Philosophieren in Jena


von Gonsalv K. Mainberger
 
                      "Erst diese Erinnerungsarbeit legt unsere Herkunft frei und l"át so die Zukunft in ihrer eigenen Vergangenheit auf uns zukommen. Was gewiss nicht meint, sie dem neuen, jetzt wirklich gewordenen Leben anzupassen, sondern das Notwendige im šbergang der Zeit zu erkennen." 

                      Manfred Riedel - Zeitkehre in Deutschland 


Sich kein Bild machen 

Der Alltagsdiskurs zeigt auf Ossis und Wessis, argumentiert mit dem Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus", nennt abbruchreife Industriekombinate und bietet sie zum wohlfeilen Kauf an, verweist auf verseuchte Flüsse, nitratgeschwängertes Trinkwasser in Leipzig, Chemnitz, Halle... Wer wollte bestreiten, daß es den Leuten im Westen besser ging und geht, daß der Vergleich der Arbeitslosenzahlen etwa in der Schweiz und den neuen Bundesländern eindeutig ausfällt, daß die soziale Marktwirtschaft besser als jedes andere System abschneidet und sich als weltweit wünschbare Lösung anbietet? Zugleich sind die reichen Länder des Nordens vom unaufhaltsamen Menschenstrom aus Ländern des Südens "bedroht", von Menschen freilich, die in gewollter oder erzwungener Abhängigkeit vom westlichen technisch-wirtschaftlichen System leben und die die Hoffnung auf ein besseres Leben hegen, das sie bei uns anzutreffen glauben. 

Dank eines Lehrauftrages habe ich die Gelegenheit, das bis vor zwei Jahren nach Westen hin beinahe hermetisch abgeriegelte Land einen Winter lang zu erfahren. Bevor ich, zusammen mit meiner Frau, Zürich verließ, um in Jena zu wohnen und zu leben, habe ich mich über die Lage der neuen Bundesländer informiert. Das Bild, das sich abzeichnete, war uneinheitlich. Es schien und scheint Evidenzen zu geben - niemand (?) will das alte System zurückhaben; viele aus dem reichen Westen kommen und wittern das große Geschäft im Osten (und meinen, die Leute hier ließen sich ohne weiteres übers Ohr hauen); alle (?) möchten hier zuallererst im eigenen, neuen Auto auf und davon. Für die Autobahnen werden 13 Milliarden freigemacht (einem Waldarbeiter im verwahrlosten Thüringerwald bin ich noch nie begegnet). Wie ein roter Faden zieht sich indes die Einsicht durch meine Lektüre und meine derzeitige Anschauung hindurch: Für die materiellen Probleme und erst recht für die Existenzfragen der Menschen hier weiß keiner, der ehrlich ist, die treffliche Lösung. 

So entschied ich mich denn zur Abstinenz: Keine vorgefaßte Meinung, trotz mancher Evidenzen und oft schockierender Widersprüchlichkeiten der Tatsachen kein vorschnelles Urteil, viel hinhören, genau beobachten, vergleichen und nicht gleichsetzen, nachdenken und die eigenen Positionen revidieren. Lauter Selbstverständlichkeiten und zugleich lauter gefährliche Sachen. Denn bei aller Abstinenz, Zurückhaltung und Distanz bin ich gerade darin nicht neutral. Wie soll da einer fair vergleichen? Wann geht das Hinhören ins indiskrete Aushorchen über? Beobachten kann doch nur, wer bereits eine gewisse Überlegenheit besitzt. Nachdenklichkeit allein wiederum genügt nicht. Es geht um die praktischen Wahrheiten. Ein Verstehen ist gefragt, das zum Wählen, zum Handeln, zum Bevorzugen führt und lebensdienliche Entschlüsse anregt. 

Ich bin auf der Suche noch nicht sehr weit gekommen. Nachhaltig prägt sich indes ein, was den Umbesetzungsprozeß einleitet und fördert. Es sind allemal konkrete Einzelheiten, die es möglich, ja zwingend machen, über das Fremde ins Eigene, über den (noch) Fremden zu sich selbst, über die Fremde in die eigene Heimat zurückzufinden. Wer den Umbesetzungsvorgang wirklich vollzogen hat, der kommt bei sich selbst als ein anderer an. Und nur so gibt es Verständigung. 

