(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/wesen/weib1.htm (1996)
"In der Debatte über den Feminismus ist genug Tinte geflossen. Jetzt ist sie nahezu abgeschlossen: reden wir nicht mehr darüber."1 Das schrieb Simone de Beauvoir, und zwar schon 1949. Und wir veranstalten in diesem Jahr - beinahe ein halbes Jahrhundert später, ein Kolloquium zum Thema "Wie weiblich ist die Wissenschaft?". Ist das sinnvoll?  

Um diese Frage zu beantworten, müßte zunächst gefragt und beantwortet werden, ob Feminismus überhaupt etwas zu tun hat mit Wissenschaft, ob darüberhinaus Feminismus etwas zu tun hat mit Weiblichkeit und - nicht zuletzt - ob das Problem der Weiblichkeit etwas zu tun hat mit Wissenschaft. Oder: Ob Weiblichkeit ein Problem ist. Oder: Was Wissenschaft und was Weiblichkeit ist?  

Wenn wir hier einmal unterhinterfragt voraussetzen, daß es sich bei all diesen Fragen um ernsthafte und vor allem wissenschaftlich relevante handelt, mit deren Beantwortung man ein mehrköpfiges Forscherteam mindestens fünf Jahre beschäftigen könnte, so ist zumindest eine Frage beantwortet: Die Frage nach Feminismus, Weiblichkeit und Wissenschaft ist sinnvoll, zumindest wenn man ebenfalls voraussetzt, daß die Tätigkeit dieses Forscherteams auch bezahlt wird. Man könnte diesbezüglich - in Variation meines Titels - auch sagen: die Weiblichkeit, die Wissenschaft schafft - im Sinne von Beschäftigung.  

Die Frage nach der Weiblichkeit der Wissenschaft hat aber nicht nur system-, oder treffender vielleicht, institutionserhaltende Funktion. Die oben genannten Fragen sind möglicherweise nicht nur willkürlich und unberechtigtermaßen als ernsthaft und wissenschaftlich relevant vorausgesetzt, sondern sind tatsächlich ernsthaft und wissenschaftlich relevant.  

Wenn ich im folgenden diesem "Triumvirat" Feminismus-Weiblichkeit-Wissenschaft nachspüren möchte, so nicht in dem Sinne wissenschaftlich, als ich einen Forschungsbericht liefern oder aber eine Geschichte des Feminismus, der Weiblichkeit oder der Wissenschaft erzählen möchte. Auch möchte ich nicht einstimmen in die Zitate aneinanderreihende Kritik an männlichen Philosophen, die den Frauen das Denken absprechen oder sie zumindest als geistig minderbemittelt betrachten - obwohl diese Zitate oft äußerst amüsant sein können.  

Vielmehr möchte ich versuchen, der Frage nach der Weiblichkeit der Wissenschaft systematisch nachzugehen und vielleicht eine Antwort darauf zu finden, wonach wir eigentlich fragen, wenn wir die Weiblichkeit der Wissenschaft diskutieren.  

I. Das Problem des Vorurteils

Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann, und zwar ein Mann, der Wissenschaft betreibt. Und nun würde ich als - männlicher - Wissenschaftler folgendes in den Raum stellen: "Schon die Fragestellung dieses Kolloquiums - Wie weiblich ist die Wissenschaft? - kann nur von einer Frau stammen." Es könnte sein, daß dieser Wissenschaftler heutzutage belächelt und schlicht als Wissenschaftler nicht ernstgenommen würde (möglicherweise trotzdem noch als Mann und/oder Mensch). Es könnte aber auch sein, daß er von einer bestimmten Gruppe von Frauen - ich bezeichne sie hier einmal vorsichtig als Fundamentalfeministinnen - wegen dieser in den Raum gestellten Aussage aus demselben hinausgejagt und damit weder als Wissenschaftler noch als Mensch ernstgenommen würde.  

