Fremdenhass und Selbstliebe


von Roberto Simanowski
 


"Aber der König Salomo liebte viele ausländische Frauen (...) aus solchen Völkern, von denen der HERR den Kindern Israel gesagt hatte: Geht nicht zu ihnen und laßt sie nicht zu euch kommen; sie werden gewiß eure Herzen ihren Göttern zuneigen." (1. Könige 11) 

Aber Salomo liebte die ausländischen Frauen und neigte ihren Göttern sein Herz zu und baute Tempel den fremden Göttern, wie es der HERR vorausgesehen. Die Strafe: aus der Hand des Sohnes soll Salomos Haus das Königtum gerissen werden bis auf einen Stamm, den Stamm Juda. Aber am Ende der Königszeit steht schließlich die Babylonische Gefangenschaft, der Verlust der Heimat. 

Ist dies die alttestamentarische Antwort auf das Ausländerproblem: wer Fremdes aufnimmt, wird heimatlos? Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit auf der Straße wird in den Berichten und Analysen oft mit Bezug auf die sozialen Hintergründe gesehen. Diese Argumentation ist schlüssig, ich kann ihr folgen. Aber ich will ihren Gedankengang einmal verlassen und die Betrachtung auf Ebenen führen, auf denen die scheinbar unzweideutigen Positionen im moralischen Koordinatensystem ins Wanken geraten und selbst der Arzt sich als infiziert entpuppt. 

Bedeutet Fremdenhaß auch Selbstliebe, bedeutet Selbstliebe auch Fremdenhaß? Die Selbstliebe gebietet in ihrer herkömmlichen Art, zur Wahrung der eigenen Identität das Fremde, das Andere als das Bedrohliche abzuwehren (Identität im psychologischen Sinne verstanden als die als "Selbst" erlebte innere Einheit der Person). Das beginnt im Kindesalter, wenn der Mensch sich, vermittelt durch Elternhaus und Schule, ganz bestimmte Haltungen erwirbt, die ihm in der ihm noch viel zu großen Welt einen Halt geben sollen. Vielleicht ist es tatsächlich unumgänglich, daß ein Zaun gezogen wird, innerhalb dessen Identitätsfindung und Aufbau einer autonomen Persönlichkeit statthaben können. Auf jeden Fall ist es die Regel so: Standpunkt-"losigkeit" scheint das größere Übel zu sein - wer sich nicht festlegen und damit kalkulieren läßt, der verbreitet mehr Unbehagen als jeder anders Festgelegte. Es wird von jedem eine Fixierung, eine gewisse Stil-Treue erwartet, man nennt dies: Farbe bekennen - und man meint: eine Farbe bekennen. So stellt sich Identität für den Menschen zunächst durch Stabilität her. Eine solche Mentalität durchzieht dann gewöhnlich unser weiteres Denken und Handeln. Man täusche sich nicht: auch außerhalb und nach der DDR lebt man (versucht es zumindest) mit seinen kleinen Losungen, seiner festen Weltanschauung, seiner klaren Handlungsorientierung: wir brauchen das, anders haben wir es nicht gelernt, anders wären wir sprech- und handlungsunfähig. Das geht dem Leser der Frankfurter Rundschau ebenso wie dem der FAZ, das vereint den Redakteur der TAZ mit dem der Bild-Zeitung. Jedem seine Wahrheit, jedem seine Ignoranzgrenze. 

Daß die gefundene "Wahrheit" eines jeden eben auch nur seine Wahrheit ist, das diskutiert die Sprachphilosophie und Kognitionswissenschaft seit einigen Jahrzehnten. Die Begriffe des großen Textes Welt, so heißt es, haben keine Bedeutung an sich - diese wird erst geschaffen in der spezifischen Kommunikationssituation, in die wir treten und in der wir die Mehrdeutigkeit mittels unserer eigenen Denk- und Wahrnehmungsmuster auf so oder so ausgerichtete Eindeutigkeit zu reduzieren suchen. Bedeutung, Sinn stellt sich also immer subjektiv/kollektiv her, referiert auf den durch die eigene Biografie/Kultur gesetzten Rahmen. Aussagen bzw. Handlungen werden dann als Wahrheit bzw. als richtig empfunden, wenn sie den eigenen Denk- und Verhaltensmustern entsprechen. Dies vollzieht sich ebenso individuell wie gruppenspezifisch. Die Veränderung dieses kontextuellen Rahmens (Änderung der Lebensgewohnheiten durch eine veränderte Lebenssituation etwa) würde schließlich auch die subjektive Produktion von Bedeutung und Wahrheit verschieben. Der Dekonstruktivist Derrida spricht in dieser Hinsicht von einem Gleiten des Sinns. Die Begriffe, auf die dieses Gleiten hinzielt, sind: Destabilität, Nichtidentität. 

