Kann die Philosophie noch einen Beitrag zur Erforschung des Bewußtseins leisten?


 

von Jens Wimmers

 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/wesen/wimmers.htm (1998)

Die Philosophie droht scheinbar arbeitslos zu werden. Sie verliert immer mehr Forschungsgegenstände an andere Wissenschaftsdisziplinen. Ihr Schicksal in den Bereichen der Wissenschaft vom Denken und der Information, in denen sie von der Linguistik, Sprachwissenschaft, beziehungsweise der Genetik und Evolutionstheorie überholt worden ist, scheint sich jetzt bezüglich des Problems des Bewußtseins zu wiederholen. Mit den fortschrittlichen, schnellen und pragmatischen Naturwissenschaften kann eine Philosophie, die glaubt die Probleme durch Nachdenken im Lehnstuhl lösen zu können, nicht konkurrieren.

Bei der Erforschung des Bewußtseins liegt die Philosophie weit zurück. Neurophysiologen und Ethologen haben ihr den Rang abgelaufen, in einer Disziplin, die besonders die deutsche Philosophie im Idealimus beschäftigt hat, die also durchaus mit philosophischer Tradition behaftet ist.

Nun beherrscht die Hirnforschung dieses philosophische Terrain und hat sich bereits gegen die (vergleichende) Verhaltensforschung durchgesetzt. Anfang der 90er Jahre bemühten sich noch Ethologen um Aufklärung am Problem des Bewußtseins. Heute aber setzt man wesentlich mehr Hoffnung auf die technisch immer fortschrittlichere Hirnforschung. Sicherlich hat dieses Vertrauen auch mit der verbreiteten Einschätzung zu tun, daß die Neurologen näher am Problem sind als die Verhaltensforscher. Kaum jemand bezweifelt heute noch, daß Bewußtsein auf Hirntätigkeit basiert, dagegen scheint der Zugang zum Bewußtsein über die Interpretation von Verhaltensmustern einen Umweg zu nehmen.

Ein Beispiel mag das illustrieren: In den 40er Jahren setzte man bei Operationen das als Pfeilgift bekannte Narkosemittel Curare ein. Die Patienten waren ruhiggestellt und zeigten keine Anzeichen von Schmerzwahrnehmung, woraufhin man annahm, daß sie schmerzfrei waren. Heute weiß man, daß dieses Gift nur die Muskelnerven beeinträchtigt und damit Bewegung und Mimik unmöglich macht. Die Patienten konnten also durchaus Schmerz empfinden. Die Lähmung schaltet nur die schmerztypischen Reaktionen im Verhalten aus, das Schmerzbewußtsein tangiert sie nicht.

Schmerzempfinden und Bewußtsein sind innere Zustände, die sich nur mittelbar äußerlich wahrnehmen lassen. Deshalb scheint der behavioristische Ansatz nicht geeignet zu sein, um Bewußtsein zu erklären. Mehr Erfolg verspricht man sich von der Neurophysiologie, da sie ja den Blick ins Innere ermöglicht. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, oder ob sich auch hier Vorbehalte eröffnen, die eine philosophische Beschäftigung mit dem Thema auch heute noch rechtfertigen, soll im folgenden in Frage gestellt werden.

Zwei Theorien

Hans Flohr untersuchte die Wirkung von Narkotika.(1) Wer genaueres über die Bewußtlosigkeit weiß, der wird auch das Bewußtsein besser verstehen können. So die durchaus nachvollziehbare Ausgangsüberlegung des Bremer Anästhesisten. Narkotika wirken auf die sog. NMDA-Synapsen (nach dem Transmitterstoff N-Methyl-D-Aspartat benannt), die Nervenzellen miteinander verbinden und somit die Schaltstellen neuronaler Verknüpfung darstellen. Werden diese Synapsen durch Narkotika blockiert, so verfällt der Patient in die Bewußtlosigkeit. Im Umkehrschluß bedeutet dies, daß die Aktivität der NMDA-Synapsen eine Bedingung für Bewußtsein ist. Hans Flohr behauptet aber weiter, daß diese Synapsenaktivität, die im Normalzustand vom Wecksystem in der Formatio reticularis geregelt wird, der Schlüssel zur Erklärung des Bewußtseins ist.(2) Dabei entscheidet laut Flohr der Aktivierungsgrad der Synapsen über die Stufe der kognitiven Leistung des Gehirns. Ein geringer Erregungszustand ermöglicht dem Menschen, ein Abbild der Außenwelt aufzubauen. Bei höherem Erregungsniveau stellt sich durch die hinzukommende Selbstbeobachtung des Gehirns bei der Abbildung der Welt dann Bewußtsein ein.