Wenn jedoch ein beinahe identischer Satz von einer Frau stammt, wären dieselben - wohlgemerkt fiktiven - Fundamentalfeministinnen wahrscheinlich begeistert: "[w]as ist eine Frau? Schon beim Formulieren der Frage kommt mir eine erste Antwort. Es ist bezeichnend, daß ich sie überhaupt stelle. Ein Mann käme gar nicht auf die Idee, ein Buch über die einzigartige Situation der Männer innerhalb der Menschheit zu schreiben."2 Dasselbe, was aus dem Mund eines Mannes wie ein chauvinistischer Angriff interpretiert werden kann, wird - stehen die Zeilen bei einer Frau, nämlich Simone de Beauvoir - zu einer scharfsinnigen und kritischen Analyse des status quo. Das eine Mal rückt die Bemerkung, daß ein bestimmtes Unternehmen nur einer Frau einfallen konnte, dieselbe in die Nähe einer Verrückten, und stempelt den, der diese Bemerkung macht, zum Chauvinisten - oder zur Chauvinistin, auch die gibt es. Das andere Mal wird mit derselben Bemerkung die Frau zu derjenigen, die bestimmte Denkwege eigentlich erst eröffnet, und der oder diejenige, der oder die diese Bemerkung machte, zu einem wachen und kritischen Geist.  

Was soll damit gesagt sein? Zunächst folgendes: Es gibt natürlich keine Fundamentalfeministinnen mehr - jedenfalls dann nicht, wenn damit die bezeichnet werden sollen, die einen Mann ausschließen, nur weil er wissenschaftlichen oder anderen Unsinn von sich gibt (oder vielleicht auch nur, weil er ein Mann ist). Für derartige Reaktionen sind die modernen Wissenschaftlerinnen bereits zu aufgeklärt, so wie es auch niemandem mehr einfallen würde, sich aus Protest barbusig in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie ähnlich zu Adornos Zeiten geschehen. Die Zeit der zähnefletschenden, argumentationsunfähigen, aber wirkungsvollen Vollemanzen ist vorbei - oder aber es hat sie, zumindest im Wissenschaftsbetrieb, nie gegeben.  

Ich möchte mit dem obigen Beispiel aber noch auf einen anderen Punkt hinweisen, einen Punkt, mit dessen Erwähnung ich möglicherweise bereits geöffnete Türen aufzustoßen Gefahr laufe, den es aber m.E. immer wieder zu betonen gilt: Die Diskussion über Feminismus oder Weiblichkeit in der Wissenschaft erfordert - wie jede Diskussion, will sie denn konstruktiv sein - Differenziertheit. Differenziertheit sowohl in der Beurteilung dessen, was über diesen Komplex geschrieben und gesagt wird, Differenziertheit aber auch dem eigenen Standpunkt gegenüber. Mit anderen Worten: es bedarf - zumindest in psychologischer Hinsicht - der Vorurteilslosigkeit. Diese Forderung in die Tat umusetzen ist vielleicht schwieriger, als es zunächst scheint.  

Aber auch theoretisch ist die Einlösung einer solchen Forderung nach Vorurteilsfreiheit nicht in jedem Falle einfach. So selbstverständlich sie auch in der Wissenschaft erscheint: gerade in der Diskussion über Männlichkeit oder Weiblichkeit ist diesem Anspruch offenbar schwerer zu genügen, da wir, wenn wir über Frauen, Männer und Wissenschaft sprechen, immer irgendwie selbst "betroffen" sind, uns selbst zum Objekt unserer Reflexion und der Wissenschaft machen. Wissenschaftstreibende sind immer irgendwie weiblich oder männlich, was - handelt es sich um die Erforschung der Steinlaus oder das Paarungsverhaltens von Elefanten - nicht weiter Beachtung verdienen muß. (Obwohl, dies nur am Rande, natürlich auch hier sicher häufig zu beobachten ist, wie Naturwissenschaftler/innen ihr Verständnis von weiblich und männlich auf die Natur übertragen, und diese dann als Erklärung dafür heranziehen, warum es sich bei den Menschen ebenso verhalten muß. Ein diesbezüglich sehr eindrucksvolles Beispiel ist die Theorie des Anthropologen Christian Vogel, der die doppelte Moral, die unseren, je nach Geschlecht variierenden Urteilen über das Fremdgehen zugrundeliegt - der Mann als Casanova, die Frau als Hure - , auf unterschiedliche Reproduktionsstrategien der beiden Geschlechter zurückführt. Um den Fortpflanzungserfolg zu sichern, müssen die Männchen möglichst viele Weibchen begatten, die Weibchen haben besseres zu tun, sie haben für dererlei Unternehmungen keine Zeit, da sie den Nachwuchs versorgen müssen. 3 

