An der Endstation  

Houellebecq und Balzac. Überlegungen zum Ende der Solidarität 

 

 von Georg Holzer
 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2000) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/historie/zufall.htm

I

Alles fließt, und alles kehrt wieder. Eine der tröstlichsten und gleichzeitig eitelsten Aufgabe der Geschichtsschreibung ist es, uns daran zu gemahnen, dass nicht nur alles, was wir erleben, in einer ähnlichen Form schon einmal vorgekommen ist, sondern dass es oft schon viel schlimmer stand mit der Menschheit. Ein solcher aus der Rückschau geborener Optimismus soll den Betrachter von der Überzeugung befreien, seine Zeit trage tatsächlich alle Anzeichen einer Endzeit an sich, die Menschheit sei mit seiner Generation, wie es Woody Allen zu seinem Film "Celebrity" formulierte, an der Endstation angekommen. Durch Verweise auf die Vergangenheit wird sich solcher Pessimismus kaum beeindrucken lassen: Freilich gab es Zeiten, die gewalttätiger, unsicherer, lebensfeindlicher waren. Aber nie, so stellt der Pessimist des einsetzenden 21. Jahrhunderts fest, waren die Menschen so vereinzelt, so isoliert von Gemeinschaft stiftenden Werten, so verloren in einem Leben, dessen Sinn sie nicht mehr begreifen. Gewalt und Unsicherheit sind immerhin noch ein Motor für Solidarität. Die Sicherheit des westlichen Individualismus jedoch ist die letzte Stufe vor der Selbstabschaffung der Menschheit.

II

Der Franzose Michel Houellebecq hat 1998 ein erstaunliches Buch veröffentlicht, die "Elementarteilchen". Erstaunlich nicht unbedingt ob seiner literarischen Qualität, über die man natürlich streiten kann, sondern wegen der Tatsache, dass an diesem Roman niemand vorbei kam. Man musste ihn lesen, wenn man die gesellschaftliche Debatte über Sinn und Unsinn von Werten verfolgte; und man musste, hatte man ihn gelesen, Stellung zu ihm nehmen. Die "Elementarteilchen" sind, in bester französischer Tradition, ein roman à thèses, ein Thesenroman, ein fast (gegen)aufklärerischer Conte philosophique. Drei wichtige Thesen entwickelt Houellebecq anhand des Schicksals seiner Helden. Erstens: An der Vereinzelung des Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts ist die Generation der Achtundsechziger schuld, die durch die Apotheose der Individualität die zwischenmenschliche Solidarität aufgekündigt haben. Zweitens: Durch die Unmöglichkeit, seinen leidvollen Erfahrungen in einer überindividuellen Ordnung einen Sinn zu geben, steigert sich das menschliche Leid zur Unerträglichkeit. Die einzige Lösung ist die Selbstabschaffung der Menschheit und ihre Ersetzung durch eine Rasse von Klonen, deren genetische Disposition erlaubt, ein Leben in Würde zu führen. Drittens: Augenfälligste Ursache der Entsolidarisierung ist die Zerstörung der Familie, dem letzten Ort der Zuflucht, der dem Menschen verblieben war. Die ersten beiden Thesen waren es, die die öffentliche Diskussion anheizten. Kein Wunder, denn die Achtundsechziger sitzen nach ihrem Marsch durch die Institutionen allenthalben an den Hebeln; so radikale - und vor allem radikal einseitige - Kritik, wie Houellebecq sie übte, konnten sie schwerlich auf sich sitzen lassen. Wenig verwunderlich der Aufschrei auch im Fall der zweiten These: Die Verbesserung der menschlichen Art über das Erbgut ist inzwischen so nahe gerückt, dass die Vision so visionär nicht mehr ist und wir uns über ihre Folgen Gedanken machen müssen. Dennoch sind diese beiden Thesen in ihrer Bedeutung überschätzt worden. Houellebecq ist selbst ein Opfer der Auswüchse der Bewegungen in den sechziger Jahren; sein Hass gegen die Achtundsechziger ist auch ein autobiografischer Befreiungsschlag, sehr ernst zu nehmen, aber nicht der Kern des Problems. Die Idee einer gentechnisch verbesserten Menschheit ist eine Fiktion, die nur die Aufgabe hat, das vorangegangene Geschehen in seiner existenziellen Bedrohlichkeit zu unterstreichen. Die wirkliche Sprengkraft des Buches liegt in der dritten These, der Elegie auf den Untergang der Familie.

III

"Wie das schöne Wort «ménage» anzeigt, stellten das Paar und die Familie die letzte Insel eines primitiven Kommunismus innerhalb der liberalen Gesellschaft dar. Die sexuelle Befreiung hatte die Zerstörung dieser vermittelnden Gemeinschaften zur Folge, die letzten, die das Individuum noch vom Markt trennten." Thema von Houellebecqs Roman ist die umfassende Quantifizierung von Gefühlen auf dem Markt der sexuellen Attraktion. Den Achtundsechzigern galt die Familie als Keimzelle des Faschismus, für Houellebecq ist sie der letzte Ort, an dem sich gelebte Solidarität auffinden lässt. Ihr Zerfall bedeutet die Reduktion des Menschen auf seinen materiellen Wert. Houellebecq ist in die Nähe des Kommunitarismus gerückt worden. Das ist problematisch nur insofern, als es sich dabei um eine in den letzten Jahren sehr elaborierte Richtung der Soziologie handelt, die mit den groben Thesen des Romanciers vermutlich nicht ganz glücklich wäre. Die Tendenz ist jedoch richtig: Die Kommunitaristen fragen, wie sich eine zu segmentierte Gesellschaft wieder "resolidarisieren" könnte; Houellebecq beschreibt, wie die Entsolidarisierung vor sich gegangen ist, ohne eine Lösung anzubieten. Seine Romanfiguren sind in einem Maß emotional gestört, das es ihnen unmöglich macht, positive und Kraft spendende Bindungen einzugehen. Sie enden als einsame Workaholics oder als Geisteskranke.

