungen späterer Konzeptionen sichtbar zu machen" (190). Ähnliches gilt auch von der Anthropologie, deren Status als "Schlüsseldisziplin" (192) eine breitere Darstellung gerechtfertigt hätte. Stattdessen beschränkt sich das Kapitel auf die Skizzierung der Entwicklung dieser Problematik im Lebenswerk sowie die Aufzählung der von Scheler angegebenen Problemkreise. Das eigenartige Theorem der Sonderstellung des Menschen als ein theomorphes Wesen oder etwa Todesproblematik erfahren dabei nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit [6]. Die Darstellung der Metaphysik als unausgeführter Gesamtzusammenhang der Schelerschen Philosophie markiert das Ende der einführenden Studie Wolfhart Henckmanns mit ihrem systematischen Anspruch. Spätestens hier müßte die anfängliche These ihre endgültige Stützung erfahren, doch bleibt der Autor allzu zögerlich und stellt sein eigenes Unternehmen damit in Frage: "Scheler hat den Gesamtüberblick über den systematischen Gedankenbau seiner philosophischen Welt- und Gottesansicht nicht mehr ausführen können. Es sei dahingestellt, ob und ggf. inwieweit es möglich ist, aus den überlieferten Fragmenten seiner Spätphilosophie den von Scheler visionär vorweggenommenen ‘systematischen Gedankenbau’ zu rekonstruieren" (220).

Neben einer sehr dichten und wenig klärenden Wiedergabe der Schelerschen Theoreme sowie einer lediglich auf die Erwähnung von Namen rekurrierenden Kontexteinbettung wirkt es besonders störend, daß immer wieder programmatische Ankündigungen und Auflistungen die Darstellung leiten, in denen Scheler provisorisch seine Theorien zu gliedern versuchte, die er jedoch nie zu einem integralen System – manchmal nicht einmal zu einem Werk – zu vereinigen vermochte [7]. Auch die in den häufig zu ausführlichen Zitaten zum Ausdruck kommende Nähe zu Schelers undeutlicher und schwankender Terminologie überfordern die kritische Kapazität derjenigen Leser, die sich an eine Einführungsschrift wenden, um eine erste Orientierung innerhalb eines ungewohnten Denkens zu erhalten.

Das Abschlußkapitel des Buches, das sich Schelers Wirkungsgeschichte zum Thema macht, leistet leider nicht mehr als eine bloß detailliertere Ausführung dessen, was man schon die ganze Zeit über wußte: "Scheler hat nicht Schule gemacht, dazu war seine Philosophie zu sehr an seine Person gebunden, und die durchlief zuviele Metamorphosen" (230). Hilfreich ist allerdings die Aufweisung vieler inhaltlicher und personeller Bezüge, die es sich weiterzuverfolgen lohnte. Auch die recht ausführliche Bibliographie ermöglicht ein intensiveres Studium der merkwürdigen Aspekte der Philosophie Max Schelers, das allerdings nur wenig von dem hier rezensierten Text dazu inspiriert werden kann.

Am Ende der Lektüre von Henckmanns Einführung fragt sich der Leser, ob nicht nur das Werk Schelers ein vorgreifendes Fragment geblieben sei, sondern auch das vorliegende Buch seines Interpreten.

 

Anmerkungen:

1 Vgl. Max Scheler im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, hg. v. Paul Good, im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung, Bern / München 1975. (Zurück)

2 Vgl. Martin Heidegger: ‘In memoriam Max Scheler’, in: Ders.: Metaphysische Anfangsgründe der Logik im Ausgang von Leibniz. Marburger Vorlesung Sommersemester 1928, hg. v. Klaus Held, Frankfurt a.M. 1978 (Gesamtausgabe Bd. 26), S. 62-64. Des weiteren widmete Heidegger ihm sein 1929 erschienenes Kant-Buch, vgl. ders.: Kant und das Problem der Metaphysik, 5. vermehrte Aufl., Frankfurt a.M. 1991. (Zurück)

3 In Bezug auf Scheler habe man zwei oder drei Perioden angesetzt, die sich an die Begegnung mit Husserl oder seine Absage an den Katholizismus anlehnen. (Zurück)

4 Vgl. auch Wolfhart Henckmann: ‘Der Systemanspruch von Schelers Philosophie’, in: Studien zur Philosophie von Max Scheler. Internationales Max-Scheler-Colloquium ‘Der Mensch im Weltalter des Ausgleichs’ Universität zu Köln 1993, hg. v. Ernst W. Orth u. Gerhard Pfafferott, Freiburg/München 1994 (Phänomenologische Forschungen 28/29), S. 271-312, hier 274: "Liest man indessen die von Scheler veröffentlichten und nachgelassenen Schriften philologisch statt philosophisch, so stößt man vom ersten bis zum gerade erst erschienenen zweitletzten Band der Gesammelten Werke auf eine überraschend vielfältige Verwendungsweise von ‘System’ und ‘systematisch’." (Zurück)

5 Vgl. hierzu auch Max Scheler: ‘Vom Wesen der Philosophie und der moralischen Bedingung des philosophischen Erkennens’, in: Ders.: Vom Ewigen im Menschen, vierte, durchgesehene Aufl. hg. v. Maria Scheler, Bern 1954 (Gesammelte Werke Bd. 5). (Zurück)

6 Vgl. hierzu die hilfreiche Textsammlung Max Scheler: Schriften zur Anthropologie, hg. v. Martin Arndt, Stuttgart 1994; weiterhin von Elisabeth Ströker: ‚Der Tod im Denken Max Schelers‘, in: Max Scheler im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, S. 199-213. (Zurück)

7 Vgl. etwa S. 60f, 81f, 85f, 96, 188 u. ö. (Zurück)

 

 
 
 
 
 
 
 
  

Der Autor...

* geb. 1970
* Studium der Philosophie, Psychologie und Religionswissenschaft in Trier und Marburg
* z. Zt. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Philipps-Universität Marburg