Handelt es sich aber bei dem zu erforschenden Objekt um einen selbst, versucht man also, wissenschaftlich zu analysieren, ob man selbst männlich oder weiblich Wissenschaft betreibt, wird die Situation komplizierter. Denn: Sobald wir herauszufinden versuchen, ob wir selbst weiblich oder männlich Wissenschaft betreiben, muß auch dieser Frageansatz wiederum daraufhin untersucht werden, ob er männlich oder weiblich ist usw. ad infinitum. Wir geraten in eine unendliche Selbstreflexion.  

Oder auch nicht. Man muß da differenzieren.  

Ich möchte im Folgenden zwei Thesen vertreten und verteidigen. Die erste These ist die, daß es natürlich unsinnig ist, von weiblicher Wissenschaft zu reden, daß der Begriff der weiblichen Wissenschaft ein ähnlicher ist wie derjenige eines hölzernen Eisens, soweit man dies überhaupt als Begriff bezeichnen darf. Diese erste These ist mit der Forderung nach Vorurteilslosigkeit verbunden. Damit behaupte ich ganz bewußt - entgegen z.B.der Äußerung von Elisabeth List 4- die Wissenschaft als eine feste Burg. Deren Fundamente können und sollen zwar beleuchtet werden, allerdings steht es doch sehr in Frage, ob sie Fundamente tatsächlich erneuert werden müssen.  

Anschließend möchte ich die zweite These vertreten, daß es sehr sinnvoll ist, von weiblicher Wissenschaft zu reden. Diese These ist verbunden mit der Forderung nach vorurteilender Voreingenommenheit. Das ist kein Paradox, wie es möglicherweise erscheinen mag, sondern lediglich ein Ausdruck für verschiedene Perspektiven auf einen Begriff, nämlich denjenigen der "weiblichen Wissenschaft".  

II. Weibliche Wissenschaft: Das hölzerne Eisen 

Zur ersten These: Die weibliche Wissenschaft als hölzernes Eisen. Dazu zunächst folgendes: Die Formulierung: wie weiblich ist die Wissenschaft, setzt implizit und unausgewiesen bereits die Möglichkeit voraus, daß Wissenschaft weiblich oder männlich sein kann. Eine solche Implikation muß - wenn es sich um eine wissenschaftliche Aussage handeln soll - begründet werden. Wenn wir uns mit dieser Frage auseinandersetzen wollten, müßten wir zunächst zeigen, daß und wenn ja, wie die Wissenschaft weiblich sein kann. Erst dann, wenn dies geklärt ist, ließe sich darüber diskutieren, wie weiblich sie denn nun ist.  

Diese Forderung nach wissenschaftlichem Umgang mit einer Fragestellung, die Forderung danach also, daß innerhalb jeder Wissenschaft Aussagen begründet werden sollten, ist eine Forderung, die weder männlich noch weiblich geprägt ist. Dies ist nun der eigentliche Grund, warum ich der Ansicht bin, daß die Rede von weiblicher Wissenschaft derjenigen vom hölzernen Eisen ähnelt, bzw. im Kreise herumführt. Denn: Taucht die Frage danach, wie weiblich die Wissenschaft sei, in weiblicher oder männlicher Wissenschaft auf? Anders gefragt: Muß ich nicht selbst einen (geschlechts-) neutralen Standpunkt einnehmen, von dem aus ich überhaupt erst beurteilen kann, ob eine Wissenschaft männlich oder weiblich ist? Kennzeichne ich dann aber von dort aus die Wissenschaft als weiblich, hebe ich damit zugleich den geschlechtsneutralen Standpunkt als geschlechtsneutralen wieder auf.  