Früher ging die Hirnforschung davon aus, daß bestimmte Areale (z.B. das Sprachzentrum) im Gehirn bestimmte Aufgaben erfüllen, so daß jede kognitive Funktion ihren festen Ort hat. Mit dem Elektroenzephalogramm war man den Funktionszentren auf der Spur. Heute, mit verbesserten technischen Möglichkeiten, wie der Positronen-Emissions-Tomographie, Magnetoenzephalographie oder der Kernresonanz-Spektographie, kann nicht nur die elektrische Aktivität, sondern auch die Durchblutung und Stoffwechseltätigkeit des Hirns sichtbar gemacht werden. Mit der neuen Technik änderte sich das Bild von der Funktionsweise des Gehirns. Nicht die Regionen, sondern die Verschaltungen verschiedener aktiver Neuronen sind für die kognitiven Leistungen verantwortlich. Eine einzelne Nervenzelle ist nur Materie. Durch die Vernetzung mehrerer Neuronen aber entsteht etwas Geistiges.(3) Der Bauplan der neuronalen Vernetzung gilt nun als Schlüssel zur Erklärung von Geistestätigkeit.

Gerhard Roth sieht Bewußtsein erst durch das Zusammenspiel von Hirnrinde, Hirnstamm und limbischem System ermöglicht.(4) Er weitet das Konzept der Vernetzung zu der These aus, daß jede kognitive Leistung und mithin auch jeder Gedanke einem spezifischen Schaltmuster entspricht. Der Bauplan ist also das neuronal manifestierte Korrelat eines Gedankens. Dies bedeutet natürlich auch, daß Baupläne spontan und kreativ neu entstehen können - andernfalls hätten wir nur ein begrenztes Repertoire an Gedanken.

Ein Vorbehalt

Obwohl die Theorien von Flohr und Roth durchaus in mehreren Punkten einen Kommentar herausfordern, möchte ich mich auf nur einen wesentlichen Aspekt beschränken, der in beiden Konzeptionen anzutreffen ist. Sowohl die biochemische als auch die neurokybernetische Variante versuchen, Bewußtsein zu erklären, indem sie auf empirische Beobachtungen rekurrieren. Die Synapsenblockade schaltet das Bewußtsein der Patienten ab, so daß sie schmerzfrei behandelt werden können. Die Hirntätigkeit von Probanden besteht in der Erregung miteinander verbundener Neuronen, deren Konnex sichtbar gemacht werden kann. Dies alles ist unbestritten. Fraglich aber bleibt der Anspruch, damit dem Bewußtsein auf die Spur gekommen zu sein.

Eine Vielzahl der naturwissenschaftlichen Bewußtseinstheorien, von denen hier nur zwei herausgegriffen wurden, haben mit dem sog. Qualia-Problem zu kämpfen. Qualia bezeichnet die Besonderheit des Bewußtseins, daß es immer eine bestimmte Empfindung oder einen bestimmten Gedanken zum Inhalt hat. Ein Schmerzempfindung hat genauso wie die Farbwahrnehmung, die Erinnerung, die logische Überlegung, die Emotion oder die Phantasievorstellung eine bestimmte Beschaffenheit. Diese spezifische Art des Erlebens macht den jeweiligen Vorstellungsinhalt zu etwas Bestimmten. Qualia sind also Bewußtseinsinhalte, die vom bewußten Subjekt innerlich erlebt werden.

Das große Manko naturwissenschaftlicher Ansätze besteht nun gerade darin, daß sie sich auf äußerlich-objektiv wahrnehmbare Beobachtungen stützen, aber die angesprochene Innerlichkeit nicht berücksichtigen können. Hirntätigkeit kann sichtbar gemacht werden, Gedanken bleiben unsichtbar. Man spricht hier auch von der Intelligibilitätslücke. Intelligibles ist als solches nicht sinnlich wahrnehmbar. Beispielsweise setzt ein Gesprächsteilnehmer die sinnlich erfahrenen akustischen Äußerungen seines Gegenüber in eine intelligible Mitteilung um. Dafür bedient er sich aber seiner - ebenfalls intelligiblen- Sprachkompetenz. Aus den Sprechgeräuschen selbst aber folgt kein Inhalt. Dieses Beispiel soll die Problematik der naturwissenschaftlichen Ansätze verdeutlichen. Ihnen gelingt es nicht, das zentrale Qualia-Moment des Bewußtseins zu berücksichtigen.

