Symbol. Erfahrung. Bild.

 

Zu Konstitution und Funktion von Räumlichkeit in der Kultur

 

La dimension spatiale - Fonction du symbole, de l‘expérience et de l‘image dans la constitution culturelle de l‘espace

 

Tagungsbericht von Jens Emil Sennewald 

 
  


 

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(c) Sic et Non - Forum for Philosophy and Culture (2003) - http://www.cogito.de/sicetnon/artikel/zeichen/sennewald.htm

      TAGUNGSBERICHT zum Ersten deutsch-französischen Forschungs-Atelier / Premier Atelier de recherche franco-allemand  Université Marc Bloch, Strasbourg, 22. - 24.11.2002 soutenu par l‘université franco-allemande, Saarbrücken et l'office allemand d'échanges universitaires (DAAD)


Mit der Zielsetzung, die Frage nach der Funktion und der Konstruktion von „Räumlichkeit“ in der Kultur zu stellen, sind vom 22. bis 24. November 2002 achtzehn Forscherinnen und Forscher verschiedener Disziplinen der Humanwissenschaften an der Universität Marc Bloch in Straßburg zusammengekommen. In diesem „Ersten deutsch-französischen Forschungs-Atelier“, das im Rahmen eines neu aufgelegten Nachwuchs-Förderprogramms der deutsch-französischen Hochschule (DFH/ UFA, Sitz in Saarbrücken) stattfand, ging es darum, die Kategorie „Raum“ aus einer originären Perspektive zu erforschen, ohne der allgemeinen kulturwissenschaftlichen Diskussion des Begriffs eine weitere hinzuzufügen.
                          Ziel dieser Arbeitstagung war, den Erscheinungs-, Darstellungs- und Perzeptionsweisen von Raum nachzugehen und sich dabei von einem heuristisch gesetzten, dynamisierten Raum-Begriff leiten zu lassen. Es ging also um den Prozess zum Raum mehr, als die Bewegung im Raum und es sollte herausgearbeitet werden, wie symbolische und imaginäre Repräsentationen diesen Prozess bahnen. Thema waren auch Vorstellungen und Praktiken von Raum als Prozess. So wurde das Thema zum einen von modischen Cyberspace-Affirmationen abgegrenzt, zum anderen auch von konservativen Setzungen des Raums als fixierter und fixierender Ordnungskonstante, die lange Zeit die Raumdiskussion besetzt haben.
                          Die Beitragenden hatten sich nicht geringen Übersetzungsproblemen zu stellen: zum einen dem der Zweisprachigkeit des Ateliers, desweiteren den unterschiedlichen institutionellen Prägungen sowie der Verschiedenartigkeit der jeweiligen Raum-Diskurse. Zum anderen dem Transfer-Problem zwischen Kunst und Wissenschaft und, als Binnenproblematik, zwischen den einzelnen Künsten und deren Echo in den philosophischen Diskursen zum Raum. Das Problem, das dieses deutsch-französische Atelier bewegte, wurde also durch es selbst geradezu in statu realisiert. Dass diese Überschneidung von Problem und Problematisierenden durchaus kein Handicap, sondern im Gegenteil ein höchst effektiver Motor zur Erkenntnis sein kann, belegen die Ergebnisse der Forschungsgespräche.
                          Das Problem der Übersetzung, das der Fragestellung des Ateliers inhärent ist, muss sie doch zuerst nach dem Verhältnis von Prozess und Dimension fragen, wurde bereits durch den Titel angedeutet und in dessen Übersetzung selbst problematisiert: Während „Symbol.Erfahrung.Bild.“ in der Sukzession der Begriffe die gemeinhin angenommene Bewegung vom Imaginären zum Symbolischen umkehrt und damit die Frage nach Erfahrung und Erfahrbarkeit von Raum in den Prozess signifizierender Bewusstwerdung stellt, legt „la dimension spatiale“ deutlich das Gewicht auf die Dimensionalität von Raum, nicht ohne deren kategorialen Charakter durch den generativen Begriff „spatiale“  (statt: de l’espace) selbst zur Disposition zu stellen.