Nochmals anders: Wo stehen wir systematisch, wenn wir davon sprechen, daß oder wie die Wissenschaft weiblich ist? Widerspricht es nicht sogar dem Begriff bzw. dem Verständnis von Wissenschaft, von ihr ein Adjektiv wie männlich oder weiblich zu prädizieren? Können Argumente, die zur Stützung von Aussagen und damit zur Konstitution ihrer wissenschaftlichen Relevanz beitragen, weiblich oder männlich sein? Gibt es vielleicht Argumente, die nur Frauen verstehen?  

Auf diese letztere Frage wird hin und wieder geantwortet, daß Männer bspw. nicht nachfühlen und daher auch nicht darüber diskutieren können, was Frauen bei der Geburt eines Kindes empfinden. Das klingt zunächst einleuchtend. Näher betrachtet muß man jedoch fragen, ob denn selbst eine Frau tatsächlich weiß bzw. tatsächlich das empfindet, was eine andere Frau bei der Geburt eines Kinders empfindet. Sie kann es nur vermuten, kann nur von sich auf andere schließen. Ein Problem übrigens, was bei allen Schmerzempfindungen der Fall ist. Dieses Argument ist also nur scheinbar ein Argument gegen die diesbezügliche Diskussionsinkompetenz der Männer - es ist lediglich ein Argument für die generelle Unmöglichkeit, den Schmerz einer anderen Person zu empfinden.  

Oder, um noch einen weiteren, gängigen Vorwurf der angeblich männlich geprägten Wissenschaft aufzugreifen: Es ist tatsächlich nicht einzusehen, warum oder wie die immer wiederkehrenden Dichotomien wie subjektiv-objektiv, abstrakt-konkret, universal-partikulär ein traditionelles, und das heißt meistens männliches Wissenschaftsverständnis definieren, wie Elisabeth List nahelegt.5 Die Dichotomien als solche sind weder männlich noch weiblich - solange sie nicht, und dies läßt sich natürlich kritisieren, mit diesen Adjektiven identifiziert werden.  

Die Rede von weiblicher Wissenschaft in diesem Sinne ist widersprüchlich und damit falsch, somit die Frage danach, wie weiblich sie sein könnte, von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Entweder ist Wissenschaft ein geschlechtsneutrales System vernünftig begründbarer und damit Anspruch auf Geltung (bzw. Wahrheit) erhebender Aussagen, dann ist sie weder weiblich noch männlich. Oder aber sie ist weiblich, und dann ist sie alles andere, nur keine Wissenschaft.  

III. Weibliche Wissenschaft als unverzichtbare Gesellschaftskritik 

Aber: Wissenschaft ist nicht nur das. Damit komme ich zu meiner zweiten These, nämlich der, daß die Frage danach, wie weiblich die Wissenschaft sei, durchaus sinnvoll ist. Sie ist sinnvoll, wenn man die Umstände betrachtet, unter denen geforscht wird, die Umstände, unter denen Wissenschaft getrieben wird, unter denen das System dieser geschlechtsneutralen Aussagen zustandekommt.  

Ein Umstand ist z.B. derjenige, den ich oben bereits erwähnte, nämlich die Tatsache, daß alle Wissenschaftsbetreibenden immer irgendwie weiblich oder männlich sind. Die Gefahr der sich ins Unendliche verlierenden Selbstreflexion ist dadurch gebannt, daß die Wissenschaft - formal gesehen - als geschlechtsneutral bezeichnet wurde. Die Tatsache also, daß es sich bei den Wissenschaftstreibenden immer um Frauen oder Männer handelt, hat also, was den Geltungsanspruch als Geltungsanspruch einzelner Aussagen angeht, keine Relevanz.  

Worin aber besteht dann die Relevanz dieser Tatsache, inwiefern macht sie den Begriff einer geschlechtlich geprägten Wissenschaft sinnvoll?  