Nun steht natürlich die Frage im Raum, ob andere Ansätze diesbezüglich Aussicht auf mehr Erfolg haben. Die zu bewältigende Aufgabe besteht immerhin darin, daß Unsichtbare (die Gedanken in ihrer Beschaffenheit) sichtbar, bzw. faßbar zu machen. Aus dem Scheitern der naturwissenschaftlichen Ansätze lernend, möchte ich versuchen, einen anderen Zugang zu wählen, der vom impliziten Wissen des Bewußtseins im Erleben ausgeht.

Ein alternativer Ansatz

Soeben habe ich mit der Erklärung des Begriffs Qualia eine Definition gegeben, die beansprucht etwas Gewisses über das Bewußtsein auszusagen: Eben daß die Qualia ein Charakteristikum von Bewußtseinsinhalten sind. Ich habe also beansprucht, etwas über Bewußtsein zu wissen, ohne mir die Mühe zu machen, dies als Ergebnis einer Analyse, einer Deduktion oder wenigstens eines Experiments herzuleiten. "Aus dem Bauch heraus" fühle ich mich kompetent, dies nomologisch festzusetzen. Sofern Sie mir nicht innerlich widersprochen haben, gehe ich davon aus, Ihre Zustimmung erhalten zu haben. Ohnehin befinden wir uns in guter Gesellschaft, denn die Relevanz von Qualia für das Bewußtsein ist allgemein anerkannt, ohne daß irgendjemand dies bisher neurologisch nachgewiesen hat. Mit welchem Recht aber wird solch ein Wissen -im Konsens- in Anspruch genommen? (5)

Es handelt sich hierbei um ein Wissen, daß durch die Methode der Phänomenologie gewonnen wurde. Ich möchte nun zu zeigen versuchen, daß dieses Vorgehen wissenschaftlich legitim ist, und daß wir im Falle der Bewußtseinsforschung geradezu gezwungen sind, diesen Weg einzuschlagen, bevor wir überhaupt beginnen können, empirische Untersuchungen anzustellen.

Die Wissenschaft vom Bewußtsein erforscht ein Phänomen, das jeder als sein persönliches Erleben kennt. Wer würde ernsthaft -und widerspruchsfrei- behaupten, er habe keinen Zugang zum Bewußtsein? Obwohl wir es mit einer Erscheinung zu tun haben, die jedem bekannt ist, fällt ihre genaue Bestimmung aber äußerst schwer. Eine allgemein anerkannte Definition dessen, was Bewußtsein ist, ist die Zielvorstellung der Bewußtseinsforschung. Als Fernziel soll dann die technische Realisierung der gewonnenen Erkenntnisse folgen. Die Forscher arbeiten, wissen aber noch nicht genau woran. Einzig möglicher Ansatzpunkt ist die Untersuchung des internen Wissens über das Phänomen.

Wir könnten Bewußtsein nicht zum Forschungsgegenstand erklären, wenn wir nicht ein gewisses Vorwissen (mindestens das Wissen um die mögliche Existenz des Gegenstandes) hätten. Allein dieses Vorwissen berechtigt uns, mit der Bewußtseinsforschung zu beginnen. Meiner Meinung nach sollte man sich zunächst darum bemühen, dieses Vorwissen zu analysiern, bevor man sich auf die Untersuchung sichtbarer Korrelate stürzt. Was ist es genauer, was wir da in seiner materiellen Entsprechung zu finden suchen? Diese Frage aber, die am Anfang aller neurophysiologischen Forschung stehen müßte, kann durchaus "im Lehnstuhl" beantwortet werden. Sie ist philosophischer Natur - durch eine Art "Innenschau" des eigenen Erlebens zu lösen.

Diese phänomenologische Vorgehensweise möchte ich hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes Bewußtsein noch weiter spezifizieren. Zuvor aber muß noch auf einen generellen Einwand gegen das Projekt Bewußtseinsforschung eingegangen werden.

