Thesen gegen die evolutionäre Erkenntnistheorie


von Albert Mues

 
Die Natur verursacht nicht, die Natur handelt nicht.1 Die Natur empfindet nicht, die Natur erkennt nicht. Die ersten beiden Sätze beziehen sich auf die physikalische Natur; alle vier auf die gesamte Natur. Ich spreche der Natur Kausalität und Erkennen ab. 

Die evolutionäre Erkenntnistheorie ist nach ihrer eigenen Definition eine auf kognitive Systeme übertragene Evolutionstheorie. Damit impliziert sie, daß kognitive Systeme sich entwickeln und daß in der Natur kognitive Systeme zu finden sind, etwa im Tier. Aber: das kognitive System unterliegt nicht der Entwicklung, und in der Natur gibt es keine kognitiven Systeme: die Natur empfindet nicht, die Natur erkennt nicht. 

Nehmen wir den Begriff der Empfindung. Er ist nur dann sinnvoll gebraucht, wenn ich ihn fasse als begleitet vom Wissen, daß empfunden wird. Ein Empfinden, das nicht gewußt wird, ist kein Empfinden. Ebenso ist ein Erkennen nur dann Erkennen, wenn es vom Wissen begleitet ist, daß erkannt wird. Bewußtloses Erkennen erkennt nicht nur nicht, sondern ist kein Erkennen.2 

Ein Beispiel: wenn ich, schlafend, meinen Fuß unter die Bettdecke ziehe, weil er "kalt" geworden ist, so vollzieht sich hier keine Empfindung der Kälte; denn weder der Fuß, noch der motorische Apparat, noch das Gehirn hat da etwas empfunden. Das gilt auch für den Wachzustand: ich empfinde meine Armbanduhr, obwohl die Haut von ihr berührt wird, nicht, solange ich nicht empfinde, d.h. solange nicht eine sensatio, eine Empfindung von dem (Ich-)Wissen, daß dieses bestimmt wird, begleitet ist, solange ich nicht meine Aufmerksamkeit darauf richte. 

Es ist kein Bewußtsein denkbar, außer als Selbstbewußtsein.3 Versetzen wir uns in ein Tier, sagen wir in einen Hund. Hat er kein Selbstbewußtsein, so weiß er auch keine Empfindungen. Daher kann ich auch nicht stellvertretend für den Hund behaupten: er äußert sich dahingehend zwar nicht, aber - er empfindet! Denn dieses "er" gibt es nicht. Hat der Hund kein Wissen von sich, so hat er auch keinen Bezugspunkt, von dem er oder auf den hin er von sich oder man von ihm sagen kann, er empfindet. Denn dieses "er", der Hund, gibt es für den Hund gar nicht. Erst ein Sichwissen (durchaus unmittelbarer Art) sichert diesen Zugang. 

Die evolutionäre Erkenntnistheorie entleiht sich ihre Begriffe aus dem Bereich unseres Erkennens und überträgt sie auf eine Objektwelt, die der Biologie, ohne zu sehen, daß das unmöglich ist: sie nennt eine Welt kognitiv, begabt sie mit Prädikaten des Erkennens, die auf sie gar nicht zutreffen können, weil die evolutionäre Erkenntnistheorie das nötige begleitende Wissenswissen unterschlägt. 

Es ist auch nicht möglich, dem Hund ein halbes Wissen seiner selbst, einen Viertelbezugspunkt (also zwar kein Selbstbewußtsein, aber immerhin doch ein Bewußtsein 4) zuzubilligen, auf den er seine angeblichen Empfindungen bezieht. Insofern kann und darf auch nicht unterschieden werden in Bewußtsein und - darf's ein bißchen mehr sein? - Selbstbewußtsein. Man nenne mir doch den Unterschied von Bewußtsein und Selbstbewußtsein! Man könnte hier nur quanteln, und das geht nicht. Bewußtsein ist immer auf Wissenswissen, und damit Selbstbewußtsein bezogen. Und Selbstbewußtsein ist, oder ist nicht. Ein kontinuierlicher Übergang ist nicht faßbar. 