Genaugenommen würde diese Destabilisierung konsequent der Mobilität unserer Zeit entsprechen, in der die Geschwindigkeit zum Paradigma, das Auto und der Computer zu dessen Symbolen geworden sind. Letztendlich verlangt gerade diese wohl irreversible Mobilität, deren Ergebnis eben auch die Berührung mit fremden Kulturen ist (als Reisender, als Einwohner eines Ayslanten-/Asylbewerberlandes), auf der anderen Seite die mentale Mobilität - jeder Autofahrer weiß, daß man bei 100 km/h nicht mehr in den 1. Gang schalten sollte. Doch mit der mentalen Mobilität ist es eben nicht weit her - auf den Reisen tritt man aus den Hotelzimmern nur soweit an das Fremde heran, als es nicht das Eigene verschiebt; bei den Wiedervereinigungen eleminiert der Hausherr das, was ihm an andern fremd ist (Radiosender etwa oder Kulturinstitutionen); im Alltag achtet man peinlich darauf, daß das eigene "Fremde" (das einem fremd gemacht wird erst durch die allgemein verbindlichen Normen) nicht die Stabilität der eigenen Persönlichkeit verschiebt. Ein Beispiel dafür ist, daß man in einer besimmten Situation durchaus die in ihr geforderten Verhaltensweisen einhält: oder haben Sie schon einmal im Wartezimmer Ihres Arztes begonnen, Gedichte zu rezitieren? Jeder hat wohl seine eigenen Beispiele, wo er dieses Untergründige, das eigentlich aus ihm selbst kommt, als etwas Fremdes, Bedrohliches empfindet, weil es ihn zu einem unerprobtem Verhalten versucht, weil es ihm die Sicherheit raubt. Daß er dieses "Fremde", statt es als sein eigenes anzunehmen und zuzulassen, verdrängt, ist sein kleiner, alltäglicher "Rassismus". 

Vielleicht finden Sie eine solche Aussage lächerlich, weil das unterdrückte Gedicht im Warteraum noch keinen Brandsatz gegen ein Ayslanten-/Asylbewerberheim darstellt. Dann werden Sie auch den Kopf schütteln, wenn ich in einem die Widersprüche ausschließenden bzw. durch Manipulation integrierenden Denken (etwa eine Verteidigung der Asylanten/Asylbewerber gegen die Intoleranz der Einheimischen, ohne auf die mangelnde Solidarität und Toleranz unter den Asylanten/Asylbewerber selbst einzugehen), wenn ich in diesem Denken das gleiche Bestreben wirksam sehe, wie in der Verfolgung der Asylanten/Aslybewerber durch Rechtsradikale: das Bedürfnis nach Ordnung und Sicherheit vor dem Fremden (als fremder, unliebsamer Gedanke, als fremde, unliebsame Kultur). Die verschiedenen Anwälte der Reinheit unterscheiden sich vielleicht nur in ihrem Tätigkeitsfeld und ihren Mitteln: der Diskurs - die nationale Kultur, die intellektuelle - die rohe Gewalt. 

So abwegig dieser Vergleich auf der politischen Ebene auch erscheinen mag, ich habe oft, in Gesprächen etwa, genau dieses Gefühl, daß es in erster Linie nur darum geht, den eigenen Standpunkt stringent und angriffsicher darzustellen bzw. aufzubauen. Die Fähigkeit, auf fremde, widersprechende Ansichten einzughen, erweist sich dabei oft als äußerst gering - zu stark sieht man darin die Gefahr des Identitätsverlustes, des "Schwammig"-Werdens im Sowohl-als-Auch. Widersprechende Informationen oder Überlegungen werden so bewußt oder unbewußt ausgegrenzt, abgeschoben. 