Gerade beim Aspekt der persönlichen Vertrautheit mit dem Faktum des Bewußtseins setzen Kritiker an, um ein grundsätzliches Argument gegen die Bewußtseinsforschung vorzubringen. Die Forschung, so ihre Beweisführung, formuliert ihre Inhalte per definitionem in der Man-Perspektive. Es geht ihr darum, allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, die unabhängig von Ort und Zeitpunkt für jeden gelten. Das Phänomen des Bewußtseins hingegen ist aber nur in der Ich-Perspektive zugänglich. Somit sind Forschung und Bewußtsein nicht kompatibel und alle Kombinationsversuche von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Dagegen ist zunächst anzumerken, daß das bisherige Scheitern einer Definition in der Man-Perspektive deren Möglichkeit noch nicht generell ausschließt. So lange es noch Ideen für neue oder variierte Ansätze gibt, ist kein Grund ersichtlich, warum diese nicht ausprobiert und zur Diskussion gestellt werden sollten. Auf die logische Inkonsequenz dieser Kritik, die sich in der Retorsion zeigt, sei nur kurz hingewiesen: Wer behauptet, daß über das Bewußtsein prinzipiell keine Theorie möglich ist, sagt mit dieser Behauptung etwas Theoretisches über das Bewußtsein aus und widerspricht sich somit selbst.

Natürlich ist der Einwand, daß Bewußtsein primär nur subjektiv zugänglich ist, gerechtfertigt. Nur daraus die destruktive Konsequenz des Abbruchs jeder weiteren Forschung zu ziehen, scheint mir überzogen. Vielmehr möchte ich diesen Einwand produktiv aufnehmen und einen Ansatz wählen, der vom persönlichen Erleben des Bewußtseins ausgeht, dieses zu beschreiben versucht und nach Übereinstimmungen der Schilderungen mit Gesprächspartnern sucht (und somit die Man-Perspektive findet). Man beginnt bei der offensichtlichen Gemeinsamkeit, daß sich jedes im ausreichenden Maße kommunikationsfähige Individuum Bewußtsein selbst zuschreibt. Daraufhin kann festgestellt werden, ob eine aus dem eigenen Empfinden entstandene Beschreibung des Bewußtseins die Zustimmung der anderen findet. Im folgenden Abschnitt möchte ich eine solche erste Beschreibung vorschlagen.

Eine mögliche Theorie

Definition bedeutet wörtlich 'Abgrenzung'. Zunächst nähern wir uns also der Bestimmung, was Bewußtsein ist, durch die Abgrenzung vom Nicht-Bewußtsein bzw. Un-Bewußtsein. Was ist also der Unterschied zwischen Unbewußtsein und Bewußtsein?

Als unbewußte Prozesse gelten beispielsweise Reflexe, Verdauung, Atmung und andere Organismustätigkeiten, aber auch programmierte Verhaltensweisen als Ergebnis von Sozialisation und Edukation. Was haben diese Beispiele gemeinsam? Zunächst einmal stimmen sie darin überein, daß sie automatisch, d.h. ohne unser Zutun ablaufen. Wir müssen an diesen Abläufen nicht teilnehmen, damit sie gelingen. Die Teilnahme ist also ein Kriterium der Unterscheidung. Bewußtes Verhalten ist dadurch ausgezeichnet, daß wir daran teilnehmen. Aus dieser Partizipation resultiert auch die stärkere persönliche Betroffenheit, die bewußtes Verhalten begleitet. Dies wirkt sich auch auf die Verantwortung aus: Bewußte Handlungen sind in höherem Maße zu verantworten als unbewußte Handlungen. (6)

Bewußtsein lat. conscientia bedeutet 'Mitwissen'. Die modale Präposition 'mit' läßt sich im Zusammenhang mit 'Wissen' als ein 'begleitendes Wissen' verstehen. Hierin steckt im Sinne von 'Wissen des Wissens' eine Dopplung, die zunächst unsinnig zu sein scheint, da Wissen, welches nicht gewußt wird, per definitionem nicht Wissen sein kann. Information kann nur als Information verstanden werden, wenn sie jemanden informiert. Die scheinbar unnötige Verdopplung des Begriffs Wissen macht aber durchaus Sinn, wenn wir die Art und Weise, wie wir Bewußtsein erleben, zunächst phänomenologisch betrachten. Ein bestimmter Inhalt beispielsweise die Vorstellung einer Rose wird uns bewußt, wenn wir das Bild der Rose denken. Wir können also ein Wissen als Inhalt/Gedanke von einem Wissen als Tätigkeit/Teilnahme (s.o.) unterscheiden. Im folgenden soll die erste Wissensart als Objekt und die zweite als Tätigkeit bezeichnet.(7) Das Objekt meint das, was in der Hirnforschung auch als inhaltliche Qualia bezeichnet wird. Die Tätigkeit ist durchaus auch als ein kognitives Ereignis zu verstehen, dabei ist aber darauf zu achten, daß diese kognitive Tätigkeit nicht auf neurophysiologische Vorgänge reduziert wird, da diese Tätigkeit eben durch den Teilnahmecharakter, also die Betroffenheit, ebenfalls als Qualia beschaffen ist, was sich, wie oben gesagt, eben nicht sichtbar machen läßt. (8)