Es lassen sich mindestens zwei Bereiche nennen, in denen die Frage nach der weiblichen Wissenschaft sinnvoll sein könnte. Zum einen die gesellschaftliche Relevanz, zum anderen die inhaltliche Relevanz.  

a) Die gesellschaftliche Relevanz der Frage

Betrachtet man die Wissenschaft unter dem gesellschaftlichen Aspekt, verwandelt sich die Frage "Wie weiblich ist die Wissenschaft?" etwa in folgende: Wie stark ist die Weiblichkeit in der Wissenschaft vertreten, oder, wie hoch ist der Anteil an Professorinnen bspw. an deutschen Universitäten. Wenn darauf geantwortet wird, daß es nur etwa drei Prozent aller Lehrstühle sind, die von Frauen besetzt sind, ist diese Antwort nicht lediglich eine deskriptive Aussage, sondern zugleich eine - berechtigte - Kritik. Die Repräsentanz des Weiblichen in der Gesellschaft, hier insbesondere in der wissenschaftlichen Gesellschaft, ist mehr als mager. Sinnvoll und relevant ist die Frage, die dieses Kolloquium stellt, insofern also, als sie aufmerksam macht bzw. bereits implizit Forderungen stellt. Dies ist der Grund, warum ich oben davon sprach, daß mit der These, daß hier die Rede von der weiblichen Wissenschaft sinnvoll ist, die Forderung nach einer Voreingenommenheit verbunden ist. Der Voreingenommenheit nämlich für gesellschaftliche Gleichberechtigung.  

Wenn somit oben die Geschlechtsneutralität der Wissenschaft betont wurde, soll diese These selbstverständlich nicht dazu dienen, den gesellschaftlichen status quo zu legitimieren. Andererseits darf aber auch das Faktische, nämlich die mangelhafte Repräsentanz der Frauen in der Wissenschaft, nicht dazu führen, die Geltung der Geschlechtsneutralität der Wissenschaften abzuleugnen.  

Dieser wie jener Schluß ist eine unzulässige Vermengung zweier Bereiche, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Die Forderung bzw. Charakterisierung der Wissenschaft als geschlechtsneutral hat - systematisch - natürlich nichts zu tun mit der mangelnden Repräsentanz der Weiblichkeit in der Wissenschaft, also dem prozentualen Anteil an Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Dennoch werden diese beiden Bereiche leicht miteinander verwechselt.  

Insofern muß man auch Herta Nagl-Docekal zustimmen, wenn sie es als eine der wichtigen Aufgaben der feministischen Philosophie ansieht, Aussagen, die Geschlechtsneutralität beanspruchen, auf latente misogyne Gehalte hin zu untersuchen.6 Sie fordert damit letztlich eine tatsächlich notwendige, ideologiekritische Wachsamkeit. Und dies in der Weise, daß allgemein (d.h. für Frauen und für Männer) nachvollziehbar philosophisch argumentiert wird, da die feministische Auseinandersetzung - z.B. mit der Philosophiegeschichte - ihren Aufklärungsanspruch sonst nicht plausibel machen könne.7  

Auf das Thema Wissenschaft gewendet heißt das: Man kann philosophische oder andere Texte auf Frauenfeindlichkeit hin untersuchen - aber nur mittelst einer geschlechtsneutralen Wissenschaft. Jedoch sollte man dann auch nicht den Fehler begehen, den Philosophen, den man als frauenfeindlich entlarvt hat, deshalb zu ächten oder in den fiktiven Giftschrank zu stellen, sondern sollte dies dann lediglich dazu benutzen, wachzurütteln - und zwar wachrütteln für die möglicherweise auch heute noch auftretenden, gängigen Klischees.  

Wenn ich also sagte, daß diese beiden Bereiche - eigentlich - nichts miteinander zu tun haben, jedenfalls dann nicht, wenn man vom einen logische Schlüsse auf den anderen ziehen möchte, heißt das nicht, daß ich für eine strikte Trennung von geschlechtsneutraler Wissenschaft und Gesellschaftskritik plädiere. Im Gegenteil: Die Wissenschaft kann und sollte auch Mittel sein, um Gesellschaft zu kritisieren, und ein solches, m.E. sehr effektives Mittel, sollte man nicht voreilig aus der Hand geben. Aber vermutlich hat das auch niemand vor.  

b) Die inhaltliche Relevanz der Frage

Der andere Bereich, in dem die Frage nach der Weiblichkeit der Wissenschaft relevant sein kann, ist, wie erwähnt, der inhaltliche. Frauen haben möglicherweise andere Interessen, andere Perspektiven oder andere Fragen, staunen über andere Dinge oder bewerten diese anders als Männer, entwickeln strukturell differente Systeme oder Weltentwürfe (ich erwähnte bereits, daß es z.B. - für einige, die sich mit dieser Thematik befassen, die Dichotomie subjektiv-objektiv männlich geprägt ist). Zumindest könnte das sein.  