                          Ausgangspunkt in beiden Sprachen war die Präferenz des kulturellen Blickwinkels. Die Diskussionen in Physik, Mathematik, Verhaltens- und Neurobiologie und anderen Disziplinen der Naturwissenschaften wurden – zumindest für dieses „erste“ Atelier – ausgeklammert. Der „Kultur“-Begriff wurde seinerseits eng gefasst. Man verzichtete ebenso auf die Einbeziehung der Rechts- und Sozialwissenschaften (und damit auf eine Diskussion geopolitischer, sozialer und juristischer Raum-Probleme), wie der Geschichtswissenschaften. Diese gewollt scharf konturierte epoché war zum einen wegen der unüberschaubaren Größe des Forschungsgebietes unabdingbar. Zum anderen fokussierte sie die Frage nach der Stellung von Erfahrung zwischen Symbol und Bild auf jene kulturellen Zusammenhänge, die im europäischen Kontext die Vorstellung und die Darstellung des Raumes geprägt haben: Philosophie und Künste. Hier wiederum hatten die Veranstalter des Forschungsateliers, der Komparatist Dr. des. Franck Hofmann (Lille, Berlin), der Byzantinist Dr. Stavros Lazaris (Straßburg) und der Literaturwissenschaftler Dr. des. Jens E. Sennewald (Paris), den Fokus auf die philosophischen Theoriezusammenhänge der Phänomenologie (mit der Psychoanalyse) und Symbolphilosophie (mit Ernst Cassirer als prominentem Vertreter) gelegt und exemplarisch für die Künste Literatur, Architektur und Architekturfotografie hinzugezogen.
                          Diese Kombination führte – bei allen Vorbehalten, die man hinsichtlich einer möglichen Allgemeingültigkeit der zutage geförderten Ergebnisse haben kann – zu höchst produktiven Verknüpfungen und zu Einsichten für Kunst wie für Wissenschaft, die eine Fortsetzung des Forschungs-Ateliers ebenso mit Spannung erwarten lassen, wie die geplante Publikation. Der gegenläufigen Lektürerichtung des Ateliers folgend und von der Spitze der Erwartung des Kommenden ausgehend werden im Folgenden in aller gebotenen Skizzenhaftigkeit die einzelnen Beiträge und ihre Ergebnisse kurz in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge dargestellt.
                          Im letzten Beitrag des Ateliers konnte die Literaturwissenschaftlerin Andrea Lassalle (Berlin, Maastricht) durch ihre “Raum-Lektüren” zeigen, wie die Text-Bewegung und die Übersetzungs-Bewegungen zwischen Textsorten und Inszenierungen von Texten eine Raum-Erfahrung konstituieren, die dem Text nicht vorgängig, sondern Ergebnis von dessen Bewegungen ist. Eher dem statischen Moment der Raum-Erfahrung war der Beitrag der Literaturwissenschaftlerin und Ethnologin Liselotte Hermes da Fonseca (Hamburg) gewidmet. Sie näherte sich durch eine intertextuelle Lektüre von Melvilles “Bartleby” und dem Buch “Do Kamo” des Ethnologen Maurice Leenhardt den Fremdheits- und Befremdungs-Erfahrungen im symbolischen Feld.
                          Im letzten Panel des Ateliers wurden unter dem gleichlautenden Titel „Erfahrungsräume“ und „Raumerfahrung“ im symbolischen Prozess der Texte erkundet und mit ihren Lektüren selbst ein Lese-Raum aufgespannt. Im Abschnitt „Bildräume – Raumbilder“ war zuvor die Rolle des Bildes und der Architektur für die Repräsentation des Raums mit dem Beitrag der Kunsthistorikerin Simone Förster (Berlin) näher beleuchtet worden. Zunächst stellte sie in einem kurzen historischen Abriss die enge Verbindung von Architektur mit dem Bild, das man sich von ihr macht, dar. Während man im 18. Jahrhundert durch Korkmodelle die Bauwerke eines idealisierten antiken Italien den Imaginationen und Wunschvorstellungen künftiger Italienreisender zugänglich machte, wurden mit Kupferstich und später der Fotografie die dreidimensionalen Modelle in einen Bildraum gestellt. Räumliche Vorstellung wurde zum Akt der Bildbetrachtung und somit zunehmend auch gegenüber einer vermeintlich abgebildeten Architektur-Realität autonom, wie Förster am Beispiel zeitgenössischer künstlerischer Arbeiten darstellen konnte, die Architekturen und Innenräume nachstellen und inszenieren. So wurde deutlich, dass Räumlichkeit immer Ergebnis von einem Prozess zwischen symbolischer Repräsentation – wiedererkennbaren Formen wie z.B. dem Dogenpalast in Venedig – und dem Raum der Imagination, seinen Zufällen und individuellen Verformungen ist.