Die Unterscheidung scheint, analytisch verständlich zu sein. Daß es sich aber um eine künstliche Trennung handelt, wird aus der phänomenalen Einheit beider Elemente ersichtlich. Beide Wissensarten sind nicht singulär möglich. Die Tätigkeit vollzieht sich am Objekt ("Wissen weiß immer etwas"), während das Objekt nur durch die Tätigkeit exisitiert ("nur durch Wissen wird etwas gewußt"). Offensichtlich handelt es sich also um eine Wechselbeziehung. Dies bedeutet, daß beide Faktoren einander bedingen.

Die Bewußtseinsforschung wird unter anderem von der Idee geleitet, Bewußtsein künstlich zu erzeugen. Die Wechselbeziehung als Ergebnis unserer bisherigen Überlegungen stellt diesbezüglich ein Problem dar. Wenn Bewußtsein nur als Wechselbeziehung von Objekt und Tätigkeit möglich ist, dann gibt es keinen Weg, Bewußtsein artifiziell zu initialisiern. Ein sinnlich wahrnehmbarer Impuls, der Bewußtsein anregen soll, ist nicht möglich. Wenn er als Objekt wahrgenommen werden soll, setzt dies bereits Bewußtsein voraus. Mithin wäre das beabsichtigte Ergebnis schon eine Bedingung des Versuchs. Auch die Aktivierung der Tätigkeit (evtl. durch Erzeugung eines neuronalen Erregungszustandes), um dann erst ein Objekt hinzuzufügen, ist nicht vorstellbar, da die Tätigkeit sich nur an einem Objekt vollzieht. Diese Versuchsanordnung käme dem absurden Auftrag gleich, "zu denken - aber bitte nichts Bestimmtes".(9)

Zusammenfassung

Die Neurophysiologie beschäftigt sich genauso wie die Verhaltensforschung mit der Frage, "wie sieht es aus, wenn jemand Bewußtsein hat?". Feuernde Neuronen in vernetzten Verbänden sind offensichtlich nicht das Bewußtsein, sondern Ereignisse die zeitgleich zur Bewußtseinaktivität von außen zu beobachten sind. Diese Beobachtungen als identisch mit Bewußtsein zu setzen, ist ein übereilter Fehlschluß, da eine derartige Gleichsetzung sich nicht mit dem Phänomen Bewußtsein als Qualia-Träger in Einklang bringen läßt. Fragestellung und Schlußfolgerung sind beide fehlerhaft.(10) Alternativ -damit aber nicht naturwissenschaftlich- kann die Philosophie wieder die Frage aufwerfen, "was ist Bewußtsein?" und zu diesem aktuellen Thema ihren Beitrag leisten.

Die phänomenologische Methode, wie sie Brentano und in der Nachfolge Husserl entworfen haben, scheint mir ein vielversprechender Ansatz zu sein, um das Problem des Bewußtseins einer Lösung näherzubringen. Ob man es nun Philosophie oder deskriptive Psychologie nennt ist egal. Wichtig ist, daß es sich um Nachdenken über das Bewußtsein handelt - nicht um die Jagd nach möglichst genauen Techniken zum Aufspüren von neuronaler Aktivität.