Wenn dem so wäre, ließe sich die Frage, "Wie weiblich ist die Wissenschaft?", übersetzen in die Frage danach, wie sich ein erhöhter Anteil an weiblichen Wissenschaftlerinnen auswirkt auf die Inhalte der einzelnen Disziplinen, die Frage danach also, wie Weiblichkeit mittelst Wissenschaft anderes Wissen schafft und welcher Art es ist. Eine solche Fragestellung impliziert, daß Wissenschaft immer interessegeleitet ist. Frauen haben ihr Interesse, Männer das ihre. Es kann sein, daß beide Interessensbereiche identisch sind, es kann aber auch sein, daß sie divergieren. Und dies ist - zunächst - nicht zu kritisieren.  

Oder doch?  

Zu kritisieren an dieser Interpretation dessen, was mit weiblicher Wissenschaft gemeint sein könnte, ist folgendes: Man läuft mit dieser These leicht Gefahr, bestimmte Themen als weiblich oder männlich zu bezeichnen, sie dadurch geschlechterspezifisch ein- und abzugrenzen und sich damit eben jener Schemata und Konstrukte zu bedienen, die - wiederum von einer spezifischen Seite der feministischen Diskussion - verworfen werden. Dann nämlich, wenn erklärt wird, daß Frauen weniger dualistische Weltbilder entwerfen, weniger von oben nach unten philosophieren, eher "vernetzter", fürsorglicher oder harmonischer denken.  

Ist es denn weiblich, sich über Macht oder Herrschaftsansprüche Gedanken zu machen? Dann wäre auch Habermas Denken weiblich. Ist es weiblich, über Angst zu reflektieren? Dann wäre auch Kierkegaards Philosophie weiblich. Ist es weiblich, sich selbst - als Frau im Allgemeinen und Frau in der Wissenschaft im Besonderen - zu thematisieren, wie das eingangs angeführte Zitat von de Beauvoir nahelegt? Und: Sollte man die Themen, nur weil sie möglicherweise häufiger von Frauen als von Männern behandelt werden, deshalb schon weiblich oder männlich nennen?  

Fazit: der Versuch, weibliche Wissenschaft über frauenspezifische Inhalte der jeweiligen Wissenschaften zu charakterisieren, schlägt fehl, weil man das, was man erklären bzw. kritisieren will, schon voraussetzt und damit bestätigt, nämlich eine Differenz von Weiblichkeit und Männlichkeit.  

Das Grundübel der ganzen Debatte scheint mir indes tatsächlich die Frage nach der Weiblichkeit zu sein. Anders gesagt:  

Weiblichkeit ist ein Problem.

Die Frage, wie weiblich die Wissenschaft sei, setzt nämlich nicht nur schon voraus, daß eine Wissenschaft weiblich sein kann, sondern darüberhinaus auch, daß es so etwas gibt wie Weiblichkeit. Und, wenn auch etwas versteckter, daß alles, was Frauen machen, etwas mit Weiblichkeit zu tun hat. Diese Gleichsetzung habe auch ich übrigens bisher unhinterfragt vollzogen - wohlwissend jedoch, daß sie äußerst schwierig und vermutlich kaum haltbar ist.  