                          Sehr anschaulich wurde diese Kreuzung von Imagination und Symbolischen an den architektonischen Entwürfen Theo van Doesburgs. Straßburg verfügt über ein beeindruckendes Beispiel von Doesburgs Architektur und deren Spiel mit den Interferenzen zwischen Raumerfahrung, bildlicher Repräsentation und symbolischen Formen: das Ciné-Bal von Hans Arp, Theo van Doesburg und Sophie Taeuber-Arp in der Aubette. Der mit der Restaurierung der 1928 eröffneten und durch unterschiedlichste Nutzungen und Renovierungen inzwischen fast unkenntlich gewordenen “sixtinischen Kapelle der modernen Kunst” beauftragte Architekt Patrique Vagner (Département des constructions culturelles et historiques, CUS)  konnte eindrücklich darlegen, wie die Freilegungen und Rekonstruktionen ehemaliger Farb-Flächen und architektonischer Details auch als Prozess der Wiederaneignung von Raum verstanden werden muss. Der Beitrag des Kunsthistorikers Matthias Noell (Berlin, Zürich) vervollständigte diesen Eindruck, indem er zeigte, auf welche Weise Doesburgs Konzepte einer “kinetischen Architektur” Bewegung und Raum verknüpfen. Mit Erfindung der Axonometrie wurde schon im Entwurf das Haus durch Farb- und Formgebung “dynamisiert” und, wie Noell anhand von Doesburgs Atelierhaus in Paris verdeutlichte, sollte selbst in Bewegung gesetzt werden, indem es beweglich gelagert wurde.
                          Diese Position wurde auch im Zusammenhang mit den Architektur-Phantasien der zwanziger Jahre, namentlich von Bruno Taut und Scheerbarth und Behne diskutiert. Im Kontext der Entwürfe von Glas- und Kristall-Architekturen löste sich der Architektur Begriff zum Prozessualen hin auf. Hatte die “gläserne Kette” vor allem im Entwerfen imaginärer Architekturen durch Briefwechsel bereits Bauen in einen dynamischen Prozess von Entwurf, Schrift und der Bewegung von Korrespondenz im Raum gestellt, vertiefte Adolf Behne, wie die Kunsthistorikerin Maria Stavrinaki (Paris) zeigen konnte, diese Verbindung von Text und Bau in seiner Vision einer architektonischen Verwirklichung von künstlerischem Wollen und gesellschaftlichem Bedarf. Stavrinaki zeichnete Behnes Versuch, von dem visuellen Imperativ der geometralen Perspektive zu einer “erfahrenen Architektur” zu gelangen als unsicheren, letztlich an den eigenen, vom Expressionismus beeinflussten Intentionen gescheiterten  Weg.
                          Damit wurde eine weitere Bedeutungsdimension des Leitbegriffs dieses Panels, “Bildräume-Raumbilder” sichtbar. “Bildräume” sind nicht nur als Inszenierung bildender Künstler und Architekten zu verstehen, sondern auch als Räume der Imagination, in die die Entwerfenden einladen, die Rezipierenden eintreten können. Ein Raum der Imagination, der niemals unstrukturiert, sondern vielmehr immer bereits “eingerichtet” ist durch symbolische, wiedererkennbare Ordnungen. Im Abschnitt „Symbolräume – Raumsymbole“ hatte bereits der Literaturwissenschaftler Jens E. Sennewald (Paris) darauf hingewiesen. Er diskutierte die symbolische “Einrichtung” des Raumes anhand einer Re-Lektüre von Lacans Bild-Lektüre von Holbeins “Gesandten”. Sennewald konnte zeigen, dass Lacans Lektüre selbst die “Einrichtung” inszeniert, die sie anhand des Bildes zu belegen vorgibt. Ausgehend von Lacans Entwurf eines symbolischen Bild-Raumes entwarf Sennewalds Bild-Lektüre einen Raum-Begriff, der nicht mit einer symbolischen Struktur fixiert wird, sondern im dynamischen Prozess der Lektüre entsteht und mit dem unsicheren Gang des Betrachters im vom Bild “eingerichteten” Raum erst darstellbar wird. In der Peregrinatio, der gläubigen Wanderschaft zwischen symbolischer Ordnung und einer sich mit jedem Schritt erst erschließenden Räumlichkeit versuchte Sennewald die tastende Erfahrung gegenüber einer a priori durch symbolische Ordnungen gebahnten Wahrnehmung von Raum stark zu machen.