Die evolutionäre Erkenntnistheorie denkt die Erkenntnis illegitim als quantifizierbar; was ihr dann erlaubt, sie sich als entstanden und entwickelt vorzustellen: vor 200 Mill. Jahren wenig, vor 100 Mill. Jahren schon etwas mehr, heute das Ganze. Es ist so, als denke ich die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit des Dreiecks als werdend: heute seine Winkelsumme, morgen die Konstruktion seiner Winkelhalbierenden, übermorgen die der Seitenhalbierenden usw. Aber ich habe die Gesetzmäßigkeit des Dreiecks entweder ganz oder gar nicht. Nur ihre Ausfaltung geschieht diskursiv. Dasselbe gilt auch für das System der Erkenntnis: heute eine Kategorie, morgen eine zweite, übermorgen drei - das ist undenkbar. Ebenso, wie ich die Gesetzmäßigkeit des Dreiecks prinzipiell ganz oder gar nicht habe, so steht es auch mit dem System der Erkenntnis: alles oder nichts! Ebenso ist das System des Apriorischen entweder ganz oder gar nicht; ein angebliches anfängliches Minimum an apriorischer kategorischer Ausstattung ist unmöglich. 5 Die evolutionäre Erkenntnistheorie verwechselt das System der Erkenntnis mit einzelnen, diskursiv zu gewinnenden Inhalten des Erkennens und wendet diese Verwechslung dann auf die falschen Objekte an. 

Es geht uns gegen den Strich zu sagen, Tiere empfinden nicht. Aber hier kollidieren hausbackener, gesunder Menschenverstand 6 mit systematischem Denken. Philosophisch exakt ist von empfindenden Tieren und erkennender Natur zu sprechen nicht erlaubt: philosophisch gesprochen empfinden und erkennen Tiere nicht. 

Die evolutionäre Erkenntnistheorie überträgt nicht nur unausgewiesen, sondern unerlaubt die Begriffswelt der Erkenntnisebene auf die Objektwelt, auf die Natur. Es gilt zuvor - und damit ist ein Defizit der Philosophie genannt - eine Philosophie des Tieres zu entwerfen, ehe wir vom Tier ausgehend und deduktiv vorgehend Fragen zu beantworten suchen, die den Menschen betreffen. Was muß ich systematisch denken, wenn ich den Begriff Tier aufstelle? Es ist Aufgabe der Philosophie, diese Frage zu beantworten, das Problem ist allerdings bis heute nicht gelöst. 

Es ist daher verheerend, von einem Begriff, der noch gar nicht systematisch durchreflektiert und vollständig erstellt ist, dem heutigen vom Tier, also von einem brüchigen Begriff, auf uns und unser Erkennen deduktiv zu schließen. Ein solches Vorhaben kann nur eine Erkenntniswelt erstellen, die mit der, die es zu erreichen vorgibt, nur das Wort gemein hat, ein Vorhaben, dem dies allerdings wortreich gelingt. Dabei ist es möglich, ein Tier zu beschreiben ohne Prädikate des Erkennens zu verwenden und doch das Tier ganz zu beschreiben. In einer sauberen Ethologie finden sich übrigens Beispiele dazu (z.B. der Begriff 'angeborener Auslösemechanismus'). 

Wie in kleinen Schritten das Gewünschte, hier Erkenntnis, in die Begriffswelt der biologischen Evolution eingeschleust wird, kann man am Begriff der Anpassung gut verfolgen. Dies sei knapp exemplifiziert. Das Wasser in einer Vase hat sich ihrer Gestalt angepaßt, wenn es gefroren ist, die Vase gesprengt hat und nun als Eis ihre Gestalt darstellt; aber es hat (für sich) dennoch nichts, auch nichts von seiner Eisgestalt, gespeichert. Die Evolutionstheorie spricht aber übergangslos von 'speichern', nämlich: Anpassendes (ehemals Wasser) - sowie das, an das angepaßt ist (ehemals Vase) - und drittens eine Speicherung dieses Resultats durch das Resultat zur Reduplikation dieses Resultats. Woher dieser Begriff der Speicherung systematisch kommt und was erlauben könnte, ihn anzuwenden, wird nicht ausgewiesen; da hilft auch keine Mutation. Schließlich repräsentiert diese Speicherung die DNS, und jetzt heißt die Speicherung "Information" 7. Wie die Nockenwelle im Automotor keine Informationen überträgt, weder an die Ventile, noch ans Gasgemisch, an Zündkerzen oder Kolben, so überträgt die DNS im streng begrifflichen Sinne keine Information, da es keinen Standpunkt des Wissens gibt, kein Erkenntnisvermögen, an das diese Information gerichtet sein könnte. Der allseits überzeugende Erfolg, unser Erkenntnis- und Denkvermögen, unsere Moral auf diese Weise - evolutionär-erkenntnistheoretisch - endlich zu verstehen, ist nichts als Schein, überzeugend und leer, wie Astrologie und Alchemie. Solche Ungeduld hat ihren Preis, den des Irrtums einer ganzen Generation! So zu sprechen mag einzelwissenschaftlich vorläufig erlaubt sein, aber es muß philosophisch eingeholt und zurechtgerückt werden. Das jedoch bedarf strenger systematischer Arbeit, und die wird ja allgemein gescheut. 