Herr W.K. sagt: Früher hatten wir politisch nichts zu sagen, und wir wußten es. Es war Zwang. (Wir zogen uns in die 'deutsche Gemütlickeit' zurück und profitierten vom System: das sagt Herr W.K. nicht.) Dann kam die Wende, die Freiheit. Sie bedeutet Demokratie. Und siehe da: Wir haben eh nichts zu sagen. Alles ist, gleichsam über Nacht, jeweils schon entschieden, wenn wir aufwachen. Ein Unterschied: Es steht jetzt anderntags in der Ostthüringer Zeitung. 

Ich frage, weshalb denn die Häuser, ganze Straßenzüge und Stadtteile von Jena bis Stralsund, von Weimar bis Dresden, so grau und unfertig aussähen. Die Leute hätten doch auch hart arbeiten müssen - mir kommt die Thüringer Bevölkerung fleißig und tüchtig vor - warum denn dieser untrügliche Eindruck von landesweitem Zerfall? Frau K.P. sagt, ohne zu zögern: Wir waren ein Land ohne Handwerker. Sie hat es nicht ganz fachgerecht formulieren können: Wenn der Staatskapitalismus und die Planwirtschaft uneingeschränkt (aber blind) auf die Industrie allein setzen, dann verliert das Handwerk an Boden und, was schwerer wiegt, handwerkliche Selbständigkeit und Anerkennung einer ganzen Berufsgruppe gehen unter. 

Herr F.M. sagt: Früher arbeiteten wir in dem Maße, wie wir Arbeit zugewiesen bekamen. Heute arbeiten wir fürs Geld. Früher war es verboten, sich politisch außerhalb der Partei zu betätigen. Jetzt wurde uns ausdrücklich untersagt, zu Dritten über unseren Lohn zu reden (Herr F.M. muß jetzt lernen, mit Klassenunterschieden innerhalb des Kapitalismus zu leben. Das ist ein Teil der existenzsichernden Lebenskunst.) 

Die Studentinnen und Studenten hatten und haben (fast) keine Bücher. Lesen war streng kontrolliert. Der Kopierapparat fehlte gänzlich. Offenbar galt Lesen als gefährlich. Jetzt lernen sie, schnell und nicht ohne die Wirkungen zu registrieren, was heißt, die Lektüre eines Textes mit der sich im Lesen aufschließenden eigenen Welt zu verbinden. 

Wie steht es damit 'drüben' in der zensurfreien Überangebotswelt? Wer liest wirklich? Wer wagt es, lesend jemandem gefährlich zu werden? Vor allem: Wer hat den Mut, sich selbst in Gefahr zu bringen, Zeit zum Lesen zu verschwenden, daheim zu bleiben, seßhaft zu werden? Wer geht mit dem nicht leichten Offizium des Lesen das Risiko ein, mit klaren Sinnen die Lektüre dem Plausch, den geordneten Rückzug dem Allotria, die Konzentration den vielen Zerstreuungen energisch und heiter vorzuziehen. Hier der widerständige, fern anmutende, stumme Lesevorrat - dort die bereitliegenden Lockungen der raffinierten, überhitzten alten Welt. 

Vom Lehren und Lernen 

Die Wissenslücken hiesiger Studierender sind, an Westmaßstäben gemessen, groß. Ein Studium ist unter anderem dazu eingerichtet, sie zu beseitigen oder wenigstens zu verringen. Wissen besteht dann freilich noch immer darin, stets genau zu ermessen, was wir alles nicht wissen. 

In dieser Situation scheint mir nun folgender Grundsatz wichtig zu sein: Es gibt keine obligatorischen, d.h. kanonischen Texte. Jeder kanonische Text verdrängt mit seinem Anspruch - er mag intrinsece legitimiert oder von außen her deklariert sein - einen anderen Text, einen ebenso schönen, nicht weniger vorzüglichen. Sei es nun das 2. Buch des Werkes De divisione naturae (Von der Einteilung der Wirklichkeit) von Johannes Eriugena (um 810 - 880), ein Kapitel aus den Essais von Michel de Montaigne (1533-1592), seien es die drei Kritiken von Kant oder die Mythen des Alltags von Roland Barthes -jedesmal kann eine Welt erschlossen werden, zu der ein Text in gehörige Distanz gegangen ist und so überhaupt erst dessen Lesewürdigkeit begründet. 