IV

Honoré de Balzac hat mit Michel Houellebecq einiges gemein. Er schreibt freilich keine romans à thèses, sondern will mit seinen über neunzig Romanen und Erzählungen ein getreues Bild der Gesellschaft seiner Zeit schaffen. Eine These steht jedoch immer im Hintergrund: Der Zerfall der französischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat zwei wesentliche Ursachen, den Verfall der Monarchie und den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche. Da Balzac aber keine Monarchen oder hohe geistliche Würdenträger auftreten lässt, können seine Leser die großen Werteumwälzungen der Zeit am erzählerischen Mikrokosmos studieren. Balzac beschreibt das Erkalten der zwischenmenschlichen Affektivität und insbesondere den Niedergang der Familie. Sein Roman La Cousine Bette (dt. "Tante Lisbeth"), geschrieben im Jahr 1846, ist, entkleidet man ihm all des Humors, hinter dem Balzac die Grausamkeiten versteckt, die schmerzliche Geschichte vom Untergang der Familie Hulot, in der die Bösen für ihre Unmoral belohnt werden und die Guten für ihre festen Prinzipien sterben müssen. Die Leidenschaften der Beteiligten - bei den Männern ist es die nach Sex, bei den Frauen nach Einfluss und Geld - sind positiv sanktioniert durch die "Enrichissez-vous!"-Herrschaft des Bürgerkönigs Louis Philippe. Alles ist erlaubt, solange man es bezahlen kann. Der Baron Hulot ruiniert seine Familie, indem er all das Geld, das er hat und das er nicht hat, zu seiner Maîtresse trägt. Balzac beschreibt eine Welt ohne Rücksichtnahme und ohne Regeln, den Menschen schutzlos auf dem Markt. Darin ist er sehr nahe bei Houellebecq. Doch bei Balzac gibt es, anders als bei Houellebecq, eine wirkliche positive Vision. Nicht etwa die Liebe, die unter solchen gesellschaftlichen Umständen nur in den persönlichen Untergang führen kann. Es ist der Egoismus der Familie, der sich gegen den Libertinismus zur Wehr setzt. Sohn Victorin beauftragt am Schluss des Buches Giftmischer, um der Geliebten des Vaters den Garaus zu machen und ihn der Familie zurück zu geben. Der Erzähler billigt das raue Vorgehen des ansonsten sanftmütigen Stammhalters: Die Familie, der letzte Schutzraum des Einzelnen, muss um jeden Preis erhalten bleiben und darf sich gegen Angriffe von außen auch mit radikalen Mitteln wehren. Dabei spielt es keine Rolle, dass das wieder gewonnene Familienglück möglicherweise nur eine Fassade ist. Es ist wohlfeil, in den ferventesten Vertretern der "Family values" charakterliche Schurken zu entdecken. George Bush jr. war Trinker, Helmut Kohl betrügt den Staat, Roland Koch ist ein Lügner, Kardinal Groer nimmt Phimosenkontrollen vor. Doch darum geht es nicht: Dass nicht jede Familie eine glückliche sein kann, liegt in der Fehlbarkeit des Menschen begründet. Das Konstrukt Familie jedoch muss gewahrt bleiben, meint Balzac; als potenzieller Ort der Solidarität und als Möglichkeit, einer parzellierten Welt eine Struktur zu geben.

V

Auf dem Weg zur Endstation sind Balzacs Figuren mindestens so weit voran gekommen wie die Houellebecqs. Und wir sind immer noch da, könnte man einwenden, mit unseren ganz unvollkommenen Genen, auf dem Weg in ein weiteres Jahrhundert der Katastrophen. Das wäre ein leichtfertiger Schluss, ebenso leichtfertig, wie Houellebecqs Düsternis als Realität zu nehmen und in ihr nicht das Übertriebene und Propagandistische zu sehen. Worauf uns Houellebecq, hundertfünfzig Jahre nach Balzac, aber hingewiesen hat, ist die Bedeutung der sozialen Kleinstform Familie. In einer Zeit, in der sie als Lebensform ernsthaftere Konkurrenz bekommen hat als je zuvor, sollten wir sie kritisch und wachsam im Auge behalten.

VI

Kehrt wirklich alles wieder? Oder ist es, dieses Mal, tatsächlich ernst? Historischer Relativismus hilft freilich nicht weiter, wenn es darum geht, die historisch immer einmaligen Wendepunkte einer Gesellschaft zu bestimmen. Trotzdem ist der Blick zurück nicht ohne Wert. Balzac beschreibt eine Gesellschaft, die der unsrigen zum Verwechseln ähnlich sieht, wenn man sie ein paar historisch abhängiger Variablen entkleidet. Und ebenso wenig wie wir heute weiß Balzac eine befriedigende Lösung: Eine mechanische Solidarität, die sich an sozialen Gerüsten wie der Familie orientiert, ist immer noch besser als gar keine - das scheint seine resignative Botschaft zu sein. Nicht sehr ermutigend, aber immerhin bedenkenswert.