Wir sind durch die Überfülle der empirischen Forschungsergebnisse geneigt zu sagen, die Natur mache dies, sie mache das, sie habe unser Erkennen so geformt, unsere Triebstruktur in bestimmte Bahnen gelenkt usw. Aber dies darf uns nicht dazu verführen, dieses Begriffsinventar der Einzelwissenschaften unreflektiert zu übernehmen. Es muß durch die Philosophie kritisch untersucht und von metaphorischen Schlacken, von unerlaubten Anleihen aus anderen Disziplinen gesäubert werden. 

Dazu noch ein Beispiel. Wir gehen des Morgens an einem Tag, der heiß zu werden verspricht, auf einer Bergwanderung an einer Quelle vorbei, erreichen den Gipfel, kehren durstig um und werden am späten Nachmittag die Quelle wieder erreichend das kühle Naß genießen. Es ist dieselbe Ouelle, doch stehen wir zu ihr nach dieser Wanderung in einem anderen Verhältnis: sie erscheint uns, als ziehe sie uns an. Wir jedoch machen das Triebobjekt zum Triebobjekt, nicht aber eine Natur draußen. Das Anpassungsmodell: Anpassendes - Angepaßtes, ist nach dem Schema des Empirismus gebildete dort eine reale Welt, die aktiv auf mich einwirkt, hier einer, auf den passiv eingewirkt wird, der sich anläßlich dieser Einwirkung ändert. Die Wahrnehmung, die Vorstellung ist hiernach das erlittene Produkt einer aktiven Außenwelt 8 - sowohl im erkennenden als auch triebhaften Bezug. Genau dies ist jedoch das erkenntnistheoretische Konzept des Realismus. Jede Welt muß mir so erscheinen, wie ich sie konzipiere. Kein Wunder, daß die evolutionäre Erkenntnistheorie nichts anderes abbildet als dieses ihr eigenes Konzept - den Empirismus! Der wird von ihr unreflektiert angenommen, geglaubt, dogmatisch behauptet. 

Wie gesagt, all das kann einer Einzelwissenschaft vorläufig zugestanden werden, sie darf metaphorisch vom Tier sprechen, sie muß aber letztlich philosophisch korrigierbar sein. Die vom Tier ausgesagten metaphorischen Begriffe, "empfinden" und "erkennen", als systematische Begriffe auszugeben ist der Grundirrtum, dem die evolutionäre Erkenntnistheorie erlegen ist. "Vor nichts aber hüte - sowohl die Geschichte; als eine gewisse Halb=Philosophie, - sich mehr, als vor der völlig unvernünftigen, und allemal vergeblichen Mühe, die Unvernunft, durch allmähliche Verringerung ihres Grades, zur Vernunft hinaufzusteigen, und, wenn man ihnen nur die hinlängliche Reihe von Jahrtausenden giebt, von einem Orang=Outang zuletzt einen Leibnitz, oder Kant, abstammen zu lassen." 9 

Sollte es nicht der evolutionären Erkenntnistheorie zu denken geben, daß das nach ihr sich entwickelnde Erkennen schon vor 200 Jahren den Stand erreicht hat, sich selbst zu verwerfen? 

Dr. Albert Mues


Anmerkungen: 

1 Vgl. Phil. Jb. 97 (1990), S. 322. Ferner I. Kant, KrV, A 418, B 446: Unter Natur versteht man "den Inbegriff der Erscheinungen, so fern diese, vermöge eines innern Prinzips der [apriorischen] Kausalität, durchgängig zusammenhängen." (zurück

2 "[...] darum empfindet es [das Tier] das Nährbedürfniß (eigentl. kann man nur vom Menschen sagen, er empfindet es.)". J.G.Fichte: Platner-Vorlesung. Akad.-Ausg. II, 4,269,4f. (zurück

3 "Alle Vorstellungen [z.B. des Süßen] haben eine notwendige Beziehung auf ein mögliches empirisches Bewußtsein [das Einzelbewußtsein einzelner empirischer Vorstellungen]: denn hätten sie dies nicht, und wäre es gänzlich unmöglich, sich ihrer bewußt zu werden, so würde das so viel sagen, sie existierten gar nicht. Alles empirische Bewußtsein hat aber eine notwendige Beziehung auf ein transzendentales (vor aller besonderer Erfahrung vorhergehendes) Bewußtsein, nämlich das Bewußtsein meiner Selbst, als die urspüngliche Apperzeption [...]. Der synthetische Satz: daß alles verschiedene empirische Bewußtsein in einem einigen Selbst-Bewußtsein verbunden sein müsse, ist der schlechthin erste und synthetische Grundsatz unseres Denkens überhaupt." KrV, A 117f. (zurück