Wissensvermittlung ist das eine, unerläßliche. Weder darf der Begriff fahren gelassen werden, noch ist ein klar lesbares Wissenspensum verzichtbar. "Wenn Zeit und Ort gegeben sind, Begriffe zu erzeugen (créer), dann heißt die entsprechende Operation immerzu Philosophie, selbst wenn man ihr einen anderen Namen verpassen würde" (G. Deleuze/F. Guattari, Qu'est-ce que la philosophie? Paris 1991, 14). Es gibt, gerade in diesem Lande, für Lehrende klar umrissene Schuldigkeiten gegenüber einer klar dosierten und dennoch uneingeschränkten kommunikativen Universalität. Sie muß sich paaren - im coitus, in der Verflechtung der Kategorien, wie Johannes Eriugena sagt - mit Präzision (Form) und Immanenz (Selbstregulierung). So erst vollzieht sich Philosophie jenseits aller Slogans, Parolen und stereotypen Überzeugungslitaneien, nicht aber etwa gesäubert von leicht merkbaren, prägenden Wissensemblemen, hilfreichen Verkürzungen und anschaulichen Metaphern. 

Das kann nicht alles sein. Die Begriffsträger - "Freunde der Wahrheit" - gehören zur Philosophie wie der Brotlaib zum Brotrezept. Der Begriff setzt sich selbst, das Denken hat autopoietischen Charakter, der Philosoph ist potentiell der Begriff. So nennt denn Philosophieren den Übergang vom einen zum anderen, vom Objektiven zum Subjektiven. Dieser Übergang ist der Ort des pädagogisch bestimmten Vollzugs von Philosophie. Das Lehren setzt sich so vom enzyklopädischen Wahn ab und ist gefeit gegen die Kommerzialisierung und die Indienstnahme für fremde Zwecke. 

Lehren und lernen konstituieren zusammen die "Pädagogik des Begriffs" (Deleuze/Guattari). Damit sie in Gang kommen kann, ist die Auseinandersetzung mit der Anschauung und dem Empfinden unerläßlich. Nun hat aber die deutsche Vergangenheit beinahe unwiederbringliche Lücken in die äußeren wie in die inneren Anschauungsgebilde gerissen. Das 'Ansehen' der Städte hat gelitten, das Ansehen vieler Menschen ist zerrüttet. Die so entstanden leeren Stellen sind noch weitgehend unbesetzt. Was bleibt und unterschwellig wirkt, sind jene Besetzungen, die sich unsichtbar gemacht haben oder die durch Verdrängung unsichtbar gehalten wurden. Sie suchen die Gemüter heim und haben Namen wie 'Eroberungskrieg', 'Shoah', 'totalitäres Regime'. 

Unsichtbarkeit gehört zum 'Wesen' des Bösen. Gäbe es das dualistisch-manichäisch kodierte Böse, also den Leibhaftigen, etwa in Gestalt sogleich erkennbarer Bösewichte, wäre alles viel leichter. Der Neuplatoniker Ps.-Dionysius Areopagita (um 500) gab der Geschichte des Bösen eine entscheidende Wende. Er brachte den argumentativen Nachweis, das Böse sei weder ein Seiendes noch aus dem Seienden, noch im Seienden - es sei vielmehr Absenz, Mangel und Beraubung (defectus, privatio). Unsichtbar und oft unerkannt, eben deshalb in manchen Fällen nicht justiziabel, begleitet uns der fahle, ungeliebte und doch so verführerische Gast. 

In die Lücken der Erinnerung und der erinnernden Anschauung hat sich das unsichtbare Anwesende eingenistet. Mit Wissensvermittlung allein, mit enzyklopädischem Eifer, rastloser Suche nach Vollständigkeit und unter dem Zwang der Effizienz kann diesem Umstand nicht angemessen begegnet werden. Aber womit denn? 

Ein auch in der Tradition ausgewiesenes Verfahren ist ars vivendi, Lebenskunst. Ars meint nicht zwingendes Wissen (episteme), aber auch nicht künstlerisch-genialische Verspieltheit. Ars beruht auf praktischem Wissen, seit Aristoteles begründetes Vermuten genannt. Ars vivendi zielt weder auf möglichst intensiven Genuß noch endet sie im rein singulären, abgekoppelten Tun und Lassen. 

Ars nennt das Sich-auf-etwas-Verstehen, in unserem Fall aufs Leben. Es soll unser Werk werden, gelungen, nicht ganz perfekt aber auch nicht ganz schlecht, gemäß der Definition des Humanum bei Cicero: "Nicht tun, was man nicht ganz gut kann, oder tun, was man nicht ganz schlecht macht" (De oratore, II. 86). Am gelungenen Werk mißt sich der Gütecharakter aller darin investierten Handlungen. Handlungen haben ihre Güte in sich selbst. Ihre soziale Verbindlichkeit indes erwächst ihnen aus der Anerkennung, die andere, am Lebensprozeß zu gleichen Teilen Beteiligte der Handlung zollen, oder aber aus deren Ächtung. So beruht denn Lebenskunst auf der richtig verstandenen Achtung vor dem Leben, das als unser Werk verstanden wird, und dessen Folgen wir zu bedenken haben, soll es als gelungen gelten dürfen. 