"Unsere Nachkommen", heißt es im 1991er Bericht des Club of Rome, "werden vermutlich Massenwanderungen ungekannten Ausmaßes erleben". Die v.a. wirtschaftlichen Gründe dafür sind bekannt. Die Regierung, die immer gern der Mentalität ihrer Wähler entgegenkommt, wird auf die Dauer jedoch nicht mit einer Abgrenzungspolitik reagieren können. Und mit einer rechtzeitigen Neuordnung der Weltwirtschaft, gar mit einer interkontinentalen Neuverteilung der Industrie und damit des Konsumtionsvermögens, ist kaum zu rechnen. Wir müssen davon ausgehen, daß die Zunahme der Fremden im Land zwangsläufig zu einer Destabilisierung der nationalen kulturellen Identität führen wird. Diesem Phänomen aber wird man auch mit einer Identität, die das Fremde von der Position eines stabilen In-sich-Ruhens großzügig toleriert, nicht mehr begegnen können. Die alte Formel "Selbstliebe ist Voraussetzung der Achtung des Fremden" wird in ihrem herkömmlichen Verständnis nicht mehr anwendbar sein. Sobald den fremden Bürgern das aktive und v.a. passive Wahlrecht eingeräumt ist, wird sich das Fremde über Gesetzesvorlagen und politische Entscheidungen artikulieren als Infragestellung der Mentalität, die unserer Selbstliebe zugrunde liegt. Die Konfrontation mit dem Fremden wird so eine ganz neue Qualität erreichen. Sie wird hautnah sein, sie wird unter die Haut gehen. Julia Kristeva betont in diesem Zusammenhang in ihrem Buch "Fremde sind wir uns selbst", daß es notwendig sein wird, die eigene Destabilisierung zu erlernen. Denn indem wir das "Fremde" ins uns selbst annehmen können, werden wir vielleicht auch die Fremden annehmen können. Die pejorative Bedeutung der Kategorie Abweichung muß zuallererst in unserem Verhalten uns selbst gegenüber hinterfragt werden. Es muß sich eine Selbstliebe entwickeln, die noch keineswegs zu den pädagogischen Allgemeinplätzen gehört und die mit Wolf Biermanns Losung umrissen sein möge: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu." Es geht darum, die mentale Mobilität als neue Form der Identitätsfindung zu denken. Auf den Begriff Heimat angewandt: die Heimt wird der Weg sein, das Unterwegssein. Die Heimat wird wie die Identität einer ständigen Verschiebung, einer Pluralisierung unterliegen. Im Grunde ein frühromantischer Gedanke - Novalis schrieb 1799 in bezug auf den Weltbürger: "Der vollendete Mensch muß zugleich an mehreren Orten und in mehreren Menschen leben." 

Aber wie wäre diese "psychodynamische Umstellung" (Wolfgang Welsch) zum Polytheismus zu vollziehen! Durch eine entsprechende Erziehung von klein auf? Der Widerspruch, den ich sehe, soll nicht verschwiegen werden, ich will mit ihm mein gedankliches Konstrukt wieder in Unordnung bringen. Da zur Conditio humana heute offenbar die Identitätsfindung in der Abgrenzung, die Identität der Stabilität gehört, müßte eine "Pädagogik der Mobilität" massiv gegen eine allgemeine Verhaltensform vorgehen. Das liefe auf eine staatlich organisierte Indoktrination im Dienste einer als richtig und notwendig erkannten Sache hinaus. Eben dies habe ich bis 1989 erlebt, ich kann es nicht wiederwünschen. Es wäre zudem in diesem Falle logisch nicht machbar, da gerade die Erziehung zur Destabilität die Destabilisierung ihrer selbst akzeptieren müßte und somit gar nicht erst eingesetzt werden dürfte, denn der zu erwartende Widerspruch wäre die erste Probe auf ihre Ehrlichkeit. 

Aber wie dann? Doch die Mauern um Europa? Ich könnte mich in den Optimismus retten und sagen: es wird sich allmählich von selbst eine neue Mentalität entwickeln. Aber ich bin skeptisch - solang nicht in den Artikeln der Widerspruch stehenbleibt, solang in den Wartezimmern brav geschwiegen wird. 

Roberto Simanowski, Jena