An dieser Stelle müßte nun sowohl geklärt werden, was eine Frau ist, als auch, was überhaupt Weiblichkeit ist. Ich werde mich jedoch hüten, darauf zu antworten, nachdem in der feministischen Philosophie bisher - meines Wissens jedenfalls - alle möglichen Antworten als chauvinistisch oder schlichtweg falsch entlarvt worden sind. Ob nun Frauen anders sind als Männer, und wenn ja, worin diese Differenz besteht, ob es so etwas gibt wie ein biologisches Geschlecht, d.h. daß die Differenz, wenn es sie denn gibt, naturgegeben ist oder stattdessen gesellschaftlich produziert, ob es möglicherweise gar keine Differenzen mehr gibt, wir die Andersheit aber als regulative Idee postulieren müssen - die Beantwortung all diese Fragen überlasse ich - zumindest jetzt - getrost anderen. Denn ich selbst fühle mich diesbezüglich - zugestandenermaßen - überfordert und ein wenig wie die Rückständige, von der Beauvoir berichtet: "Vor allem die Amerikanerinnen hängen an dem Gedanken, die Frau als solche komme nicht mehr vor. Und wenn eine Rückständige sich immer noch für eine Frau hält, raten ihr die Freundinnen zu einer Psychoanalyse, um diese Zwangsvorstellung loszuwerden."8  

Insofern würde ich also - zusammenfassend - folgendes behaupten: Die Frage, wie weiblich ist die Wissenschaft, ist wissenschaftstheoretisch betrachtet, sinnlos, und zwar unter der Prämisse, daß ich zwar nicht positiv sagen kann, was eine weibliche Wissenschaft sein könnte, daß ich aber ex negativo sagen kann, daß der Begriff der Wissenschaft jede geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung verwehrt. Gesellschaftspolitisch dagegen ist die Frage von äußerster Wichtigkeit, und zwar hier unter der Prämisse, daß der Begriff der weiblichen Wissenschaft etwas mit Frauen und deren prozentualer Repräsentanz im wissenschaftlichen Betrieb zu tun hat.  

Wenn also bspw. das Bild der Frauen in Literatur, Musik oder Kunst beleuchtet wird, wenn das Augenmerk berechtigterweise verstärkt auf Frauengestalten der Philosophie, der Geschichte oder der Naturwissenschaften gelenkt wird, so schafft all dies zwar neues Wissen, aber keine neue Wissenschaft. Es kann und soll aufmerksam gemacht werden auf gesellschaftliche Verhältnisse, wie sie waren oder sind. Nicht wie sie sein sollten, denn um dies zu wissen, bedarf es keiner Beispiele, dazu bedarf es allein der Vernunft. Und zwar einer, die weder männlich oder weiblich, ökologisch, zynisch, oder sonstwie codiert ist.  

Das große Problem dabei ist "lediglich" die vernünftige konkrete Umsetzung der Vernunft. Um nochmals Nagl-Docekal zu zitieren: "gesucht wird eine Antwort auf die Frage: Wie ist eine Gesellschaft zu denken, in der alle die gleichen Rechte und die gleichen Chancen haben, damit sie befreit sind zur Entfaltung ihrer jeweiligen Besonderheiten".9 Und: wie ist - sowohl Männern als auch Frauen - die Einsicht in die Allgemeingültigkeit gleicher Rechte und Chancen zu vermitteln?  


ANMERKUNGEN  

* Vortrag anläßlich des im Juni 1996 vom Lehrstuhl für Philosophie II der Universität Bamberg (Prof. W. Ch. Zimmerli) veranstalteten Kolloquiums "Wie weiblich ist die Wissenschaft? Repräsentationen des Weiblichen in Kultur und Gesellschaft". (back 
1 Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Neuübersetzung. Reinbek, 1992. S.9. (back 
2 ebd. S.11. (back 
3 Vgl. Annemarie Pieper: Aufstand des stillgelegten Geschlechts. Einführung in die feministische Ethik. Freiburg, Basel, Wien, 1993. S. 59 (back 
4 Vgl. Elisabeth List: Theorieproduktion und Geschlechterpolitik. Prolegomena zu einer feministischen Theorie der Wissenschaften. In: Feministische Philosophie. Hrsg. v. H. Nagl-Docekal. Wien, München 1990. (Wiener Reihe. Themen der Philosophie. Bd. 4). S. 159. (back 
5 Vgl. ebd. S.168 (back 
6 Vgl. Herta Nagl-Docekal: Was ist feministische Philosophie? In: Feministische Philosophie. S.13. (back 
7 ebd. 29. (back 
8 Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. S.10. (back 
9 Herta Nagl-Docekal: Was ist Feministische Philosophie? S. 39 (back