                          Psychoanalytische Positionen spielten in den verschiedenen Beiträgen zur Tagung immer wieder ein Rolle, nicht zuletzt auch durch ihre Verbindung mit der Phänomenologie, die sich in der Prägung durch Merleau-Ponty besonders durch die Kritik an einem geometralen, starren und totalitären Raum-Modell auszeichnet. Der Linguist und Literaturwissenschaftler Daniel Oskui (Paris) skizzierte die phänomenologische Raum-Problematik und betonte deren Bindung an den Dynamismus. Bewegung und Wahrnehmung. Bewegung als Wahrnehmung und die daraus entstehende Erfahrung als produktives Moment der Unsicherheit war auch hier leitendes Motiv. Der Prozess zwischen Symbol und Bild, so ließe sich dieser Aspekt des Ateliers zusammenfassen, ist ein unsicherer Gang der Erfahrung, der gerade in seinen Unabsehbarkeiten und der Brüchigkeit seiner Bahnungen produktiv wird. “Raum” tut sich immer an den Bruchstellen, an den Lücken zwischen Ordnung und Phantasie auf. Die Komparatistin Caroline Torra-Mattenklott (Zürich) konturierte diese produktive Seite eines unsicheren, phänomenologischen Gangs am Beispiel der “Text-Landschaften” der sogenannten “Genfer Schule”. Schreiben, literarische und vor allem literaturwissenschaftliche Produktion als Essayistik, die sich nicht in der Konstruktion abschließender Resultat-Sammlungen erschöpft, sondern sich in der fortlaufenden Unsicherheit ihrer Entwürfe selbst vorantreibt: so können in aller Kürze die Arbeiten Bachelards, Poulets und des im deutschen
Raum wenig bekannten Richard beschrieben werden. Ihre phänomenologische Literaturwissenschaft versuchte nicht nur die Räume freizulegen, in denen sich der Text bewegt, sondern vollzog diese Räume, sei es als Landschaften, sei es als Architekturen oder Intérieurs, mit der kritischen Arbeit selbst. Raum, literarischer Raum, wurde damit als Erfahrungs-Raum erkennbar, als Ergebnis einer Verknüpfung von Konstruktion und Rekonstruktion.
                          Mit diesem Ergebnis aus der Perspektive der Literatur wurde angeknüpft an die kunsthistorischen und kulturgeschichtlichen Perspektiven, die die Historikerin Marie-Anne Lescourret (Straßburg) im vorangehenden Abschnitt „Bildräume – Raumbilder“ auf den religiösen Raum des Mittelalters, der Kunsthistoriker Alfred Koering (Straßburg) auf den bildnerischen Raum der Renaissance und der Byzantinist Stavros Lazaris mit der Kunsthistorikerin Alexandra Durr (beide Straßburg) auf die Mediengeschichte des Buches gerichtet hatten. Besonders Alfred Koering bereitete mit seiner Beschreibung der “falschen” Perspektiven in den vordergründig streng der geometralen Zentralperspektive verpflichteten Bildern der Renaissance eine Diskussion der Repräsentationen von Räumlichkeit und des Einflusses der verwendeten Medien auf die Raum-Erfahrung vor. Raum entsteht, so ein Ergebnis der Diskussion, in einem Erfahrungsprozess und ist untrennbar mit den ihn entwerfenden Medien verbunden. Die Oberflächen und Linienführungen der Renaissance-Bilder, die Entwicklung von der fortlaufenden Schriftrolle zu den Intervallen und zu überbrückenden Zäsuren des gebundenen Buches und die Entwürfe eines die Welt umspannenden religiösen Raumes als Ergebnis religiöser Praxis (Pilgerschaft, Gesänge, illuminierte Handschriften) bestehen in jeweils medienspezifischen Performances, aus denen sich erst ein Raum-Begriff ableiten lässt. „Wanderschaft“ ist in diesem Sinne immer doppelt belegt und bedeutet sowohl Bewegung des Körpers im Raum wie auch durch Raum, wie beispielsweise durch Lektüre, bewegter Körper.