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Fußnoten:

(1) H.Flohr: Hirnprozesse und phänomenales Bewußtsein. In: H.Hildebrandt & E.Scheerer (Hg.): Interdisziplinäre Perspektiven der Kognitionsforschung. Frankfurt a.M. 1993. (zurück)

(2) Wobei er nicht die Unterscheidung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen beachtet. Als eine (vollständige) Erklärung für Bewußtsein können nur hinreichende Bedingungen akzeptiert werden! Dieser Kritikpunkt ist gegenüber all den Versuchen zu erheben, die Bewußtsein durch die Untersuchung von Hirnleistungsstörungen analysieren wollen. So z.B. auch A.R.Damasio: Descartes Irrtum, München 1995. (zurück)

(3) Allerdings müßte man hier einwenden, daß die Vernetzung biochemisch organisiert ist, zunächst also noch materiell ist. Das bedeutet, daß materiell verbundene Materie Geist hervorrufen soll. Entscheidend - da nicht rein materiell- könnte hierbei nur noch der Bauplan der Verschaltung sein (vgl. auch die Ergebnisse von Roth). Diese Theorie wird in der Regel als Funktionalismus bezeichnet. Sie übernimmt von der Systemtheorie die Überzeugung, daß das Ganze mehr als die Summe der Teile ist. Damit soll der qualitative Sprung vom Materiellen ins Intelligible verständlich werden. (zurück)

(4) G.Roth, V.Prinz: Kopf-Arbeit. Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Heidelberg 1996. (zurück)

(5) Vgl. hierzu Th.Metzinger (Hg.): Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. Paderborn 1995, S.323-389. (zurück)

(6) Tötung aus einem Reflex und Raubmord sind zwei Handlungen mit gleichem Ergebnis, werden aber bezüglich der Verantwortung ganz unterschiedlich bewertet. (zurück)

(7) Selbstbewußtsein wäre dann dadurch charakterisiert, daß die Tätigkeit, die wir anfangs als Teilnahme an einem Verhalten bezeichneten, selbst zum Objekt wird, d. h. daß durch eine höhere kognitive Tätigkeit die Tätigkeit niederer Stufe (also die Betroffenheit) zum Gegenstand des Wissens, d.i. zum 'Ich' wird. Dies bedeutet, daß Selbstbewußtsein nur vorliegt, wenn konkret eine Ich-Vorstellung Inhalt des Denkens wird. Findet diese Tätigkeit nicht statt, so liegt auch kein Selbstbewußtsein vor. Das Thema Selbstbewußtsein soll im weiteren Gedankengang absichtlich ausgeblendet bleiben, um Verwechslungen des Untersuchungsgegenstandes zu vermeiden. (zurück)

(8) Die vorgenommene Einteilung weist deutliche Ähnlichkeiten mit der Theorie der Intentionalität des Bewußtseins von Husserl auf. Husserls Unterscheidung von Noesis und Noema ist auf unseren Fall anwendbar. Die Beschäftigung mit seiner Philosophie im Rahmen der Bewußtseinsforschung ist vielversprechend, kann hier aber nicht geleistet werden. (zurück)

(9) Will man unter Berücksichtigung des Wechselbeziehungscharakters des Bewußtseins an der verbreiteten Vorstellung festhalten, daß Bewußtsein ein Prozeß ist, so kommt man nicht umhin, den Anfang diese Prozesses als unbestimmt, als unerklärlich und folglich als spontan anzunehmen. Dies bedeutet aber Freiheit als Annahme einzuführen, um den Prozeßcharakter von Bewußtsein zu wahren. Die Alternative für Naturwissenschaftler, die Freiheit als Prinzip und Prämisse nicht akzeptieren können, besteht in der Verabschiedung vom Prozeßmodell, mithin auch von der Wunschvorstellung, Bewußtsein durch Bereitstellung und Arrangement der nötigen Ausgangsbedingungen künstlich zu erzeugen. (zurück)

(10) Die Projekte der Konstruktion eines künstlichen Bewußtseins erliegen einer fehlerhaften Ausgangsbestimmung. Sie wollen nicht Bewußtsein künstlich erzeugen, sondern eine Anordnung aufbauen, von der der Betrachter glauben muß, daß sie Bewußtsein hat. Das Bild, das zu beobachten ist, wenn jemand Bewußtsein hat, wird einfach nachgemalt. Es geht also darum, Bewußtsein zu simulieren, nicht darum, es künstlich zu erzeugen. Noch kürzer: Potemkinsche Dörfer werden erbaut. Dies zeigt sich im Bereich der künstlichen Intelligenz auch an der Tatsache, daß der Turing-Test als Indikator für Bewußtsein akzeptiert wird: Wenn eine Testperson Computer und bewußtseinsbegabten Menschen anhand ihrer Äußerungen nicht mehr auseinanderhalten kann, dann hat der Computer Bewußtsein. (zurück) 

 

Der Autor:
geb. 1972 
studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte an der Universität Bamberg, Z.Zt. Referendariat