4 Man vgl. dazu den Aufsatz des aus genauem Beobachten des Verhaltens der Tiere schöpfenden Wissens von Heini Hediger: Zur Frage des Selbstbewusstseins beim Tier. In: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts Bd. VI R.A.Stamm u. H. Zeier (Hrsrg.): Lorenz und die Folgen. Zürich 1978. S. 182-293. Die empirischen Beobachtungen der Ethologen sind selbstverständlich das Material. Was daraus zu schließen ist, das bedarf der erkenntniskritischen, also der nichtempirischen Kontrolle. Es gilt demnach zu unterscheiden, zwischen dem Verhaltensforscher, der beobachtet und seine Ergebnisse in das ihm zur Verfügung stehende und von ihm teilweise entworfene Begriffsinventar kleidet, und dem Naturphilosophen, der diese Begriffe auf ihre systematische Exaktheit zu prüfen hätte. Leider regieren heute häufig beide in Personalunion; das Ergebnis ist dementsprechend. (zurück

5 "[... ] daß das Bewußtseyn nur mit allen seinen Bestimmungen zugleich ist; und kein Bewußtseyn vor allem Bewußtseyn." J. G. Fichte: Sonnenklarer Bericht. Akad.-Ausg. I, 7, 249. (zurück

6 "Die Vorwelt trug auch auf die für uns leblose organisirte Natur Leben, u. ein Analogon von Vft. über. Hierüber ist die Vft. weiter gerükt - wenn nun dieser alte [der Vorwelt] jetzt aufstünde, u. so hartnäckig sich berufte - wir würden ihn auslachen.-. Wer steht dafür, daß nicht etwa eine Zeit kommen wird, wo wir eben so lächerlich seyn würden [da wir ein Analogon von Vernunft auf die Tiere übertrugen]." Fichte, ebd., S. 275, 21-25. (zurück

7 "Die Evolutionstheorie sieht sich gezwungen, ständig das Kunststück fertigzubringen, aus Weniger Mehr werden zu lassen. Aber mehr noch, sie muß bei der Erklärung der Bewußtseinsphänomene ständig eine Metabasis eis allo genos vollziehen. Geradezu paradigmatisch führt dies Condillacs Traité des sensations (Paris 1754) vor, wo aus einer einzigen Art von Sinnesempfindung scheinbar alle wesentlichen Vorstellungsformen und Bestimmungen der Wirklichkeit 'entwickelt' werden. Will der realistische Materialismus [der hypothetische Realismus, der Naturalismus, der Ausgangspunkt der evolutionären Erkenntnistheorie nach ihrem eigenen Verständnis] gar wissenschaftlich vertreten - und um diese Voraussetzung kommt er konsequenterweise nicht umhin -, daß unser Erkenntnisvermögen selbst ein temporäres Entwicklungsprodukt ist, so offenbart er den circulus vitiosus, auf dem er basiert. Denn diese Entwicklung muß er ja erkannt haben, was nur der Fall sein kann, wenn evidiert wird, daß er das Sein, wie es in Wahrheit ist, also unabhängig vom zeitlichen Standpunkt, erfaßt; es soll aber eben gerade ein eingeschränktes, entwicklungsrelatives temporäres Vorstellen sein, das dann aufgrund dieser seiner Verfassung ungenügend ist und durch die Entwicklung überholt werden wird." R.Lauth: Transzendentale Basis, Materialismus und Religion. In: Fichte-Studien I (1990), S. 135. (zurück

8 " [...] die ganze Schwierigkeit, welche die Frage wegen der ersten Erzeugung eines in sich selbst Zwecke enthaltenden und durch sie allein begreiflichen Dinges umgibt, beruht auf der Nachfrage nach Einheit des Grundes der Verbindung des Mannigfaltigen außer einander in diesem Produkte; da denn, wenn dieser Grund in dem Verstand einer hervorbringenden Ursache als einfacher Substanz gesetzt wird, jene Frage, sofern sie teleologisch ist, hinreichend beantwortet wird, wenn aber die Ursache bloß in der Materie, als einem Aggregat vieler Substanzen außer einander, gesucht wird, die Einheit des Prinzips für die innerlich zweckmäßige Form ihrer Bildung gänzlich ermangelt; und die Autokratie der Materie in Erzeugungen, welche von unserem Verstande nur als Zwecke begriffen werden können, ist ein Wort ohne Bedeutung." I. Kant KdU, § 80, 3. Aufl. 1799, S. 372. (zurück) 

9 J.G.Fichte: Anweisung zum seeligen Leben. Akad.-Ausg. 1, 8, S. 299, 22-27. (zurück)