                          Dieses Ergebnis wurde auch in Anknüpfung an die Darstellung der situationistischen Raum-Entwürfe möglich. Der Literaturwissenschaftler Hanno Ehrlicher (Heidelberg) hatte am Beispiel des “Dérive”, des “Driftens” im großstädtischen Raum, das von dem Situationisten Guy-Ernest Debord inszeniert wurde, den Anteil künstlerischer Praxis am Entwurf und der Verwirklichung eines dynamischen Raum-Begriffs dargestellt. Die Arbeit am ästhetischen Raum-Begriff und am städtischen Raum als Lebens-Umgebung ist immer auch als politische Aktion, als u-topische Arbeit realisiert worden.
                          Die Betonung der gesellschaftlichen Dimension der Raum-Diskussion nahm Anregungen auf, die sich in der Diskussion der beiden philosophischen und das Atelier eröffnenden Beiträge ergeben hatten, die ebenfalls „Symbolräume“ und „Raumsymbolen“ nachgegangen sind. Der Philosoph Ludger Schwarte (Berlin) hatte zunächst auf das Verhältnis von Bild und Zeichen hingeweisen, um von dort aus mit Foucaults Begriff der “Heterotopie” einen Bild-Raum zu entwerfen, der sich von den Festlegungen symbolischer Ordnungen und der Anforderung an Sinn-Produktion ebenso freizuhalten vermag, wie von einer Repräsentations-Auffassung, die immer Bild-Raum und Betrachter-Standort zugleich trennt und in derselben signifikanten Verkettung aneinander bindet. Schwarte zeichnete den Entwurf eines beweglichen Bild-Raumes, der als Schichtung von gesellschaftlichen Kodifizierungen und von Interaktionen begriffen werden muss. Also weder einer perspektivischen oder geometralen Ordnung allein eingeschrieben ist, noch Ergebnis einer solchen dem Bild vorgängigen und es einrichtende Ordnung ist. Bild-Raum ist in diesem Sinne eine permanent sich verformende, neu gestaltende Zone aus Projektionen und Reflexionen, das Bild nicht Ergebnis, sondern Manifestation eines Prozesses der Bildwerdung.
                          In seinem einleitenden Vortrag stellte der Komparatist Franck Hofmann (Berlin, Lille) ausgehend von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen und dessen Formulierung der Raum-Problematik die das ganze Atelier leitende Frage nach der Konstitution von Raum und nach der Funktion, die dessen Entwürfen (etwa in Literatur, Kunst und Architektur) und kategorialen Bestimmungen (etwa in Philosophie und Psychologie) in der Genese symbolischer Kultur zukommt. In einer vierteiligen These versuchte Hofmann Cassirers Begriff des “räumlichen Anschauens” in seiner Wirksamkeit für die Kunstwissenschaften zu skizzieren und von dort aus einen Raum-Begriff zu entwickeln, der sich als ästhetische Konstruktion ebenso begreifen lässt wie als dynamische Aneignungsform von Welt, als symbolische Praxis. In diesem Spannungsfeld, in der Bewegung zwischen Bild und Symbol, steht Raum als Erfahrung, so das Ergebnis dieses Ateliers, in einer höchst flüchtigen und immer neu zu verortenden Position, die sich jedoch keinesfalls auf reine Einbildung reduzieren lässt. Vielmehr ist es die Bewegung auf den vorgebahnten Raum-Koordinaten und in den Imaginationen von Räumlichkeit, durch die erst eine Raum-Erfahrung möglich wird: als ästhetische Erfahrung. Die Aufgabe der weiteren Arbeit an einem dynamischen Raum-Begriff wird sein, die Funktionsweisen, die Abläufe und Interferenzen und schließlich die Wirkungen dieser Dynamik zu beschrieben, um damit auch zu einer ästhetischen Anthropologie des Raumes beitragen zu können.

Dr. des. Jens Emil Sennewald
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