Der ars vivendi werden wir in den Spiegelungen des Selbst ansichtig, etwa im Medium von einschlägigen Texten. Eine abendländische Frühform von Lebenskunst hat der Ire Johannes Eriugena, Grammatiker am Hofe Karls des Kahlen, entwickelt. Das Selbst erstarkte und erprobte sich damals an einer prominenten Gegendoktrin, nämlich an der das Ich tendenziell auslöschenden Prädestinationslehre. In der Auseinandersetzung mit dieser Doktrin erarbeitete Johannes Eriugena seine Anthropologie: Der homo von damals galt als einer, der an "Würde und Anmut alles übertrifft". Jede Kreatur ist "im Menschen" das, was sie ist. Der Mensch ist nicht aus zwei real verschiedenen Beständen zusammengesetzt, etwa der allgemeinen Ursache hier und der besonderen Wirkung dort. Er ist einer, jedoch "zweifach gedacht". So 'rettet' der erste große Systematiker nach Augustinus die Einheit des Menschen, indem er die Möglichkeit der Vernunft erschließt, daß ein Kontinuum durchaus zweifach gedacht werden kann. 

Es gibt noch einen Lebenskünstler, auf den ich aufmerksam machen möchte: Michel de Montaigne. Die besten Gedanken kamen ihm zu Pferd (ob das heute für das Auto gilt, ist zu bezweifeln...). Mit Augustinus teilte Montaigne die Auffassung, es sei besser, in Dingen, die nur schwer beweisbar sind und die zu glauben gefahrvoll ist, zum Zweifel zu neigen als zur Gewißheit. Die zeitgenössische Parallele dazu formuliert Hans Jonas mit dem Prinzip: "Wenn es über die Folgen großer technischer Umbrüche zwei entgegengesetzte Prognosen gibt, eine zum Unheil, eine zum Heil, dann soll man beim Ausmaß unserer Macht und dem, was auf dem Spiel steht, der Unheilsprognose den Vorrang geben und die Sache unterlassen oder wenigstens verlangsamen." Von sich selbst sagte Montaigne, er halte sich ans "Massive" und ans Wahrscheinliche, nicht aber ans wunderbar Außergewöhnliche. An einem prahlerisch und mit Kommandos vorgebrachten Diskurs las er die "schwächliche Vernunft" ab. Wer nicht zu leben gelernt habe, dem gegenüber sei es ungerecht, ihm das Sterben beibringen zu wollen. Der Tod sei wohl der Endpunkt, nicht aber der Gegenstand des Lebens. 

Lehren in Mittelosteuropa, unterrichten vor Menschen, die um 2010 das Sagen haben werden, Begriffe erzeugen in der oben geschilderten Situation, was kann das heißen? Mir scheint, es sei das zu vermitteln, was der Ausdruck Latinität enthält. Er besagt savoir-vivre, sich ans Schöne verlieren, auf die Wahrheit aufmerksam machen, den geordneten Rückzug aus dem Reich der Ideale in die Welt der Begriffe antreten, aus den Trümmern einer ästhetischen Tradition heraus in die Welt möglicher neuer Empfindungen und Sensibilitäten finden. Latinität vermitteln heißt, das Fleisch und den Genuß umgängig, ja umständlich, also verzögernd und verlangsamend verteidigen können (gegen die zeitgenössischen Manichäismen). Latinität ermächtigt dazu, sich der eigenen Besserwisserei und den Beschwörern des absolut Guten und Reinen zu widersetzen. Wie aus gemeinsamen Gesprächen hervorgeht, scheint mir, Latinität unter die Studierenden bringen heiße, mit Lernpartnern ethische Belange erwägen, die konjekturale Vernunfttätigkeit erproben, über den abwesenden, unwiederbringlichen Anblick wohnlicher Städte sprechen, das schwierige Verhältnis von Konkurrenz und Kultur nicht verdrängen. So könnte die Philosophie innerhalb der Welt der Begriffe und im Rückgriff auf die stimulierte Empfindung der Begriffsträger sich den Dringlichkeiten unserer Zeit und ihrer Zukunft zuwenden und die Folgen unseres Lebenswerks wägend und bevorzugt prüfen. 

Prof. Gonsalv K. Mainberger (Zürich)